Auf Veranlassung des baden-württembergischen Innenministeriums wurde 1993 das Pilotprojekt "Kommunale Kriminalprävention in Baden-Württemberg" in den Städten Calw, Freiburg, Ravensburg und Weingarten initiiert. Ziel des Vorhabens war es, durch lokale Präventionsbemühungen die Kriminalität an ihrem Entstehungsort in den Städten und Gemeinden zu bekämpfen. Dabei sollte durch ein koordiniertes Vorgehen von Stadt, Polizei und gesellschaftlichen Gruppierungen ein Synergieeffekt erzielt werden. Von vornherein war eine wissenschaftliche Begleitung in Form einer Erhebung eines umfassenden objektiven wie auch subjektiven Kriminalitätslagebildes sowie etwaiger Veränderungen im Sinne einer Evaluation der getroffenen Maßnahmen vorgesehen. In Freiburg erfolgte diese wissenschaftliche Begleitforschung durch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht (MPI). Zur Planung und Konzeption kommunaler Präventionsstrategien in Freiburg wurde 1994 durch das MPI eine Bevölkerungsbefragung zur Erfassung der spezifischen Problemlagen und zur Ermittlung des Präventionsbedarfs durchgeführt, diese Untersuchung wurde 1997 in kleinerem Rahmen nochmals wiederholt. Da jedoch während der Laufzeit des Forschungsprojekts die Umsetzung möglicher kriminalpräventiver Ansätze durch die Stadt nicht erfolgte, mußte das ursprüngliche Ziel der Evaluation aufgegeben werden. So war es nur möglich, Ansätze etwaiger Präventionsstrategien aufgrund der durchgeführten Studien zu identifizieren und kritisch deren Wirksamkeit zu diskutieren.

Im Lau­fe des Jah­res 1999 er­folg­ten in ers­ter Li­nie ab­schlie­ßen­de Über­ar­bei­tun­gen des For­schungs­be­richts. Da­bei stand die Fra­ge im Vor­der­grund, wie sich die ge­won­nen Er­geb­nis­se in mög­li­che Stra­te­gi­en Kom­mu­na­ler Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on um­set­zen las­sen. Da­bei zeig­te die Un­ter­su­chung ei­ner­seits, daß in Frei­burg ein Kri­mi­na­li­täts­pro­blem vor­han­den ist. So wa­ren in­ner­halb des Re­fe­renz­zeit­rau­mes von ei­nem Jahr 40,1 % der be­frag­ten Bür­ger min­des­tens ein­mal Op­fer ei­ner Straf­tat ge­wor­den. Zwar han­del­te es sich zum großen Teil um leich­te De­lik­te (21 % Nicht­kon­takt­de­lik­te ge­gen­über 18,2 % Ge­walt-/Ein­bruchs­de­lik­ten), da je­doch die Mehr­heit im nä­he­ren Woh­num­feld des Op­fers statt­fand, er­ga­ben sich An­satz­punk­te für ein kom­mu­na­les Prä­ven­ti­ons­kon­zept. Be­son­ders bei den Ei­gen­tums­de­lik­ten rund um das Kfz, zum Teil auch beim tät­li­chen An­griff wa­ren die Op­fer­zah­len so hoch, daß mög­li­che Ver­än­de­rungs­mes­sun­gen durch­ge­führt wer­den könn­ten. Per­so­nen­grup­pen, die auf­grund häu­fi­ger Op­fer­wer­dun­gen als Ziel­grup­pen der Prä­ven­ti­on gel­ten könn­ten, wa­ren in be­zug auf die Ei­gen­tums­kri­mi­na­li­tät Frei­bur­ger Bür­ger mitt­le­ren Al­ters, die über ei­ne gu­te Aus­bil­dung und ein ho­hes Ein­kom­men ver­füg­ten. Hin­sicht­lich der Ge­walt­kri­mi­na­li­tät stan­den jun­ge Men­schen mit eher ge­rin­gem Ein­kom­men im Vor­der­grund - Kri­te­ri­en, die auch auf mög­li­che Tä­ter­grup­pen zu­tref­fen. Man kann da­her da­von aus­ge­hen, daß bei der Prä­ven­ti­on von Ge­walt­kri­mi­na­li­tät Tä­ter und Op­fer ähn­li­che so­zio-de­mo­gra­phi­sche Merk­ma­le auf­wei­sen.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt der Prä­ven­ti­ons­ar­beit soll­te auf die Kri­mi­na­li­täts­furcht ge­rich­tet sein. Wenn­gleich es sich um ein kom­ple­xes und he­te­ro­ge­nes Kon­strukt han­del­te, des­sen re­lia­ble Mes­sung, wie die Ana­ly­sen zeig­ten, durch zahl­rei­che so­zio-de­mo­gra­phi­sche Fak­to­ren er­schwert wur­de, war die Kri­mi­na­li­täts­furcht in Frei­burg je­doch so aus­ge­prägt (31,1 % fühl­ten sich in der ei­ge­nen Wohn­ge­gend un­si­cher, 18,0 % hat­ten Angst vor Op­fer­wer­dung in der Wohn­ge­gend), daß ei­ne Be­ein­träch­ti­gung der Le­bens­qua­li­tät auf­grund von Ver­hal­tens­än­de­run­gen der Bür­ger nicht aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te (39,4 % be­rich­te­ten über Mei­de­ver­hal­ten).

Auch auf po­li­zei­li­cher Ebe­ne er­ga­ben sich An­satz­punk­te Kom­mu­na­ler Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on, be­son­ders im Hin­blick auf Stra­te­gi­en des "Com­mu­ni­ty Po­li­cing". Es konn­te an­hand der Da­ten fest­ge­stellt wer­den, daß ei­ner­seits ein Be­darf für ei­ne bür­ger­na­he Po­li­zei­ar­beit vor­han­den war, zum an­de­ren aber auch ei­ne ver­stärk­te Bür­ger­ori­en­tie­rung von der Mehr­zahl po­si­tiv auf­ge­nom­men wür­de. Selbst im Rah­men der Si­cher­heits­be­ra­tung (tech­ni­sche Si­che­run­gen) er­ga­ben sich Mög­lich­kei­ten der po­li­zei­li­chen Ein­fluß­nah­me, al­ler­dings we­ni­ger bei den äl­te­ren Al­ters­grup­pen, de­ren Si­che­rungs­maß­nah­men nur schwer zu stei­gern sein dürf­ten; bei jün­ge­ren Frei­bur­gern deu­te­te sich ein weit grö­ße­res Po­ten­ti­al be­züg­lich der Si­che­rung von Ei­gen­tum an. Hier dürf­te je­doch zu­nächst ei­ne Image­ver­bes­se­rung not­wen­dig sein.

Ein Pro­blem be­züg­lich der Im­ple­men­ta­ti­on kri­mi­nal­prä­ven­ti­ver Stra­te­gi­en dürf­te je­doch sein, daß trotz der re­la­tiv ho­hen Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung und der deut­li­chen Kri­mi­na­li­täts­furcht die Bür­ger Kri­mi­na­li­tät le­dig­lich als Pro­blem un­ter vie­len, je­doch nicht als drin­gends­tes be­trach­ten. Dies dürf­te Aus­wir­kun­gen auf die Par­ti­zi­pa­ti­ons­be­reit­schaft der Bür­ger ha­ben.

Die Da­ten leg­ten ei­ne Schwer­punkt­le­gung auf die drei ge­nann­ten Be­rei­che Op­fer­be­las­tung, Si­cher­heits­er­le­ben und Po­li­zei­zu­frie­den­heit na­he, al­ler­dings müß­ten für ei­ne nach­fol­gen­de Eva­lua­ti­on der Maß­nah­men über die ge­sam­te Stadt hin­weg re­la­tiv große Po­pu­la­tio­nen bzw. Sub­po­pu­la­tio­nen (z.B. Ju­gend­li­che) er­ho­ben wer­den, um bei den Merk­ma­len ei­ne Ver­än­de­rung mes­sen zu kön­nen. Da­her bot sich als zwei­te Mög­lich­keit ei­ne In­ter­ven­ti­on ba­sie­rend auf räum­li­cher Dif­fe­ren­zie­rung an. Ei­ner­seits konn­te ei­ne ho­he Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung der Alt­stadt fest­ge­stellt wer­den, an­de­rer­seits ei­ne star­ke Furcht­be­las­tung der süd­west­li­chen Frei­bur­ger Stadt­be­rei­che, be­son­ders des Stadt­teils Wein­gar­ten. Da­her wä­ren im Alt­stadt­be­reich Maß­nah­men zur Be­ein­flus­sung der Ge­le­gen­heits­s­truk­tur und da­mit der Kri­mi­na­li­täts­ra­te an­ge­bracht. Be­son­ders der im­mer wie­der ge­nann­te Bahn­hofs­be­reich wä­re als Schwer­punkt denk­bar. Al­ler­dings dürf­te die Ge­fahr be­ste­hen, daß die Mit­wir­kungs­be­reit­schaft der in der Alt­stadt le­ben­den Bür­ger nicht hoch ist, da ein "Lei­dens­druck" im Sin­ne ei­nes er­höh­ten Un­si­cher­heits­ge­fühls nicht ge­ge­ben war. Zie­le der Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on in­ner­halb der Alt­stadt könn­ten sol­che Be­rei­che bie­ten, in de­nen die Frei­bur­ger ei­ner­seits er­heb­li­che lo­ka­le Pro­ble­me wie auch an­de­rer­seits ei­ne Ur­sa­che für Kri­mi­na­li­tät sa­hen, z.B. die Prä­senz von Rand­grup­pen - be­son­ders in dem durch bau­li­che Um­struk­tu­rie­rung ge­kenn­zeich­ne­ten Bahn­hofs­be­reich. Da­bei dürf­te sich ein Ein­be­zug des an die Bahn­li­nie im Wes­ten an­gren­zen­den Stadt­teils Stüh­lin­ger an­bie­ten, hier la­gen zwar Op­fer­be­las­tung und Kri­mi­na­li­täts­furcht im mitt­le­ren Be­reich, an­de­rer­seits er­ga­ben sich be­son­ders in den Rand­la­gen zur Alt­stadt hin, ver­gleich­ba­re Pro­ble­me (z.B. Ob­dach­lo­se, Dro­gen­ab­hän­gi­ge, Pro­sti­tu­ier­te). Ei­ne Ein­fluß­nah­me auf die Kri­mi­na­li­täts­furcht könn­te am ehe­s­ten in den west­li­chen Stadt­be­rei­chen, be­son­ders im Stadt­teil Wein­gar­ten, er­fol­gen. Hier wä­ren stüt­zen­de Maß­nah­men, z.B. An­ge­bo­te für auf­fäl­li­ge Ju­gend­li­che bzw. Un­ter­stüt­zung von so­zi­al schwa­chen Fa­mi­li­en an­ge­bracht, die da­zu bei­tra­gen könn­ten, die Le­bens­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern und das Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl und das Si­cher­heits­ge­fühl der Bür­ger zu er­hö­hen.

Auf der Ba­sis des For­schungs­an­sat­zes konn­ten für die Stadt Ar­beits­fel­der er­mit­telt wer­den, in de­nen ei­ne lo­ka­le Prä­ven­ti­ons­ar­beit ei­ner­seits an­ge­bracht, an­de­rer­seits auch eva­lu­ier­bar wä­re. Für kon­kre­te Um­set­zun­gen wä­re es je­doch not­wen­dig, auf der Grund­la­ge der Ar­beit ba­sie­ren­de wei­te­re eng fo­kus­sier­te Stu­di­en durch­zu­füh­ren, wel­che dann als kon­kre­te Aus­gangs­ba­sis der Eva­lua­ti­on der Maß­nah­men die­nen könn­ten.

Zum Jah­res­en­de 1999 wur­de das Pro­jekt ab­ge­schlos­sen und als psy­cho­lo­gi­sche Dis­ser­ta­ti­on an der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg ein­ge­reicht.