Innerhalb der Diskussion um die Kommunale Kriminalprävention hat in den letzten Jahren insbesondere der Themenkomplex „Städtebau und Kriminalprävention“ erheblich an Bedeutung gewonnen. Neben herkömmlichen Ansätzen und Strategien der Kriminalprävention wird nunmehr auch zunehmend die Rolle von Kommunen und Wohnbaugesellschaften diskutiert, die vermittels städtebaupolitischer Vorgaben und Bestandserhaltungsmaßnahmen den Stadtraum und seine Nutzungsstrukturen entscheidend mitgestalten und auf diese Weise kriminelle Tatgelegenheiten erschaffen oder entschärfen.

Pro­jekt­be­schrei­bung:

Die Ge­währ­leis­tung von Si­cher­heit und Ord­nung ge­hört seit je­her zu den wich­tigs­ten Auf­ga­ben von Städ­ten und Kom­mu­nen. Zwar be­schäf­tigt sich die Kri­mi­no­lo­gie schon seit lan­gem mit kri­mi­nal­geo­gra­phi­schen und städ­te­bau­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen, gleich­sam prak­ti­sche Re­le­vanz aber ge­wann das The­ma Städ­te­bau und Kri­mi­na­li­tät erst im Zu­sam­men­hang mit der in den letz­ten Jah­ren zu­neh­mend ge­führ­ten Dis­kus­si­on um die si­tua­ti­ons­be­zo­ge­ne Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on und der Re­naissance ge­le­gen­heits­ba­sier­ter Theo­ri­en ab­wei­chen­den Ver­hal­tens.
Ge­gen­stand der hier vor­ge­stell­ten Un­ter­su­chung ist nun die em­pi­risch fun­dier­te Be­wer­tung kri­mi­nal­prä­ven­tiv mo­ti­vier­ter In­ter­ven­tio­nen im bau­lich-ar­chi­tek­to­ni­schen Kon­text zwei­er ost- und west­deut­scher Groß­wohn­sied­lun­gen. Gal­ten die­se zur Zeit ih­rer Er­bau­ung als Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne, so eilt ih­nen heut­zu­ta­ge häu­fig ge­nug der Ruf als „Brut­stät­ten der Kri­mi­na­li­tät“ vor­aus. Bauschä­den, Van­da­lis­mus, Angst­räu­me und das Ne­ben­ein­an­der pro­ble­ma­ti­scher Le­bens­la­gen sind üb­li­che At­tri­bu­te, die das ge­ne­rell schlech­te Image der Groß­wohn­sied­lun­gen be­die­nen. Zwar sind auf der Grund­la­ge zahl­rei­cher kri­mi­nal­geo­gra­phi­scher Stu­di­en ei­ne Rei­he von Emp­feh­lun­gen zur Re­duk­ti­on von Kri­mi­na­li­tät und Kri­mi­na­li­täts­furcht im öf­fent­li­chen Raum er­gan­gen und in die Pra­xis der städ­te­bau­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung großer Neu­bau­ge­bie­te um­ge­setzt wor­den, aus­sa­ge­kräf­ti­ge Eva­lua­ti­ons­stu­di­en je­doch, an­hand de­rer die durch­ge­führ­ten Maß­nah­men sys­te­ma­tisch auf ih­re Wirk­sam­keit hin un­ter­sucht wer­den, fin­den sich - we­nigs­tens hier­zu­lan­de - nur sel­ten.
An­ge­sichts mög­li­cher­wei­se fehlin­ves­tier­ter und oh­ne­hin knap­per Res­sour­cen, emp­fiehlt es sich aber auch in Deutsch­land, den Er­folg kri­mi­nal­prä­ven­ti­ver In­itia­ti­ven wis­sen­schaft­lich zu un­ter­su­chen. Mit dem hier vor­ge­stell­ten For­schungs­vor­ha­ben soll nun der Ver­such un­ter­nom­men wer­den, erst­mals auch im deutsch­spra­chi­gen Raum die Wirk­sam­keit städ­te­bau­li­cher Maß­nah­men im Hin­blick auf die Ent­wick­lung der Kri­mi­na­li­tät und der sub­jek­ti­ven Kri­mi­na­li­täts­wahr­neh­mung zu un­ter­su­chen. Grund­le­gend wird da­zu an­ge­nom­men, daß bau­lich-ar­chi­tek­to­ni­sche Sa­nie­rungs­be­mü­hun­gen auf der Fo­lie ei­nes kri­mi­nal­prä­ven­ti­ven Ein­wir­kens auf die de­lik­ti­sche Ge­le­gen­heits­s­truk­tur in­ter­pre­tier­bar sind. For­schungs­lei­tend sind da­bei fol­gen­de Fra­ge­stel­lun­gen:

  • In­wie­weit ha­ben struk­tu­rel­le In­ter­ven­tio­nen in der bau­li­chen Sub­stanz einen Ein­fluß auf die all­ge­mei­ne Wohn­zu­frie­den­heit, die durch­schnitt­li­che Fluk­tua­ti­ons­ra­te und auf die so­zio­demo­gra­phi­sche Zu­sam­men­set­zung der Be­woh­ner­schaft?
  • Sind bau­li­che Maß­nah­men da­zu ge­eig­net, so­wohl das Aus­maß der Kri­mi­na­li­täts­furcht als auch das Ni­veau der kri­mi­nel­len und nicht-kri­mi­nel­len De­vi­anz (Zei­chen so­zia­ler De­sta­bi­li­sie­rung) zu re­du­zie­ren?
  • In­wie­weit kön­nen Sa­nie­rungs­ar­bei­ten einen Bei­trag da­zu leis­ten, Ver­ant­wor­tungs­ge­füh­le der Be­woh­ner­schaft zu ak­ti­vie­ren oder zu ver­stär­ken und das Maß der so­zia­len Kon­trol­le zu er­hö­hen?
  • Wird durch baustruk­tu­rel­le Ein­wir­kun­gen die Kri­mi­na­li­tät ver­la­gert und in­wie­weit er­wei­sen sich Maß­nah­men die­ser Art un­ter Kos­ten-Nut­zen-Aspek­ten als ef­fi­zi­ent?

Ar­beits­plan 2005 bis 2007:

Maß­geb­li­che Ver­schie­den­hei­ten in der bau­li­chen und so­zia­len Struk­tur zwi­schen ost- und west­deut­schen Groß­wohn­sied­lun­gen las­sen die Durch­füh­rung der Un­ter­su­chung in bei­den Tei­len Deutsch­lands not­wen­dig er­schei­nen. Im­mer­hin wer­den mit Städ­te­bau und Ar­chi­tek­tur als ei­nem kri­mi­nal­prä­ven­ti­ven In­stru­ment zwei völ­lig un­ter­schied­li­che Wohn- und So­zi­al­räu­me zum Ge­gen­stand des kri­mi­nal­prä­ven­ti­ven Be­mü­hens: Wäh­rend ost­deut­sche Groß­wohn­sied­lun­gen über­wie­gend ge­prägt sind durch bau­li­che Ho­mo­ge­ni­tät und auf­fäl­lig ho­he so­zia­le Durch­mi­schung (trotz zu­neh­men­den Leer­stands), wei­sen ih­re west­deut­schen Pen­dants ei­ne grö­ße­re ar­chi­tek­to­ni­sche Viel­falt bei gleich­zei­tig ho­her so­zia­ler Ho­mo­ge­ni­tät ih­rer Be­woh­ner­schaft auf. Frag­lich al­so ist auch, ob ähn­li­che struk­tu­rel­le Maß­nah­men un­ter der­art ver­schie­de­nen Be­din­gun­gen glei­che Re­sul­ta­te er­brin­gen kön­nen.
In ei­nem ers­ten Schritt soll nun durch lo­ka­le Si­tua­ti­ons­ana­ly­sen und die Samm­lung ver­wert­ba­rer Ma­te­ria­li­en (Fo­tos, Bau­plä­ne, Pres­se­be­rich­te etc.) ein ers­ter bild­li­cher Ein­druck des Ge­sche­hens vor Ort ge­won­nen wer­den. Die Aus­wer­tung of­fi­zi­el­ler Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken aus der Zeit vor, wäh­rend und nach der Im­ple­men­tie­rung der Maß­nah­men wird zu­dem vor­läu­fi­ge Auf­schlüs­se über die län­ger­fris­ti­ge Ent­wick­lung der re­gis­trier­ten Kri­mi­na­li­täts­la­ge ge­ben kön­nen. Flan­kie­rend sol­len So­zi­al­da­ten der Stadt und lo­ka­ler Wohn­un­ter­neh­men auf­klä­ren über die so­zio­demo­gra­phi­sche Struk­tur der Be­woh­ner­schaft (Wan­del des so­zia­len Sta­tus, der Ar­beits­lo­sen­quo­te und des So­zi­al­hil­fe­be­zugs, Ver­än­de­run­gen in der Fluk­tua­ti­ons­ra­te etc.). Halb-stan­dar­di­sier­te In­ter­views mit aus­ge­wähl­ten Ex­per­ten (en­ga­gier­ten Be­woh­nern, So­zi­al­ar­bei­tern, Po­li­zis­ten, Si­cher­heits­diens­ten, Ar­chi­tek­ten, Haus­meis­tern etc.) sol­len das ge­won­ne­ne Da­ten­ma­te­ri­al qua­li­ta­tiv un­ter­füt­tern.
Kern­stück der Un­ter­su­chung ist die Be­fra­gung von et­wa 500 Be­woh­nern in je­dem der bei­den Stadt­tei­le auf der Ba­sis ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­be. Da­mit soll zu­nächst das Dun­kel­feld der Kri­mi­na­li­tät aus­ge­leuch­tet, die nicht-re­gis­trier­te Kri­mi­na­li­tät über Selbst­be­rich­te er­fragt und das of­fi­zi­el­le Da­ten­ma­te­ri­al sinn­voll er­gänzt wer­den. Dar­über hin­aus soll die Be­woh­ner­be­fra­gung Auf­schluß ge­ben über das Aus­maß der Kri­mi­na­li­täts­furcht im Quar­tier so­wie über Ent­wick­lungs­ten­den­zen seit der bau­li­chen Neu­ge­stal­tung. Die Be­mes­sung von Ent­wick­lungs­trends er­for­dert ori­gi­när die Da­te­ner­he­bung vor Be­ginn und nach Be­en­di­gung der je­wei­li­gen Maß­nah­me. Da je­doch auf­grund des be­grenz­ten zeit­li­chen Rah­mens die­ser Ar­beit ei­ner­seits und der deut­lich län­ge­ren Dau­er bau­li­cher Maß­nah­men an­de­rer­seits die Durch­füh­rung der Un­ter­su­chung im Sin­ne ei­nes Pre-/Post-De­si­gns nicht mög­lich ist, soll mit ei­ner re­tro­spek­ti­ven Be­fra­gung an das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis der Be­woh­ner ap­pel­liert wer­den um auf die­se Wei­se Ent­wick­lungs­li­ni­en der Kri­mi­na­li­tät und Kri­mi­na­li­täts­furcht nach­zu­zeich­nen.
Letzt­lich wer­den mit der quan­ti­ta­ti­ven Ana­ly­se der Be­fra­gungs­da­ten Hy­po­the­sen zum spe­zi­fi­schen Zu­sam­men­hang von Stadt­struk­tur, bau­li­cher Sa­nie­rung und der Ent­wick­lung von Kri­mi­na­li­tät und Kri­mi­na­li­täts­furcht über­prüft, die be­reits auf der Grund­la­ge theo­re­ti­scher Vor­ori­en­tie­run­gen und der lo­ka­len Si­tua­ti­ons­ana­ly­sen ge­won­nen wur­den.
Im Hin­blick auf die Ge­währ­leis­tung in­ter­ner wie ex­ter­ner Va­li­di­tät wä­re dar­über hin­aus die Durch­füh­rung der Un­ter­su­chung in­ner­halb ei­nes Ex­pe­ri­men­tal­ge­biets und ei­ner Kon­troll­grup­pe wün­schens­wert. Auch vor dem Hin­ter­grund der Un­ter­su­chung von Ver­la­ge­rungs­ten­den­zen wä­re die Ana­ly­se an­gren­zen­der, nicht sa­nier­ter Ge­bie­te er­stre­bens­wert. Noch konn­te al­ler­dings nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den, ob sich in den Un­ter­su­chungs­ge­bie­ten der­ar­ti­ge Par­al­lel-Kon­stel­la­tio­nen fin­den las­sen. Schließ­lich ha­ben die öko­no­mi­schen Zwän­ge der letz­ten Jah­re die Woh­nungs­un­ter­neh­men im gan­zen Land zu­neh­mend ge­nö­tigt, die Wohn­raum­be­stän­de der Groß­sied­lun­gen suk­zes­si­ve zu mo­der­ni­sie­ren um dem gras­sie­ren­den Leer­stand Ein­halt zu ge­bie­ten.
In­itia­ti­ven zur städ­te­bau­li­chen Auf­wer­tung von Groß­wohn­sied­lun­gen fin­den sich al­so in Hül­le und Fül­le, nur der em­pi­ri­sche Nach­weis ih­res Er­fol­ges in kri­mi­nal­prä­ven­ti­ver Hin­sicht ist bis heu­te aus­ge­blie­ben. Die­se Lücke soll mit dem hier vor­ge­stell­ten For­schungs­pro­jekt ge­schlos­sen wer­den.

Fi­nan­zie­rung:

AGIS 2004
Mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung des AGIS Pro­gramms: Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on - Ge­ne­ral­di­rek­ti­on Jus­tiz, Frei­heit und Si­cher­heit (2004/AGIS/164).