Das Forschungsprojekt befasst sich mit der Auswertung des European Crime and Safety Surveys 2005 (EU-ICS) und anderer europäisch-vergleichend angelegter, repräsentativer Bevölkerungsbefragungen. Auf der Basis dieser Umfragedaten widmet sich das Projekt der empirisch-ländervergleichenden Untersuchung von Kriminalitätserfahrungen und kriminalitätsbezogenen Wahrnehmungen und Einstellungen.

Schützt so­zia­le Si­cher­heit vor Kri­mi­na­li­täts­furcht?
Zum Ein­fluss wohl­fahrts­staat­li­cher Po­li­tik auf kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­ne Un­si­cher­heits­ge­füh­le

Ein Schwer­punkt des Pro­jek­tes rich­tet sich auf die Ana­ly­se von Kri­mi­na­li­täts­furcht. Die bis­he­ri­ge For­schung zu sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mun­gen von Kri­mi­na­li­täts­ri­si­ken ist sich weit­ge­hend ei­nig, dass sich in der Kri­mi­na­li­täts­furcht un­spe­zi­fi­sche so­zia­le Be­dro­hungs­ge­füh­le wi­der­spie­geln, die weit über die kon­kre­te Angst hin­aus ge­hen, Op­fer ei­nes Ver­bre­chens zu wer­den ('Ge­ne­ra­li­sie­rungs­the­se'). Ob­gleich sich die eu­ro­päi­schen Län­der im Hin­blick auf das Aus­maß an Kri­mi­na­li­täts­furcht in der Be­völ­ke­rung er­heb­lich un­ter­schei­den, wur­den bis­her in der For­schung über­wie­gend in­di­vi­du­el­le Merk­ma­le als Er­klä­rungs­fak­to­ren her­an­ge­zo­gen, wäh­rend ge­sell­schaft­li­che Aspek­te weit­ge­hend un­be­ach­tet blie­ben. Folgt man der Wohl­fahrts­staa­ten­theo­rie Es­ping-An­der­sens zeigt sich ein aus­ge­präg­ter Zu­sam­men­hang zwi­schen Wohl­fahrts­re­gi­men und dem Aus­maß an kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­nem Un­si­cher­heits­emp­fin­den in der Be­völ­ke­rung: Ein ho­hes Ni­veau an Kri­mi­na­li­täts­furcht kann in ers­ter Li­nie in den li­be­ra­len Wohl­fahrts­staa­ten (wie Ir­land und Groß­bri­tan­ni­en) und Ost­eu­ro­pa be­ob­ach­tet wer­den, wäh­rend die Bür­ger so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wohl­fahrts­staa­ten (Nor­di­sche Län­der) die ge­rings­ten Vik­ti­mi­sie­rungs­ängs­te auf­wei­sen. Die for­schungs­lei­ten­de Hy­po­the­se führt die­se Län­der­un­ter­schie­de auf so­zi­al­po­li­ti­sche Mo­del­le zu­rück und geht da­von aus, dass zum einen das Aus­maß, aber auch die Art der so­zi­al­po­li­ti­schen Si­che­rung Kri­mi­na­li­täts­furcht mo­de­rie­ren. Die­se The­sen konn­ten im Rah­men des Pro­jek­tes be­reits be­stä­tigt wer­den. Zum einen be­steht ein star­ker Zu­sam­men­hang zwi­schen der Hö­he so­zi­al­po­li­ti­scher Aus­ga­ben, zum an­de­ren sind ei­ni­ge wohl­fahrts­staat­li­che In­ves­ti­tio­nen en­ger an kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­nen Un­ter­si­cher­hei­ten ge­kop­pelt als an­de­re. Mit­hil­fe von Mehre­be­nen­ana­ly­sen und ver­schie­de­nen Da­ten­sät­zen und Län­der­samp­les (Eu­ro­pean So­ci­al Sur­vey 2004 und 2006, EU-ICS 2005) konn­te ge­zeigt wer­den, dass ins­be­son­de­re staat­li­che In­ves­ti­tio­nen in Bil­dung und frü­he Kin­der­be­treu­ung vor Kri­mi­na­li­täts­ängs­ten schüt­zen kön­nen. Die An­nah­me lau­tet, dass In­ves­ti­tio­nen in Fa­mi­li­en und Kin­der in Form von frü­her Bil­dung und Be­treu­ung, die Ent­wick­lung von so­zia­len und ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten - und da­mit auch Co­ping-Res­sour­cen - dau­er­haft auf­bau­en und un­ter­stüt­zen und so­mit Kri­mi­na­li­täts­ängs­te re­du­zie­ren.