Ein eigenes Teilprojekt befasst sich mit der praktischen Relevanz der Geldwäsche zur Gewinnabschöpfung. Weitgehend losgelöst von materiellrechtlichen Problemstellungen der Geldwäsche sollen die rechtlichen Möglichkeiten des strafrechtlichen Zugriffs auf illegale Gewinne und ihre Wirksamkeit am Beispiel der Geldwäsche wie auch einiger anderer OK-relevanter Kriminalitätsformen vergleichend untersucht werden. Hierfür wurden in einem Vorprojekt die in 9 europäischen Ländern sowie den USA implementierten Gewinnabschöpfungssysteme aufgearbeitet und vergleichend analysiert (siehe Kilchling, M., Kaiser, G. (Hrsg.): Möglichkeiten der Gewinnabschöpfung zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität. Bestandsaufnahme und Perspektiven im internationalen Vergleich. Kriminologische Forschungsberichte, Band 61, Freiburg i. Br. 1997, 656 S. sowie European Journal of Crime, Criminal Law and Criminal Justice Heft 3/97). Als Ergebnis dieses Arbeitsabschnittes war festzustellen, daß die europäischen Staaten die internationalen Vorgaben auf diesem Gebiet - den jeweiligen nationalen Rechtstraditionen entsprechend - in rechtlich ganz unterschiedlicher Weise umgesetzt haben, und zwar sowohl im Bereich des Geldwäschetatbestandes selbst (materiellrechtliche Ebene) als auch auf dem Gebiet der Gewinnabschöpfung (Rechtsfolgenebene).

Die Kon­zep­ti­on des Pro­jek­tes wur­de im Tä­tig­keits­be­richt 1998/99 aus­führ­li­cher be­schrie­ben. Al­le dort auf­ge­führ­ten Ar­beits­schrit­te konn­ten im Lau­fe des Jah­res 2000 wie vor­ge­se­hen ab­ge­schlos­sen wer­den. Der For­schungs­be­richt wur­de zu­nächst in ei­ner in­ter­nen Ver­si­on an das auf­trag­ge­ben­de Bun­des­mi­nis­te­ri­um des In­nern ge­lie­fert. Nach Ab­lauf der ver­trag­li­chen Erst­ver­wer­tungs­frist wur­de im Herbst 2001 ei­ne Kurz­zu­sam­men­fas­sung in der in­sti­tut­stei­ge­nen Rei­he "for­schung ak­tu­ell | re­se­arch in brief" (Heft 9 pu­bli­ziert, die - wie al­le Bro­schü­ren aus die­ser Rei­he - auch als PDF-Fi­le über die Ho­me­pa­ge des In­sti­tuts ab­ruf­bar ist). Die Buch­fas­sung des For­schungs­be­rich­tes ist be­reits als Band 99 der Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­be­rich­te lie­fer­bar.

Als ei­nes der we­sent­lichs­ten Er­geb­nis­se un­se­rer Un­ter­su­chung kann fest­ge­stellt wer­den, dass ge­ra­de die Re­le­vanz der Dop­pel­stra­te­gie aus Geld­wä­sche­be­kämp­fung und Ge­win­n­ab­schöp­fung nur sehr ge­rin­ge Pra­xis­re­le­vanz hat. Dies gilt zu­nächst mit Blick auf die tat­säch­lich we­gen Geld­wä­sche er­folg­ten Ver­ur­tei­lun­gen. Mit Aus­nah­me der Schweiz, wo seit In­kraft­tre­ten des Geld­wä­sche­tat­be­stan­des ei­ne im Ver­gleich mit al­len an­de­ren Län­dern ganz si­gni­fi­kan­te Ver­ur­tei­lungs­häu­fig­keit - von 1991 bis 1997 ins­ge­samt 243 Fäl­le - zu ver­zeich­nen ist, be­we­gen sich die ent­spre­chen­den Ver­ur­teil­ten­zah­len in den üb­ri­gen Län­dern in al­ler Re­gel deut­lich nied­ri­ger; ei­ne Son­der­stel­lung nimmt zu­dem Un­garn ein, wo zum Zeit­punkt un­se­rer Er­he­bung über­haupt noch kei­ne rechts­kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung re­gis­triert wur­de. Be­rech­net auf die seit Ein­füh­rung aus­ge­spro­che­nen rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lun­gen ha­ben sich - bei al­ler Vor­sicht ge­gen­über den me­tho­di­schi­schen Un­zu­läng­lich­kei­ten un­se­res Ver­gleichs - im Großen und Gan­zen drei Ni­ve­aus her­aus­kris­tal­li­siert: Deutsch­land, Ös­ter­reich und Frank­reich mit je­weils ca. 1,5 Ver­ur­teil­ten pro 1 Mio. straf­mün­di­ger Ein­woh­ner, Ita­li­en mit 4,7 so­wie die Schweiz mit nicht we­ni­ger als 41,3.

Bei den ver­tie­fen­den Fall­ana­ly­sen, die le­dig­lich in Deutsch­land flä­chen­de­ckend er­fol­gen konn­ten und da­her nicht nur spek­ta­ku­lä­re Ein­zel­fäl­le er­fas­sen, er­scheint die be­son­de­re 'OK-Hal­tig­keit' der den Geld­wä­sche­ver­fah­ren zu­grun­de­lie­gen­den Sach­ver­hal­te oft ge­ring. Ein be­son­ders wich­ti­ges In­diz da­für, dass dies in an­de­ren Län­dern ähn­lich sein dürf­te - Ita­li­en mag hier un­ter Um­stän­den ei­ne Aus­nah­me bil­den -, könn­te aus dem Be­fund er­wach­sen, dass auch die Ver­mö­gens­zu­grif­fe aus­ge­rech­net im Geld­wä­sche­be­reich sel­ten sind. Ne­ben Deutsch­land (mit ins­ge­samt 26 Ab­schöp­fungs­fäl­len bei 143 Ver­ur­teil­ten bis 1999 ein­schl.) zeig­te sich die­ses Phä­no­men zum Bei­spiel auch in Frank­reich (mit 3 von 26 Fäl­len in 1997) und der Schweiz (mit im­mer­hin 12 von 25 Fäl­len im ers­ten Jahr der MROS-Er­he­bung). Ganz ge­ne­rell ha­ben al­le bis­he­ri­gen No­vel­lie­run­gen der Straf­vor­schrif­ten zur Geld­wä­sche letz­ten En­des nichts an dem de­likt­ss­truk­tu­rell be­ding­ten Kern­pro­blem (sie­he hier­zu aus­führ­li­cher Kilch­ling, wistra 2000, 242ff. [m.w.N.]) bei der Ver­fol­gung die­ser be­son­de­ren De­likts­form zu än­dern ver­mocht: dem meist nicht nach­weis­ba­ren un­mit­tel­ba­ren Kon­nex zwi­schen ei­ner kon­kre­ten Vor­tat und den ge­wa­sche­nen Gel­dern. Es er­scheint da­her frag­lich, ob die der­zei­ti­ge Fo­kus­sie­rung der OK-Be­kämp­fung auf die straf­recht­li­che Geld­wä­sche­ver­fol­gung (auch in An­be­tracht der zu­neh­men­den Pro­ble­me, elek­tro­ni­sche Geldtrans­ak­tio­nen er­mitt­lungs­tech­nisch über­haupt noch nach­zeich­nen zu kön­nen) nicht be­reits wie­der über­holt sein könn­te und statt des­sen ei­ne Rück­be­sin­nung auf die Be­stra­fung der Vor­ta­ten - der ei­gent­li­chen Front­kri­mi­na­li­tät der OK - so­wie der or­ga­ni­sa­tio­nel­len Be­tä­ti­gung als sol­cher an­ge­zeigt wä­re, frei­lich er­gänzt einen ge­zielt(er)en Ein­satz der Ge­win­n­ab­schöp­fung in al­len De­likts­be­rei­chen.

Ein di­rek­ter Ver­gleich der Ge­win­n­ab­schöp­fungs­häu­fig­keit bleibt eben­falls schwie­rig. Die nach­fol­gen­de Ta­bel­le gibt die An­zahl der Ge­winn­zu­grif­fe im Ver­hält­nis zur Ge­samt­zahl der straf­ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lun­gen wie­der. Da­bei zei­gen Groß­bri­tan­ni­en und die Nie­der­lan­de, je­den­falls was die ab­so­lu­te Zahl der An­ord­nun­gen an­be­trifft, deut­lich hö­he­re An­tei­le als die an­de­ren hier un­ter­such­ten Län­der. Al­ler­dings liegt die Zahl der tat­säch­lich voll­streck­ten Zu­grif­fe auf­grund ganz evi­den­ter Voll­stre­ckungs­de­fi­zi­te in bei­den Län­dern er­heb­lich nied­ri­ger. Im Mit­tel­feld liegt Un­garn, wäh­rend Deutsch­land, Ös­ter­reich und Frank­reich ein na­he­zu gleich nied­ri­ges Ni­veau von et­was mehr als 0,1 Pro­zent auf­wei­sen; Ita­li­en schließ­lich liegt so­gar noch weit dar­un­ter; nicht ein­mal halb so vie­le Ge­win­n­ab­schöp­fungs­maß­nah­men als in den vor­ge­nann­ten Län­dern wer­den dort rechts­kräf­tig. Nicht zu er­mit­teln war be­zo­gen auf die Pra­xis in Deutsch­land im üb­ri­gen der An­teil der Ver­fah­ren, die mit ei­nem Ver­zicht von Be­schul­dig­ten bzw. An­ge­klag­ten zu­guns­ten der Staats­kas­se en­de­ten; die­ses Phä­no­men hat mut­maß­lich recht ho­he Pra­xis­re­le­vanz, so dass der tat­säch­li­che Wert für Deutsch­land wahr­schein­lich dem von Groß­bri­tan­ni­en bzw. den Nie­der­lan­den na­he­kom­men dürf­te.

Ta­bel­le:Ge­samt­über­sicht über die (end­gül­ti­gen) Ge­win­n­ab­schöp­fun­gen im Ver­hält­nis zur Häu­fig­keit der Ver­ur­tei­lun­gen (1998)*

Ver­ur­tei­lun­gen
Ge­winn­zu­grif­fe
An­teil

Deutsch­land

791.549
1.031
0,13%

Ös­ter­reich

63.864
65
0,10%

Frank­reich**

537.353
674
0,12%

Ita­li­en**

414.490
170
0,04%

Nie­der­lan­de

113.932
3.193
2,80%

Groß­bri­tan­ni­en

1,47 Mio.
44.757
3,04%

Schweiz

70.877
k.A.
k.A.

Un­garn

88.524
1.542
1,74%

* Be­rech­net nach den An­ga­ben in den ein­zel­nen Lan­des­be­rich­ten, er­gänzt um ei­ge­ne Re­cher­chen; nur allg. Straf­recht (kei­ne Spe­zi­al­ge­set­ze).
** Wer­te für Frank­reich und Ita­li­en be­zo­gen auf 1997.


Ganz un­ab­hän­gig von der kon­kre­ten recht­li­chen Aus­ge­stal­tung der Rechts­vor­schrif­ten zur Ge­win­n­ab­schöp­fung hat sich im üb­ri­gen ge­zeigt, dass der Er­folg der Ge­win­n­ab­schöp­fungs­be­mü­hun­gen mit der Durch­füh­rung ef­fek­ti­ver Fi­nan­zer­mitt­lun­gen in Kom­bi­na­ti­on mit mög­lichst zü­gi­gen (vor­läu­fi­gen) Zu­grif­fen steht und fällt. Und dies gilt un­ab­hän­gig da­von, ob die Ab­schöp­fung in den ein­zel­nen Rechts­ord­nun­gen im straf­recht­li­chen oder prä­ven­ti­ven Be­reich an­ge­sie­delt ist, wie die Be­weis­re­geln im Ein­zel­nen aus­ge­stal­tet sind, ob ein eher na­tu­ra­lis­tisch ge­präg­tes Ein­zie­hungs­kon­zept ver­folgt wird, das schwer­punkt­mä­ßig an den Ori­gi­nal­wer­ten an­setzt, oder ob ver­stärkt oder aus­schließ­lich das ge­gen­wär­tig be­son­ders auf EU-Ebe­ne fa­vo­ri­sier­te Wer­ter­satz­mo­dell ver­folgt wird. Ein­ge­zo­gen wer­den kön­nen letz­ten En­des im­mer nur Ver­mö­gens­wer­te, die be­kannt ge­wor­den sind. Die Er­mitt­lung die­ser Wer­te er­scheint, ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund der im­mer schwe­rer nach­voll­zieh­ba­ren Fi­nanz­trans­ak­tio­nen im mo­der­nen elek­tro­ni­schen Geld­ver­kehr ge­ra­de im pro­fes­sio­nel­len Tat­be­reich (sei es im Ein­zel­fall mit oder oh­ne kon­kre­ten OK-Be­zug), als die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung ei­ner ef­fek­ti­ven Ge­win­n­ab­schöp­fungs­po­li­tik. Ge­ra­de die jüngs­ten Er­fol­ge der Po­li­zei in Deutsch­land, die im Er­he­bungs­jahr 1999 Gel­der und Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de im Wert von ca. 430 Mio. DM vor­läu­fig si­cher­ge­stellt hat, er­schei­nen als ein deut­li­ches In­diz da­für, dass das Po­ten­ti­al des ver­mö­gens­be­zo­ge­nen Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fungs­an­sat­zes tat­säch­lich sehr viel hö­her sein kann, als auf­grund der ge­rin­gen An­wen­dungs­zah­len ge­ra­de in Deutsch­land lan­ge Zeit an­ge­nom­men wur­de.

Die wich­tigs­ten Be­fun­de wer­den Ein­gang fin­den in das lau­fen­de Ha­bi­li­ta­ti­ons­vor­ha­ben Kilch­ling.


Fi­nan­zie­rung:

För­de­rung mit Mit­teln der EU-Kom­mis­si­on aus dem FAL­CO­NE-Pro­gramm.