Das Forschungsvorhaben knüpft an umfangreiche empirische Untersuchungen zur Umweltkriminalität an, die in den 1980er am Max-Planck-Institut durchgeführt wurden. Im Mittelpunkt der Studie steht die Auswertung von Umweltstrafverfahrensakten und Umweltordnungswidrigkeitenakten, anhand derer die derzeitige Vollzugspraxis untersucht und Veränderungen seit den Studien in den 1980er Jahren aufgezeigt werden sollen. Ergänzt wird das Forschungsvorhaben durch Interviews mit Experten aus den Bereichen Polizei, Justiz und Umwelt.

For­schungs­ge­gen­stand

Ge­gen­stand des For­schungs­vor­ha­bens sind die, ur­sprüng­lich im Um­welt­ver­wal­tungs­recht ge­re­gel­ten Tat­be­stän­de zum Schut­ze der Um­welt, die 1980, im Zu­ge des 18. StÄG, in das Straf­ge­setz­buch, § 324 bis 330 d StGB, als ei­ge­ner Ab­schnitt in­te­griert wur­den. Flan­kie­rend hier­zu er­folgt ei­ne Un­ter­su­chung von Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren aus den Be­rei­chen des Was­ser-, Ab­fall- und des Im­mis­si­ons­schutz­rechts.
Er­klär­tes Ziel der Ein­füh­rung des Um­welt­straf­rechts war es laut Ge­setz­ge­ber: Es „soll da­zu bei­tra­gen, durch um­fas­sen­de straf­recht­li­che Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten schwer­wie­gen­de Schä­di­gun­gen und Ge­fähr­dun­gen der Um­welt wirk­sa­mer als bis­her ent­ge­gen­zu­tre­ten und da­bei den so­zi­al­schäd­li­chen Cha­rak­ter sol­cher Ta­ten ver­stärkt ins Be­wusst­sein der All­ge­mein­heit zu brin­gen. Dies ver­leiht auch den ver­wal­tungs­recht­li­chen Re­ge­lun­gen, die den Ein­tritt sol­cher Fol­gen ver­hin­dern sol­len, mehr Nach­druck und er­leich­tert ih­re Durch­set­zung“.

Wäh­rend noch bei der Ver­ab­schie­dung des 18. Straf­rechts­än­de­rungs­ge­set­zes an das Um­welt­straf­recht ho­he Er­war­tun­gen ge­knüpft wur­den – teil­wei­se wur­de dem Um­welt­straf­recht so­gar ein „glat­ter Start - Ziel Sieg“ pro­phe­zeit- ist da­mals eher Er­nüch­te­rung ein­ge­tre­ten. So­gar von ei­ner „Kri­se des Um­welt­straf­rechts“ war die Re­de.
Doch wie steht es um das Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht bzw. des­sen Voll­zug wirk­lich? Wie hat sich das Recht in der Pra­xis ent­fal­tet und be­währt? Ist es sei­nen Ziel­vor­stel­lun­gen ge­recht ge­wor­den?

Wäh­rend wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten, die sich mit ma­te­ri­ell-recht­li­chen Fra­gen des Um­welt­straf­rechts be­fas­sen, mitt­ler­wei­le einen kaum noch über­schau­ba­ren Um­fang ein­neh­men, er­weist sich die ak­tu­el­le An­wen­dungs­pra­xis des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts als nur un­voll­stän­dig er­forscht. Ins­be­son­de­re ent­hal­ten die ver­ein­zel­ten ak­tu­el­len em­pi­ri­schen Un­ter­su­chun­gen nur sehr ein­ge­grenz­te Fra­ge­stel­lun­gen. Dies ist in­so­weit über­ra­schend, als nicht al­lein das ma­te­ri­el­le Recht als Ur­sa­che des im­mer noch de­fi­zi­tär­en Um­welt­schut­zes in Be­tracht kommt. Viel­mehr hat auch die Art und Wei­se wie die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben durch die zu­stän­di­gen Or­ga­ne um­ge­setzt wer­den einen be­deu­ten­den Ein­fluss auf die re­gis­trier­te Um­welt­kri­mi­na­li­tät. Ziel der Stu­die soll es da­her sein, die­sen Be­reich auf­zu­hel­len.

Das For­schungs­vor­ha­ben knüpft in ers­ter Li­nie an um­fang­rei­che em­pi­ri­sche Im­ple­men­ta­ti­ons­stu­di­en aus den 1980er Jah­ren am Max-Planck-In­sti­tut an, die die Wirk­sam­keit der seit 1980 gel­ten­den Um­welt­straf­nor­men zum Ge­gen­stand hat­ten. Hier­bei wur­de zum einen in ei­ner Ak­ten­ana­ly­se von Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren, Auf­schluss über den Ver­lauf der Er­mitt­lungs- und Ge­richts­ver­fah­ren so­wie der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren, über Ver­fah­rens­ent­ste­hung und –be­en­di­gung, über struk­tu­rel­le Merk­ma­le von Um­welt(straf)ta­ten und –tä­tern und über die Sank­tio­nie­rungs­pra­xis ge­ge­ben. Au­ßer­dem wur­de das Zu­sam­men­wir­ken der bei­den Sank­tio­nen­sys­te­me des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts ana­ly­siert. Zum an­de­ren wur­de in ei­ner wei­te­ren Stu­die si­gni­fi­kan­te Ak­teu­re der um­welt(straf)recht­li­chen Ge­set­zes­an­wen­dung nach ih­rer Be­ur­tei­lung von Recht und Rechts­wirk­lich­keit be­fragt.

Fra­ge­stel­lun­gen

Die Fra­ge­stel­lun­gen der vor­lie­gen­den Un­ter­su­chung be­zie­hen sich hier­bei zu­nächst dar­auf, wie sich die der­zei­ti­ge Voll­zug­s­pra­xis des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts dar­stellt. Wei­ter­hin wird das Ziel ver­folgt auf­zu­zei­gen, wel­che Ver­än­de­run­gen durch den Zeita­blauf im Ver­fah­rens­gang und im Fall­spek­trum von Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren ein­ge­tre­ten sind und wor­auf ge­ge­be­nen­falls die­se Ver­än­de­run­gen be­ru­hen. Auch soll un­ter­sucht wer­den, ob sich die In­ten­ti­on des Ge­setz­ge­bers, das Straf­recht als Mit­tel zum Um­welt­schutz ein­zu­set­zen, rea­li­siert hat und wie der Im­ple­men­ta­ti­ons­stand be­ur­teilt wird. Zu­dem wird zu fra­gen sein, wie sich das Zu­sam­men­wir­ken der bei­den Sank­tio­nen­sys­te­me des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts der­zeit dar­stellt und ent­wi­ckelt hat.

Me­tho­dik

Die Un­ter­su­chung be­ruht auf meh­re­ren me­tho­di­schen Zu­gän­gen. Kern­stück der vor­lie­gen­den Stu­die ist ei­ne Ana­ly­se von ca. 700 straf­recht­li­chen und ca. 700 ord­nungs­wid­rig­keit­li­chen Ver­fah­rens­ak­ten aus sie­ben Bun­des­län­dern. Da je­doch im Rah­men des Pro­jek­tes ins­be­son­de­re der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den soll, wie sich das Fall­spek­trum, der Ver­fah­rens­gang und das Zu­sam­men­wir­ken des Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts seit den em­pi­ri­schen Un­ter­su­chun­gen aus den 1980er Jah­ren ent­wi­ckelt hat, wird zur bes­se­ren Ver­gleich­bar­keit be­ab­sich­tigt, die Um­welt­strafak­ten aus den Län­dern Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg, Hes­sen, Schles­wig-Hol­stein und Nie­der­sach­sen aus­zu­wer­ten, die schon die Vor­gän­ger­stu­die von Mein­berg be­rück­sich­tigt hat­te. Bran­den­burg und Ham­burg sol­len zu­sätz­lich mit in die Un­ter­su­chung auf­ge­nom­men wer­den. Bran­den­burg als ost-deut­sches Bun­des­land und Ham­burg als Stadt­staat und eu­ro­päi­sche Um­welt­haupt­stadt 2011. Der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ana­ly­se sol­len eben­falls die­se Bun­des­län­der zu­grun­de ge­legt wer­den. Um im Rah­men des Pro­jekts ein re­la­tiv ak­tu­el­les La­ge­bild dar­stel­len zu kön­nen, soll Grund­la­ge der Ak­ten­ana­ly­se das Jahr 2007 sein.

Zur Va­li­die­rung und Er­wei­te­rung der Er­kennt­nis­se aus der Ak­ten­ana­ly­se ist zu­dem die Füh­rung von Ex­per­ten­ge­sprä­chen ge­plant. Ein­be­zo­gen wer­den Rich­ter, Staats­an­wäl­te, Po­li­zei­be­am­te und Be­diens­te­te der Um­welt­be­hör­den. An­lie­gen hier­bei ist es un­ter an­de­rem un­ab­hän­gig vom je­wei­li­gen Ein­zel­fall Ein­schät­zun­gen und Er­fah­run­gen der Pra­xis im Um­gang mit dem Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­rechts zu er­fra­gen. Zu­dem sol­len die Ex­per­ten­ge­sprä­che da­zu die­nen, die im Rah­men der Ak­ten­ana­ly­se ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se ab­zu­si­chern.

Ar­beits- und Zeit­plan

Die Aus­wer­tung von ins­ge­samt ca. 1000 Um­welt­straf- und Um­welt­ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ver­fah­ren ist ab­ge­schlos­sen. Zu­dem wur­den in drei Bun­des­län­dern In­ter­views mit Po­li­zis­ten, Staats­an­wäl­ten, Rich­tern und Mit­ar­bei­tern von Um­welt­ver­wal­tungs­be­hör­den ge­führt.