Angeregt durch die vorwiegend im angelsächsischen Ausland bereits seit den 1980er Jahren und später auch in Schweden und Holland gesammelten Erfahrungen mit dem Einsatz der Fußfessel, hat der elektronische Hausarrest als Alternative zum stationären Freiheitsentzug auch in der deutschen Kriminalpolitik eine kontroverse rechtspolitische Diskussion hervorgerufen. Während die Befürworter die elektronische Überwachung als sinnvolle, kostengünstige, moderne und humane Alternative zum Freiheitsentzug begrüßen, befürchten andere die Etablierung einer Totalüberwachung und erinnern an den „Orwellschen Überwachungsstaat“. Andere wiederum hegen Bedenken, die elektronische Überwachung sei eine Art Urlaub zu Hause und eigentlich keine Strafe, während manche die Sorge treibt, dass die Würde des Menschen gefährdet sei. In Hessen kommt die elektronische Fußfessel seit einigen Jahren zum Einsatz. Das Projekt schließt unmittelbar an die vorangegangene Begleitforschung zur Pilotprojektphase an (Evaluation eines Modellprojekts zum Einsatz der elektronischen Fußfessel (Hessen)) und zielt auf die Untersuchung der landesweiten Implementation als neue Sanktion und ihre Evaluation.

I. For­schungs­ge­gen­stand

Die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel (bzw. elek­tro­nisch über­wach­ter Haus­ar­rest) als Al­ter­na­ti­ve zum sta­tio­nären Frei­heits­ent­zug fand in Deutsch­land erst­mals im Jah­re 2000 prak­ti­sche An­wen­dung. Zu­nächst im Rah­men ei­nes Mo­dell­ver­su­ches beim Amts- und Land­ge­richt Frank­furt am Main zum Ein­satz ge­bracht, wur­de die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung mitt­ler­wei­le in al­len Ge­richts­be­zir­ken Hes­sens ein­ge­führt. Die lan­des­wei­te Im­ple­men­tie­rung wird - nach ei­ner be­reits ab­ge­schlos­se­nen Un­ter­su­chung des Pi­lot­pro­jekts - durch das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg wis­sen­schaft­lich be­glei­tet und eva­lu­iert.

Pro­jekt­zie­le:

Die Ein­füh­rung der Maß­nah­me soll der Haft­ver­mei­dung und so ei­ner Ent­las­tung des Straf­voll­zugs so­wie ei­ner Sen­kung der Kos­ten die­nen. Durch ei­ne ver­hal­tens­the­ra­peu­tisch un­ter­leg­te Sta­bi­li­sie­rung der Selbst­kon­trol­le des Ver­ur­teil­ten wird ei­ne ver­bes­ser­te Grund­la­ge der Le­gal­be­wäh­rung an­ge­strebt; an sich ne­ga­ti­ve So­zi­al­pro­gno­sen sol­len so ver­bes­sert und bis­lang als not­wen­dig an­ge­se­he­ne In­haf­tie­run­gen ver­mie­den wer­den. So­weit die kon­kre­te An­wen­dung im Rah­men ei­ner (Be­wäh­rungs-) Wei­sung er­folgt, zielt die Maß­nah­me in­halt­lich auf ei­ne ver­bes­ser­te Re­so­zia­li­sie­rung der Pro­gramm­teil­neh­mer ab. Dem liegt die An­nah­me zu­grun­de, dass durch die Fest­le­gung ei­nes ver­bind­li­chen Wo­chen­plans, der ne­ben An- und Ab­we­sen­heits­zei­ten in der Woh­nung auch zu be­stimm­ten sinn­vol­len Tä­tig­kei­ten ver­pflich­tet, ei­ne re­gel­mä­ßi­ge und sinn­vol­le Le­bens­füh­rung „trai­niert“ und zu­dem die Ge­le­gen­hei­ten für Rück­fall­straf­ta­ten re­du­ziert wer­den. Die elek­tro­ni­sche Kon­trol­le stellt so­mit ei­ne Kom­bi­na­ti­on von in­ten­si­ver Be­treu­ung, en­ger Über­wa­chung und Selbst­kon­trol­le dar, durch die die Straf­aus­set­zung zur Be­wäh­rung be­rei­chert und Wi­der­ru­fe ver­mie­den wer­den sol­len.

Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen:

– Wei­sung bei Straf­aus­set­zung zur Be­wäh­rung gem. §§ 56c, 56 StGB,
– Wei­sung bei Straf­restaus­set­zung zur Be­wäh­rung gem. §§ 57, 56c StGB ana­log,
– Wei­sung in­ner­halb der Füh­rungs­auf­sicht gem. §§ 68 ff. StGB,
– Maß­nah­me bei Aus­set­zung des Voll­zu­ges ei­nes Haft­be­fehls gem. § 116 StPO,
– Wei­sung im Rah­men ei­nes Gna­de­n­er­wei­ses gem. § 19 Hes­si­sche Gna­den­ord­nung.

Pro­jekt­ver­lauf:

In je­dem Land­ge­richts­be­zirk ko­or­di­niert ein ver­ant­wort­li­cher Pro­jekt­be­auf­trag­ter den Pro­jekt­be­trieb. Auf An­fra­ge ei­nes Rich­ters oder Staats­an­walts über­prü­fen die für den ent­spre­chen­den Ge­richts­be­zirk be­stell­ten Pro­jekt­mit­ar­bei­ter noch im Vor­feld ei­ner Haupt­ver­hand­lung die sach­li­chen und per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen ei­ner mög­li­chen Pro­jekt­teil­nah­me des Be­schul­dig­ten. In­ner­halb von 7 Werk­ta­gen wird ein So­zi­al­be­richt mit ent­spre­chen­der Emp­feh­lung er­stellt und dem Ge­richt vor­ge­legt. Die Ent­schei­dung über ei­ne Teil­nah­me am Pro­jekt er­geht durch Be­schluss des Rich­ters oder der Gna­den­be­hör­de. Mit Rechts­kraft der Ent­schei­dung wird dem Teil­neh­mer die Fuß­fes­sel an­ge­legt und die er­for­der­li­che Tech­nik wird in des­sen Woh­nung in­stal­liert. Ab die­sem Zeit­punkt kön­nen die An- und Ab­we­sen­heit des Pro­ban­den in des­sen Woh­nung re­gis­triert und so­mit die Ein­hal­tung des im ge­richt­li­chen Be­schluss fi­xier­ten Wo­chen­pro­gramms fak­tisch über­prüft wer­den. Wäh­rend der ge­sam­ten Maß­nah­me wird der Pro­band durch einen ihm zu­ge­wie­se­nen Be­wäh­rungs­hel­fer be­treut.

Tech­nik:
Die über­wach­ten Per­so­nen tra­gen wäh­rend der Über­wa­chungs­zeit einen Sen­der am Fuß­ge­lenk. Ein in der Woh­nung des Über­wach­ten in­stal­lier­tes Emp­fangs­ge­rät re­gis­triert die vom Sen­der stän­dig aus­ge­hen­den Si­gna­le, wel­che über die Te­le­fon­lei­tung an einen Rech­ner der Hes­si­schen Zen­tra­le für Da­ten­ver­ar­bei­tung (HZD) wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Ma­ni­pu­la­tio­nen an den tech­ni­schen Ge­rä­ten so­wie even­tu­el­le Ver­stö­ße der über­wach­ten Per­son ge­gen den Zeit­plan wer­den au­to­ma­tisch auf­ge­zeich­net und durch die Mit­ar­bei­ter der HZD an den Be­reit­schafts­dienst des Fuß­fes­sel­pro­jekts per SMS wei­ter­ge­lei­tet.


II. Wis­sen­schaft­li­che Be­gleit­for­schung

Wis­sen­schaft­li­ches Er­kennt­ni­s­in­ter­es­se:

Die Eva­lua­ti­ons­stu­die hat ei­ne em­pi­ri­sche Ana­ly­se der Im­ple­men­ta­ti­on und Ef­fi­zi­enz des Fuß­fes­sel­pro­jekts in Hes­sen zum Ziel. In Ab­gren­zung zur bis­he­ri­gen wis­sen­schaft­li­chen Be­gleit­for­schung des Max-Planck-In­sti­tuts im Rah­men des Mo­dell­pro­jekts, die den Ein­satz der elek­tro­ni­schen Fuß­fes­sel un­ter ex­pe­ri­men­tel­len Be­din­gun­gen be­leuch­te­te, steht nun­mehr de­ren Ein­füh­rung und Aus­ge­stal­tung un­ter den re­gu­lä­ren Be­din­gun­gen der Straf­voll­stre­ckung in Hes­sen im Mit­tel­punkt der vor­lie­gen­den Un­ter­su­chung.
Zen­tra­les For­schungs­an­lie­gen ist es, den Stel­len­wert des elek­tro­nisch über­wach­ten Haus­ar­rests als Sank­ti­ons­al­ter­na­ti­ve zur Ver­mei­dung von In­haf­tie­rung in­ner­halb des Sank­ti­ons- und Voll­zugs­ge­fü­ges zu be­stim­men und den au­gen­blick­li­chen Stand der Re­form­be­mü­hun­gen über­grei­fend zu bi­lan­zie­ren. Im Rah­men rechts­so­zio­lo­gi­scher Ef­fek­ti­vi­täts­for­schung sol­len Aus­füh­rung, An­ge­mes­sen­heit, Leis­tungs­fä­hig­keit, Ab­lauf, Er­geb­nis und Nut­zen des Pro­jekts ra­tio­nal be­wer­tet wer­den. Durch sys­te­ma­ti­sche Aus­wer­tung der Er­fah­run­gen wird über­prüft, ob das Pro­gramm der Ziel­set­zung ent­spre­chend voll­zo­gen, im Rah­men der gel­ten­den Ge­set­zes­la­ge um­ge­setzt und die er­streb­te Wir­kung er­zielt wird. Die Be­wer­tung der Wirk­sam­keit des Pro­gramms und des­sen Aus­wir­kun­gen er­folgt un­ter spe­zi­el­ler Ana­ly­se der Im­ple­men­ta­ti­onss­truk­tu­ren, da an­zu­neh­men ist, dass den Be­son­der­hei­ten der staat­li­chen In­ter­ven­ti­on, der da­mit be­fass­ten Im­ple­men­ta­ti­ons­trä­ger und der In­ter­ak­ti­on zwi­schen ih­nen und den Pro­gramm­adres­sa­ten si­gni­fi­kan­te Be­deu­tung für den Pro­gram­mer­folg zu­kommt. In­so­fern ist das Er­kennt­ni­s­in­ter­es­se in die­sem Zu­sam­men­hang nicht dar­auf be­grenzt, al­lein den Er­folg oder Miss­er­folg der Maß­nah­me zu er­fas­sen, son­dern er­streckt sich dar­über hin­aus auf ein mög­lichst dif­fe­ren­zier­tes Ver­ständ­nis der in­ter­nen Dy­na­mik so­wie der Ei­gen­art und Ur­sa­chen spe­zi­fi­scher Im­ple­men­ta­ti­ons­pro­zes­se. Die vor­lie­gen­de Stu­die er­folgt so­mit auf Grund­la­ge de­skrip­ti­ver Er­fas­sung und um­fas­sen­der Er­klä­rung der kom­ple­xen Um­set­zung des Pro­jekts im In­ter­es­se ei­ner mög­lichst dif­fe­ren­zier­ten Nach­zeich­nung des ge­sam­ten Pro­zes­ses der In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung.

Eva­lua­ti­ons­me­tho­dik:

Die Do­ku­men­ta­ti­on und Ana­ly­se des Im­ple­men­ta­ti­ons­pro­zes­ses er­folgt un­ter sys­te­ma­ti­scher An­wen­dung so­wohl quan­ti­ta­ti­ver als auch qua­li­ta­ti­ver so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher Er­he­bungs­me­tho­den.

Der Ana­ly­se der Pro­gramm­ent­wick­lung und Im­ple­men­ta­ti­ons­pra­xis lie­gen in ers­ter Li­nie In­ten­siv­in­ter­views mit Im­ple­men­ta­ti­ons­ak­teu­ren, Im­ple­men­ta­ti­ons­trä­gern und Im­ple­men­ta­ti­ons­adres­sa­ten zu­grun­de.

Be­fra­gun­gen der je­weils be­treu­en­den Be­wäh­rungs­hel­fer und Rich­ter sol­len Auf­schluss über den Be­treu­ungs­ver­lauf und über die Pro­ble­me, Gren­zen und Mög­lich­kei­ten ih­rer je­wei­li­gen Tä­tig­kei­ten ge­ben. Im Rah­men der par­al­lel ver­lau­fen­den Be­fra­gung der Pro­jekt­teil­neh­mer und de­rer Mit­be­woh­ner soll die prak­ti­sche Um­set­zung der elek­tro­ni­schen Über­wa­chung und de­ren Aus­wir­kun­gen auf die Be­trof­fe­nen un­ter­sucht wer­den. Hier­bei ist ins­be­son­de­re auch die Ana­ly­se der Pro­ban­den­ak­ten von Be­deu­tung. Ex­per­ten­ge­sprä­che mit Mit­ar­bei­tern des Hes­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums wer­den Ein­bli­cke in die Pro­gramm­ent­wick­lung und Ein­füh­rungs­stra­te­gi­en ge­ben.
Ei­ne Be­fra­gung der hes­si­schen Be­wäh­rungs­hil­fe über de­ren Ein­stel­lung und Be­ur­tei­lung bzgl. der Maß­nah­me soll wei­te­ren Auf­schluss über den Pro­zess der lan­des­wei­ten Im­ple­men­ta­ti­on ge­wäh­ren. Hin­sicht­lich der Wir­kungs­kon­trol­le der Maß­nah­me er­folgt ei­ne Un­ter­su­chung zum spä­te­ren Le­gal­ver­hal­ten der Pro­gramm­teil­neh­mer und dar­über hin­aus ei­ne Kon­troll­grup­pen­stu­die.

Fi­nan­zie­rung:

Die Durch­füh­rung der Un­ter­su­chung wird vom Hes­si­schen Mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz fi­nan­zi­ell un­ter­stützt.