Gegenstand des Projektes war eine Rückfalluntersuchung bei jugendlichen und heranwachsenden Sexualstraftätern. Neben der Ermittlung von unterschiedlichen Rückfallquoten bei dieser Gruppe könnten systematisch Risikofaktoren identifiziert werden. Das Hauptziel der Untersuchung war die Validierung verschiedener aktuarischer Instrumente zur prognostischen Einschätzung des Rückfallrisikos an einer deutschen Stichprobe. Die zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes beschäftigte sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Vorhersagbarkeit von Rückfälligkeit bei jungen Sexualstraftätern mit Hilfe von aktuarischen Verfahren.

For­schungs­ge­gen­stand

Se­xual­straf­tä­ter sind seit ei­ni­gen Jah­ren auf­grund meh­re­rer spek­ta­ku­lä­rer Fäl­le im In- und Aus­land ver­stärkt in den Blick­punkt ge­ra­ten, wo­bei ei­ne zu­neh­men­de The­ma­ti­sie­rung von Se­xual­de­lik­ten in den Me­di­en statt­fin­det und sich der Um­gang mit die­ser Tä­ter­grup­pe zu ei­nem hoch­sen­si­blen po­li­ti­schen The­ma ent­wi­ckelt hat. Die For­schung be­züg­lich Se­xual­de­lin­quen­ten und de­ren (ein­schlä­gi­ger) Rück­fäl­lig­keit hat in den letz­ten Jah­ren stark zu­ge­nom­men. Vie­le Un­ter­su­chun­gen und Stu­di­en er­stre­cken sich aus­schließ­lich auf er­wach­se­ne Se­xual­straf­tä­ter. Erst in letz­ter Zeit hat sich die For­schung auch auf ju­gend­li­che und her­an­wach­sen­de Se­xual­de­lin­quen­ten kon­zen­triert, da ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­der An­teil von Se­xual­de­lik­ten von jun­gen Men­schen be­gan­gen wird. Die bei­den bio­lo­gi­schen Fak­to­ren Al­ter und Ge­schlecht be­ein­flus­sen wie kein sons­ti­ges Merk­mal die kri­mi­nel­le Ak­ti­vi­tät. Jun­ge Se­xual­straf­tä­ter stel­len ein ernst­zu­neh­men­des Pro­blem für die Ge­sell­schaft dar, da es im Lau­fe ih­rer wei­te­ren Ent­wick­lung zu ei­ner Ver­fes­ti­gung des ab­wei­chen­den Ver­hal­tens kom­men kann. Dar­über hin­aus sind bei die­ser Grup­pe noch ent­schei­den­de ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen durch In­ter­ven­tio­nen mög­lich. Aus die­sen Grün­den fo­kus­siert das Pro­jekt se­xu­el­le Ju­gend­kri­mi­na­li­tät.

Pro­jekt­ziel

In der vor­lie­gen­den Stu­die wur­den erst­ma­lig aus dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Raum stam­men­de In­stru­men­te zur pro­gno­s­ti­schen Ein­schät­zung des Rück­fall­ri­si­kos bei jun­gen Tä­tern aus Deutsch­land ein­ge­setzt. An­hand der Va­li­die­rung die­ser Ver­fah­ren an ei­ner deut­schen Stich­pro­be konn­te die Vor­her­sa­ge­ge­nau­ig­keit er­mit­telt und mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Haupt­ziel war da­bei zu über­prü­fen, in wel­chem Um­fang und Aus­maß die im Aus­land be­reits ein­ge­setz­ten Pro­gno­se­ver­fah­ren auch im deutsch­spra­chi­gen Raum zu ei­ner ver­bes­ser­ten Pro­gno­se­leis­tung für die spe­zi­fi­sche Grup­pe der jun­gen Se­xual­straf­tä­ter füh­ren kann.

Me­tho­dik

Im Rah­men ei­nes re­tro­spek­ti­ven De­si­gns wur­den ju­gend­li­che und her­an­wach­sen­de Se­xual­de­lin­quen­ten un­ter­sucht. Die Stichro­be setz­te sich aus Per­so­nen zu­sam­men, die we­gen ei­nes Se­xual­de­likts (§§ 174-184c StGB) rechts­kräf­tig zu ei­ner Ju­gend­stra­fe ver­ur­teilt und zwi­schen 2000 und 2002 aus dem Ju­gend­straf­voll­zug ent­las­sen wor­den sind. Die Un­ter­su­chung wur­de mit ei­nem ei­gens für das For­schungs­pro­jekt ent­wi­ckel­ten Er­he­bungs­bo­gen durch­ge­führt. Die­ser Er­he­bungs­bo­gen stütz­te sich auf die Ana­ly­se der Ge­fan­ge­nen­per­so­nal­ak­te, wo­bei bio­gra­phi­sche und kli­ni­sche Da­ten, Art und Schwe­re des In­dex­de­likts (Merk­ma­le des Tä­ters und des Op­fers) so­wie das so­zia­le Um­feld be­rück­sich­tigt wur­den. Fer­ner wur­den ver­schie­de­ne ak­tua­ri­sche Ver­fah­ren an­ge­wandt. Zu die­sen spe­zi­el­len Ver­fah­ren, die bei jun­gen Se­xual­de­lin­quen­ten an­zu­wen­den sind, zäh­len das Ju­ve­ni­le Sex Of­fen­der As­sess­ment Pro­to­col-II (J-SOAP-II; Prent­ky & Right­hand, 2003) und das Esti­ma­te of Risk of Ado­le­scent Se­xu­al Of­fen­se Re­ci­di­vism (ERA­SOR; Wor­ling & Cur­wen, 2001). Das Sta­tic-99, das bei er­wach­se­nen Se­xual­de­lin­quen­ten mo­de­ra­te bis gu­te Vor­her­sa­ge­wer­te er­ziel­te, kam eben­falls zur An­wen­dung, um die Über­trag­bar­keit auf jun­ge Tä­ter zu über­prü­fen. Ne­ben die­sen In­stru­men­ten zur Vor­her­sa­ge von ein­schlä­gi­ger Rück­fäl­lig­keit ka­men Ver­fah­ren zum Ein­satz, um all­ge­mei­nen und ge­walt­tä­ti­gen Rück­fall bei jun­gen Se­xual­straf­tä­tern vor­her­zu­sa­gen. Zu die­sen In­stru­men­ten zäh­len das Youth Le­vel of Ser­vice/Ca­se Ma­na­ge­ment In­ven­to­ry (YLS/CMI; Ho­ge & An­drews, 2006), das Ma­nu­al for the Struc­tu­red As­sess­ment of Vio­lence Risk in Youth (SA­VRY; Borum, Bar­tel & Forth, 2003) und die Ha­re Psy­cho­pa­thy Check­list: Youth Ver­si­on (PCL: YV; Forth, Kos­son & Ha­re, 2003). Es wur­de ei­ne Ver­gleichs­grup­pe von jun­gen Ge­walt­tä­tern ge­bil­det, die kei­ne Se­xual­de­lik­te be­gan­gen ha­ben. Der Ver­gleich zwi­schen Se­xu­al- und Ge­walt­straf­tä­tern er­mög­licht es, die spe­zi­fi­schen Be­son­der­hei­ten bei ju­gend­li­chen und her­an­wach­sen­den Se­xual­de­lin­quen­ten zu er­mit­teln.

Die Un­ter­su­chung wur­de in aus­ge­wähl­ten Ju­gend­straf­an­stal­ten der Bun­des­re­pu­blik durch­ge­führt. Die Ge­samt­stich­pro­be be­steht aus 294 Tä­tern. Ta­bel­le 1 gibt einen Über­blick über die Ver­tei­lung der Stich­pro­be.

Ta­bel­le 1: Ver­tei­lung der Stich­pro­be

Ju­gend­straf­an­staltSe­xual­straf­tä­terGe­walt­straf­tä­ter
Adels­heim (Ba­den-Würt­tem­berg)4141
Ber­lin1111
Hal­le (Sach­sen-An­halt)66
Neu­burg-Her­ren­wörth (Bay­ern)3333
Neu­stre­litz (Meck­len­burg-Vor­pom­mern)2424
Raß­nitz (Sach­sen-An­halt)11
Ro­cken­berg (Hes­sen)99
Sprem­berg (Bran­den­burg)44
Wies­ba­den (Hes­sen)1313
Wrie­zen (Bran­den­burg)55
Sum­me147147

Die Rück­fäl­lig­keit der Stich­pro­be wur­de mit Hil­fe der Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­aus­zü­ge aus dem Jahr 2008 er­fasst, so dass ein aus­rei­chend lan­ger Ka­tamne­se­zeit­raum von durch­schnitt­lich 80 Mo­na­ten ge­währ­leis­tet ist. Es wur­den fünf ver­schie­de­ne Rück­fall­kri­te­ri­en zu­grun­de ge­legt: all­ge­mei­ne Rück­fäl­lig­keit, Rück­fäl­lig­keit mit Haft­stra­fe, Rück­fäl­lig­keit mit mehr als zwei­jäh­ri­ger Haft­stra­fe, Rück­fäl­lig­keit mit ei­nem Ge­walt­de­likt und ein­schlä­gi­ge Rück­fäl­lig­keit. Ta­bel­le 2 in­for­miert über die un­ter­schied­li­chen Rück­fall­quo­ten.

Ta­bel­le 2: Ver­tei­lung der Rück­fall­quo­ten

Rück­fall­kri­te­ri­enSe­xual­straf­tä­terGe­walt­straf­tä­ter
all­ge­mei­ne Rück­fäl­lig­keit79 %78 %
Rück­fäl­lig­keit mit Haft­stra­fe48 %39 %
Rück­fäl­lig­keit mit mehr als zwei­jäh­ri­ger Haft­stra­fe31 %23 %
ge­walt­tä­ti­ger Rück­fall49 %56 %
Rück­fall mit Se­xual­de­likt11 %2 %

Er­geb­nis

Die aus dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Raum stam­men­den Pro­gno­se­ver­fah­ren er­reich­ten bei der An­wen­dung an ei­ner Stich­pro­be aus dem deut­schen Ju­gend­straf­voll­zug mo­de­ra­te bis gu­te Vor­her­sa­ge­wer­te. Tä­ter, die an­hand der Pro­gno­se­in­stru­men­te ein ho­hes Ri­si­ko auf­wie­sen, wur­den schnel­ler rück­fäl­lig als Tä­ter mit nied­ri­gem Ri­si­ko. Die er­ziel­ten Er­geb­nis­se spre­chen für die prä­dik­ti­ve Va­li­di­tät und die Über­trag­bar­keit auf deut­sche Ver­hält­nis­se im Ju­gend­straf­voll­zug.

Pro­mo­ti­ons­be­treu­ung

Be­treu­er der Dis­ser­ta­ti­on war Herr PD Dr. phil. Klaus-Pe­ter Dah­le [E-Mail], In­sti­tut für Fo­ren­si­sche Psych­ia­trie der Cha­rité - Uni­ver­si­täts­me­di­zin Ber­lin.