Das Verhältnis zwischen dem Strafrecht und seinen Sanktionen zu Lösungen anderer sozialer Ordnungskonzepte und Handlungsoptionen für die Regelung sozialer Konflikte in den Gesellschaften des Nahen Ostens ist kaum erforscht. Das Institut hat sich diesem Forschungsthema deswegen im Anschluss an die Schwerpunkte “strafrechtliche Sanktionen” und “Viktimisierung” der kriminologischen Forschungsgruppe sowie an den Schwerpunkt “Grenzen des Strafrechts” der strafrechtlichen Forschungsgruppe in einem Gemeinschaftsprojekt zum Nahen Osten angenommen.

Pro­jekt­ge­gen­stand war die re­la­ti­ve Rol­le von Straf­recht und sei­nen Sank­tio­nen bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te in der Re­gi­on des Na­hen Os­tens. Die­se Pro­blem­stel­lung be­ruht auf der Grund­la­gen­fra­ge nach der Rol­le des zen­tra­len staat­li­chen Ord­nungs­sys­tems ge­gen­über an­de­ren so­zia­len Ord­nungs­sys­te­men bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te in Ge­sell­schaf­ten, de­ren so­zio-kul­tu­rel­ler Hin­ter­grund oder staat­li­ches Ord­nungs­sys­tem sich von de­nen der west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaft un­ter­schei­det. Aus­ge­hend von die­ser Fra­ge, ging es in dem Pro­jekt um das Straf­recht und sei­ne Sank­tio­nen als zen­tra­le staat­li­che Ein­rich­tung ei­ner­seits und lo­ka­le For­men der Kon­flikt­re­ge­lung für die Er­hal­tung der je­wei­li­gen Ge­mein­schaf­ten und zur Selbst­hil­fe an­de­rer­seits. Pro­jekt­ziel war es, ers­te Ba­sis­in­for­ma­tio­nen über die un­ter­schied­li­chen Kon­flikt­la­gen und Re­ge­lungs­an­sät­ze in den Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­tens zu er­hal­ten. Da­mit soll­te ei­ne Grund­la­ge für wei­te­re Un­ter­su­chun­gen zur Rol­le des Straf­rechts bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te in die­ser Re­gi­on ge­won­nen wer­den. Dar­über hin­aus ging es ins­be­son­de­re um einen kri­ti­schen Dia­log über die Par­al­le­li­tät von staat­li­cher und nicht-staat­li­cher Kon­flikt­re­ge­lung im Na­hen Os­ten mit Teil­neh­mern aus ins­ge­samt zwölf Län­dern der Re­gi­on (Af­gha­nis­tan, Ägyp­ten, Iran, Irak, Is­rael, Jor­da­ni­en, Li­ba­non, Pa­kis­tan, Su­dan, Sy­ri­en, Ta­dschi­kis­tan, Tür­kei).

Vor die­sem Hin­ter­grund wur­den mit den Teil­neh­mern ein Work­shop (Istan­bul, 4. bis 7. De­zem­ber 2003) und ei­ne Ta­gung (Klos­ter Banz, Bad Staf­fel­stein, 1. bis 9. Sep­tem­ber 2004) durch­ge­führt.

Das Pro­jekt­ziel wur­de in drei Schrit­ten ver­folgt. Zu­nächst wur­den über­grei­fen­de Aspek­te zu dem For­schungs­the­ma des Pro­jekts aus den un­ter­schied­li­chen be­tei­lig­ten Dis­zi­pli­nen und in­ter­dis­zi­pli­nären Per­spek­ti­ven er­ör­tert, dar­un­ter so­zio­lo­gi­sche (Trutz v. Tro­tha), kri­mi­no­lo­gi­sche (Hans-Jörg Al­brecht), vik­ti­mo­lo­gi­sche (Er­ne­sto Ki­za/Co­re­ne Ra­th­ge­ber/Hol­ger-C. Roh­ne und Hol­ger-C. Roh­ne, Les­lie Seb­ba), straf­recht­li­che (Jan-Mi­cha­el Si­mon) und eth­no­lo­gi­sche (Gün­ther Schlee so­wie Bert­ram Tur­ner). An­schlie­ßend wur­den die Be­din­gun­gen und Phä­no­me­ne von Kon­flik­ten in den Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­ten dar­ge­stellt, dar­un­ter zu Is­rael und der pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­sell­schaft (Yaa­cov Bar-Si­man-Tov, Amal Ja­mal, Sim­ha F. Land­au), der Tür­kei (Asu­man Ay­te­kin In­ceo­glu), dem Iran (Hus­s­ein Gho­la­mi), dem Li­ba­non (Ghassan Ra­bah) und Ta­dschi­kis­tan (Ka­mo­lu­din Ab­dul­laev). Schließ­lich wur­den un­ter­schied­li­che An­sät­ze der Kon­flikt­re­gu­lie­rung in der Re­gi­on er­klärt, dar­un­ter zu Af­gha­nis­tan (Ha­meed At­taei, Sa­mee­ra Ayyu­bi, Ali War­dak), Ägyp­ten (Ah­med Es­sam El­din Mi­li­gui), dem Iran (Mah­moud Ja­la­li-Kar­veh, Fi­rouz Mah­mou­di, Hus­s­ein Gho­la­mi, Moh­sen Ra­ha­mi, Mo­hammad E. Shams Na­te­ri), Is­rael und den pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­bie­ten (Sa­mer Fa­res/Di­ma Kha­li­di, Anat Gold­stein, Peretz Se­gal, Na­de­ra Shal­houb-Ke­vor­ki­an), Jor­da­ni­en (Mo­hammad Abu-Hassan), dem Li­ba­non (Ge­or­ge Emi­le Ira­ni), Pa­kis­tan (Moo­nis Ahm­ar), Sy­ri­en (Ab­boud Al-Sar­raj) und der Tür­kei (Su­ley­man De­rin, Sil­via Tel­len­bach). Ab­schlie­ßend er­folg­te ei­ne Be­trach­tung zu dem für die Re­gi­on zen­tra­len Kon­zept der sulh aus ei­ner kri­ti­schen Per­spek­ti­ve des Is­lam (Hassan Re­zaei).

Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe

Als ge­mein­sa­me Merk­ma­le für die Be­stands­auf­nah­me zur re­la­ti­ven Rol­le von Straf­recht und sei­nen Sank­tio­nen bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te in der Re­gi­on dienten Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe. Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe sind Grun­d­ele­men­te zur Be­ant­wor­tung der al­ten Fra­ge, was so­zia­le Ord­nung aus­macht. Sie bie­ten drei Op­tio­nen zur Ein­gren­zung so­zia­ler Kon­flik­te und zur Ver­hin­de­rung der Es­ka­la­ti­on von Ge­walt bei der Ent­schei­dung die­ser Kon­flik­te. Der Ein­satz von Zwang bei der Ein­gren­zung und Ent­schei­dung so­zia­ler Kon­flik­te ist un­ter den Be­din­gun­gen ei­ner Zen­tral­ge­walt al­lei­ne ih­rer Trä­ge­rin über­las­sen. Für Kon­flik­te in­ner­halb staat­li­cher Ter­ri­to­ri­al­gren­zen ver­fügt nur der Staat über die­ses Ge­walt­mo­no­pol. Das gilt heu­te welt­weit für al­le so­zia­len Kon­flik­te und ba­siert auf der mo­der­nen Idee von der nor­ma­ti­ven In­te­gra­ti­on der Ge­sell­schaft und ih­rer Durch­set­zung durch den Staat. Un­ter die­ser Be­din­gung bie­ten das Straf­recht und sei­ne Sank­tio­nen dem Staat ei­ne Mög­lich­keit zur Kon­flikt­re­ge­lung. Von die­ser Op­ti­on kann der Staat da­durch Ge­brauch ma­chen, dass er den so­zia­len Kon­flikt mit dem Straf­recht er­fasst und da­mit auf sich selbst be­zieht. Nor­ma­tiv wird ei­ne di­rek­te Be­zie­hung zwi­schen dem Straf­recht und ei­ner Kon­flikt­par­tei (Tä­ter) her­ge­stellt, de­ren Han­deln als Kon­flikt mit dem staat­li­chen Ord­nungs­sys­tem de­fi­niert wird (Straf­tat). Die­ses Ord­nungs­sys­tem wird an­schlie­ßend mit ei­ner Sank­ti­on be­stä­tigt. Bei der Aus­ge­stal­tung der Sank­ti­on ist das Spek­trum an Ele­men­ten von Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe va­ria­bel. Es reicht von ei­nem ra­tio­na­len Pro­zess tat­pro­por­tio­na­ler Ver­hän­gung zei­ti­ger Frei­heits- und Geld­stra­fen mit prä­ven­ti­ven und re­ak­tiv-re­pres­si­ven Zwe­cken über die dau­ern­de Un­schäd­lich­ma­chung durch le­bens­lan­ge Frei­heits­s­tra­fen und durch die To­dess­tra­fe, die öf­fent­li­che Stig­ma­ti­sie­rung (z.B. „rein­te­gra­ti­ve sha­ming“) und Wie­der­gut­ma­chung (z.B. „com­mu­ni­ty ser­vices“) bis hin zu Pro­zes­sen, in de­nen das Ver­fah­ren selbst ne­ben dem Schuld­ein­ge­ständ­nis In­halt der Sank­ti­on ist, sei es in der In­ter­ak­ti­on mit dem Op­fer (z.B. Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich, „mé­dia­ti­on péna­le“) oder der un­mit­tel­bar be­trof­fe­nen Ge­mein­schaft (z.B. „fa­mi­ly group con­fe­ren­cing“).

Gren­zen des Straf­rechts und sei­ner Sank­tio­nen

Die Mög­lich­keit, Straf­recht und sei­ne Sank­tio­nen als staat­li­ches In­stru­ment zur Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te ein­zu­set­zen, ist je­doch so­wohl in funk­tio­na­ler, wie po­li­ti­scher und tat­säch­li­cher Hin­sicht be­grenzt.

  • In funk­tio­na­ler Hin­sicht er­rei­chen das Straf­recht und sei­ne Sank­tio­nen dort ih­re Gren­ze, wo sie, statt die Ge­sell­schaft zu er­hal­ten, die Auf­ga­be über­neh­men, Ge­sell­schaft her­zu­stel­len, d.h. so­zia­le Ord­nung gleich­sam „her­bei­zu­stra­fen“ statt sie zu be­stä­ti­gen. Das ist dann der Fall, wenn es um den Ein­satz straf­recht­li­cher Sank­tio­nen in ei­nem so­zia­len Grund­kon­flikt geht, in dem die In­te­gra­ti­on der Kon­flikt­par­tei­en in ei­ne Ge­sell­schaft prin­zi­pi­ell in Fra­ge steht und die­se Fra­ge ge­sell­schaft­lich, d.h. tat­säch­lich, nicht ent­schie­den ist. Grund­la­ge die­ses Kon­flikts kann ins­be­son­de­re die Art und Wei­se der Kon­struk­ti­on eth­ni­scher, re­li­gi­öser oder welt­an­schau­li­cher Iden­ti­tät ge­gen­über dem eth­nisch, re­li­gi­ös oder welt­an­schau­lich An­de­ren sein. Auf die­ser Ba­sis fehlt es häu­fig schon an der tat­säch­li­chen Mög­lich­keit für ei­ne Ent­schei­dung des Kon­flikts zur Her­stel­lung ei­ner so­zia­len Ord­nung.
  • In po­li­ti­scher Hin­sicht ver­feh­len Straf­recht und sei­ne Sank­tio­nen ih­re Auf­ga­be zur Durch­set­zung der nor­ma­ti­ven In­te­gra­ti­on von Ge­sell­schaft und als Op­ti­on zur Kon­flikt­re­ge­lung, wenn sie von ei­nem Staat ein­ge­setzt wer­den, der, statt die Ein­heit der Dif­fe­renz zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en zu bil­den, viel­mehr selbst ei­ne Kon­flikt­par­tei ab­bil­det. Die­ser Staat setzt nicht die – wenn auch nur prin­zi­pi­ell mög­li­che – In­te­gra­ti­on der Kon­flikt­par­tei­en in ei­ne so­zia­le Ord­nung durch. Viel­mehr wird von die­sem Staat für den Fall, dass er die geg­ne­ri­sche Kon­flikt­par­tei zu Straf­tä­tern und de­ren Han­deln zur Straf­tat de­fi­niert, ein Ord­nungs­sys­tem durch­ge­setzt, das auf – sei es auch staat­li­che – Herr­schaft durch ex­klu­si­ven Zwang ge­gen­über den Geg­nern ab­zielt, statt auf ih­re nor­ma­ti­ve In­te­gra­ti­on.
  • Dem­ge­gen­über ist le­dig­lich in tat­säch­li­cher Hin­sicht das staat­li­che Sank­ti­ons­po­ten­ti­al in ei­nem so­zia­len Kon­flikt be­trof­fen, wenn trotz der – auch wirk­li­chen – Mög­lich­keit ei­ner In­te­gra­ti­on bei­der Kon­flikt­par­tei­en in ei­ne Ge­sell­schaft bei­de tat­säch­lich nicht für die staat­li­che Zen­tral­ge­walt er­reich­bar sind. Da­für sind vor al­lem zwei Si­tua­tio­nen ty­pisch. Ein­mal ist es häu­fig die ho­he Be­schwer­de­macht ei­ner Kon­flikt­par­tei ge­gen­über der staat­li­chen Zen­tral­ge­walt, die ei­ne Durch­set­zung von Sank­tio­nen ver­hin­dert. Und zum zwei­ten ist oft zwi­schen Zen­trum und Pe­ri­phe­rie des­we­gen ein Ge­fäl­le bei der Durch­set­zung der staat­li­chen Zen­tral­ge­walt zu be­ob­ach­ten, weil es an den da­für er­for­der­li­chen Res­sour­cen fehlt.

Zu­sam­men­fas­send lässt sich des­we­gen die Grund­la­gen­fra­ge nach der re­la­ti­ven Rol­le des Straf­rechts bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te so­weit kon­kre­ti­sie­ren, dass in ei­nem Staat, dem die Durch­set­zung der nor­ma­ti­ven In­te­gra­ti­on von Kon­flikt­par­tei­en in ei­ne Ge­sell­schaft tat­säch­lich und dau­er­haft nicht – bzw. nicht in dem für ein Staats­we­sen er­for­der­li­chen Ma­ße – ge­lingt oder aber gar nicht erst ge­lin­gen soll, auch das Straf­recht sei­ne in­te­grie­ren­de Funk­ti­on ver­fehlt und in dem Sinn auch kei­ne Op­ti­on zur Re­gu­lie­rung so­zia­ler Kon­flik­te mehr ist. Das gilt in nor­ma­ti­ver wie in tat­säch­li­cher Hin­sicht. In nor­ma­ti­ver Hin­sicht wird das Straf­recht zu ei­nem In­stru­ment, das statt den Er­halt ei­ner Ge­sell­schaft zu ge­währ­leis­ten, sich die Her­stel­lung ei­ner so­zia­len Ord­nung zur Auf­ga­be macht oder auf die blo­ße Herr­schaft durch ex­klu­si­ven Zwang ab­zielt; und in tat­säch­li­cher Hin­sicht ver­feh­len straf­recht­li­che Sank­tio­nen ihr Ziel, da sie kei­ne ge­sell­schaft­li­che Ent­so­li­da­ri­sie­rung ge­gen feh­len­des norm­kon­for­mes Ver­hal­ten be­wir­ken kön­nen. Un­ter die­sen Be­din­gun­gen ent­fällt die Op­ti­on Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe in Form straf­recht­li­cher Sank­tio­nen bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te zur Er­hal­tung ei­ner Ge­sell­schaft ein­zu­set­zen. Des­we­gen wer­den Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe zur Er­hal­tung der je­weils lo­ka­len Ge­mein­schaf­ten und zur Selbst­hil­fe ein­ge­setzt. De­ren Durch­set­zung stützt sich ne­ben der blo­ßen über­le­ge­nen Ge­walt vor al­lem auf tra­di­tio­nel­le Au­to­ri­tä­ten und Ver­fah­ren, statt auf ei­ne staat­li­che Zen­tral­ge­walt und ihr Straf­recht.

Be­stands­auf­nah­me

Die Ge­sell­schaf­ten in der Re­gi­on sind ganz über­wie­gend von der in­te­grie­ren­den Rol­le der Re­li­gi­on ge­prägt. Dies ist die dif­fe­ren­tia spe­ci­fi­ca der Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­tens und ih­rem Straf­recht ge­gen­über der west­li­chen sä­ku­la­ren In­dus­trie­ge­sell­schaft und de­ren Straf­recht. Dar­über hin­aus ist je­doch bei der Aus­ge­stal­tung der Sank­tio­nen das Spek­trum an Ele­men­ten von Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe ge­nau­so va­ria­bel wie im Straf­recht der west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaf­ten. Das gilt für Län­der wie Is­rael und für den Iran, wo­bei in ei­nem Land wie dem Iran, in dem die scha­ri‘a (v.a. ne­ben Af­gha­nis­tan und Pa­kis­tan) gel­ten­des Recht ist, auch Lei­bess­tra­fen ver­hängt wer­den. Von be­son­de­rer Be­deu­tung ist wei­ter­hin für que­sas-Ta­ten (d.h. ins­be­son­de­re Mord), dass die An­ge­hö­ri­gen ei­nes Op­fers den Pro­zess ge­gen den Tä­ter in­iti­ie­ren und ent­schei­den, ob ei­ne Ent­schä­di­gungs­zah­lung (di­ya) oder die Hin­rich­tung des Tä­ters er­folgt. Der Staat ver­wal­tet hier letzt­lich nur die vo­ris­la­mi­sche Blut­ra­che (tha‘r) und ver­hin­dert de­ren Es­ka­la­ti­on. Ein be­deu­ten­der Un­ter­schied ge­gen­über der Rol­le des Straf­rechts bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te in der west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaft ist ins­be­son­de­re die in vie­len Län­dern der Re­gi­on weit ver­brei­te­te An­wen­dung tra­di­tio­nel­ler For­men nicht-staat­li­cher Kon­flikt­re­ge­lung zur Auf­recht­er­hal­tung der lo­ka­len Ge­mein­schaf­ten in Kon­flik­ten, die auch in die­sen Län­dern prin­zi­pi­ell mit dem Straf­recht er­fasst wer­den. Prä­gend sind die sulh und mu­sa­la­ha so­wie die jir­ga Tra­di­tio­nen und die saa­dat Prak­ti­ken, die par­ti­ell auch auf re­li­gi­ösen Grund­la­gen be­ru­hen. Sulh und mu­sa­la­ha so­wie jir­ga ba­sie­ren ins­be­son­de­re auf ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen, in de­nen die Äl­tes­ten der je­wei­li­gen lo­ka­len Ge­mein­schaf­ten ei­ne ho­he Au­to­ri­tät ha­ben und die des­we­gen im Kon­flikt­fall ver­mit­teln. Die ur­sprüng­lich be­dui­ni­schen sulh Tra­di­tio­nen sind stark ri­tua­li­siert und in ara­bi­schen Ge­sell­schaf­ten weit­hin ak­zep­tiert. Die jir­ga in Af­gha­nis­tan, Ta­dschi­kis­tan oder Pa­kis­tan hat eben­falls tra­di­tio­nel­le Fun­da­men­te, wäh­rend die Kon­flikt­lö­sung durch die saa­dat (Nach­kom­men des Pro­phe­ten Mo­ham­med) auf re­li­gi­ösen Grund­la­gen be­ruht und in den hei­li­gen Stät­ten der schi­iti­schen Glau­bens­ge­mein­schaft zur An­wen­dung kommt. In al­len tra­di­tio­nel­len For­men der Kon­flikt­re­ge­lung, die un­ter Ein­be­zie­hung der un­mit­tel­bar be­trof­fe­nen Ge­mein­schaf­ten funk­tio­nie­ren, do­mi­niert ne­ben dem Schuld­ein­ge­ständ­nis und der Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tung das Ver­fah­ren selbst als Sank­ti­on. In man­chen Län­dern (z.B. Jor­da­ni­en) kann dar­über hin­aus auch die Ver­hei­ra­tung zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en be­schlos­sen wer­den. Wei­ter wird in meh­re­ren Län­dern der Re­gi­on die Selbst­hil­fe im We­ge der Blut­ra­che prak­ti­ziert, so ins­be­son­de­re in Af­gha­nis­tan und Pa­kis­tan, je­doch auch in den von kur­di­schen Stäm­men be­sie­del­ten Ge­bie­ten in der Tür­kei. Da­bei kann in Län­dern wie in Pa­kis­tan die Blut­ra­che als stra­te­gisch kon­di­tio­nier­ter Ein­satz von Ge­walt im We­ge der jir­ga zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en un­ter Ver­mitt­lung Drit­ter ver­han­delt wer­den.

Aus­blick

Wie­weit die­se ver­brei­te­te An­wen­dung tra­di­tio­nel­ler For­men nicht-staat­li­cher Kon­flikt­re­ge­lung in den Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­tens dar­in be­grün­det ist, dass den nahöst­li­chen Staa­ten ei­ne an­de­re Rol­le bei der In­te­gra­ti­on der Ge­sell­schaft und dem­zu­fol­ge bei der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te zu­kommt als den Staa­ten in der west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaft und in wel­cher Be­zie­hung die­se Fra­ge ge­ge­be­nen­falls mit der Rol­le der Re­li­gi­on bei der In­te­gra­ti­on von Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­tens steht, lässt sich den Be­rich­ten der Pro­jekt­teil­neh­mer nicht ent­neh­men. Grund­sätz­lich ist aber deut­lich ge­wor­den, dass das staat­li­che Mo­dell von Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe der west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaft in den Ge­sell­schaf­ten des Na­hen Os­tens je­den­falls nur ei­ne Op­ti­on ne­ben an­de­ren nicht-staat­li­chen Mög­lich­kei­ten der Re­ge­lung so­zia­ler Kon­flik­te ist.

Die of­fe­nen Fra­gen wer­den, aus­ge­hend von der mit die­sem Pro­jekt ge­schaf­fe­nen Ba­sis­in­for­ma­ti­on, in neu­en ver­glei­chen­den Un­ter­su­chun­gen bei­der For­schungs­grup­pen in der Re­gi­on zum Sank­tio­nen­recht und Straf­recht wei­ter­ver­folgt. In der kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­grup­pe wer­den un­ter Lei­tung von Hans-Jörg Al­brecht das Sank­tio­nen­recht und die Sank­ti­ons­pra­xis zwi­schen west­li­chen In­dus­trie­ge­sell­schaf­ten mit de­nen des Na­hen Os­tens am Bei­spiel des Iran im Rah­men ei­nes Post­doc-Sti­pen­di­en-Pro­jekts (Hassan Re­zaei) un­ter­sucht. In der straf­recht­li­chen For­schungs­grup­pe un­ter der Lei­tung von Ul­rich Sie­ber wer­den die phi­lo­so­phi­schen und nor­ma­ti­ven Grund­la­gen des west­li­chen Straf­rechts mit de­nen der scha­ri‘a ver­gli­chen. Da­zu ist eben­falls ei­ne ers­te Stu­die am Bei­spiel zum Iran im Rah­men ei­ner Pro­mo­ti­ons­ar­beit ge­plant (Mo­hammad Sa­dr Tou­hid-kha­neh). Bei­de For­schungs­grup­pen sind zu dem Pro­jekt­ge­gen­stand un­ter Fe­der­füh­rung von Hans-Jörg Al­brecht ins­be­son­de­re auch an der Vor­be­rei­tung ei­ner In­ter­na­tio­nal Max Planck Re­se­arch School on Re­ta­lia­ti­on, Me­dia­ti­on and Pu­nis­h­ment be­tei­ligt, die ge­mein­sam mit den Max-Planck-In­sti­tu­ten für aus­län­di­sches öf­fent­li­ches Recht und Völ­ker­recht, für Rechts­ge­schich­te und für eth­no­lo­gi­sche For­schung or­ga­ni­siert wird.

Die Ver­öf­fent­li­chung des Pro­jekts er­folg­te 2006 in Deutsch­land in eng­li­scher Spra­che.