Die rechtsvergleichende Arbeit untersucht die Funktionalität der nordischen, deutschen und englischen Vorsatzmodelle. Ein besonderes Interesse gilt dabei der Anwendung der Vorschriften in der Rechtsprechung der höchsten Gerichte und der Berufungsgerichte. Die Arbeit gibt Aufschluss darüber, welche Lösung in Bezug auf die Rechtssicherheit, den Schuldgrundsatz und Situationen mit hohem Risikoverhalten am besten geeignet und am gerechtesten ist.

Im Jahr 2012 be­han­del­te der Obers­te Ge­richts­hof in Finn­land den Fall des „Kaufs§ se­xu­el­ler Dienst­leis­tun­gen. Ei­ne Ver­ur­tei­lung schei­ter­te. Denn es konn­te nicht be­wie­sen wer­den, dass der Käu­fer von se­xu­el­len Dienst­leis­tun­gen mit der für den Vor­satz er­for­der­li­chen über 50%igen Wahr­schein­lich­keit wuss­te, dass der „An­bie­ter“ ein Op­fer von Zu­häl­te­rei war. Die­se „Wis­sen“-An­for­de­rung ei­ner Wahr­schein­lich­keit von über 50 % war seit 2004 die nied­rigs­te Schwel­le für den kri­mi­nel­len Vor­satz im fin­ni­schen Straf­recht. Auf­grund des Falls von 2012 er­folg­te zü­gig ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung, nach der nun be­reits ei­ne nied­ri­ge­re Wahr­schein­lich­keit aus­reicht, um die Schwel­le von der rei­nen Fahr­läs­sig­keit zum Vor­satz zu über­schrei­ten.

Da­mit stellt sich ins­be­son­de­re die Fra­ge, ob die­se nied­ri­ge­re Schwel­le im Ein­klang mit dem Er­for­der­nis der Rechts­si­cher­heit steht. Konn­te die er­for­der­li­che Wahr­schein­lich­keit im be­tref­fen­den Fall wirk­lich nicht nach­ge­wie­sen wer­den? Wie hoch ist der Grad des Wis­sens, den der Ak­teur ha­ben muss, und wie kann der Staats­an­walt die­sen be­wei­sen? Be­nö­tigt man ei­ne be­stimm­te Men­ge an Be­wei­sen, um Vor­satz si­cher zu be­wei­sen? Und, noch wich­ti­ger: Hält das fin­ni­sche Mo­dell dem Ver­gleich mit an­de­ren Län­dern stand? Wie wür­den die je­wei­li­gen Fäl­le mit den Vor­satz­mo­del­len an­de­rer Län­der und de­ren Rechts­ord­nun­gen ge­löst wer­den?

Die Dis­ser­ta­ti­on un­ter­sucht In­hal­te und Schwel­len des Vor­sat­zes in Finn­land, Schwe­den, Deutsch­land und Eng­land. Da­bei soll über die Dar­stel­lung von Er­schei­nungs­for­men des Vor­sat­zes in Li­te­ra­tur und Recht­spre­chung hin­aus­ge­gan­gen und ein in­te­gra­ti­ver und dif­fe­ren­zie­ren­der Ver­gleich an­ge­stellt wer­den, um so­dann ein sys­te­ma­ti­sches und funk­tio­na­les Mo­dell auf­zu­bau­en.

Wei­ter soll un­ter­sucht wer­den, wie das Ge­setz in der Pra­xis um­ge­setzt wird. Da­für wer­den Ver­glei­che und Be­wer­tun­gen kon­kre­ter Ta­ten her­an­ge­zo­gen und dar­auf­hin un­ter­sucht, ab wann die Schwel­le von der Fahr­läs­sig­keit zum Vor­satz als über­schrit­ten an­ge­se­hen wird und aus wel­chen Grün­den dies ge­schieht. Dar­über hin­aus wird auf den Nach­weis des Vor­sat­zes im Straf­ver­fah­ren ein­ge­gan­gen. Wie kann man den er­for­der­li­chen Vor­satz be­wei­sen? Wie kann die Staats­an­walt­schaft in der Be­weis­füh­rung An­for­de­run­gen des Ge­set­zes wie „ziem­lich wahr­schein­lich“ ge­recht wer­den?

Durch die Ana­ly­se und Be­wer­tung soll die Funk­tio­na­li­tät der nor­di­schen, deut­schen und eng­li­schen Vor­satz­mo­del­le über­prüft und der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, ob das er­for­der­li­che Maß an Vor­satz mit dem Er­for­der­nis der Rechts­si­cher­heit ver­ein­bar ist. Ab­schlie­ßend wer­den die Er­geb­nis­se vor dem Hin­ter­grund des eu­ro­päi­schen und in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts dis­ku­tiert, um zu klä­ren, ob das nor­di­sche Vor­satz­mo­dell, ins­be­son­de­re das fin­ni­sche, als po­ten­zi­el­le Grund­la­ge für das eu­ro­päi­sche und in­ter­na­tio­na­le Straf­recht und de­ren All­ge­mei­nen Teil die­nen könn­te.

Me­tho­disch setzt die Dis­ser­ta­ti­on auf einen funk­tio­na­len Ver­gleich der Rechts­sys­te­me. Die Ar­beit soll kon­kre­te Pro­ble­me in Be­zug auf die un­ter­schied­li­chen Vor­satz­mo­del­le auf­zei­gen und de­ren An­sät­ze ver­glei­chen, die in ver­schie­de­nen Län­dern die­sel­be Funk­ti­on er­fül­len. Der Haupt­fo­kus liegt auf der Recht­spre­chung der höchs­ten Ge­rich­te und der Be­ru­fungs­ge­rich­te. Es soll da­bei kri­tisch be­wer­tet wer­den, wel­che Lö­sung in Be­zug auf die Rechts­si­cher­heit, den Schuld­grund­satz und Si­tua­tio­nen mit ho­hem Ri­si­ko­ver­hal­ten am bes­ten ge­eig­net und am ge­rech­tes­ten ist.