Die Dissertation ist Bestandteil des DFG-Projekts Recht – Norm – Kriminalisierung.

Ge­walt­tä­ti­ges frem­den­feind­li­ches Ver­hal­ten ist, wie al­les Ver­hal­ten des Men­schen, un­aus­weich­lich ein­ge­bun­den in Er­schei­nun­gen des Zeit­geis­tes. “Zeit­geist” soll hier ver­stan­den wer­den als über­ge­ord­ne­ter Be­griff al­ler zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­ab­schnitt herr­schen­den So­zia­li­sa­ti­ons­ein­flüs­se, die Ori­en­tie­rung bei der Su­che nach Ver­hal­tens­richt­li­ni­en ge­währ­leis­ten. Un­se­re heu­ti­ge Zeit, meist mit Be­grif­fen wie “Spät-” oder “Post­mo­der­ne” eti­ket­tiert, ist ge­kenn­zeich­net durch ein im­mer plu­ra­lis­ti­scher wer­den­des An­ge­bot an ak­zep­tier­ten Le­bens­ent­wür­fen und -kon­zep­ten. Da­mit ein­her geht be­kannt­lich auch die Re­la­ti­vie­rung ein­zel­ner Wer­te und Norm­vor­stel­lun­gen, was wie­der­um mit ei­nem Ver­lust an Halt ver­bun­den ist. Ge­ra­de Ju­gend­li­chen wird da­mit die Er­fül­lung ih­rer zen­tra­len ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Auf­ga­be, näm­lich ih­re (ei­ge­ne) Iden­ti­tät zu ent­wi­ckeln, we­sent­lich er­schwert. Die sog. “Patchwork-Iden­ti­tät”, die oh­ne in­te­gra­ti­ve Kraft zu­sam­men­ge­setzt ist und da­mit auch kei­nen ein­heit­li­chen Iden­ti­täts­kern mehr be­sitzt, ist in­di­vi­du­ums­be­zo­ge­ner Aus­druck die­ser ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se.

Die Un­ter­su­chung der Aus­wir­kun­gen von Haf­ter­fah­run­gen auf frem­den­feind­li­che ju­gend­li­che Ge­walt­tä­ter soll hier an­hand des Kon­zepts des Selbst­bil­des und der Iden­ti­tät vor­ge­nom­men wer­den. Da­mit mag der Zu­gang zu­nächst nur per­spek­ti­visch und dar­um ein­sei­tig er­schei­nen. Je­doch ist die­ses Kon­zept für die vor­lie­gen­de Fra­ge­stel­lung so­wohl theo­re­tisch als auch me­tho­do­lo­gisch ein äu­ßerst er­gie­bi­ges. Denn es be­rührt meh­re­re Dis­zi­pli­nen und in­halt­li­che Ebe­nen, die ge­ra­de auch für das The­ma der in Ge­walt mün­den­den Frem­den­feind­lich­keit ei­gen­stän­di­ge und her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung ha­ben.

Denn die Iden­ti­tät lässt ei­ne so­wohl ent­wick­lungs- und so­zi­al­psy­cho­lo­gi­sche als auch so­zio­lo­gi­sche Deu­tung frem­den­feind­li­chen ge­walt­tä­ti­gen Ver­hal­tens von Ju­gend­li­chen zu. Das Bild, das man von sich selbst hat, kann nur da­durch er­zeugt wer­den, dass man sich selbst mit den Au­gen der an­de­ren sieht. Dies wie­der­um kann nur durch In­ter­ak­ti­on mit an­de­ren Men­schen ge­sche­hen. In­ter­ak­ti­on fin­det auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, so­wohl zwi­schen Ein­zel­nen wie auch zwi­schen Grup­pen (Grup­pe­ni­den­ti­tät) bis hin zu gan­zen Ge­sell­schafts­grup­pen statt. Iden­ti­tä­ten auf al­len Ebe­nen wer­den über In­ter­ak­tio­nen stets von neu­em aus­ge­han­delt, be­stä­tigt oder ver­än­dert. Ge­ra­de in der Haft be­schrän­ken sich In­ter­ak­tio­nen al­ler­dings auf einen nur äu­ßerst klei­nen Kreis von Men­schen; das Aus­tes­ten ver­schie­de­ner Rol­len, auf die Ju­gend­li­che zur Be­wäl­ti­gung ih­rer Iden­ti­täts­fin­dung an­ge­wie­sen sind, ist so­mit nur sehr ein­ge­schränkt mög­lich. Die In­ter­ak­tio­nen in der Haft ha­ben da­her ei­ne kaum zu über­schät­zen­de Be­deu­tung für die Iden­ti­täts­ent­wick­lung im Straf­voll­zug.
Zu­dem lässt sich am Kon­zept des Selbst­bil­des frem­den­feind­li­ches Ge­walt­ver­hal­ten im Lich­te des Eti­ket­tie­rungs­an­sat­zes, und zwar in dop­pel­ter Hin­sicht frucht­bar un­ter­su­chen: Denn die straf­recht­li­che Re­ak­ti­on auf die Ge­walt­tat ist vor­lie­gend auch ei­ne auf die hass­mo­ti­vier­te Tat. Die Eti­ket­tie­rung könn­te sich mit­hin nicht nur auf die Kri­mi­na­li­sie­rung, son­dern auch auf die Hass­mo­ti­viert­heit der Tat be­zie­hen. Die psy­cho­lo­gi­sche Kehrsei­te des La­be­ling Ap­proach be­steht be­kannt­lich dar­in, dass die er­fah­re­ne Eti­ket­tie­rung von au­ßen ins Selbst­bild über­nom­men wird.

Da­her stellt sich die Fra­ge: Be­zieht sich die­se In­ter­na­li­sie­rung nur auf den Stem­pel des “Kri­mi­nel­len” bzw. “Ge­walt­kri­mi­nel­len” oder auch auf den des “Han­delns aus Hass”? Letz­te­res wür­de be­deu­ten, dass Pro­zes­se der sich selbst er­fül­len­den Pro­phe­zei­hung nicht le­dig­lich hin­sicht­lich all­ge­mei­nen kri­mi­nel­len (oder auch ge­walt­tä­ti­gen) Ver­hal­tens, son­dern auch in be­zug auf hass­mo­ti­vier­tes Ver­hal­ten im All­ge­mei­nen oder auch hass­mo­ti­vier­ter Ge­walt im Be­son­de­ren wir­ken wür­den.

In die­sem Zu­sam­men­hang ist aber auch die be­son­de­re Be­zie­hung der zu un­ter­su­chen­den Häft­lings­grup­pe zu der sie stra­fen­den In­stanz, dem Staat, zu be­ach­ten: Wäh­rend “nor­ma­le” Ge­fan­ge­ne die Stra­fe in der Re­gel als ei­ne nor­ma­le Re­ak­ti­on auf ih­re Tat an­se­hen, ist bei frem­den­feind­li­chen Ge­walt­tä­tern nicht aus­zu­schlie­ßen, dass sie die Re­ak­ti­on des Staa­tes ideo­lo­gie­kri­tisch hin­ter­fra­gen, und die Stra­fe nicht als ge­recht­fer­tigt, son­dern gar als Be­stä­ti­gung ih­rer kri­ti­schen Ein­schät­zung ge­gen­über dem “un­tä­ti­gen” Staat, dem­ge­gen­über sie we­nigs­tens mal die Din­ge “in die Hand ge­nom­men ha­ben”, an­se­hen.
Die­ser Ge­sichts­punkt hängt eng zu­sam­men mit ei­nem wei­te­ren Schwer­punkt der Un­ter­su­chung, den Neu­tra­li­sie­rungs­tech­ni­ken. Die­se wur­den von Sy­kes und Matza zur Er­klä­rung da­für her­an­ge­zo­gen, wie es An­ge­hö­ri­gen von Sub­kul­tu­ren mög­lich ist, bei er­wie­se­ner Auf­recht­er­hal­tung des sons­ti­gen Nor­men- und Wer­te­sys­tems, ih­re Ta­ten oh­ne Schuld­ge­füh­le be­ge­hen zu kön­nen. In Be­zug auf die vor­lie­gen­de Stu­die soll un­ter­sucht wer­den, ob und wie Neu­tra­li­sie­rungs­tech­ni­ken über die Tie­fe der Über­zeu­gung, mit­hin auch über die Ver­wur­ze­lung der­sel­ben in be­zug auf grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit im Selbst­kon­zept Auf­schluss ge­ben kön­nen.

Für die Un­ter­su­chung an­hand des Iden­ti­täts­kon­zepts ist das qua­li­ta­ti­ve In­ter­view – an­ge­sichts der ge­rin­gen Fall­zah­len oh­ne­hin – die Me­tho­de der Wahl, ins­be­son­de­re, da nur über of­fen ge­hal­te­ne Fra­gen der Pro­band selbst über die Struk­tur sei­nes Selbst­bil­des ent­schei­den kann. Al­lein da­durch wer­den – was mit quan­ti­ta­ti­ven Me­tho­den nicht mög­lich ist – Sinn­deu­tun­gen ex­pli­zier­bar, wo­durch nicht nur ein Er­klä­ren, son­dern ein Ver­ste­hen der in­ne­ren Pro­zes­se der Ju­gend­li­chen er­mög­licht wird. Auf Aus­sa­gen zu In­halts­kom­po­nen­ten ver­schie­de­ner Teil­be­rei­che der Iden­ti­tät und der emo­tio­nal-eva­lua­ti­ven Kom­po­nen­ten des Selbst­kon­zepts (Selbst­wert­ge­fühl) muss auf­grund der Nach­fra­gemög­lich­kei­ten im Rah­men des sog. the­men­zen­trier­ten In­ter­views nicht ver­zich­tet wer­den. Ein­heit­li­che Aus­sa­gen zu Selbst­bild und Iden­ti­tät frem­den­feind­li­cher Ge­walt­tä­ter sol­len in ei­nem her­me­neu­tisch-ähn­li­chen Zir­kel aus den In­ter­view­da­ten er­mög­licht wer­den.

Die Stu­die steht im Zu­sam­men­hang mit der Ar­beit von Frau Fi­gen Öz­söz zu Aus­wir­kun­gen von Ju­gend­haft auf rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­rungs­mus­ter ju­gend­li­cher Ge­walt­tä­ter.