Internationales Max-Planck-Informationssystem für Strafrechtsvergleichung

Anhand einer repräsentativen Auswahl von Landesberichten wurde unter Berücksichtigung der funktionalen Strafrechtsvergleichung eine internationale Metastruktur des Allgemeinen Teils des Strafrechts entwickelt. Der auf dieser Grundlage geschaffene, hochstrukturierte Datenbestand zum Allgemeinen Teil des Strafrechts ist unter der Adresse infocrim.org öffentlich zugänglich und ermöglicht derzeit den Vergleich von 28 Rechtsordnungen. Er ist jedoch nicht nur eine hervorragende Basis für die künftige rechtsvergleichende Forschung, sondern soll die Entwicklung einer universalen Strafrechtsdogmatik ermöglichen.

Der drit­te For­schungs­schwer­punkt der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung be­fasst sich mit der Straf­rechts­ver­glei­chung als zen­tra­ler For­schungs­me­tho­de zur Ana­ly­se der bei­den vor­ge­nann­ten Schwer­punk­te. Straf­rechts­ver­glei­chung ist im For­schungs­pro­gramm der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung da­her nicht nur ei­ne For­schungs­me­tho­de für die Un­ter­su­chun­gen zu den ter­ri­to­ria­len und funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts, son­dern selbst ein zen­tra­ler For­schungs­ge­gen­stand.

Das Pro­jekt „Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung“ ist ei­nes der großen und län­ger­fris­tig an­ge­leg­ten Pro­jek­te aus die­sem For­schungs­schwer­punkt. Es zielt auf Grund­la­gen­fra­gen der funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung und der Be­stim­mung ei­ner uni­ver­sa­len Me­ta­struk­tur, die über den na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen steht und ei­ne Ver­glei­chung die­ser Rechts­ord­nun­gen über­haupt erst er­mög­licht. Sol­che Un­ter­su­chun­gen zu den Grund­la­gen der (Straf-)Rechts­ver­glei­chung sind für ei­ne me­tho­disch kor­rek­te und vor al­lem für ei­ne er­trag­rei­che Rechts­ver­glei­chung un­ver­zicht­bar. Uni­ver­sa­le Rechts­ver­glei­chung ist in der heu­ti­gen glo­ba­len Welt nicht nur für die Auf­lö­sung der Ver­wei­sun­gen zwi­schen na­tio­na­len, in­ter­na­tio­na­len und su­pra­na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen von Be­deu­tung. Sie ist auch ein höchst wert­vol­les In­stru­ment der Kri­mi­nal­po­li­tik, die sich da­mit einen großen Fun­dus von Lö­sungs­mo­del­len er­schließt, für die be­reits prak­ti­sche Er­fah­run­gen vor­lie­gen. Straf­rechts­ver­glei­chung ist wei­ter in den in­ter­na­tio­na­len Be­zie­hun­gen für den Be­reich der Amts- und Rechts­hil­fe un­ver­zicht­bar, z.B. wenn Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis­se – wie im Fall Pu­ig­de­mont – zur Dis­kus­si­on ste­hen. Auch über den Be­reich der Rechts­hil­fe hin­aus lie­fert Rechts­ver­glei­chung ei­ne wich­ti­gen Bei­trag für ein har­mo­ni­sches Mit­ein­an­der in der Welt, wäh­rend das Un­ver­ständ­nis an­de­rer (Rechts-)Kul­tu­ren zu tief­grei­fen­den Ver­wer­fun­gen in Recht­spra­xis und Po­li­tik füh­ren kann.

Die ein­schlä­gi­gen Er­geb­nis­se des Pro­jekts zu den Grund­la­gen der Rechts­ver­glei­chung und die für das Pro­jekt ent­wi­ckel­ten Werk­zeu­ge der com­pu­ter­ba­sier­ten Straf­rechts­ver­glei­chung füh­ren auch zu neu­en an­wen­dungs­ori­en­tier­ten Er­geb­nis­sen: Sie schaf­fen zum einen die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne rechts­ver­glei­chen­de Ge­samt­dar­stel­lung des Straf­rechts der Welt, die Claus Ro­xin 1999 auf der Ta­gung über „Die deut­sche Straf­rechts­wis­sen­schaft vor der Jahr­tau­send­wen­de“ zu Recht als „Zu­kunfts­auf­ga­be der Welt­straf­rechts­wis­sen­schaft“ ein­ge­for­dert hat. Zum an­de­ren er­mög­li­chen sie ein völ­lig neu­ar­ti­ges com­pu­ter­ba­sier­tes Ex­per­ten­sys­tem und ei­ne ent­spre­chen­den Da­ten­bank zum ge­sam­ten All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts in ei­ner Viel­zahl von Rechts­ord­nun­gen. Auf den im Rah­men des Pro­jekts ge­schaf­fe­nen Pro­to­typ der Da­ten­bank kann über das In­ter­net un­ter der Adres­se in­fo­crim.org zu­ge­grif­fen wer­den.

Das Pro­jekt wur­de u.a. mit Son­der­mit­teln aus dem stra­te­gi­schen In­no­va­ti­ons­fonds des Prä­si­den­ten der Max-Planck-Ge­sell­schaft ge­för­dert.

I.  An­lass des Pro­jekts

Kon­kre­ter An­lass für die Kon­zep­ti­on des „Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung“ war ein Rechts­gut­ach­ten zur mit­tel­ba­ren Tä­ter­schaft für die An­kla­ge­be­hör­de des In­ter­na­tio­na­len Ad-hoc-Straf­ge­richts­hofs für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en der Ver­ein­ten Na­tio­nen (OTP-IC­TY). Die­ses Gut­ach­ten ver­glich über 40 un­ter­schied­li­che Rechts­ord­nun­gen aus al­len Rechts­krei­sen. Da­bei stell­te sich – wie auch in zahl­rei­chen spä­te­ren rechts­ver­glei­chen­den Pro­jek­ten – die zen­tra­le me­tho­di­sche Fra­ge: Kann an­ge­sichts der Viel­zahl und Viel­falt der ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen und der Kom­ple­xi­tät des Un­ter­su­chungs­ge­gen­stands in ei­ner ent­spre­chend breit an­ge­leg­ten „uni­ver­sa­len“ Straf­rechts­ver­glei­chung für al­le Fra­gen und al­le ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen noch ei­ne um­fas­sen­de Me­ta­struk­tur ge­fun­den wer­den, die für je­de Rechts­ord­nung zu je­dem Ein­zel­pro­blem ei­ne ent­spre­chen­de Ant­wort ge­ben kann? Da die Rechts­ver­glei­chung kei­ne ma­the­ma­ti­schen Be­wei­se kennt, soll­te der Nach­weis für die An­nah­me ei­ner sol­chen Me­ta­struk­tur durch einen um­fang­rei­chen Praxis­test in ei­nem wei­ten und kom­ple­xen Ge­biet für zahl­rei­che un­ter­schied­li­che Rechts­ord­nun­gen ge­führt wer­den. Des­we­gen hat das hier­für kon­zi­pier­te Pro­jekt nicht mehr und nicht we­ni­ger als den ge­sam­ten All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts zum Ge­gen­stand.

Für ei­ne ef­fek­ti­ve Be­stim­mung und Kon­trol­le der Me­ta­struk­tur soll­ten die ent­spre­chen­den Da­ten com­pu­ter­ge­stützt er­fasst und über­prüft wer­den. Das Ziel ei­ner Über­prü­fung der Me­ta­struk­tur an ei­nem kon­kre­ten Da­ten­be­stand mach­te die Un­ter­su­chung mit­hin auch zu ei­nem Pro­jekt der Rechts­in­for­ma­tik, da die hier­für ent­wi­ckel­ten tech­ni­schen Werk­zeu­ge leicht für wei­te­re an­wen­dungs­ori­en­tier­te Zwe­cke ge­nutzt wer­den konn­ten. Die an­ge­streb­te ein­heit­li­che Struk­tur der Stoff­dar­stel­lung bot gleich­zei­tig die Mög­lich­keit, den ge­sam­ten Rechtss­toff nicht nur in ei­ner hier­ar­chisch struk­tu­rier­ten Da­ten­bank ab­zu­bil­den, son­dern die Da­ten dar­über hin­aus mit ei­nem com­pu­ter­ba­sier­ten Da­ten­bank- oder Ex­per­ten­sys­tem zu ver­bin­den, das zu wei­te­ren an­wen­dungs­ori­en­tier­ten Zwe­cken wie der Er­stel­lung ei­nes rechts­ver­glei­chen­den Quer­schnitts­be­richts ge­nutzt wer­den konn­te.

Mit dem Pro­jekt soll auch den Zwei­feln Rech­nung ge­tra­gen wer­den, die bei der An­kün­di­gung von For­schun­gen zur com­pu­ter­ge­stütz­ten Straf­rechts­ver­glei­chung im Rah­men der Amtsein­füh­rung von Ul­rich Sie­ber ge­äu­ßert wor­den wa­ren. Ih­nen wur­de des­we­gen im For­schungs­be­richt 2004/2005 ei­ne – rhe­to­risch be­wusst über­zo­ge­ne – Vi­si­on für die­ses Pro­jekt ent­ge­gen­ge­hal­ten, die des­sen Ziel­rich­tung an­schau­lich um­schreibt:

„Rechts­ver­glei­cher ha­ben einen Traum: Sie träu­men von ei­nem Sys­tem, das die re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen zu den Rechts­ord­nun­gen der Welt ver­füg­bar hält. Al­le Da­ten sind da­bei nach ei­ner ein­heit­li­chen Struk­tur ge­ord­net, so dass sie leicht auf­find­bar und ver­gleich­bar sind. Wenn Pro­blem­stel­lun­gen in ver­schie­de­nen Rechts­ord­nun­gen nicht nur durch ähn­li­che Vor­schrif­ten, son­dern durch ganz an­de­re oder zu­sätz­li­che In­sti­tu­tio­nen ge­re­gelt sind, so wer­den die­se eben­falls an­ge­zeigt, so dass ei­ne um­fas­sen­de In­for­ma­ti­on mög­lich ist. Auf Wunsch kön­nen Be­rich­te für be­stimm­te Län­der auch ne­ben­ein­an­der dar­ge­stellt wer­den.“

Der nach­fol­gen­de Pro­jekt­be­richt soll einen Über­blick über den Stand der Un­ter­su­chung ge­ben und ins­be­son­de­re ver­an­schau­li­chen, in­wie­weit die an­ge­streb­ten Zie­le er­reicht wur­den oder
er­reicht wer­den kön­nen und wel­che zu­künf­ti­gen Mög­lich­kei­ten und Wei­ter­ent­wick­lun­gen das Pro­jekt bie­tet.

II. Pro­jekt­zie­le

Die grund­le­gen­de Ziel­set­zung des Pro­jekts im Hin­blick auf die Fra­ge nach ei­ner rechts­ver­glei­chen­den Me­tae­be­ne der uni­ver­sa­len Rechts­ver­glei­chung wur­de bei der Pro­jekt­prä­sen­ta­ti­on in ei­nem frü­he­ren For­schungs­be­richt2 in Form zwei­er grund­la­gen­be­zo­ge­ner und zwei­er an­wen­dungs­ori­en­tier­ter Zie­le wie folgt kon­kre­ti­siert:

  1.  Im Be­reich der straf­recht­li­chen Grund­la­gen­for­schung zielt das Pro­jekt zu­nächst auf die Ent­wick­lung ei­ner Me­ta­struk­tur zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts, die Grund­la­ge für die Glie­de­rung der Ma­te­rie, die sys­te­ma­tisch-funk­tio­na­le Straf­rechts­ver­glei­chung und die Ent­wick­lung ei­ner in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­dog­ma­tik ist. Die­se – über den na­tio­na­len Straf­rechts­ord­nun­gen ste­hen­de – Me­ta­struk­tur soll nicht nur in der Theo­rie ent­wi­ckelt, son­dern auch für ei­ne Viel­zahl von Rechts­ord­nun­gen ex­em­pli­fi­ziert und über­prüft wer­den.
  2. Das Pro­jekt schafft – zur Ex­em­pli­fi­zie­rung die­ser Me­ta­struk­tur und als ei­gen­stän­di­ge Grund­la­gen­for­schung – für ei­ne grö­ße­re An­zahl re­prä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­ter Rechts­ord­nun­gen des Straf­rechts iden­tisch struk­tu­rier­te Lan­des­be­rich­te zum ge­sam­ten All­ge­mei­nen Teil. Die­se Lan­des­be­rich­te wer­den als Pro­jek­t­er­geb­nis­se in ei­ner klas­si­schen Buch­pu­bli­ka­ti­on ver­öf­fent­licht, sol­len aber auch einen Da­ten­pool für wei­ter­füh­ren­de rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chun­gen bil­den.
  3. Auf der Grund­la­ge die­ser Lan­des­be­rich­te ist ein rechts­ver­glei­chen­der Quer­schnitts­be­richt ge­plant. Dar­in wer­den zu den ent­spre­chen­den – funk­tio­nal de­fi­nier­ten – Sach­fra­gen der o.g. Me­ta­struk­tur die welt­weit be­ste­hen­den Lö­sungs­mo­del­le ana­ly­siert. …
  4. Par­al­lel zu die­ser in­ter­na­tio­nal­recht­li­chen, straf­recht­li­chen und rechts­ver­glei­chen­den Grund­la­gen­for­schung sol­len die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von com­pu­ter­ba­sier­ten Ex­per­ten­sys­te­men zur Straf­rechts­ver­glei­chung un­ter­sucht wer­den. … Der Pro­to­typ ei­nes sol­chen Da­ten­bank- und Ex­per­ten­sys­tems soll re­al ge­baut und der Fach­welt über das In­ter­net an­ge­bo­ten wer­den.“

III.  In­halt und Durch­füh­rung

Das „Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung“ wur­de mit Son­der­mit­teln aus dem stra­te­gi­schen In­no­va­ti­ons­fonds des Prä­si­den­ten der Max-Planck-Ge­sell­schaft ge­för­dert. Aus die­sem Grund wer­den hier nicht nur die Er­geb­nis­se wie­der­ge­ge­ben, son­dern auch ein kur­z­er Be­richt über die Durch­füh­rung des Pro­jekts.

1.  Struk­tu­rie­rung und Er­stel­lung von Lan­des­be­rich­ten in der Pi­lot­grup­pe

Die Ar­bei­ten an dem Pro­jekt be­gan­nen mit der Ein­rich­tung ei­ner Pi­lot­grup­pe zur Er­stel­lung der Me­ta­struk­tur und der Lan­des­be­rich­te. Die­se ers­te Grup­pe be­stand ne­ben dem Ver­fas­ser die­ses Be­richts aus 12 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern des In­sti­tuts, die als Re­fe­ren­tin­nen und Re­fe­ren­ten für die von ih­nen be­han­del­ten Rechts­ord­nun­gen in die­sen be­reits lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung ge­sam­melt hat­ten. Die Län­der­aus­wahl des Pi­lot­pro­jekts soll­te in dem per­so­nell ver­füg­ba­ren Rah­men ein mög­lichst brei­tes Spek­trum ver­schie­de­ner Rechts­sys­te­me ein­be­zie­hen. Aus­ge­wählt wur­den Chi­na und Süd­ko­rea (als Ver­tre­ter des asia­ti­schen Rechts­raums), Côte d’Ivoi­re (für Afri­ka), Frank­reich, Ita­li­en und Spa­ni­en (als Län­der des ro­ma­ni­schen Rechts­krei­ses), Po­len (als ehe­mals so­zia­lis­ti­sches Land), Schwe­den (als Ver­tre­ter der nor­di­schen Län­der Eu­ro­pas), Ös­ter­reich (als Ver­tre­ter des deut­schen Sprach­raums) und die Tür­kei mit ih­rem re­for­mier­ten Straf­ge­setz, das sich von frü­he­ren Vor­bil­dern weit­ge­hend eman­zi­piert hat.

Die Ar­beit der Pi­lot­grup­pe bei der Ent­wick­lung der Me­ta­struk­tur war da­durch er­schwert, dass sich die zu­nächst ge­wähl­te Glie­de­rung der Ma­te­rie in den zahl­rei­chen Pro­jekt­be­spre­chun­gen im­mer wie­der für die ei­ne oder an­de­re Rechts­ord­nung als un­ge­eig­net er­wies und folg­lich al­le Be­rich­te zu­guns­ten ei­ner neu­en Lö­sung ge­än­dert wer­den muss­ten, die auch für die be­tref­fen­de Rechts­ord­nung pass­te. Die­se Pro­ble­me wur­den in lan­gen rechts­ver­glei­chen­den Dis­kus­sio­nen ge­löst und die Grup­pe konn­te, vor al­lem auch auf­grund des großen En­ga­ge­ments der frü­he­ren Mit­ar­bei­te­rin Dr. Ka­rin Cor­nils, ih­re Ar­beit 2010 er­folg­reich ab­schlie­ßen. Die deutsch­spra­chi­gen Lan­des­be­rich­te der Pi­lot­grup­pe wur­den in den Jah­ren 2008 bis 2010 in fünf – the­ma­tisch struk­tu­rier­ten – Bän­den voll­stän­dig ver­öf­fent­licht.

2. Über­prü­fung und Er­wei­te­rung der Er­geb­nis­se an­hand wei­te­rer Rechts­ord­nun­gen

Zur Über­prü­fung der ent­wi­ckel­ten Me­ta­struk­tur und zur Er­wei­te­rung der Lan­des­be­rich­te wur­de in den Jah­ren 2009/2010 ei­ne zwei­te Ar­beits­grup­pe ge­bil­det. Aus­ge­wählt wur­den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter für zu­nächst elf wei­te­re Län­der, ins­be­son­de­re mit Blick dar­auf, das bis­he­ri­ge Spek­trum um mög­lichst auch an­ders­ar­ti­ge Rechts­ord­nun­gen zu er­gän­zen. Neu ein­be­zo­gen wur­den das Schwei­zer Recht (zur Er­wei­te­rung des un­ter­such­ten deutsch­spra­chi­gen Rechts­krei­ses), Aus­tra­li­en, In­di­en und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka (als drei wei­te­re Com­mon-Law-Sys­te­me), Un­garn, Ru­mä­ni­en und Russ­land (als Ver­tre­ter der ehe­ma­li­gen so­zia­lis­ti­schen Län­der), Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na (als ers­tes ein­be­zo­ge­nes Land aus dem Ge­biet des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en), Ja­pan (als wei­te­res Bei­spiel ei­ner asia­ti­schen Rechts­ord­nung), Uru­guay (als ers­ter Re­prä­sen­tant La­tein­ame­ri­kas) so­wie Iran (mit in­ter­essan­ten Aspek­ten des is­la­mi­schen Straf­rechts, des­sen grund­le­gen­de Wer­te­ba­sis nicht auf den Schutz des Men­schen, son­dern auch tran­szen­den­tal auf Gott aus­ge­rich­tet ist).

Die Schwie­rig­kei­ten bei der Ent­wick­lung ei­nes uni­ver­sal gül­ti­gen Re­fe­renz­rah­mens und der hier­für er­for­der­li­che Pro­zess des „tri­al and er­ror“ wa­ren wich­ti­ge Grün­de da­für, dass die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer an dem oben ge­nann­ten Pi­lot­pro­jekt noch in der ih­nen am bes­ten ver­trau­ten deut­schen Fach­spra­che ge­ar­bei­tet hat­ten. Nach­dem die Glie­de­rungs­struk­tur mit dem Ab­schluss der Pro­jekt­bän­de vor­erst fest­ge­legt war, er­folg­ten die Ar­bei­ten der zwei­ten Grup­pe auf Eng­lisch und wur­den die Ar­bei­ten der ers­ten Grup­pe in die­se Spra­che über­setzt. Dies führ­te zu neu­en Her­aus­for­de­run­gen in Be­zug auf die Ge­win­nung von Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern so­wie die Ter­mi­no­lo­gie der Be­rich­te; zur Un­ter­stüt­zung wur­de des­we­gen im In­sti­tut ein spe­zi­fi­scher The­sau­rus er­ar­bei­tet, der einen ein­heit­li­chen Sprach­ge­brauch si­chern soll. Die Über­prü­fung der Lan­des­be­rich­te auf ih­re Über­ein­stim­mung mit der vor­ge­ge­be­nen Me­ta­struk­tur so­wie die sprach­li­che Über­prü­fung der eng­lisch­spra­chi­gen Tex­te er­wie­sen sich da­bei als ein sehr ar­beits­in­ten­si­ver „Fla­schen­hals“ des Pro­jekts. Die­se Ar­bei­ten wer­den zur Zeit von zwei in der Rechts­ver­glei­chung sehr er­fah­re­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen der Grup­pe, Frau Emi­ly Sil­ver­man, JD, und Frau Dr. Kon­stan­ze Jar­vers, durch­ge­führt.

Schwie­rig­kei­ten re­sul­tie­ren bei die­ser Ar­beit auch dar­aus, dass nicht sel­ten re­le­van­te Rechts­fra­gen in der Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur der je­wei­li­gen Län­der kaum be­han­delt wer­den. Da we­gen der Vor­ga­ben der Me­ta­struk­tur auf al­le Fra­ge­stel­lun­gen aus­führ­lich ein­ge­gan­gen wer­den muss, ge­stal­tet sich die Er­stel­lung der Lan­des­be­rich­te da­mit we­sent­lich schwie­ri­ger als z.B. das Ver­fas­sen ei­nes Lehr­buchs zum na­tio­na­len Recht, bei dem sich die Au­to­rin oder der Au­tor auf die Be­ant­wor­tung der bis­her im je­wei­li­gen Land ak­ten­kun­dig ge­wor­de­nen und dis­ku­tier­ten Fra­gen be­schrän­ken kann. Die­ses Pro­blem konn­te teil­wei­se nur durch ei­ne Feld­for­schung vor Ort ge­löst wer­den (z.B. durch In­ter­views mit Rich­tern in Côte d’Ivoi­re).

Für die eng­lisch­spra­chi­ge Pu­bli­ka­ti­on wur­de die Ein­ord­nung des Stof­fes ge­gen­über der Struk­tur in den fünf deut­schen Bän­den ge­ring­fü­gig mo­di­fi­ziert, so dass je­der Band in­halt­lich bes­ser mit sei­nem The­menschwer­punkt iden­ti­fi­ziert wer­den kann. Die da­mit auch für die nach­fol­gen­den Lan­des­be­rich­te in ih­rem In­halt vor­de­fi­nier­ten fünf Bän­de be­han­deln in Band 1 „In­tro­duc­ti­on to na­tio­nal sys­tems“, in Band 2 „Ge­ne­ral li­mi­ta­ti­ons on the ap­p­li­ca­ti­on of cri­mi­nal law“, in Band 3 „De­fi­ning cri­mi­nal con­duct“, in Band 4 „Spe­ci­al forms of cri­mi­nal lia­bi­li­ty“ und in Band 5 „Grounds for re­jec­ting cri­mi­nal lia­bi­li­ty“. Für die­se Bän­de wur­de bei der Pu­bli­ka­ti­on von An­fang an ein Sys­tem von „Un­ter­num­mern“ ent­wi­ckelt, mit dem Fol­ge­bän­de zu al­len fünf The­men­be­rei­chen fle­xi­bel her­aus­ge­ge­ben wer­den konn­ten (z.B. als „Bd. 1“ : Bän­de 1.1, 1.2, 1.3, …).

Nach­dem die Ar­beit der zwei­ten Grup­pe die ge­fun­de­ne Me­ta­struk­tur be­stä­tigt hat­te und ein ent­spre­chen­der Er­läu­te­rungs­text zu den je­wei­li­gen Punk­ten er­stellt wor­den war, ent­wi­ckel­te sich in der Fol­ge­zeit ei­ne fle­xi­ble Er­wei­te­rungs­po­li­tik, bei der die Lan­des­be­rich­te nicht mehr durch in­sti­tuts­in­ter­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, son­dern durch ex­ter­ne Ko­ope­ra­ti­ons­part­ne­rin­nen und -part­ner er­stellt wer­den. Auch die Be­treu­ung die­ser ex­ter­nen Part­ne­rin­nen und Part­ner so­wie die mü­he­vol­le Durch­sicht und Re­dak­ti­on ih­rer Tex­te er­folgt durch die bei­den oben ge­nann­ten In­sti­tuts­mit­ar­bei­te­rin­nen. Auf die­se Wei­se wur­den wei­te­re Rechts­ord­nun­gen ein­be­zo­gen, an de­nen zur Zeit ge­ar­bei­tet wird. Das Pro­jekt ist da­her lang­fris­tig als „work in pro­gress“ an­ge­legt.

3. Er­mitt­lung und Über­prü­fung der Me­ta­struk­tur

Die von der Pi­lot­grup­pe in ei­nem schwie­ri­gen Ar­beitspro­zess ent­wi­ckel­te Me­ta­struk­tur er­mög­lich­te für al­le ein­be­zo­ge­nen Län­der ei­ne funk­tio­na­le Rechts­ver­glei­chung zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts. Da­bei ging es nicht dar­um, ir­gend­ei­ne zweck­mä­ßi­ge oder päd­ago­gisch sinn­vol­le Glie­de­rungs­struk­tur für die Dar­stel­lung von Lan­des­be­rich­ten oder ei­nes rechts­ver­glei­chen­den Quer­schnitts­be­richts zu fin­den. Vor­aus­set­zung für einen uni­ver­sa­len Rechts­ver­gleich ist viel­mehr, dass je­de Aus­sa­ge zum Straf­recht ei­ner Rechts­ord­nung in der Me­ta­struk­tur einen Platz hat, an dem ihm ei­ne Ant­wort für je­de an­de­re Rechts­ord­nung der Welt zu­ge­ord­net wer­den kann. Die funk­tio­na­le Rechts­ver­glei­chung er­for­dert da­bei, dass die De­fi­ni­ti­on der ent­spre­chen­den Teil­ele­men­te der Struk­tur nicht von den recht­li­chen Be­grif­fen der ein­zel­nen Rechts­ord­nun­gen ab­hängt, son­dern durch die (in ver­schie­de­nen Län­dern iden­ti­schen) Le­bens­sach­ver­hal­te oder Pro­ble­me be­stimmt wird, d.h. die Teil­ele­men­te müs­sen ei­ne funk­tio­na­le Ent­spre­chung ha­ben, oh­ne not­wen­di­ger­wei­se das glei­che Er­geb­nis zu lie­fern. Nur ei­ne sol­che Struk­tur er­laubt die par­al­le­le Dar­stel­lung und die Ver­glei­chung der un­ter­schied­li­chen Re­ge­lun­gen, Theo­ri­en und Lö­sun­gen in den ver­schie­de­nen Rechts­ord­nun­gen. Ei­ne be­son­de­re me­tho­di­sche Her­aus­for­de­rung liegt hier wei­ter dar­in, zu er­ken­nen, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen der Rechtss­toff aus ei­ner Rechts­ord­nung der je­weils an­de­ren Rechts­ord­nung zu­ge­ord­net wer­den kann. Da­für sind Hy­po­the­sen über uni­ver­sell gel­ten­de Struk­tur­merk­ma­le zu for­mu­lie­ren, die jen­seits der ei­ge­nen na­tio­na­len Re­ge­lung und Axio­me lie­gen (funk­tio­na­le Rechts­ver­glei­chung).

Die für ei­ne sol­che Struk­tu­rie­rung zu lö­sen­den Pro­ble­me las­sen sich am Bei­spiel der ver­schie­de­nen Straf­tat­sys­te­me ver­deut­li­chen: Die­se wer­den in den Lan­des­be­rich­ten für al­le Rechts­ord­nun­gen als Sys­tem­ge­sichts­punkt in glei­cher Wei­se und an glei­cher Stel­le ana­ly­siert. An­statt dann je­doch bei der Dar­stel­lung der Rechts­ma­te­ri­en – wie et­wa im deut­schen Straf­recht – nach Tat­be­stands­mä­ßig­keit, Rechts­wid­rig­keit und Schuld zu dif­fe­ren­zie­ren, ori­en­tiert sich die wei­te­re Un­ter­glie­de­rung der Be­rich­te nicht an die­sen un­ter­schied­lich ge­lös­ten recht­li­chen Sys­tem­ge­sichts­punk­ten, son­dern an dem für al­le ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen gel­ten­den „ge­mein­sa­men Nen­ner“ der sach­ver­halts- oder tat­sa­chen­be­zo­ge­nen Un­ter­schei­dung zwi­schen ob­jek­ti­ver und sub­jek­ti­ver Tat­sei­te.

Ent­spre­chen­des gilt z.B. für die Dif­fe­ren­zie­rung von Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­den. Da die­se Un­ter­schei­dung vie­len Rechts­ord­nun­gen fremd ist, wur­den die Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­de un­ter dem um­fas­sen­de­ren Ge­sichts­punkt der Grün­de für den Aus­schluss der Straf­bar­keit be­han­delt und dann – auf der Grund­la­ge ei­ner funk­tio­na­len Straf­rechts­ver­glei­chung – nach Le­bens­sach­ver­hal­ten wei­ter dif­fe­ren­ziert. Das Er­for­der­nis ei­ner län­der­über­grei­fen­den tat­sa­chen­be­zo­ge­nen Sys­te­ma­tik zeigt sich auch an vie­len an­de­ren Stel­len: So wird et­wa der Ver­such (d.h. ein recht­li­ches Kon­strukt) in ei­nem (sach­be­zo­ge­nen) Ka­pi­tel über „Straf­ba­res Ver­hal­ten im Vor­feld der Tat­vollen­dung“ als ei­ne von meh­re­ren mög­li­chen For­men der un­voll­en­de­ten Tat­be­ge­hung dar­ge­stellt. Auf­grund die­ser funk­tio­na­len Sys­te­ma­tik sind die Lan­des­be­rich­te teil­wei­se bis in die vier­te Glie­de­rungs­ebe­ne iden­tisch und bis in die fünf­te Ebe­ne zu­min­dest ähn­lich auf­ge­baut, was ei­ne her­vor­ra­gen­de Grund­la­ge für den spä­te­ren Ver­gleich der Rechts­ord­nun­gen und für die Mo­dell­bil­dung der je­wei­li­gen Pro­blem­lö­sun­gen bie­tet. Auch die ge­wähl­te Ter­mi­no­lo­gie be­durf­te ei­ner Ver­ein­heit­li­chung.

Für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der ge­fun­de­nen Glie­de­rungs­struk­tur spricht vor al­lem die Tat­sa­che, dass die zwei­te Ar­beits­grup­pe die­se Struk­tur für elf wei­te­re – teil­wei­se sehr ver­schie­de­ne – Rechts­ord­nun­gen über­neh­men konn­te und in­so­weit kaum An­pas­sungs­be­darf be­stand. Dies deu­tet dar­auf hin, dass die wei­te­re Dif­fe­ren­zie­rung der straf­recht­li­chen Pro­blem­stel­lun­gen und der Lö­sungs­mo­del­le bei der rechts­ver­glei­chen­den Ana­ly­se zu ei­ner über­zeu­gen­den uni­ver­sa­len Me­ta­struk­tur und „Gram­ma­tik“ der be­ste­hen­den Pro­blem­stel­lun­gen und Lö­sungs­mo­del­le ge­führt hat.

IV. Pro­jek­t­er­geb­nis­se

1. Er­kennt­nis­se zu me­tho­di­schen Grund­la­gen­fra­gen: Funk­tio­na­le Straf­rechts­ver­glei­chung und Me­tae­be­ne

Das Pro­jekt hat die am Be­ginn sei­ner Kon­zep­ti­on ste­hen­den me­tho­di­schen Grund­la­gen­fra­gen klar im Sin­ne der ein­gangs auf­ge­stell­ten Hy­po­the­sen be­ant­wor­tet. Dies be­deu­tet: Mit ei­ner rich­tig an­ge­wand­ten funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung, die in der Sa­che nicht an recht­li­che Be­grif­fe, son­dern an Le­bens­sach­ver­hal­te an­knüpft, las­sen sich auch brei­te Rechts­ge­bie­te und kom­ple­xe Fra­ge­stel­lun­gen für ei­ne Viel­zahl un­ter­schied­li­cher Rechts­ord­nun­gen so struk­tu­rie­ren, dass ei­ne über den ver­gli­che­nen Rechts­ord­nun­gen ste­hen­de „Me­ta­struk­tur“ je­der die­ser Rechts­ord­nun­gen zu­grun­de ge­legt wer­den kann. (vgl. da­zu oben III.3 das Bei­spiel zu den Recht­fer­ti­gungs- und Schuld­aus­schlie­ßungs­grün­den).

Das Pro­jekt hat die­ses – für die Rechts­ver­glei­chung ele­men­ta­re – Er­geb­nis für den ge­sam­ten All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts nach­ge­wie­sen, d.h. für ein Rechts­ge­biet, wie es im Straf­recht kaum brei­ter und kom­ple­xer ge­wählt wer­den könn­te. Es hat die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Me­ta­struk­tur an­hand von höchst un­ter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen aus al­len Rechts­krei­sen der Welt be­legt, vom kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Recht über das Com­mon Law bis hin zum asia­ti­schen, afri­ka­ni­schen und re­li­gi­ösen Recht. Die­ses Re­sul­tat wur­de im Üb­ri­gen durch die Viel­zahl der in den letz­ten 15 Jah­ren am Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut ent­stan­de­nen spe­zi­el­len rechts­ver­glei­chen­den Ar­bei­ten be­stä­tigt, ein­schließ­lich zahl­rei­cher Pro­mo­tio­nen im Rah­men der In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School for Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law (IM­PRS-CC). Die Un­ter­su­chun­gen ha­ben ge­zeigt, dass der Er­kennt­nis­ge­winn von rechts­ver­glei­chen­den Ar­bei­ten durch ei­ne kon­se­quen­te Zie­l­ori­en­tie­rung und ei­ne gut durch­dach­te Me­ta­struk­tur ganz er­heb­lich ge­stei­gert wer­den kann. Am In­sti­tut ent­stand da­durch ein über­ra­gen­des Ex­per­ten­wis­sen.

Der er­reich­te De­tail­grad der ein­heit­lich und par­al­lel – in meh­re­ren Glie­de­rungs­ebe­nen – struk­tu­rier­ten Lan­des­be­rich­te ist be­mer­kens­wert. Die Ein­hal­tung die­ser Par­al­lel­struk­tur wird pro­gramm­tech­nisch durch das da­für ver­wen­de­te Com­pu­ter­sys­tem ge­si­chert: Wird ein Lan­des­be­richt in das Sys­tem ein­ge­ge­ben, der den vor­ge­ge­be­nen Struk­turan­for­de­run­gen nicht ent­spricht (z.B. weil er ei­ne vor­ge­ge­be­ne Glie­de­rungs­ebe­ne nicht ent­hält), so wird dies vom Sys­tem bei der Da­ten­ein­ga­be er­kannt und der Be­richt zu­rück­ge­wie­sen.

2. Er­stel­lung ei­nes Da­ten­pools mit Lan­des­be­rich­ten zum All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts

Mit dem Pro­jekt ist es wei­ter ge­lun­gen, ein „La­bor der Straf­rechts­ver­glei­chung“ mit ei­nem Da­ten­pool von iden­tisch auf­ge­bau­ten Lan­des­be­rich­ten zu er­stel­len, mit de­nen auch die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Me­ta­struk­tur über­prüft wer­den kann. Ein­be­zo­gen wur­den da­bei die fol­gen­den Rechts­ord­nun­gen: Aus­tra­li­en, Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, Bul­ga­ri­en, Chi­na, Côte d’Ivoi­re, Eng­land/Wa­les, Frank­reich, Grie­chen­land, In­di­en, Iran, Ita­li­en, Ja­pan, Ko­rea, Ös­ter­reich, Po­len, Por­tu­gal, Ru­mä­ni­en, Russ­land, Schwe­den, Schott­land, Schweiz, Spa­ni­en, Thai­land, Tür­kei, Ugan­da, Un­garn, Uru­guay, USA.

Die nur teil­wei­se Ver­füg­bar­keit von Lan­des­be­rich­ten be­ruht zum einen dar­auf, dass die ein­ge­reich­ten Lan­des­be­rich­te sprach­lich über­prüft wer­den müs­sen (die bes­ten Fach­leu­te des Straf­rechts sind nicht im­mer Ex­per­tin­nen oder Ex­per­ten der eng­li­schen Spra­che). Noch auf­wen­di­ger ist – an­ders als bei der Pu­bli­ka­ti­on z.B. ei­nes Lehr­bucht­ex­tes – dass mit Blick auf die Ver­gleich­bar­keit der Be­rich­te sehr sorg­fäl­tig kon­trol­liert wer­den muss, ob die dar­ge­stell­ten In­for­ma­tio­nen je­weils an der rich­ti­gen Stel­le der über­grei­fen­den Struk­tur ste­hen. Die Mit­wir­kung an die­sem Pro­jekt stellt an die Ver­fas­se­r­in­nen und Ver­fas­ser der Lan­des­be­rich­te des­we­gen auch sehr ho­he An­for­de­run­gen im Hin­blick auf das Ver­ständ­nis der Ge­samt­sys­te­ma­tik und die spe­zi­fi­sche Zu­ord­nung des Stof­fes zu den klein­tei­li­gen und durch die Me­ta­struk­tur prä­zi­se de­fi­nier­ten Glie­de­rungs­punk­ten. Des­we­gen liegt der­zeit im In­sti­tut ein er­heb­li­cher Be­stand an Tex­ten der Lan­des­be­richt­er­stat­te­rin­nen und -er­stat­ter vor, der noch den ar­beits­in­ten­si­ven Pro­zess der In­halts- und Sprach­kon­trol­le durch­lau­fen muss.

Die bis­her pu­bli­zier­ten Lan­des­be­rich­te ha­ben ei­ne durch­schnitt­li­che Län­ge von ca. 275 Sei­ten. Die­ser Um­fang er­laubt ei­ne aus­sa­ge­kräf­ti­ge De­tail­tie­fe der Be­rich­te, oh­ne dass je­doch so aus­führ­lich auf De­tails der Recht­spre­chung ein­ge­gan­gen wird, dass ei­ne stän­di­ge Ak­tua­li­sie­rung er­for­der­lich wä­re. Das Sys­tem er­fasst der­zeit den In­halt von ca. 3000 deutsch­spra­chi­gen und von ca. 4000 eng­lisch­spra­chi­gen Sei­ten. Die fünf deutsch­spra­chi­gen und elf eng­lisch­spra­chi­gen Buch­bän­de ha­ben sich als pra­xi­staug­li­che Nach­schla­ge­wer­ke zur welt­wei­ten Straf­rechts­ver­glei­chung im All­ge­mei­nen Teil des Straf­rechts er­wie­sen. Das Pro­jekt hat da­mit auch ge­zeigt, dass ei­ne rechts­ver­glei­chen­de En­zy­klo­pä­die zu großen Teil­ge­bie­ten des Rechts auf der Ba­sis ei­ner uni­ver­sa­len ein­heit­li­chen Me­ta­struk­tur er­stellt wer­den kann. Es hat al­ler­dings auch deut­lich ge­macht, dass ein Pro­dukt mit ei­ner prä­zi­se vor­ge­ge­be­nen Me­ta­struk­tur, die der com­pu­ter­ge­stütz­ten Kon­trol­le von auf dem Bild­schirm ne­ben­ein­an­der an­ge­zeig­ten na­tio­na­len Dar­stel­lun­gen zum glei­chen Pro­blem stand­hal­ten muss, et­was völ­lig an­de­res ist als die Er­stel­lung ei­ner Samm­lung von Ein­füh­run­gen in die je­wei­li­gen Lan­des­rech­te, de­ren Schwer­punk­te die Au­to­rin­nen und Au­to­ren weit­ge­hend selbst be­stim­men kön­nen. Der Ar­beits­auf­wand für die prä­zi­se Ein­hal­tung ei­ner Me­ta­struk­tur war und ist da­her sehr hoch.

3. Schaf­fung ei­nes ope­ra­blen Da­ten­bank- und Ex­per­ten­sys­tems

Das tech­ni­sche Da­ten­bank­sys­tem ar­bei­tet seit dem Re­launch im Jahr 2015 auf pro­fes­sio­nel­lem Ni­veau. Die meis­ten Funk­tio­nen sind selbst­er­klä­rend und so­fort nutz­bar. Die ge­such­te recht­li­che In­for­ma­ti­on kann in dem ein­schlä­gi­gen Lan­des­be­richt punkt­genau an der re­le­van­ten Text­stel­le ab­ge­ru­fen wer­den. Ei­ne par­al­le­le Sach­dar­stel­lung für ein zwei­tes Land kann auf den Bild­schirm ge­holt und ne­ben die ent­spre­chen­de In­for­ma­ti­on des ers­ten Lan­des ge­stellt wer­den, wo­bei in bei­den Be­rich­ten ge­scrollt und ge­le­sen wer­den kann. Der Be­richt des ers­ten oder des zwei­ten Lan­des kann leicht durch den ei­nes an­de­ren Lan­des er­setzt wer­den. Das Sys­tem kann da­bei so­wohl in der deut­schen als auch in der eng­li­schen Spra­che ge­nutzt wer­den: Wählt man ein Sacht­he­ma z.B. aus der eng­lisch­spra­chi­gen Glie­de­rung aus, ist der Be­richt der­zeit je­doch nur in deut­scher Spra­che vor­han­den, so wird das Ge­such­te gleich­wohl ge­fun­den und dann in der vor­han­de­nen deut­schen Form an­ge­zeigt. Ist der Be­richt in bei­den Spra­chen vor­han­den, so kann zwi­schen den Sprach­ver­sio­nen ge­wech­selt wer­den. Kon­zep­te zu ei­nem wei­te­ren Aus­bau der Mehr­spra­chig­keit be­ste­hen be­reits.

Da­mit hat das Pro­jekt auch hin­sicht­lich die­ser Ziel­set­zung einen über­zeu­gen­den Nach­weis er­bracht, dass ei­ne com­pu­ter­ge­stütz­te Rechts­ver­glei­chung mit spe­zi­ell ent­wi­ckel­ten An­wen­dun­gen mög­lich ist. Ein Blick auf die Funk­tio­nen der Da­ten­bank macht deut­lich, dass sie ei­ne ho­he Nut­zer­freund­lich­keit hat, die den Kom­fort vie­ler pro­fes­sio­nel­ler Dan­ken­bank­sys­te­me im na­tio­na­len Rechts­be­reich über­steigt. Das Pro­jekt hat die ein­gangs be­schrie­be­ne Vi­si­on der Rechts­ver­glei­cher be­reits weit­ge­hend rea­li­siert. Es ist dar­über hin­aus welt­weit die ein­zi­ge be­kann­te Da­ten­bank, die spe­zi­ell auf rechts­ver­glei­chen­de Re­cher­chen zu­ge­schnit­ten ist, und auch da­her ei­ne Pio­nier­ar­beit.

Da­mit sind das Grund­la­gen­wis­sen, das An­wen­dungs­wis­sen und ein tech­ni­scher Pro­to­typ ge­schaf­fen, durch die das Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung in der Rechts­po­li­tik und der Recht­spra­xis ins­be­son­de­re der Eu­ro­päi­schen Uni­on in vie­len Rechts­be­rei­chen ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung er­lan­gen kann. Für die zu­künf­ti­ge Rechts­po­li­tik und ins­be­son­de­re die Rechts­har­mo­ni­sie­rung wä­re es von großem Wert, wenn bei der Er­ar­bei­tung von su­pra­na­tio­na­len Nor­men der re­le­van­te Rechtss­toff für be­stimm­te Schlüs­sel­be­rei­che in der vor­lie­gend be­schrie­be­nen Wei­se rechts­ver­glei­chend ab­ge­ru­fen wer­den könn­te. Zahl­rei­che Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­te des Max-Planck-In­sti­tuts zei­gen den großen Be­darf der Pra­xis an ent­spre­chend ab­ruf­ba­ren Da­ten. Be­son­ders deut­lich wur­de dies zu­letzt in dem oben (un­ter D.) be­schrie­be­nen Pro­jekt „INT­LI“, in dem die Po­li­zei- und Jus­tiz­prak­ti­ker – vor dem Hin­ter­grund der er­for­der­li­chen beid­sei­ti­gen Er­mäch­ti­gung zur grenz­über­schrei­ten­den TKÜ – drin­gend so­ge­nann­te Über­sichts­kar­ten zur ein­schlä­gi­gen Rechts­la­ge in al­len eu­ro­päi­schen Rechts­ord­nun­gen ver­lang­ten. Ent­spre­chen­de, in den 1980er Jah­ren mit großem Auf­wand für ein­zel­ne Rechts­be­rei­che be­gon­ne­ne Ver­su­che der EU, der­ar­ti­ge Da­ten­ban­ken zu er­stel­len, sind sämt­lich ge­schei­tert, weil es an der not­wen­di­gen Klä­rung der kon­zep­tio­nel­len Grund­la­gen fehl­te, die nun­mehr je­doch durch das Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem ge­ge­ben ist.

V. Wei­te­re Schrit­te

Das Pro­jekt hat sei­ne Ziel­set­zung im Be­reich der Grund­la­gen­for­schung zur Gän­ze er­reicht: Die Grund­la­gen­fra­ge der Un­ter­su­chung be­stand in dem Nach­weis, dass auch in kom­ple­xen Be­rei­chen der uni­ver­sa­len Rechts­ver­glei­chung ei­ne Me­ta­struk­tur ge­schaf­fen wer­den kann, auf de­ren Ba­sis welt­weit zu je­dem Ein­zel­pro­blem ei­ner Rechts­ord­nung ei­ne ent­spre­chen­de Ant­wort­mög­lich­keit in je­der an­de­ren Rechts­ord­nung zu fin­den ist, ein­schließ­lich de­ren Si­mu­la­ti­on und Über­prü­fung in ei­nem elek­tro­ni­schen Ex­per­ten­sys­tem.

Um die­ses Grund­la­gen­er­geb­nis für die an­ge­wand­te Wis­sen­schaft er­trag­reich zu ma­chen, emp­feh­len sich noch ver­schie­de­ne un­mit­tel­ba­re An­schluss­mög­lich­kei­ten. Im Jahr 2019 sol­len des­we­gen zu­nächst die vor­lie­gen­den (zu ei­nem er­heb­li­chen Teil be­reits über­setz­ten oder ein­ge­reich­ten) Lan­des­be­rich­te wei­ter über­ar­bei­tet, über­prüft, in das tech­ni­sche Sys­tem ein­ge­stellt und auch in Buch­form wei­ter pu­bli­ziert wer­den. An­schlie­ßend sol­len ei­ne rechts­ver­glei­chen­de Aus­wer­tung und ins­be­son­de­re ei­ne Quer­schnitts­ana­ly­se be­gin­nen. Die­se wur­de be­reits zu den wich­tigs­ten The­men des All­ge­mei­nen Teils des Straf­rechts da­durch vor­be­rei­tet, dass für (mit Hil­fe des In­for­ma­ti­ons­sys­tems aus­ge­wähl­te) be­son­ders in­ter­essan­te Rechts­ord­nun­gen ver­glei­chen­de Dis­ser­ta­tio­nen oder an­de­re ver­glei­chen­de Ar­bei­ten er­stellt wur­den (insb. zu: Tä­ter­schaft und Teil­nah­me, Un­ter­las­sungs­de­lik­te, Vor­satz und Tat­be­stand­sirr­tum, Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­de, Norm­be­fol­gungs­un­fä­hig­keit auf­grund ei­nes Ver­bot­sirr­tums und der Un­zu­rech­nungs­fä­hig­keit, Ver­such und an­de­re Vor­be­rei­tungs­hand­lun­gen.

Wenn bei der ver­glei­chen­den Aus­wer­tung be­stimm­te Schlüs­sel­pa­ra­me­ter der Rechts­ord­nun­gen iden­ti­fi­ziert und er­fasst wer­den, so lässt sich da­mit tech­nisch auch ei­ne völ­lig neue „in­ver­se“ Such­funk­ti­on schaf­fen, bei der nicht nur für ei­ne de­fi­nier­te Rechts­ord­nung und ei­ne be­stimm­te Sach­fra­ge ein recht­li­ches Er­geb­nis re­cher­chiert wird (z.B.: Wie ist das Straf­mün­dig­keits­al­ter im Land X?), son­dern – in um­ge­kehr­ter Rich­tung – auch von ei­nem recht­li­chen Be­fund aus­ge­gan­gen wer­den und die ein­schlä­gi­gen Rechts­ord­nun­gen er­mit­telt wer­den kön­nen (z.B.: In wel­chen Rechts­ord­nun­gen liegt das Straf­mün­dig­keits­al­ter bei un­ter 13 Jah­ren? Oder: Wel­che Rechts­ord­nun­gen ha­ben das Ein­heits­tä­ter­sys­tem?). Wei­ter­hin las­sen sich in das Sys­tem auch kri­mi­no­lo­gi­sche Da­ten und Recht­stat­sa­chen zu spe­zi­fi­schen Rechts­fra­gen in ei­ner ei­ge­nen Ebe­ne in­te­grie­ren. Die­se zu­letzt ge­nann­ten Mög­lich­kei­ten set­zen al­ler­dings ent­spre­chen­de Fi­nanz­mit­tel und Mit­ar­bei­ten­de mit spe­zi­el­len Kennt­nis­sen vor­aus. Auch beim Aus­bau der mehr­spra­chi­gen Nutz­bar­keit des Sys­tems be­steht ein großes Po­ten­zi­al.

Zu­sam­men­fas­send lässt sich da­her zu dem „Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung“ fest­stel­len, dass es sei­ne Zie­le in den Be­rei­chen der Grund­la­gen­for­schung und der Me­tho­dik so­wie im Be­reich der Rechts­in­for­ma­tik er­reicht hat. Es hat wei­ter zahl­rei­che Er­kennt­nis­se über die Durch­füh­rung der funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung er­bracht. Dar­über hin­aus bie­tet das Pro­jekt ein großes For­schungs­po­ten­ti­al, das von viel­fäl­ti­gen in­halt­li­chen Aus­wer­tun­gen des Da­ten­be­stan­des über die wei­te­re For­schung an in­no­va­ti­ven Rechts­in­for­ma­ti­kan­wen­dun­gen im Be­reich der Straf­rechts­ver­glei­chung bis zur Schaf­fung ei­nes für die Pra­xis wert­vol­len Da­ten­bank- und Ex­per­ten­sys­tems reicht.

Wei­ter­füh­ren­de Li­te­ra­tur:

Ul­rich Sie­ber: Straf­rechts­ver­glei­chung im Wan­del. Auf­ga­ben, Me­tho­den und Theo­rie­an­sät­ze der ver­glei­chen­den Straf­rechts­wis­sen­schaft. In: Sie­ber, U./Al­brecht, H.-J. (Hrsg.): Straf­recht und Kri­mi­no­lo­gie un­ter ei­nem Dach – Kol­lo­qui­um zum 90. Ge­burts­tag von Pro­fes­sor Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Hein­rich Je­scheck. Dun­cker & Hum­blot, Ber­lin 2006, S. 78–151.

Lan­des­be­richt­er­stat­ter/-in­nen

Aus­tra­li­en: Guy Cu­mes; Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na: Al­mir Mal­je­vić; Chi­na: Tho­mas Rich­ter und Zhao Yang; Côte d’Ivoi­re: Ado­me Kouas­si; Eng­land: Chris­tia­ne Ra­ben­stein und Su­san­ne Fors­ter; Frank­reich: Ju­li­et­te Le­lieur-Fi­scher, Peg­gy Pfütz­ner und Sa­bi­ne Volz; Grie­chen­land: Em­ma­nouil Bil­lis; In­di­en: Ne­ha Jain; Iran: Sil­via Tel­len­bach; Ita­li­en: Kon­stan­ze Jar­vers; Ja­pan: Ka­zua­ki Shinta­ni und Yos­hi­su­ke Ito; Ös­ter­reich: In­ge­borg Zer­bes; Ru­mä­ni­en: Jo­han­na Rin­cea­nu; Russ­land: Svet­la­na Pa­ra­mo­no­va; Schweiz: An­na Pet­rig und Na­di­ne Zur­kin­den; Süd­ko­rea: Mi­suk Son; Po­len: Ewa Wei­gend; Schott­land: Sa­rah Sum­mers; Schwe­den: Ka­rin Cor­nils; Spa­ni­en: Te­resa Man­so Por­to; Tür­kei: Sil­via Tel­len­bach; Un­garn: An­drás Csu­ri; Uru­guay: Pa­blo Ga­lain Pa­ler­mo; USA: Emi­ly Sil­ver­man.