Un­ter Hass­kri­mi­na­li­tät wer­den rechts­wid­rig ver­üb­te Ta­ten ge­fasst, die ge­gen ei­ne Per­son oder Per­so­nen­grup­pe mit be­stimm­ten Merk­ma­len ge­rich­tet sind, die sich auf de­ren Ras­se, Na­tio­na­li­tät, Re­li­gi­on, Be­hin­de­rung oder auch Ge­schlecht be­zie­hen. In Deutsch­land er­lang­te die­se Grup­pe von Straf­ta­ten v. a. mit den frem­den­feind­li­chen Ge­wal­tex­zes­sen in den frü­hen 1990er Jah­ren öf­fent­lich wie wis­sen­schaft­lich ver­stärk­te Be­ach­tung. Ab­ge­se­hen von der spe­zi­el­len his­to­ri­schen Be­deu­tung, die die­se Hand­lun­gen ge­ra­de in Deutsch­land ha­ben, liegt die Be­son­der­heit frem­den­feind­lich mo­ti­vier­ter Ge­walt dar­in, dass sie von ei­ner Ideo­lo­gie der Un­gleich­heit bzw. der Un­gleich­wer­tig­keit ge­speist wird und auf Merk­ma­le ab­zielt, die das ein­zel­ne Op­fer nicht be­ein­flus­sen kann. Es sind Aus­län­der, Im­mi­gran­ten, aber auch Ob­dach­lo­se oder Ho­mo­se­xu­el­le, die we­gen ih­res “So-Seins”, ih­rer An­ders­ar­tig­keit ab­ge­wer­tet und ab­ge­lehnt wer­den, und de­nen ei­ne Da­seins­be­rech­ti­gung in der Welt der Tä­ter ab­ge­spro­chen wird.

Die zu­neh­men­de Aus­brei­tung frem­den­feind­li­cher Ge­walt wur­de in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren durch zahl­rei­che Stu­di­en er­forscht und von kon­tro­ver­sen De­bat­ten in ver­schie­de­nen wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen be­glei­tet. Nicht zu­fäl­lig stan­den und ste­hen ins­be­son­de­re durch Ju­gend­li­che und Her­an­wach­sen­de ver­üb­te Ge­walt­ta­ten im Blick­feld des öf­fent­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­ses. Fast aus­schließ­lich las­sen sich die Tä­ter in die­ser Al­ters­grup­pe fin­den, wo­bei sie ih­re Ge­walt­be­reit­schaft zu­meist als Teil von Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten un­ter Gleich­ge­sinn­ten zum Aus­druck brin­gen. Mit we­ni­gen Aus­nah­men fand je­doch das The­ma “Rechts­ex­tre­mis­mus und Frem­den­feind­lich­keit” im Kon­text des Straf­voll­zugs bis­her kei­nen Ein­gang in so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chun­gen. Da­her wid­met sich das vor­lie­gen­de Pro­jekt dem Ziel, den Ein­fluss ei­ner Ju­gend­frei­heits­s­tra­fe auf die Ent­wick­lungs­pro­zes­se jun­ger Män­ner zu un­ter­su­chen, die frem­den­feind­lich mo­ti­vier­te Ge­walt­ta­ten be­gan­gen ha­ben.

Im Zen­trum ste­hen da­bei Fra­gen nach der Ver­än­de­rung der Iden­ti­tät, des Selbst­bil­des, der Bin­dun­gen an rechts­ex­tre­mis­ti­sche Über­zeu­gun­gen und Grup­pen so­wie der Ge­walt­be­reit­schaft im In­haf­tie­rungs­ver­lauf. Da­bei gilt es zu­nächst zu klä­ren, in­wie­weit bei den Ju­gend­straf­tä­tern, die durch die Straf­ver­fol­gungs­in­stan­zen als „rechts­ex­trem“ eti­ket­tiert wur­den, tat­säch­lich rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­rungs­mus­ter vor­han­den sind, in wel­cher Art und Wei­se sie sich in­halt­lich äu­ßern und ins­be­son­de­re, wel­che Be­deu­tung sie für die Selbst­de­fi­ni­ti­on der Ju­gend­li­chen ha­ben. An­knüp­fend hieran soll un­ter­sucht wer­den, un­ter wel­chen per­so­na­len und in­sti­tu­tio­nel­len Be­din­gun­gen es zu ei­ner Ver­fes­ti­gung oder auch Ab­lö­sung rechts­ex­tre­mer Ori­en­tie­run­gen kommt. Fer­ner geht es dar­um, zu er­kun­den, wel­che Funk­ti­on die Mit­glied­schaft in rechts­ex­tre­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen für das Selbst­bild noch in der Voll­zugs­an­stalt hat und wie sich das ju­gend­li­che Selbst durch den mas­si­ven Ein­griff in Form des Frei­heits­ent­zugs in Be­zug auf die Tat, de­ret­we­gen sie ein­sit­zen müs­sen, ver­än­dert.

Zen­tra­les An­lie­gen die­ser Un­ter­su­chung ist es, über die de­skrip­ti­ve Ebe­ne hin­aus zu ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Ana­ly­se von In­ter­ak­ti­ons­ver­läu­fen zu ge­lan­gen, die das Zu­sam­men­spiel un­ter­schied­li­cher Ein­fluss­grö­ßen be­leuch­tet.

Das kri­mi­no­lo­gi­sche Pro­jekt glie­dert sich in fol­gen­de zwei Teil­stu­di­en, die je­weils un­ter­schied­li­che Ak­zent­set­zun­gen vor­neh­men:

  • Teil­pro­jekt Rechts­ex­tre­mis­mus & Ju­gend­straf­voll­zug - Aus­wir­kun­gen von Ju­gend­haft auf rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­rungs­mus­ter ju­gend­li­cher Ge­walt­tä­ter (Fi­gen Öz­söz)
  • Teil­pro­jekt Hass­kri­mi­na­li­tät - Aus­wir­kun­gen von Haf­ter­fah­run­gen auf Selbst­bild und Iden­ti­tät von frem­den­feind­li­chen ju­gend­li­chen Ge­walt­tä­tern (Mar­tin Bran­den­stein)

Kon­zep­ti­on und me­tho­di­sches Vor­ge­hen:

Rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­run­gen im Ju­gend­straf­voll­zug stel­len ein weit­ge­hend un­be­kann­tes The­men­feld dar. Da­her wer­den in der vor­lie­gen­den Stu­die schwer­punkt­mä­ßigLeit­fa­den-In­ter­views ein­ge­setzt, al­ler­dings oh­ne auf stan­dar­di­sier­te Da­ten durch Fra­ge­bo­gen (z.B. zu den Be­rei­chen Per­sön­lich­keit, Selbst­kon­zept, Au­to­ri­ta­ris­mus, Pri­so­ni­sie­rung) zu ver­zich­ten.

Die Un­ter­su­chung ist mit zwei Mess­zeit­punk­ten (t1: Haft­an­tritt; t2: 7 – 9 Mo­na­te spä­ter im Haft­ver­lauf) längs­schnitt­lich an­ge­legt und be­steht aus drei ver­schie­de­nen Stich­pro­ben­grup­pen:
(a) in­haf­tier­te rechts­ex­tre­me Ge­walt­tä­ter
(b) in­haf­tier­te Ge­walt­tä­ter oh­ne rechts­ex­tre­men Hin­ter­grund
(c) rechts­ex­tre­me Ju­gend­li­che oh­ne Haf­ter­fah­run­gen

Die je­wei­li­gen Un­ter­su­chungs­grup­pen be­ste­hen aus­schließ­lich aus jun­gen Män­nern deut­scher Her­kunft im Al­ter von 14 bis 24 Jah­ren. Die Stich­pro­ben­grö­ße wird et­wa 15 bis 20 Per­so­nen je Grup­pe be­tra­gen. Das Un­ter­su­chungs­de­sign ist ver­ein­facht in nach­fol­gen­der Ta­bel­le 1 dar­ge­stellt.

Ta­bel­le 1: Un­ter­su­chungs­de­sign der Stu­die “Hass­kri­mi­na­li­tät - Aus­wir­kun­gen von Haf­ter­fah­run­gen auf frem­den­feind­li­che ju­gend­li­che Ge­walt­tä­ter”

Stich­pro­benEr­he­bungs­zeit­punk­te
t1
Haft­an­tritt
(für E & KI)
t2
7-9 Mo­na­te spä­ter
In­haf­tier­te rechts­ex­tre­me Ge­walt­tä­ter (E)
In­haf­tier­te Ge­walt­tä­ter (KI)
Rechts­ex­tre­me Ju­gend­li­che (KA)

För­de­rung / Fi­nan­zie­rung:

Das Pro­jekt wur­de mit Mit­teln der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) fi­nan­ziert.