Vom 01.10.2010 bis 30.03.2012 wurde in Baden-Württemberg der Einsatz der elektronischen Aufsicht im Vollzug der Freiheitsstrafe im Rahmen eines Modellprojektes erprobt. In dem hier vorgestellten Forschungsprojekt wurde zunächst die Implementation, die Akzeptanz und die psychosozialen Effekte des Modellprojekts der elektronischen Fußfessel in Baden-Württemberg untersucht, daran schloss sich eine Rückfalluntersuchung für die Zeit nach der Maßnahme an (Follow-up: drei Jahre).

For­schungs­ge­gen­stand:

Mit dem am 30.07.2009 ver­ab­schie­de­ten „Ge­setz über elek­tro­ni­sche Auf­sicht im Voll­zug der Frei­heits­s­tra­fe“ (EASt­VollzG) wur­de in Ba­den-Würt­tem­berg die Mög­lich­keit ge­schaf­fen, die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel bei Straf­ge­fan­ge­nen ein­zu­set­zen. Das EASt­VollzG war bis 06.08.2013 gül­tig und wur­de dann nicht mehr wei­ter­ver­folgt. Das Ge­setz sah drei Ein­satz­be­rei­che vor:

  • Ein­satz der Fuß­fes­sel zur Ver­mei­dung von Er­satz­frei­heits­s­tra­fen
  • Elek­tro­ni­sche Auf­sicht ge­gen En­de der Haft­zeit zur Vor­be­rei­tung der Ent­las­sung im elek­tro­nisch über­wach­ten Haus­ar­rest
  • Elek­tro­ni­sche Auf­sicht zur Ge­wäh­rung von Voll­zugs­lo­cke­run­gen wie Frei­gang  

Wis­sen­schaft­li­che Be­gleit­for­schung:

Mit der wis­sen­schaft­li­chen Be­glei­tung wur­de un­ter­sucht, ob die elek­tro­ni­sche Auf­sicht re­so­zia­li­sie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Ent­las­sungs­si­tua­ti­on der Pro­ban­den hat, ob sie den er­war­te­ten haft­ver­mei­den­den Ef­fekt (vor al­lem im Be­reich der Er­satz­frei­heits­s­tra­fe) aus­übt und wie sich die Maß­nah­me auf die spä­te­re Le­gal­be­wäh­rung aus­wirkt. So­mit soll­te auch der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, ob die elek­tro­ni­sche Auf­sicht für die vor­ge­se­he­nen Ziel­grup­pen ei­ne loh­nen­de al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­form dar­stellt.

De­sign

Zur Un­ter­su­chung der For­schungs­fra­gen konn­te ein ex­pe­ri­men­tel­les De­sign ver­wirk­licht wer­den. Die von den fünf teil­neh­men­den Voll­zugs­an­stal­ten ge­mel­de­ten Pro­ban­den wur­den vom Max-Planck-In­sti­tut zu­fäl­lig zu ei­ner Ex­pe­ri­men­tal­grup­pe (de­ren Teil­neh­mer bei ent­spre­chen­der Eig­nung un­ter elek­tro­ni­sche Auf­sicht ge­stellt wur­den) oder ei­ner Kon­troll­grup­pe (de­ren Teil­neh­mer das nor­ma­le Voll­zugs­pro­gramm durch­lie­fen und im Re­gel­voll­zug ver­blie­ben) zu­ge­teilt. Für je­den Pro­ban­den un­ter elek­tro­ni­scher Auf­sicht wur­de ein Voll­zugs­pro­gramm mit de­fi­nier­ten Ein­schluss­zo­nen fest­ge­legt, de­ren Ein­hal­tung per GPS-Tech­nik über­wacht wur­de. Ver­stö­ße wur­den au­to­ma­tisch an die Tech­nik-Zen­tra­le über­mit­telt, die wie­der­um die Voll­zugs­an­stalt zur Ein­lei­tung wei­te­rer Schrit­te in­for­mier­te. Bei der elek­tro­ni­schen Auf­sicht mit Haus­ar­rest war die Be­treu­ung durch die Be­wäh­rungs­hil­fe ein fes­ter Be­stand­teil des Ge­samt­kon­zepts. Ins­ge­samt war die Teil­nah­me am Mo­dell­pro­jekt nur mög­lich, wenn die Pro­ban­den be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen er­füll­ten, wo­zu u.a. das Vor­han­den­sein ei­nes Ar­beits­plat­zes in ei­nem Um­fang von min­des­tens vier Stun­den pro Tag (oder ei­ne ver­gleich­ba­re Tä­tig­keit) ge­hör­te.

Ne­ben der Ex­plo­ra­ti­on der Pro­ban­den der Ex­pe­ri­men­tal- und Kon­troll­grup­pen wur­den auch an­de­re Pro­jekt­be­tei­lig­te be­fragt (Be­wäh­rungs­hil­fe, Staats­an­walt­schaf­ten, Jus­tiz­voll­zug).

Im­ple­men­ta­ti­on und psy­cho­so­zia­le Ef­fek­te

Die ers­te Pha­se des Mo­dell­pro­jekts diente der Un­ter­su­chung der mit der elek­tro­ni­schen Auf­sicht ver­bun­de­nen psy­cho­so­zia­len aber auch haft­ver­mei­den­den Ef­fek­te und re­so­zia­li­sie­ren­den Po­ten­tia­len (vgl. Schwed­ler & Wöß­ner, 2015; Schwed­ler & Woess­ner 2017).

Die ge­plan­te Teil­neh­mer­zahl von 150 Pro­ban­den wur­de nicht er­reicht. Ins­ge­samt nah­men 92 Pro­ban­den am Mo­dell­pro­jekt teil. Der Ein­satz der elek­tro­ni­schen Auf­sicht im Be­reich der Er­satz­frei­heits­s­tra­fe schei­ter­te so­gar gänz­lich (nur ein Teil­neh­mer). Denn die Pro­ban­den, die ei­ne Geld­stra­fe nicht be­zah­len konn­ten, er­füll­ten in der Re­gel die Be­din­gun­gen für die Teil­nah­me am Mo­dell­pro­jekt nicht.

Die für die Teil­nah­me am Mo­dell­pro­jekt vor­ge­schla­ge­nen Straf­ge­fan­ge­nen wie­sen al­le­samt ein ver­gleichs­wei­se ho­hes funk­tio­na­les Ni­veau in den Be­rei­chen auf, in de­nen von der Fuß­fes­sel ein Ef­fekt zu er­war­ten ge­we­sen wä­re (vgl. Schwed­ler & Wöß­ner 2015). Die meis­ten Pro­ban­den hat­ten kei­ne Schwie­rig­kei­ten bei der Ar­beits­su­che, wa­ren so­zi­al ein­ge­bun­den und wa­ren test­psy­cho­lo­gisch un­auf­fäl­lig. Es han­del­te sich so­mit gleich­zei­tig um Ge­fan­ge­ne mit ei­nem re­la­tiv nied­ri­gen Ri­si­ko­ni­veau. Ein klei­ner Ef­fekt zeig­te sich bei der Re­du­zie­rung des Pri­so­ni­sie­rungs­er­le­bens.  

Ein Vier­tel der Pro­ban­den emp­fand die elek­tro­ni­sche Auf­sicht als psy­chisch be­las­tend und et­wa zwei Drit­tel be­rich­te­ten von phy­si­schen Be­schwer­den. Gleich­wohl wur­de die Maß­nah­me von fast al­len Pro­ban­den po­si­tiv kon­no­tiert, was vor dem Hin­ter­grund des Ver­gleichs mit der In­haf­tie­rung zu in­ter­pre­tie­ren ist. Ins­ge­samt ent­fal­te­te die elek­tro­ni­sche Auf­sicht nicht das von ihr er­war­te­te Po­ten­zi­al und blieb al­les in al­lem hin­ter den mit ihr ver­bun­de­nen Er­war­tun­gen zu­rück, und zwar so­wohl un­ter dem Ge­sichts­punkt der Re­so­zia­li­sie­rung als auch der Haft­ver­mei­dung.

Rück­fall nach Be­en­di­gung der elek­tro­ni­schen Auf­sicht

Für die Rück­fall­un­ter­su­chung wur­den die Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­aus­zü­ge an­ge­for­dert und aus­ge­wer­tet. Die Rück­fall­ra­ten der bei­den Ver­gleichs­grup­pen (Ex­pe­ri­men­tal- vs. Kon­troll­grup­pe) un­ter­schie­den sich we­der im An­wen­dungs­be­reich der elek­tro­nisch über­wach­ten Ent­las­sungs­vor­be­rei­tung (Haus­ar­rest) noch im elek­tro­nisch über­wach­ten Frei­gang si­gni­fi­kant von­ein­an­der (vgl. Meu­er & Wöß­ner im Druck).

Um den Ein­fluss von mög­li­chen Se­lek­ti­ons­ef­fek­ten auf­grund ei­nes be­trächt­li­chen Pro­ban­den­aus­falls zu mi­ni­mie­ren (vgl. Schwe­der & Wöß­ner 2015), wur­de mit­tels des mat­ched-pair Ver­fah­rens ei­ne zwei­te „Zwil­lings“-Kon­troll­grup­pe ge­schaf­fen (n=45), so­dass die Ex­pe­ri­men­tal­grup­pe mit der im Rah­men der Ran­do­mi­sie­rung ent­stan­de­nen Kon­troll­grup­pe und der Zwil­lings­grup­pe für die Rück­fall­ana­ly­se ver­gli­chen wer­den konn­te. Auch die­se Ana­ly­se be­stä­tigt das Er­geb­nis der ran­do­mi­sier­ten Un­ter­su­chung.

Die aus­führ­li­chen Er­geb­nis­se der Rück­fall­un­ter­su­chung fin­den sich in Meu­er (in Vor­be­rei­tung) „Le­gal­be­wäh­rung nach elek­tro­ni­scher Auf­sicht im Voll­zug der Frei­heits­s­tra­fe“ (Ar­beits­ti­tel; zugl. Dis­ser­ta­ti­on).