Das Phänomen der so genannten „Ehrenmorde“ erfährt in der deutschen Öffentlichkeit vor dem Hintergrund spektakulärer Einzelfälle und der Diskussionen über eine mangelnde Integration von Migranten insbesondere aus islamischen Ländern eine besondere Aufmerksamkeit. Unter Ehrenmorden werden idealtypisch Tötungsdelikte vor allem an weiblichen Familienmitgliedern verstanden, die in den Augen des Täters oder der Täter Verhaltensnormen (vor allem der sexuellen „Reinheit“ und Unterordnung unter eine patriarchalische Familiengewalt) verletzt haben. Die Tötung dient vor allem der Wiederherstellung der als bedroht empfundenen Familienehre und wird teilweise durch die Angehörigen gemeinsam geplant. Der Ehrenmord ist in dieser Perspektive kein Normbruch, sondern im Gegenteil eine Sanktion, die die Geltung von Normen einfordert. Archaisch wirkt nicht nur das Konzept der (weiblichen) Ehre, sondern auch die Legitimierung von Selbstjustiz im Familienverband. Besonders häufig sind jedoch Partnertötungen, bei denen Trennung bzw. Trennungsabsicht oder (vermutete) Untreue der Frau den Anlass für die gewaltsame Reaktion des (Ex-)Partners darstellt. Die Zuordnung dieser Fälle zum Begriff Ehrenmord ist umstritten und eine klare Abgrenzung zu „normalen“ Partnertötungen, die auch in der deutschen Mehrheitsbevölkerung vorkommen, schwer möglich. Die Studie „Ehrenmorde in Deutschland“ ist die erste systematische, auf einer breiten empirischen Datenbasis aufbauende Analyse dieses Gewaltphänomens in Deutschland. Sie basiert auf einer Vollerhebung aller bekannt gewordener Fälle von Ehrenmorden in Deutschland im Zeitraum 1996 bis 2005 und analysiert deren zentrale Merkmale anhand der Prozessakten zu 78 Fällen. Bisherige Studien auf der Basis weniger Fälle waren dazu nicht in der Lage. In der empirischen Analyse wurden Täter-Opfer-Konstellation, Tathergang, Anlass/Motiv sowie die justizielle Verarbeitung ausführlich untersucht. Das Projekt steht im engen Zusammenhang mit dem Projekt Familiale Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid in europäischen Ländern. Mit der Veröffentlichung des Buches „Ehrenmorde in Deutschland 1996-2005“ in der Reihe „Polizei + Forschung“ des BKA wurde der erste Teil der Studie 2011 abgeschlossen. Anschließend stand die strafrechtliche Bewertung der Ehrenmorde durch die Schwurgerichtskammern im Mittelpunkt weiterer Analysen im Rahmen der Dissertation „Ehre im Spiegel der Justiz“ von Julia Kasselt, die 2014 fertiggestellt wurde.

Die Stu­die baut auf der 2006 vom Bun­des­kri­mi­nal­amt durch­ge­führ­ten „Bund-Län­der-Ab­fra­ge zum Phä­no­men­be­reich Eh­ren­mor­de in Deutsch­land“ auf, die 55 Fäl­le er­mit­tel­te. Zu­sätz­li­che Fall-Lis­ten ei­ni­ger Lan­des­kri­mi­na­läm­ter so­wie ei­ne um­fang­rei­che Voll­t­ext­re­cher­che in Me­di­en­ar­chi­ven, ins­be­son­de­re in 90.000 Agen­tur­mel­dun­gen der dpa zu Tö­tungs­de­lik­ten, er­mög­li­chen erst­mals ei­ne rea­lis­ti­sche Schät­zung der Ge­samt­zahl der von der Jus­tiz er­fass­ten Eh­ren­mor­de in Deutsch­land. Wir schät­zen die mög­li­che Ge­samt­zahl der Eh­ren­mor­de auf et­wa zwölf pro Jahr, da­von drei Eh­ren­mor­de im en­ge­ren Sin­ne. Die­se Hoch­rech­nung um­fasst auch Part­ner­tö­tun­gen in der Grau­zo­ne zwi­schen kol­lek­ti­ver Fa­mi­li­eneh­re und in­di­vi­du­el­ler männ­li­cher Eh­re, de­ren Ein­ord­nung als Eh­ren­mord zwei­fel­haft ist. An­ge­sichts ei­ner Ge­samt­zahl von ca. 700 Men­schen, die pro Jahr in Deutsch­land bei ei­nem Tö­tungs­de­likt ster­ben, dar­un­ter vie­le in Fa­mi­li­en und Part­ner­schaf­ten, sind Eh­ren­mor­de quan­ti­ta­tiv sehr sel­te­ne Er­eig­nis­se.

Zwi­schen 1996 und 2005 hat es ent­ge­gen den Be­fürch­tun­gen auf der Ba­sis der zu­neh­men­den Me­dien­be­richt­er­stat­tung we­der ei­ne Zu- noch ei­ne Ab­nah­me der Häu­fig­keit von Eh­ren­mor­den ge­ge­ben. Bei ei­nem Vier­tel der un­ter­such­ten 78 Fäl­le han­delt es sich um Eh­ren­mor­de im en­ge­ren Sinn (Tö­tun­gen jun­ger Frau­en durch ih­re Bluts­ver­wand­ten), ca. 40 % sind Grenz­fäl­le zur Part­ner­tö­tung, ein wei­te­res Drit­tel sind Grenz­fäl­le zur Blut­ra­che und sons­ti­ge Misch­ty­pen. In ca. ei­nem Drit­tel der Fäl­le sind meh­re­re Tä­ter und/oder meh­re­re Op­fer in­vol­viert. Bei Eh­ren­mor­den im en­ge­ren Sinn steht in 80 % der Fäl­le ei­ne un­er­wünsch­te Lie­bes­be­zie­hung der Frau vor, au­ßer­halb oder nach ih­rer Ehe im Mit­tel­punkt, wäh­rend ein „west­li­cher“ Le­bens­stil und ein Au­to­no­mie­stre­ben nur in sehr we­ni­gen Fäl­len aus­schließ­li­cher Tat­an­lass war. Häu­fig ste­hen die Eh­ren­mor­de im Kon­text des Phä­no­mens „ar­ran­gier­ter Ehen“, d. h. ent­we­der ver­sto­ßen jun­ge Frau­en ge­gen die Norm, dass ihr Part­ner von der Fa­mi­lie aus­ge­sucht wer­den soll, oder ver­hei­ra­te­te Frau­en wol­len sich aus ei­ner für sie un­er­träg­li­chen Be­zie­hung be­frei­en, die das Er­geb­nis ei­ner ar­ran­gier­ten Ehe ist.

Der An­teil männ­li­cher Op­fer liegt mit 43 % un­er­war­tet hoch. Häu­fig wer­den zu­sam­men mit den weib­li­chen Op­fern auch de­ren un­er­wünsch­te Part­ner an­ge­grif­fen, in ei­ni­gen Fäl­len auch nur die­se.

Die Aus­wer­tung des Bil­dungs- und Be­rufs­sta­tus der Tä­ter er­gibt das ein­deu­ti­ge Bild ei­ner ho­mo­ge­nen Grup­pe von bil­dungs­fer­nen und nied­rig qua­li­fi­zier­ten Mi­gran­ten. Auch wenn Eh­ren­mor­de al­so kul­tu­rel­le Wur­zeln ha­ben, darf nicht über­se­hen wer­den, dass – wie bei fast al­len Ge­walt­phä­no­me­nen – so­zia­le Be­nach­tei­li­gun­gen und man­geln­de Bil­dung ei­ne be­deu­ten­de Ur­sa­che sind. Es gibt kei­ne Hin­wei­se auf ei­ne star­ke Be­tei­li­gung von Mi­gran­ten der zwei­ten oder drit­ten Ge­ne­ra­ti­on. Eben­falls gibt es kei­ne Hin­wei­se auf ei­ne Zu­nah­me der Eh­ren­mor­de in den letz­ten Jah­ren. Die­se Er­geb­nis­se las­sen hof­fen, dass sich Eh­ren­mor­de nicht dau­er­haft als Ge­walt­phä­no­men in Deutsch­land eta­blie­ren wer­den. Al­le Be­stre­bun­gen, Be­nach­tei­li­gun­gen von Mäd­chen und jun­gen Frau­en und die Un­ter­drückung ih­rer Selbst­be­stim­mung vor al­lem in Hin­blick auf de­ren Part­ner­wahl ab­zu­bau­en, sind ge­eig­net, das Ri­si­ko von Eh­ren­mor­den in Deutsch­land zu ver­rin­gern.

Von den rechts­kräf­tig ver­ur­tei­len Tä­tern wur­den ca. 37% we­gen Mor­des, ca. 48% we­gen Tot­schlags und ca. 15% we­gen Kör­per­ver­let­zung ver­ur­teilt. Die recht­li­che Be­wer­tung war ge­gen­stand wei­te­rer ver­tie­fen­der Ana­ly­sen im Rah­men der Dis­se­ra­ti­on von Ju­lia Kas­selt. Um die recht­li­che Be­wer­tung die­ser Ta­ten durch die deut­sche Jus­tiz bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen, ana­ly­sier­te sie ne­ben den 78 Eh­ren­mord­fäl­len ei­ne Stich­pro­be von 110 Part­ner­tö­tungs­fäl­len oh­ne kol­lek­ti­ve Ehr­kom­po­nen­te. Grund­la­ge der ju­ris­ti­schen Ana­ly­sen wa­ren bei den Eh­ren­mor­den 63 Ver­ur­tei­lun­gen we­gen ei­nes ver­such­ten oder vollen­de­ten Tö­tungs­de­likts nach Er­wach­se­nen­straf­recht. Die­sen ste­hen 91 Ver­ur­tei­lun­gen aus der Ver­gleichs­s­tich­pro­be ge­gen­über. Die Stu­die be­legt, dass Eh­ren­mör­der von deut­schen Rich­tern här­ter be­straft wer­den als Be­zie­hungs­tä­ter oh­ne Ehr­hin­ter­grund: Sie wer­den häu­fi­ger zu le­bens­lan­gen Frei­heits­s­tra­fen (38 % vs. 23% bei den Part­ner­tö­tun­gen) und auch öf­ter zu lan­gen Zeit­stra­fen ver­ur­teilt. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Ur­tei­le ab dem Jahr 2002, in de­nen Eh­ren­mör­der in der Mehr­heit der Fäl­le mit le­bens­lan­ger Frei­heits­s­tra­fe und da­mit der Höchst­stra­fe im deut­schen Straf­recht be­dacht wur­den. Hin­ter­grund die­ses Trends ist ein Ur­teil des Bun­des­ge­richts­hofs vom Fe­bru­ar 2002, in dem ent­schie­den wur­de, dass Ta­ten mit Ehr­hin­ter­grund in der Re­gel als Mord aus nied­ri­gen Be­weg­grün­den zu be­wer­ten sind und nur aus­nahms­wei­se ei­ne Ver­ur­tei­lung we­gen Tot­schlags in Be­tracht kommt. Bei den Part­ner­tö­tun­gen ist hin­ge­gen kein Trend zu hö­he­ren Stra­fen fest­stell­bar. Die Ver­schär­fung der Stra­fen bei Eh­ren­mor­den ist al­so nicht auf ei­ne ge­ne­rel­le pu­ni­ti­ve Ten­denz in der deut­schen Recht­spre­chung zu­rück­zu­füh­ren.