Die polizeiliche Kooperation zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union hat seit der Vertiefung der Zusammenarbeit in den Bereichen Justiz und Inneres und der Einrichtung des Europäischen Polizeiamtes (Europol) durch das Übereinkommen vom 18. September 1995 kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Art. 30 Abs. 2 des EU-Vertrags in der Fassung des Amsterdamer Vertrags sieht den Ausbau der polizeilichen Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten durch das Europäische Polizeiamt vor und zieht zu diesem Zweck eine Reihe konkreter Maßnahmen in Betracht, die innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags verwirklicht werden sollen.

Ge­gen­stand des Pro­jek­tes "Jus­ti­zi­el­le Ein­bin­dung und Kon­trol­le von Eu­ro­pol" - das in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches öf­fent­li­ches Recht und Völ­ker­recht durch­ge­führt wur­de - war die Fra­ge nach den nor­ma­ti­ven An­for­de­run­gen an ei­ne jus­ti­zi­el­le Ein­bin­dung und Kon­trol­le von Eu­ro­pol durch die (ver­fas­sungs-)recht­li­chen Vor­ga­ben der Rechts­ord­nun­gen der Mit­glied­staa­ten bzw. eu­ro­päi­scher Rechts­quel­len und mög­li­che ver­fah­rens­recht­li­che An­bin­dun­gen so­wie die For­mu­lie­rung von Leit­li­ni­en auf Ba­sis die­ser An­for­de­run­gen für die ver­schie­de­nen Stu­fen der (ge­plan­ten) Kom­pe­tenz­über­tra­gung auf Eu­ro­pol, an­hand de­rer ei­ne Ein­bin­dung und Kon­trol­le von Eu­ro­pol ge­währ­leis­ten wer­den könn­te.

Ent­spre­chend der Auf­ga­ben­stel­lung von Eu­ro­pol er­folg­te so­wohl ei­ne Ana­ly­se der jus­ti­zi­el­len Ein­bin­dung und Kon­trol­le po­li­zei­lich-prä­ven­ti­ver so­wie po­li­zei­lich-re­pres­si­ver Tä­tig­keit. Ers­te­re wur­de durch das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches öf­fent­li­ches Recht und Völ­ker­recht in Hei­del­berg durch­ge­führt; letz­te­re durch das hie­si­ge In­sti­tut: Ver­gli­chen wur­den die nor­ma­ti­ven An­for­de­run­gen an die Kon­trol­le straf­recht­li­cher Er­mitt­lun­gen der Po­li­zei in aus­ge­wähl­ten mit­glied­staat­li­chen Rechts­ord­nun­gen: Ös­ter­reich (In­ge­borg Zer­bes), Dä­ne­mark (Ka­rin Cor­nils/Ul­ri­ke Verch), Deutsch­land (Tho­mas Voß), Frank­reich (Hol­ger Barth/Jo­ce­ly­ne Leblois-Hap­pe), Ita­li­en (Ren­zo Or­lan­di/Mi­che­le Caia­ni­el­lo, Uni­ver­si­tät Bo­lo­gna), den Nie­der­lan­den (Mi­cha­el Fau­re/Bas van Ri­el/Ste­fan Ubachs, ME­TRO Maas­tricht), Eng­land und Wa­les (Bar­ba­ra Hu­ber/Chris­tia­ne Ra­ben­stein). Dar­über hin­aus er­folg­te ei­ne Ana­ly­se der jus­ti­zi­el­len Kon­trol­le ge­mein­schafts­recht­li­cher Er­mitt­lungs­tä­tig­keit und der grenz­über­schrei­ten­den Er­mitt­lungs­tä­tig­keit zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on (Sa­bi­ne Gleß/Hel­ge Eli­sa­beth Zeit­ler).

Aus­ge­wähl­te Er­geb­nis­se:

  1. Die rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung der deut­schen, dä­ni­schen, fran­zö­si­schen, ita­lie­ni­schen, nie­der­län­di­schen, ös­ter­rei­chi­schen und eng­li­schen Rechts­ord­nun­gen ha­ben er­ge­ben, dass fol­gen­de Ele­men­te für ei­ne Ver­ant­wort­lich­keit von Straf­ver­fol­gungs­or­ga­nen we­sent­lich - und aus Sicht der Rechts­ord­nun­gen grund­sätz­lich un­ver­zicht­bar - sind:
    • Kon­trol­le der lau­fen­den po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen durch ein jus­ti­zi­el­les bzw. ex­ter­nes Or­gan,
    • rich­ter­li­che Über­wa­chung be­stimm­ter Er­mitt­lungs­maß­nah­men,
    • Kon­trol­le durch die Wahr­neh­mung von Be­schul­dig­ten­rech­ten.

    Wie die­se Ele­men­te tat­säch­lich im ein­zel­nen aus­ge­baut sind, va­ri­iert zwi­schen den Rechts­ord­nun­gen. So exis­tiert ei­ne ge­richt­li­che Kon­trol­le po­li­zei­li­cher Er­mitt­lun­gen in al­len Mit­glied­staa­ten - (a) kon­trol­lie­rend wäh­rend der lau­fen­den Er­mitt­lun­gen, (b) im Rah­men der Haupt­ver­hand­lung, (c) in ei­ner Rechts­mit­tel­in­stanz, und schließ­lich (d) im We­ge der Ahn­dung per­sön­li­chen Fehl­ver­hal­tens von Straf­ver­fol­gungs­or­ga­nen.

    Bei­spiels­wei­se sind in den Rechts­ord­nun­gen, die ei­ne ge­richt­li­che Vor­un­ter­su­chung für be­stimm­te For­men von Kri­mi­na­li­tät ken­nen (Frank­reich, Nie­der­lan­den), straf­recht­li­che Er­mitt­lun­gen in die­sem Be­reich oh­ne­hin Sa­che ei­nes Rich­ters. Aber auch wenn ei­ne ge­richt­li­che Vor­un­ter­su­chung nicht er­for­der­lich ist oder in Rechts­ord­nun­gen, in de­nen sie nicht be­kannt ist, un­ter­lie­gen Ein­grif­fe ab ei­ner be­stimm­ten Er­heb­lich­keits­schwel­le grund­sätz­lich ei­ner vor­he­ri­gen rich­ter­li­chen Le­gi­ti­ma­ti­on, die in der Re­gel über einen so­ge­nann­ten Rich­ter­vor­be­halt, al­so ei­ne vor­he­ri­ge rich­ter­li­che Ge­neh­mi­gung ei­nes be­stimm­ten Ein­griffs, si­cher­ge­stellt wird.

    Die Rechts­ord­nun­gen kon­ti­nen­ta­ler Prä­gung ken­nen fer­ner die Mög­lich­keit ei­ner nach­träg­li­chen rich­ter­li­chen Kon­trol­le, in­iti­iert durch die Be­schwer­de der Be­trof­fe­nen ge­gen die An­ord­nung und Durch­füh­rung be­stimm­ter Er­mitt­lungs­maß­nah­men. Je­doch hat die­se rich­ter­li­che Über­prü­fung in den ver­schie­de­nen Rechts­ord­nun­gen ei­ne ganz un­ter­schied­li­che Aus­ge­stal­tung er­hal­ten.

    In Eng­land und Wa­les fin­det ei­ne vor­he­ri­ge Ein­be­zie­hung ei­nes Rich­ters in straf­recht­li­che Er­mitt­lun­gen nur aus­nahms­wei­se statt. Selbst die Ver­haf­tung ei­nes Ver­däch­tig­ten, die - an­ders als in den kon­ti­nen­ta­len Rechts­ord­nun­gen - re­gel­mä­ßig einen Weg zur Be­weis­ge­win­nung dar­stellt (näm­lich zur Er­lan­gung ei­nes Ge­ständ­nis­ses), er­folgt in der Re­gel zu­nächst oh­ne rich­ter­li­chen Haft­be­fehl.

    Gleich­wohl er­kennt auch das eng­li­sche Recht an, dass be­stimm­te per­sön­li­che Be­rei­che vor un­kon­trol­lier­ten Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men zu schüt­zen sind. So be­darf es ei­nes vor­he­ri­gen rich­ter­li­chen Be­schlus­ses, wenn be­stimm­tes ver­trau­li­ches Ma­te­ri­al be­schlag­nahmt wer­den soll. Da­ne­ben ha­ben sich im an­gel­säch­si­schen Straf­pro­zess an­de­re, dem Rich­ter­vor­be­halt ver­gleich­ba­re Si­che­run­gen her­aus­ge­bil­det: So er­for­dern be­stimm­te Er­mitt­lungs­maß­nah­men, wel­che in den kon­ti­nen­ta­len Rechts­ord­nun­gen dem Rich­ter­vor­be­halt un­ter­fal­len wür­den, ei­ne vor­he­ri­ge Zu­stim­mung ei­nes ex­ter­nen Or­gans mit jus­ti­zi­el­lem Cha­rak­ter. Hier hat ins­be­son­de­re der "Com­mis­sio­ner", der ei­ne un­ab­hän­gi­ge Stel­lung be­klei­det, Be­deu­tung er­langt, er muss bei­spiels­wei­se die Über­wa­chung des draht­lo­sen Fern­mel­de­ver­kehrs ge­neh­mi­gen.

    Wei­te­res Ele­ment jus­ti­zi­el­ler Kon­trol­le straf­recht­li­cher Er­mitt­lun­gen ist die per­sön­li­che Haf­tung der Straf­ver­fol­gungs­or­ga­ne für ir­re­gu­lä­res Ver­hal­ten, wie es in un­ter­schied­li­cher Aus­ge­stal­tung in al­len un­ter­such­ten Rechts­ord­nun­gen zu fin­den ist. Da­nach müs­sen sich Ho­heits­trä­ger (oh­ne ein wei­te­res förm­li­ches Vor­ver­fah­ren, in dem die An­stel­lungs­be­hör­de über die Zu­läs­sig­keit ei­ner Ver­fol­gung ent­schei­det) nach dem all­ge­mei­nen Straf­recht für miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten in Zu­sam­men­hang mit der Amts­aus­übung ver­ant­wor­ten; das gilt auch für miss­bräuch­li­che Da­ten­ver­ar­bei­tung. Fer­ner er­lau­ben die Rechts­ord­nun­gen zi­vil­recht­li­che Scha­denser­satz­kla­gen we­gen per­sön­li­chen Fehl­ver-hal­tens. Sie nor­mie­ren schließ­lich Auf­sichts­be­schwer­de­ver­fah­ren, die im De­tail recht un­ter­schied­lich aus­ge­stal­tet sein kön­nen.

  2. Ver­gleich­ba­re Struk­tu­ren wie in den na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen fin­den sich auf der Ebe­ne des Ge­mein­schafts­rechts und im Cor­pus Ju­ris: Hier spielt die jus­ti­zi­el­le Kon­trol­le durch den EuGH bzw. den ju­ge des li­ber­tés so­wie die (dem na­tio­na­len Straf­ver­fah­ren ent­spre­chen­de) Stel­lung des Be­trof­fe­nen ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le. Auch hier haf­ten die Er­mitt­lungs­or­ga­ne für ir­re­gu­lä­res Ver­hal­ten.

    Im Be­reich der grenz­über­schrei­ten­den Zu­sam­men­ar­beit wird ei­ne jus­ti­zi­el­le Ein­bin­dung und Kon­trol­le grund­sätz­lich durch die zu­stän­di­gen na­tio­na­len Be­hör­den nach de­ren na­tio­na­lem Recht ge­währ­leis­tet. Dement­spre­chend stim­men die Ele­men­te jus­ti­zi­el­ler Kon­trol­le mit de­nen über­ein, die auf na­tio­na­ler Ebe­ne ei­ne Ver­ant­wor­tung ge­währ­leis­ten; die­se las­sen aber in Be­zug auf tat­säch­lich grenz­über­schrei­ten­de Maß­nah­men Platz für ein Kon­troll­va­ku­um.