Im Zentrum der Studie steht die Untersuchung der Nutzung von Telekommunikationsverkehrsdaten für Zwecke der Strafverfolgung (§§ 100g, 100h StPO). Sie knüpft an die bereits abgeschlossenen Untersuchungen zur Überwachung der Telekommunikation und des Wohnraums (§§ 100a, c StPO) an. Verfolgt werden Fragestellungen der Implementation, der Antrags- und Anordnungspraxis, der Auskunftserteilung sowie der Evaluation der Effizienz der Maßnahme. Dabei findet die Kombination der Erhebung von Telekommunikationsverkehrsdaten mit anderen Ermittlungsmethoden besondere Beachtung. Ferner wird das Projekt Fragen der Einbeziehung Privater (Provider) in die Strafverfolgung aufgreifen.

For­schungs­ge­gen­stand:

Der Zu­griff auf Ver­bin­dungs­da­ten im Be­reich der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on ist ein Er­mitt­lungs­in­stru­ment, dem in neue­rer Zeit ne­ben der Über­wa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­hal­te ei­ne zu­neh­men­de Be­deu­tung zu­ge­ord­net wird. Ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len Ver­kehrs­da­ten in der Be­kämp­fung der Da­ten­netz­kri­mi­na­li­tät. Je­doch dürf­ten Ver­kehrs­da­ten nun­mehr an­ge­sichts der sich dra­ma­tisch ver­dich­ten­den di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on für Er­mitt­lun­gen in fast al­len Be­rei­chen der Kri­mi­na­li­tät von Be­lang sein. Ver­kehrs­da­ten die­nen zur Be­stim­mung des Auf­ent­halts­orts von Per­so­nen, zur Be­wei­ser­mitt­lung oder zur Of­fen­le­gung von Tä­ter­net­zen. Sie wer­den von der Pra­xis weit­hin - wie nicht zu­letzt der Richt­li­nienent­wurf der Eu­ro­päi­schen Uni­on für die Vor­ratsspei­che­rung vom 14.12.2005 de­mons­triert - als un­ver­zicht­ba­re In­for­ma­ti­ons­quel­le an­ge­se­hen. Die Rechts­grund­la­ge der Maß­nah­me war bis En­de 2001 in § 12 FAG ent­hal­ten. Ei­ne Re­ge­lung au­ßer­halb der StPO wur­de un­ter ver­schie­de­nen Ge­sichts­punk­ten als un­zu­rei­chend emp­fun­den und war über­dies auch Ge­gen­stand ver­fas­sungs­recht­li­cher Be­den­ken. Mit dem In­kraft­tre­ten der Be­stim­mun­gen der §§ 100g, 100h StPO am 1.1.2002 trug der Ge­setz­ge­ber den Be­den­ken Rech­nung. Die Gel­tung der §§ 100g, 100h StPO wur­de am 9.12.2004 bis zum 31.12.2007 ver­län­gert.

Die Un­ter­su­chung zur Im­ple­men­ta­ti­on und Eva­lua­ti­on der §§ 100g, h StPO steht im Zu­sam­men­hang mit den Stu­di­en zur „Rechts­wirk­lich­keit und Ef­fi­zi­enz der Über­wa­chung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on nach den §§ 100a, 100b StPO und an­de­rer ver­deck­ter Er­mitt­lungs­maß­nah­men“ (1999 bis 2004) so­wie zur „Rechts­wirk­lich­keit und Ef­fi­zi­enz der akus­ti­schen Wohn­rau­m­über­wa­chung (‚großer Lausch­an­griff‘) nach § 100c I Nr. 3 StPO“ (2002 bis 2004). Sie ist Teil ei­ner Schwer­punkts­for­schung, die sich mit der Rol­le neu­er und proak­ti­ver, prä­ven­tiv aus­ge­rich­te­ter Er­mitt­lungs­me­tho­den für die Aus­bil­dung straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le ins­be­son­de­re in den Fel­dern der Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät be­fasst.

Pro­jekt­ziel:

Mit der Eva­lua­ti­on zur Rechts­wirk­lich­keit der Maß­nah­men ge­mäß §§ 100g, 100h StPO sol­len die An­trags- und die An­ord­nungs­pra­xis, die Nut­zung der er­teil­ten Aus­künf­te und de­ren Ef­fi­zi­enz, auch in Kom­bi­na­ti­on mit an­de­ren TK-Über­wa­chungs­maß­nah­men, er­forscht wer­den. Da­bei geht es ins­be­son­de­re um die Er­he­bung von In­for­ma­tio­nen zur An­zahl der An­ord­nun­gen und der An­zahl der Be­trof­fe­nen so­wie zum An­lass und den Er­geb­nis­sen der Maß­nah­men. Dar­über hin­aus sol­len recht­li­che und prak­ti­sche An­wen­dungs­pro­ble­me er­forscht und ih­re Be­zie­hun­gen zu den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen un­ter­sucht wer­den. Schließ­lich ist es Ziel der Un­ter­su­chung, die Ein­be­zie­hung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men in die Straf­ver­fol­gung ei­ner theo­re­ti­schen und em­pi­ri­schen Ana­ly­se zu un­ter­zie­hen. Da­bei wer­den die Fol­gen für die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­vi­der (in Form bei­spw. der Kos­ten) eben­so the­ma­ti­siert wie die In­ter­ak­tio­nen zwi­schen dem pri­va­ten Sek­tor und den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den.

Me­tho­dik:

Das Ge­samt­pro­jekt be­steht aus drei Mo­du­len, die, zeit­lich auf­ein­an­der ab­ge­stimmt, in drei Pha­sen durch­ge­führt wer­den. In der ers­ten Pha­se der Stu­die er­folgt ei­ne bun­des­wei­te Be­fra­gung von Staats­an­wäl­ten auf der Grund­la­ge von stan­dar­di­sier­ten Fra­ge­bö­gen. Die­ses Mo­dul soll der Er­for­schung der Er­fah­run­gen der Staats­an­wäl­te mit der An­trags- und An­ord­nungs­pra­xis so­wie ih­rer Mei­nun­gen und Ein­stel­lun­gen zu den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen und ih­rer Prak­ti­ka­bi­li­tät die­nen. Da­bei wird ein Re­fe­renz­zeit­raum von ei­nem Jahr zu­grun­de ge­legt. Die so ge­won­ne­nen Er­geb­nis­se sol­len in der zwei­ten Pha­se des Pro­jekts durch die Ana­ly­se von Strafak­ten er­wei­tert wer­den. Die Ak­ten­ana­ly­se wird sich auf die vier Bun­des­län­der Ba­den-Würt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin er­stre­cken. Pro Bun­des­land wer­den 150 Ak­ten ein­be­zo­gen. Das Mo­dul der Ak­ten­un­ter­su­chung wird dem­nach 600 Strafak­ten um­fas­sen. Der Un­ter­su­chungs­zeit­raum be­zieht sich auf die Jah­re 2003 und 2004. Po­li­zei und Jus­tiz­be­hör­den er­fas­sen die ein­schlä­gi­gen Fäl­le nicht ge­son­dert, so dass die­se über die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter iden­ti­fi­ziert wer­den müs­sen. Wie sich durch vor­be­rei­ten­de Re­cher­chen be­stä­tigt hat, ver­fü­gen die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter über ent­spre­chen­de Da­ten­be­stän­de, die im Zu­ge der in­ter­nen Ab­wick­lung der Fäl­le, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit der Kos­ten­er­fas­sung und spä­te­ren Rech­nungs­stel­lung, ge­ne­riert wer­den. Bei al­len An­bie­tern kann auf die Ba­sis­da­ten zu­ge­grif­fen wer­den, die min­des­tens das Ak­ten­zei­chen so­wie den Ort bzw. den zu­stän­di­gen, die Da­ten an­for­dern­den LG-Be­zirk ent­hal­ten. Die­se An­ga­ben sind hin­rei­chend, um die Fäl­le ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren, ei­ne Stich­pro­be der ent­spre­chen­den Ak­ten zie­hen und die­se bei der Jus­tiz­ver­wal­tung an­for­dern zu kön­nen. Die Do­ku­men­ta­ti­ons­grund­sät­ze und Auf­be­wah­rungs­zeiträu­me der un­ter­schied­li­chen An­bie­ter va­ri­ie­ren zwar; Fäl­le aus den Jah­ren 2003 und 2004 sind aber voll­stän­dig ver­füg­bar, so­dass die Fäl­le aus die­sen bei­den Jah­ren gleich­mä­ßig er­fasst wer­den und die Grund­la­ge für die Zie­hung ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­be bil­den kön­nen. Die Er­kennt­nis­se aus der Be­fra­gung und die Er­geb­nis­se der Ak­ten­ana­ly­se bil­den schließ­lich die Ba­sis der in der drit­ten Pha­se durch­zu­füh­ren­den ver­tie­fen­den Ex­per­ten­in­ter­views. Be­fragt wer­den sol­len Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter, Rich­ter, Po­li­zei­be­am­te, Staats­an­wäl­te, Ver­tei­di­ger und Da­ten­schüt­zer. Durch die In­ter­views sol­len un­ter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen der ge­gen­wär­ti­gen Re­ge­lun­gen auf die ver­schie­de­nen Ar­beits­be­rei­che, die per­sön­li­chen Er­fah­run­gen, Vor­stel­lun­gen und Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge der be­frag­ten Prak­ti­ker er­mit­telt wer­den. Dar­über hin­aus kann de­tail­liert nach Ein­schät­zun­gen, Ein­stel­lun­gen so­wie Kri­tik be­züg­lich der Nor­men im All­ge­mei­nen und ih­rer An­wen­dung in der Pra­xis ge­fragt wer­den. Fer­ner bie­ten die In­ter­views ei­ne Ge­le­gen­heit, Be­ob­ach­tun­gen aus den ers­ten Er­he­bungs­pha­sen ei­ner Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen und da­mit die Er­kennt­nis­se zu ver­tie­fen.

Stand des Pro­jekts:

Das Pro­jekt wur­de En­de 2007 ab­ge­schlos­sen. Die Er­geb­nis­se wur­den im Fe­bru­ar 2008 zu­nächst auf der Web­si­te des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz ver­öf­fent­licht. Die Print­ver­si­on wird im Som­mer 2008 in der Rei­he Kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­be­rich­te aus dem Max-Planck-In­sti­tut als Band-Nr. K 139 ver­füg­bar sein.

Ei­ne Re­pli­ka­ti­ons­stu­die un­ter den neu­en recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen nach Um­set­zung der EU-Richt­li­nie zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ist für die Jah­re 2009 und 2010 ge­plant.



Fi­nan­zie­rung:

Die Durch­füh­rung des Pro­jekts er­folg­te mit Mit­teln des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz.