Das Forschungsprojekt behandelt zentral die Frage, wie die ASEAN eine interregionale Rechtshilfe in Strafsachen mit der EU entwickeln kann. Zur Erreichung dieses Ziels wird die funktionale Rechtsvergleichung als zentrale Forschungsmethode angewendet. Ferner werden in Bezug auf die jeweilige Rechtshilfe in Strafsachen Probleme, die sich im nationalen und regionalen Kontext ergeben, analysiert und beurteilt. Davon ausgehend wird schließlich die Möglichkeit der Entwicklung einer interregionalen Rechtshilfe in Strafsachen zwischen der ASEAN und der EU diskutiert.

Die grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät stellt nicht nur ein na­tio­na­les Pro­blem dar, son­dern ge­fähr­det auch die Si­cher­heit und Sta­bi­li­tät der gan­zen süd­ostasia­ti­schen Re­gi­on. Da­her er­griff der Ver­band süd­ostasia­ti­scher Staa­ten (ASE­AN) ver­schie­de­ne Maß­nah­men, wel­che die in­ter­re­gio­na­le Zu­sam­men­ar­beit und die Be­kämp­fung der grenz­über­schrei­ten­den Kri­mi­na­li­tät för­dern sol­len. Ein be­deu­ten­der Schritt in die­ser Ent­wick­lung stellt das Rechts­hil­fe­ab­kom­men in Strafsa­chen von 2004 dar (“Trea­ty on Mu­tu­al Le­gal As­si­stan­ce in Cri­mi­nal Mat­ters among Li­ke-Min­ded ASE­AN Coun­tries” – ASE­AN MLAT). Die­ser Ver­trag hat zum Ziel, „die Ef­fek­ti­vi­tät der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den der Ver­trags­par­tei­en bei der Ver­hü­tung, straf­recht­li­chen Un­ter­su­chung und Ver­fol­gung von Straf­ta­ten durch Rechts­hil­fe in Strafsa­chen zu ver­bes­sern“. Er er­mög­licht vie­le Rechts­hil­fe­leis­tun­gen, die zu­vor nicht ein­deu­tig ge­re­gelt wa­ren und da­mit nicht ver­füg­bar er­schie­nen, so z.B. die Über­prü­fung von Ob­jek­ten und Ta­tor­ten, die Er­he­bung von Be­wei­sen oder die Ent­ge­gen­nah­me frei­wil­li­ger Aus­sa­gen; das Tref­fen von Vor­keh­run­gen für Per­so­nen, die Hin­wei­se ge­ben oder straf­recht­li­che Un­ter­su­chun­gen un­ter­stüt­zen wol­len.

Die Um­set­zung steht na­tur­ge­mäß vor ver­schie­de­nen Hin­der­nis­sen. Man­che Be­ob­ach­ter stel­len ei­ne Dis­kre­panz zwi­schen dem er­klär­ten po­li­ti­schen Wil­len und der tat­säch­li­chen Re­ak­ti­on der Mit­glied­staa­ten fest. Als Haupt­pro­ble­me iden­ti­fi­ziert wer­den et­wa un­zu­rei­chen­de Res­sour­cen der in­vol­vier­ten Staa­ten und die Dis­pa­ri­tät der Rechts­ord­nun­gen. Trotz die­ser Kri­tik­punk­te hat das ASE­AN-Se­kre­ta­ri­at an­er­kannt, dass ne­ben for­mel­len Kanä­len bei der Rechts­hil­fe in Strafsa­chen auch in­for­mel­le Zu­sam­men­ar­beit ge­nutzt wird. Fol­gen­de Fra­gen er­ge­ben sich: Um wel­che for­mel­len und in­for­mel­len Kanä­le han­delt es sich, und wie ent­wi­ckel­ten sie sich? Und schließ­lich: Auf wel­che Wei­se kann ASE­AN ei­ne in­ter­re­gio­na­le Rechts­hil­fe in Strafsa­chen mit an­de­ren re­gio­na­len Ver­bän­den ent­wi­ckeln? Dies gilt vor al­lem in Hin­blick auf die Eu­ro­päi­sche Uni­on, die in ih­rem Kampf ge­gen grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät mit Hil­fe von Rechts­in­stru­men­ten ei­ne Vor­rei­ter­rol­le ein­nimmt.

Vor die­sem Hin­ter­grund zielt die Un­ter­su­chung dar­auf ab, ein in­ter­re­gio­na­les Mo­dell der Rechts­hil­fe in Strafsa­chen zwi­schen den Staa­ten der ASE­AN und de­nen der EU zu ent­wi­ckeln. Zen­tra­le For­schungs­me­tho­den zur Er­rei­chung des For­schungs­zie­les sind zum einen die funk­tio­na­le Rechts­ver­glei­chung durch Ana­ly­se der Rechts­hil­fe­re­ge­lun­gen auf den re­gio­na­len und der mit­glied­staat­li­chen Ebe­nen und zum an­de­ren ei­ne rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung der über­ge­ord­ne­ten ASE­AN- und EU-Rechts­hil­fe­sys­te­me. Als Ver­gleichs­län­der auf mit­glied­staat­li­cher Ebe­ne sind Ma­lay­sia und die Phil­ip­pi­nen für die asia­ti­sche Re­gi­on und das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich und Deutsch­land für die Rechts­hil­fe in­ner­halb Eu­ro­päi­schen Uni­on aus­ge­wählt wor­den. Über die li­te­ra­tur­ba­sier­te For­schung hin­aus wird in Form von In­ter­views mit Prak­ti­kern aus den ge­nann­ten Rechts­sys­te­men auch das „law in ac­ti­on“ er­forscht.

Die bis­he­ri­gen Er­geb­nis­se der Ana­ly­se der re­gio­na­len und mit­glied­staat­li­chen Ebe­ne des ASE­AN zei­gen, dass de­ren Mit­glied­staa­ten ei­ne of­fe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­ein­an­der be­trei­ben und über ein leis­tungs­fä­hi­ges Rechts­hil­fe­sys­tem ver­fü­gen. Ob­wohl es un­ter­schied­li­che Be­din­gun­gen und Grün­de gibt, aus de­nen ein Rechts­hil­feer­su­chen ab­ge­lehnt wer­den kann, su­chen die ASE­AN-Mit­glied­staa­ten mög­li­che Pro­ble­me und Her­aus­for­de­run­gen durch Kon­sens­fin­dung und of­fe­ne Mit­tei­lun­gen zu be­wäl­ti­gen. So­weit es das na­tio­na­le Recht zu­lässt, tun die Mit­glied­staa­ten ihr Mög­lichs­tes, um die Zu­sam­men­ar­beit ge­gen grenz­über­schrei­ten­de Kri­mi­na­li­tät zu in­ten­si­vie­ren.