Der Wandel von herkömmlichen Auktionen zu Online Auktionen zeigt prototypisch die Veränderungen von klassischen Deliktsformen unter den Bedingungen der globalen Vernetzung. Das Dissertationsprojekt analysiert die neu entstandene Kriminalität und die insb. in der Anonymität des Internet liegenden Gründe von Risikoveränderungen und Risikosteigerungen. Die Arbeit macht weiter deutlich, dass die neuen Deliktsformen im Wesentlichen vom klassischen Betrugsstrafrecht erfasst werden.

Das In­ter­net führt nicht nur zu völ­lig neu­en Kri­mi­na­li­täts­for­men und Schutz­be­dürf­nis­sen wie Hacking oder an­de­ren An­grif­fen ge­gen die In­te­gri­tät von Com­pu­ter­sys­te­men. Es ver­än­dert auch klas­si­sche De­likts­for­men und de­ren Ri­si­ken. Dies zeigt sich an­schau­lich im Be­reich der On­li­ne-Auk­tio­nen. Bei eBay Deutsch­land wa­ren be­reits im Jah­re 2003 über elf Mil­lio­nen Nut­zer re­gis­triert. Nach ei­ner Markt­for­schungs­stu­die ge­ne­rier­ten deut­sche Ver­brau­cher im Jahr 2004 beim On­li­ne-Ein­kauf einen Um­satz von ca. elf Mio. Eu­ro, von dem et­wa ein Vier­tel auf On­li­ne-Auk­tio­nen ent­fiel. Mit die­ser Ent­wick­lung gin­gen neue For­men des Be­trugs ein­her.

Das Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt un­ter­sucht, zu wel­chen neu­en De­likts­for­men und Ri­si­ken On­li­ne-Auk­tio­nen ge­führt ha­ben und in­wie­weit die­se De­likts­for­men vom gel­ten­den deut­schen Straf­recht er­fasst wer­den. Bei der Un­ter­su­chung der em­pi­ri­schen Grund­la­gen iden­ti­fi­ziert die Ar­beit ne­ben den re­le­van­ten Um­feld­da­ten zu­nächst die spe­zi­fi­schen kri­mi­no­ge­nen Fak­to­ren bei On­li­ne-Auk­tio­nen: Die Tä­ter kön­nen im In­ter­net an­onym und welt­weit agie­ren, On­li­ne-Auk­tio­nen sind Teil ei­nes neu­en und durch die Vor­leis­tung des Käu­fers ge­präg­ten Wachs­tums­markts, der Kreis der mög­li­chen Op­fer im In­ter­net ist groß, die Op­fer zeich­nen sich häu­fig durch Ge­winn­sucht und Un­er­fah­ren­heit aus und fal­len leicht dem spie­le­ri­schen Cha­rak­ter von On­li­ne-Auk­tio­nen zum Op­fer. Die Tä­ter set­zen dar­über hin­aus Stra­te­gi­en zur Iden­ti­täts­ver­schleie­rung ein und nut­zen ge­zielt den Zeit­fak­tor. Bei der Straf­ver­fol­gung stel­len sich da­durch neue Her­aus­for­de­run­gen so­wohl auf der na­tio­na­len als auch auf der in­ter­na­tio­na­len Ebe­ne.

Bei den De­likts­for­men las­sen sich Hand­lun­gen auf der Ver­käu­fer- und der Käu­fer­sei­te un­ter­schei­den. Beim mo­dus ope­ran­di do­mi­nie­ren der Bil­der- und der Ver­pa­ckungs­kauf (bei dem der Käu­fer nicht be­merkt, dass er nur einen Ve­trag über das Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al ab­schließt), die Täu­schung über die Iden­ti­tät des Ver­trags­part­ners (insb. durch "ID-Theft" und "Ac­count-Ta­ke-Over"), Be­wer­tungs­ma­ni­pu­la­tio­nen, die künst­li­che Be­ein­flus­sung der Preis­ent­wick­lung, die Nicht­lie­fe­rung der Wa­re, der Ge­büh­ren­be­trug ("fee-stacking"), die Täu­schung über die Zah­lungs­be­reit­schaft, das "Bid-Shiel­ding" durch die Käu­fer (mit dem Ab­schir­men des güns­tigs­ten Ge­bots durch Selbst­über­bie­ten und dem an­schlie­ßen­den Zu­rück­zie­hen des Höch­st­an­ge­bots) so­wie der "Drei­ecks­kauf­be­trug". Die Band­brei­te der mo­di ope­ran­di um­fasst den Ein­satz von ho­hem tech­ni­schem Auf­wand und know-how eben­so wie sim­pels­te Täu­schungs­ma­nö­ver, die nicht we­gen ih­rer Raf­fi­nes­se Er­folg ha­ben, son­dern al­lein we­gen der Viel­zahl ih­rer Adres­sa­ten im In­ter­net, un­ter de­nen sich auch be­son­ders un­er­fah­re­ne und leicht­sin­ni­ge Op­fer be­fin­den.  Der Wan­del von her­kömm­li­chen Auk­tio­nen zu On­li­ne Auk­tio­nen zeigt da­mit pro­to­ty­pisch die Ver­än­de­run­gen von klas­si­schen De­likts­for­men un­ter den Be­din­gun­gen der glo­ba­len Ver­net­zung.

Die Er­fas­sung der ver­schie­de­nen Fäl­le durch das gel­ten­de Straf­recht und ins­be­son­de­re den Be­trug­stat­be­stand ist teil­wei­se schwie­rig. In vie­len Fäl­len ist der Vor­wurf des Be­trugs nicht ge­recht­fer­tigt. Im Er­geb­nis be­ste­hen je­doch kei­ne in­ter­nets­pe­zi­fi­schen Straf­bar­keits­lücken, die durch Re­form­ge­set­ze ge­schlos­sen wer­den müss­ten. Maß­nah­men der Auk­ti­ons­häu­ser zur Be­trugs­prä­ven­ti­on ha­ben sich be­währt. Die wirk­sams­ten Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men lie­gen je­doch in der Hand der Op­fer.

Bei dem Pro­jekt han­delt es sich um ei­ne Dis­ser­ta­ti­on, die an der Lud­wig-Ma­xi­mi­lians-Uni­ver­si­tät Mün­chen 2003 be­gon­nen und die von Prof. Sie­ber nach des­sen Wech­sel an das Frei­bur­ger MPI dort wei­ter­be­treut wur­de. Die Ar­beit wur­de 2007 ab­ge­schlos­sen.