Den Schutz von Staatsgeheimnissen auch im Strafverfahren zu gewährleisten, fordert dessen Fairnessanspruch grundlegend heraus. Das türkische Strafprozessrecht hat bis jetzt von zwei völlig gegenläufigen Modellen Gebrauch gemacht: einerseits vollständige Zurückhaltung, andererseits vollständige Offenlegung in einem In-camera-Verfahren. Der Beitrag setzt sich mit den sich jeweils hieraus ergebenden Problemen auseinander.

Der Schutz staat­li­cher Ge­heim­nis­se ist ein zen­tra­les An­lie­gen der öf­fent­li­chen Ge­walt. Da­bei geht es nicht nur um die Ab­si­che­rung durch das ma­te­ri­el­le Straf­recht, al­so ent­spre­chen­de Vor­schrif­ten zum Ge­heim­nis­ver­rat, son­dern vor al­lem auch um den Um­gang mit die­sen Ge­heim­nis­sen in ge­richt­li­chen Ver­fah­ren. Hier kol­li­diert das In­ter­es­se an ei­ner öf­fent­li­chen Auf­klä­rung des Sach­ver­halts oft­mals mit dem Ge­heim­nis­schutz. Dies gilt ins­be­son­de­re für Straf­ver­fah­ren, in de­nen durch die Exe­ku­ti­ve (v.a. durch ge­hei­me Er­mitt­lungs­me­tho­den) er­lang­te, als ge­heim ein­ge­stuf­te Tat­sa­chen als Be­wei­se ver­wen­det wer­den sol­len.

Das tür­ki­sche Recht kennt zur Lö­sung des Kon­flikts „Schutz der Staats­ge­heim­nis­se ver­sus Straf­ge­rech­tig­keit“ bis­lang zwei An­sät­ze: Wäh­rend die al­te Straf­pro­zess­ord­nung im Fall ei­nes Staats­ge­heim­nis­ses als Be­weis­mit­tel im Straf­ver­fah­ren der Ver­wal­tung die Mög­lich­keit ei­ner voll­stän­di­gen Zu­rück­hal­tung gab, ver­folgt die neue Straf­pro­zess­ord­nung von 2004 zu­min­dest im An­satz die um­ge­kehr­te Stra­te­gie, näm­lich Staats­ge­heim­nis­se ei­nem Straf­ge­richt stets of­fen­zu­le­gen. Die Be­son­der­heit der voll­stän­di­gen Of­fen­le­gung liegt al­ler­dings dar­in, dass sie ein­sei­tig dem Ge­richt ge­gen­über er­folgt (In-ca­me­ra-Ver­fah­ren).

Die­ser durch­aus grund­le­gen­de An­satz­wech­sel ist nicht nur eng ver­knüpft mit his­to­ri­schen Er­fah­run­gen, die die Tür­kei mit der Be­kämp­fung ei­ni­ger Ar­ten von Kri­mi­na­li­tät ge­macht hat, son­dern ist auch auf die Art und Wei­se zu­rück­zu­füh­ren, wie das Straf­ver­fah­ren als Ve­hi­kel der ma­te­ri­el­len Wahr­heits­fin­dung in der Tür­kei ins­ge­samt ge­se­hen und an­ge­wen­det wird. In­so­fern ver­die­nen die his­to­ri­schen Kon­tex­te, aus de­nen sich die bei­den An­sät­ze er­ge­ben, so­wie ih­re nor­ma­ti­ven Grund­la­gen und ih­re An­wen­dung in der Pra­xis ei­ne nä­he­re Be­trach­tung.

Die vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung zeigt, dass der pro­zes­sua­le Um­gang mit Staats­ge­heim­nis­sen in der Tür­kei mit dem Phä­no­men der kri­mi­nel­len Ver­stri­ckung von Staats­be­diens­te­ten sehr eng ver­bun­den ist. Mit der Ein­füh­rung des In-ca­me­ra-Ver­fah­rens durch die neue tür­ki­sche Straf­pro­zess­ord­nung woll­te der Ge­setz­ge­ber die­ses Phä­no­men wirk­sam be­kämp­fen. Die vor­be­rei­ten­den Ar­bei­ten zur Ge­setz­ge­bung be­le­gen, dass der Ge­setz­ge­ber als Aus­weg aus dem Di­lem­ma zwi­schen dem le­gi­ti­men In­ter­es­se der Be­hör­den am Schutz von Staats­ge­heim­nis­sen und den In­ter­es­sen der Straf­ge­rich­te, ins­be­son­de­re an der Wahr­heits­su­che, das In-ca­me­ra-Ver­fah­ren der Mög­lich­keit ei­ner Voll­sper­rung, die die al­te Straf­pro­zess­ord­nung groß­zü­gig zuließ, vor­ge­zo­gen hat.

Der Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit und der an­de­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ein­schließ­lich des Ur­kunds­be­am­ten soll nach die­sem Kon­zept der Be­ru­hi­gung und der Er­mu­ti­gung von Be­hör­den die­nen. Den Straf­ge­rich­ten soll als un­ab­hän­gi­gen und un­par­tei­ischen Or­ga­nen der Ju­di­ka­ti­ve da­hin­ge­hend Ver­trau­en ge­schenkt wer­den, dass sie mit Staats­ge­heim­nis­sen an­ge­mes­sen und ver­trau­lich um­ge­hen wer­den.

Mit der Ein­füh­rung des In-ca­me­ra-Ver­fah­rens hat der Ge­setz­ge­ber je­doch ein an­de­res zen­tra­les An­lie­gen des Straf­ver­fah­rens ver­nach­läs­sigt: die Ge­währ­leis­tung der Ver­tei­di­gungs­rech­te. Zu­dem wur­de der Lö­sungs­an­satz des Ge­setz­ge­bers zu­letzt durch ein An­fra­ge­ver­bot be­züg­lich amt­li­cher Er­kennt­nis­se des Na­tio­na­len Nach­rich­ten­diens­tes in sei­nem Grund­satz durch­bro­chen. Wei­ter­hin be­ste­hen Pro­ble­me hin­sicht­lich ei­ner De­fi­ni­ti­on von Staats­ge­heim­nis­sen, die mit dem Leit­bild ei­nes frei­heit­li­chen Recht­staats ver­ein­bar wä­re. Dies­be­züg­lich hat der tür­ki­sche Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof bis jetzt kei­ne Klä­rung her­bei­ge­führt. In sei­ner Recht­spre­chung fehlt vor al­lem auch ei­ne stren­ge Prü­fung der aus­rei­chen­den Ver­tei­di­ger­rech­te in ers­tin­stanz­li­chen Ver­fah­ren, in der Staats­ge­heim­nis­se als Be­weis­mit­tel durch In-ca­me­ra-Ver­fah­ren er­ör­tert wer­den. Dem Be­schul­dig­ten bleibt le­dig­lich die Mög­lich­keit, sich durch ei­ne in­di­vi­du­el­le Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim tür­ki­schen Ver­fas­sungs­ge­richt Ab­hil­fe zu ver­schaf­fen.