Das EU-Projekt "FIDUCIA – New European Crimes and Trust-based Policy" warf die Frage nach effektiven Alternativen zu einer im Schwerpunkt strafrechtlichen Regulierung von (grenzüberschreitender) Transaktionskriminalität in der Gestaltung der Politik der Europäischen Union auf. In diesem Rahmen wurde die Frage analysiert, ob der Wechsel von einer repressiven europäischen Kriminalpolitik hin zu einer Politik der Normkonformität durch Normakzeptanz und durch Vertrauen in das Justizsystem und Verfahrensgerechtigkeit wünschenswert ist.

Un­ter­su­chungs­schrit­te

Die em­pi­ri­sche Über­prü­fung der Fra­ge­stel­lung er­folg­te an­hand von vier Fall­stu­di­en zu so­ge­nann­ten neu­en For­men von Kri­mi­na­li­tät (Men­schen­han­del, Cy­ber­kri­mi­na­li­tät, un­er­laub­ter Wa­ren­han­del und die Kri­mi­na­li­sie­rung von Mi­gran­ten und eth­ni­schen Min­der­hei­ten) so­wie der Fra­ge nach der Über­trag­bar­keit von Ver­trau­en und Nor­mak­zep­tanz des Ein­zel­nen auf ein an­de­res Rechts­sys­tem der EU. Ne­ben Se­kun­där­ana­ly­sen wur­de in sechs Mit­glieds­staa­ten der EU (Bul­ga­ri­en, Deutsch­land, Finn­land, Li­tau­en, Ita­li­en, Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich) und der Tür­kei ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Be­fra­gung durch­ge­führt.

Der Men­schen­han­del, der un­er­laub­te Wa­ren­han­del, die Cy­ber­kri­mi­na­li­tät und die il­le­ga­le Mi­gra­ti­on stel­len in­ter­na­tio­na­le Phä­no­me­ne dar. Sie kor­re­lie­ren stark mit der zu­neh­men­den Mo­bi­li­tät so­wie dem tech­ni­schen Fort­schritt. Ge­mein­sam ist den sog. "neu­en" For­men kri­mi­nel­len Ver­hal­tens, dass sie sich (in un­ter­schied­li­cher Wei­se) auf öko­no­mi­sche Trans­ak­tio­nen be­zie­hen und dass die Nach­fra­ge nach ent­spre­chen­den Gü­tern oder Leis­tun­gen aus der Ge­sell­schaft her­aus ent­steht.

An­hand der re­prä­sen­ta­ti­ven Be­fra­gung wur­den die Ein­stel­lung zu den neu­en For­men der Kri­mi­na­li­tät und das Ver­trau­en in die Jus­tiz im ei­ge­nen Land und in­ner­halb der eu­ro­päi­schen Uni­on un­ter­sucht.

Pro­jekt­teil: Un­er­laub­ter Wa­ren­han­del

Schat­ten­wirt­schaft und il­le­ga­le Märk­te ver­wei­sen auf ver­schie­de­ne Grund­la­gen­fra­ge­stel­lun­gen der Kri­mi­no­lo­gie. Im Kern geht es um Fra­gen der po­li­ti­schen Öko­no­mie, der Be­ha­vi­oral Eco­no­my und der straf­recht­li­chen Re­gu­lie­rung von wirt­schaft­li­chen Trans­ak­tio­nen. Mit Fra­ge­stel­lun­gen der Ak­zep­tanz il­le­ga­ler Märk­te für be­stimm­te Gü­ter, den da­mit ver­bun­de­nen Ent­schei­dun­gen und al­ter­na­ti­ven Re­gu­lie­run­gen be­fas­sen sich ne­ben der Kri­mi­no­lo­gie vor al­lem die Öko­no­mie und fer­ner die Psy­cho­lo­gie.

Der un­er­laub­te Wa­ren­han­del – in der Stra­te­gie für die In­ne­re Si­cher­heit der EU als ein Bei­spiel der schwe­ren und or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät ge­nannt – wird in­ner­halb ei­ner gren­zen­lo­sen EU und der da­mit ver­bun­de­nen Mög­lich­keit, Wa­ren oh­ne Kon­trol­len über die Bin­nen­gren­zen zu trans­por­tie­ren, als ein zu­neh­men­des Pro­blem an­ge­se­hen. Die Kon­se­quen­zen wer­den in wirt­schaft­li­chen Schä­den, ins­be­son­de­re für kon­form han­deln­de Un­ter­neh­men, re­du­zier­ten Steuer­ein­nah­men und Ge­sund­heits­ge­fah­ren lo­ka­li­siert. Hin­zu tritt ein er­heb­li­cher Auf­wand für Re­gu­lie­rung und Straf­ver­fol­gung.

Im Zen­trum die­ser Teil­un­ter­su­chung  stand die Aus­ar­bei­tung der recht­li­chen, kri­mi­no­lo­gi­schen und so­zio­lo­gi­schen Aspek­te des un­er­laub­ten Wa­ren­han­dels un­ter be­son­de­rer Be­trach­tung der Dro­gen­märk­te, un­ver­zoll­ter Gü­ter (Ta­bak­wa­ren, Al­ko­hol), ge­fälsch­ter Pro­duk­te (u.a. ge­fälsch­ter Me­di­ka­men­te) so­wie des Kunst- und An­ti­qui­tä­ten­schmug­gels. Im Rah­men der oben be­schrie­be­nen For­schungs­fra­ge des Pro­jek­tes FI­DU­CIA wur­den in der Fall­stu­die der Um­fang, die Struk­tu­ren, die trei­ben­den Fak­to­ren des un­er­laub­ten Wa­ren­han­dels so­wie le­gis­la­ti­ve, po­li­ti­sche und prak­ti­sche Maß­nah­men zur Prä­ven­ti­on und Ver­fol­gung des un­er­laub­ten Wa­ren­han­dels be­schrie­ben und ana­ly­siert. Zu­dem wur­den die Ein­stel­lung der Öf­fent­lich­keit so­wie ty­pi­sche Recht­fer­ti­gun­gen für rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten un­ter­sucht und al­ter­na­ti­ve kri­mi­nal­po­li­ti­sche Vor­schlä­ge ent­wi­ckelt. In die­sem Zu­sam­men­hang wa­ren die Fra­gen von be­son­de­rer Be­deu­tung, ob, in­wie­weit und durch wel­che Mit­tel sich die Nach­fra­ge und die mit Nach­fra­ge ver­bun­de­ne Ak­zep­tanz il­le­ga­ler Trans­ak­tio­nen be­ein­flus­sen las­sen.

Zu­sam­men­fas­sung der Er­geb­nis­se

Im Er­geb­nis ließ sich fest­stel­len, dass ei­ne ef­fek­ti­ve Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on nicht al­lein auf re­pres­si­ve Kon­troll­me­cha­nis­men ge­stützt wer­den soll­te. Da sich die Tä­ter nicht nur von ra­tio­na­len, son­dern auch nor­ma­ti­ven Er­wä­gun­gen lei­ten las­sen, soll­te die För­de­rung in­ter­ner Me­cha­nis­men (mo­ra­li­scher Ver­pflich­tung) so­wie des Ver­trau­ens von Men­schen in das Rechts­sys­tem und die Le­gi­ti­mi­tät von Nor­men ein­be­zo­gen wer­den. Die För­de­rung von Nor­mak­zep­tanz und die Un­ter­bre­chung der so­zia­len Ak­zep­tanz ab­wei­chen­den Ver­hal­tens kön­nen flan­kie­ren­de Schrit­te sein.

Auch wenn nor­ma­ti­ve Stra­te­gi­en kei­ne kurz­fris­ti­gen Er­fol­ge brin­gen, zeig­te sich bei den un­ter­such­ten Fall­stu­di­en aus­rei­chend Po­ten­ti­al für ih­re An­wen­dung:
(1.) Beim Men­schen­han­del oder dem Um­gang mit Mi­gran­ten kor­re­lie­ren die An­er­ken­nung und das Ver­trau­en in die In­sti­tu­ti­on Po­li­zei mit ei­ner in­ten­si­ver­en Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den Be­trof­fe­nen und Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den.
(2.) Beim un­er­laub­ten Wa­ren­han­del kann, in ei­nem be­schränk­ten Rah­men, die Nach­fra­ge so­wie die mit der Nach­fra­ge ver­bun­de­ne so­zia­le Ak­zep­tanz der un­er­laub­ten Trans­ak­tio­nen be­ein­flusst wer­den.
(3.) Die glo­ba­le Prä­ven­ti­on von Cy­ber­kri­mi­na­li­tät er­for­dert auch Stra­te­gi­en für Selbst­re­gu­lie­run­gen, die zur Er­hö­hung der Nor­mak­zep­tanz auf der Grund­la­ge nor­ma­ti­ver Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt wer­den soll­ten.

In­wie­weit die Be­frag­ten dem Rechts­sys­tem ei­nes ih­nen durch per­sön­li­che Auf­ent­hal­te be­kann­ten eu­ro­päi­schen Lan­des ver­trau­en und sie in die­sem Land die Le­gi­ti­mi­tät der Po­li­zei an­er­ken­nen, hing stark von dem Ver­trau­en und der Ein­stel­lung zur Le­gi­ti­mi­tät im Hei­mat­land ab. War das Ver­trau­en in die Po­li­zei des ei­ge­nen Lan­des hoch, so wur­den auch die Ent­schei­dun­gen der Po­li­zei in ei­nem an­de­ren Land als le­gi­tim und fair an­ge­se­hen. Die­ses Er­geb­nis zeigt, dass auch die EU bei ih­rer kri­mi­nal­po­li­ti­schen Aus­rich­tung nor­ma­ti­ve Ele­men­te ein­be­zie­hen soll­te.

Ko­ope­ra­ti­on

Im Pro­jekt FI­DU­CIA ar­bei­te­ten wis­sen­schaft­li­che In­sti­tu­te aus 13 Län­dern zu­sam­men. Ne­ben der Lei­tung der Fall­stu­die zum un­er­laub­ten Wa­ren­han­del war das Max-Planck-In­sti­tut als Part­ner an fol­gen­den Ar­beit­s­pak­ten be­tei­ligt: "Sta­tis­ti­sche Be­schrei­bung von Kri­mi­na­li­tät", "Ent­wick­lung ei­nes Mo­dells zu ei­ner auf Ver­trau­en ba­sie­ren­den Po­li­tik", "Kri­mi­na­li­sie­rung von Mi­gra­ti­on und eth­ni­schen Min­der­hei­ten", "Cy­ber­kri­mi­na­li­tät", "Kri­mi­na­li­sie­rungs­kri­te­ri­en" und "Ein­stel­lun­gen der Be­völ­ke­rung zu Ver­trau­en in die Jus­tiz au­ßer­halb des ei­ge­nen Lan­des". Die (Zwi­schen-) Er­geb­nis­se wur­den auf drei in­ter­na­tio­na­len Ta­gun­gen prä­sen­tiert.

Die Ab­schluss­kon­fe­renz fand im Mai 2015 in Brüs­sel statt. Ne­ben der Ver­öf­fent­li­chung der Pro­jek­t­er­geb­nis­se in ei­nem Ab­schluss­be­richt wur­den die Er­geb­nis­se mit Ver­tre­ter(in­ne)n der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on dis­ku­tiert.

För­de­rung

För­de­rung durch das 7th Fra­me­work Pro­gram­me for Re­se­arch von der Eu­ro­päi­schen Uni­on.

Ver­an­stal­tun­gen:

FI­DU­CIA – Pro­gress Mee­ting
07.03.2014