Tötungsdelikte mit anschließendem Suizid des Täters stellen eine sehr schwere und komplexe Form der interpersonellen Gewalt dar, die sich überwiegend in Partnerschaften und Familien ereignet, und die in Deutschland bislang weder erfasst noch systematisch untersucht wurde. Ziel des Projekts ist eine auf amtlichen Quellen und Medienberichten beruhende Vollerhebung dieser Fälle in Deutschland und weiteren europäischen Ländern (Niederlande, Finnland, Spanien, Polen, England & Wales, Schweiz). Die Analyse ist interdisziplinär und auf mehreren Ebenen angelegt: Zum einen erfolgt auf der Individualebene eine kriminalpsychologische Untersuchung, die sich auf justizielle Akten und auf Interviews mit inhaftierten Tätern mit Suizidversuch stützt. Zum anderen erfolgt auf der Makroebene eine soziologische Untersuchung zu den sozialen Kontexten und Normen, die die Wahrscheinlichkeit dieser Gewaltform erhöhen. Beide Perspektiven verfolgen das gemeinsame Ziel, die psycho-sozialen Ursachen dieser Gewaltform aufzuhellen.Zu dem europäischen Projekt gibt es eine ausführliche englischsprachige Website.Im einem engen Zusammenhang mit diesem Projekt steht das parallel durchgeführte Projekt Ehrenmorde in Deutschland.

Tö­tungs­de­lik­te mit an­schlie­ßen­dem Sui­zid des Tä­ters (Ho­mi­zid-Sui­zid, HS) wer­den als kom­ple­xe Ge­wal­ter­eig­nis­se in of­fi­zi­el­len Sta­tis­ti­ken nicht ge­son­dert er­fasst, wes­halb in Deutsch­land und den meis­ten an­de­ren Län­dern nicht ein­mal die An­zahl der Fäl­le be­kannt ist. Neue­re Stu­di­en in ei­ni­gen Län­dern las­sen für Deutsch­land jähr­lich zwi­schen 40 und 120 Fäl­le mit teil­wei­se mul­ti­plen Op­fern, über­wie­gend Frau­en und Kin­der, er­war­ten. Fa­mi­li­äre HS sind für 19% al­ler kind­li­chen Op­fer von Tö­tungs­de­lik­ten im Al­ter zwi­schen 1 und 15 Jah­ren in Eng­land und Wa­les ver­ant­wort­lich.
Im Ge­gen­satz zu so­wohl Ho­mi­zid als auch Sui­zid sind kom­bi­nier­te HS bis­lang sel­ten sys­te­ma­tisch und auf brei­ter em­pi­ri­scher Ba­sis un­ter­sucht wor­den. Ei­ne ein­fluss­rei­che For­schungs­tra­di­ti­on sieht Ho­mi­zid und Sui­zid als ant­ago­nis­ti­sche Aus­drucks­for­men mensch­li­cher Ge­walt an. In­wie­weit sich das Phä­no­men der HS in die­se ge­gen­läu­fi­gen Er­klä­rungs­an­sät­ze ein­ord­nen lässt, ist weit­ge­hend of­fen. In bis­he­ri­gen Stu­di­en deu­tet sich an, dass Tä­ter von HS ten­den­zi­ell we­ni­ger Ri­si­ko­mar­ker, ei­ne ge­rin­ge­re kri­mi­nel­le Vor­be­las­tung und einen hö­he­ren So­zi­al­sta­tus auf­wei­sen als Tä­ter sons­ti­ger Tö­tungs­de­lik­te, was vie­le HS-Fäl­le als über­ra­schend und un­vor­aus­seh­bar er­schei­nen lässt. Be­ste­hen­de Ty­po­lo­gi­en he­ben zwei zen­tra­le Mo­tiv­la­gen her­vor: 1) Ei­fer­sucht und Be­sitz­an­sprü­che des männ­li­chen Tä­ters ge­gen­über sei­ner (Ex-)Part­ne­rin; 2) ein pseu­do-al­truis­ti­scher Wunsch, sei­ne Kin­der (im Fal­le der Mut­ter) oder sei­ne Fa­mi­lie (im Fal­le des Va­ters) bei ei­nem Sui­zid ‚mit­zu­neh­men’; da­bei spie­len de­pres­siv-sui­zi­da­le Per­sön­lich­keits­stö­run­gen oder wirt­schaft­li­che Pro­ble­me ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Im ers­ten Fall han­delt es sich eher um ein Tö­tungs­de­likt mit an­schlie­ßen­dem Sui­zid, im zwei­ten Fall eher um einen er­wei­ter­ten Sui­zid.
Das ers­te Ziel der Stu­die ist ei­ne voll­stän­di­ge Er­fas­sung von fa­mi­li­ären HS in Deutsch­land und wei­te­ren eu­ro­päi­schen Län­dern (Nie­der­lan­de, Finn­land, Spa­ni­en, Po­len, Eng­land & Wa­les, Schweiz) für einen Zeit­raum von ca. 10 Jah­ren rück­wärts. Die vor­ran­gi­ge In­for­ma­ti­ons­quel­le sind Ar­chi­ve von Nach­rich­ten­agen­tu­ren und Zei­tun­gen, und dar­auf auf­bau­end jus­ti­zi­el­le Ak­ten. Bei der Ana­ly­se der Fäl­le sol­len die theo­re­ti­schen und me­tho­di­schen Zu­gän­ge zwei­er Dis­zi­pli­nen – Psy­cho­lo­gie und So­zio­lo­gie – zu ei­ner Mehre­be­nen­ana­ly­se ver­bun­den wer­den. Auf der in­di­vi­du­el­len Ebe­ne soll ei­ne de­tail­lier­te Ein­zel­fall­re­kon­struk­ti­on auf der Ba­sis ver­schie­de­ner Da­ten­quel­len er­fol­gen, die Auf­schluss über Tä­ter-Op­fer-Kon­stel­la­tio­nen, so­zia­len und eth­ni­schen Sta­tus, Kri­sen­ge­schich­te, Tat­an­lauf­zeit, -her­gang, -mo­ti­ve und Tä­ter­per­sön­lich­keit ge­ben. Das Kern­stück der in­di­vi­du­el­len Ana­ly­se sind - auf Deutsch­land be­schränkt - an ei­ne Ak­ten­ana­ly­se an­schlie­ßen­de teil­stan­dar­di­sier­te In­ter­views mit Tä­tern, die sich we­gen ei­nes fa­mi­lia­len Tö­tungs­de­likts im Straf- oder Maß­re­gel­voll­zug be­fin­den, und die un­mit­tel­bar nach dem Tö­tungs­de­likt einen Sui­zid­ver­such un­ter­nom­men ha­ben. Die In­ter­views sol­len Ein­blick die Psy­cho­dy­na­mik von fa­mi­li­ären HS ge­ben, und die­se ge­gen­über den Merk­ma­len an­de­rer Tö­tungs­de­lik­te ab­gren­zen. Für die­sen Ver­gleich kann auf die Da­ten ei­ner frü­he­ren Stu­die (Steck et al. 1997, 2002) zu­rück­ge­grif­fen wer­den. Auf der Ma­kro­ebe­ne soll die Be­deu­tung kol­lek­ti­ver, so­zi­al­struk­tu­rel­ler und kul­tu­rel­ler Ein­fluss­fak­to­ren un­ter­sucht wer­den. Da­bei ist die Durk­heim­sche The­se des Zu­sam­men­hangs zwi­schen kol­lek­ti­vis­ti­schem In­te­gra­ti­ons­ty­pus und Ge­walt for­schungs­lei­tend. Die­ser An­satz kann auf die Hy­po­the­se zu­ge­spitzt wer­den, dass fa­mi­li­äre HS kei­ne Fol­ge ge­sell­schaft­li­cher Des-In­te­gra­ti­on, son­dern ei­ne ‚Kehrsei­te’ ho­her (fa­mi­li­en­be­zo­ge­ner) So­zial­in­te­gra­ti­on ist. Räum­li­che Va­ria­tio­nen in der Häu­fig­keit von fa­mi­li­ären HS sol­len mit Ma­kro­in­di­ka­to­ren in Be­zie­hung ge­setzt wer­den, die das Aus­maß ge­sell­schaft­li­cher In­te­gra­ti­on bzw. kol­lek­ti­vis­ti­scher Nor­men wi­der­spie­geln, wie z.B. die Schei­dungs­ra­te, die Fer­ti­li­täts­ra­te, oder der Ur­ba­ni­sie­rungs­grad.


För­de­rung: EU-För­de­rung (Ma­rie-Cu­rie Rein­te­gra­ti­on Grant).

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