For­schungs­ge­gen­stand:

Das Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt ist ei­ne Teil­stu­die des Ge­samt­pro­jekts "Ju­gend­li­che Se­xual­straf­tä­ter in den so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen Ab­tei­lun­gen des Frei­staa­tes Sach­sen". Aus­gangs­la­ge der Un­ter­su­chung ist die Be­ob­ach­tung, dass der „Über­gang“ ent­las­se­ner jun­ger Straf­ge­fan­ge­ner in ein un­ab­hän­gi­ges und ei­gen­ver­ant­wort­li­ches Le­ben viel­fach mit Schwie­rig­kei­ten be­haf­tet ist. Ho­he Er­war­tun­gen an über­gangs­be­zo­ge­ne Maß­nah­men stel­len ver­schie­de­ne Ak­teu­re des „Über­gangs­ma­na­ge­ments“, aber auch die jun­gen Be­trof­fe­nen selbst, vor Her­aus­for­de­run­gen. Da­her wird an­hand ei­ner qua­li­ta­ti­ven Stu­die die Selbst­sicht der jun­gen Haft­ent­las­se­nen hin­sicht­lich des Über­gangs von Haft in Frei­heit eru­iert.

Haupt­ziel der Un­ter­su­chung war es, die un­ter­schied­li­chen Le­bens­ver­läu­fe nach der Haft­ent­las­sung zu be­leuch­ten und her­aus­zu­fin­den, was zum Ab­bruch der kri­mi­nel­len Kar­rie­re führt.

Die De­si­stan­ce­for­schung ist in den letz­ten Jah­ren zu ei­nem zen­tra­len For­schungs­ge­gen­stand der Kri­mi­no­lo­gie ge­wor­den. Trotz­dem ist es bis­lang nicht ge­lun­gen, die ex­pli­zi­ten Wirk­me­cha­nis­men, die zum Auf­ge­ben kri­mi­nel­ler Le­bens­ver­läu­fe füh­ren, zu ver­ste­hen. Ei­ne zen­tra­le Be­deu­tung für die Un­ter­su­chung die­ser Me­cha­nis­men kommt hier­bei dem Kon­zept der Agen­cy oder Hand­lungs­mäch­tig­keit zu. Als me­tho­di­sche Vor­ge­hens­wei­se wur­de hier­für ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus bio­gra­phi­schen und re­kon­struk­ti­ven Ana­ly­se­ver­fah­ren ge­wählt.

Pro­jekt­ziel und Me­tho­dik:

Im Rah­men ei­ner le­bens­lau­f­ori­en­tier­ten Her­an­ge­hens­wei­se wur­den (teil-)nar­ra­ti­ve In­ter­views, die bis En­de 2012 mit jun­gen Ge­walt- und Se­xual­straf­tä­tern (N=24) nach de­ren Haft­ent­las­sung bzw. Wie­der­in­haf­tie­rung ge­führt wur­den, qua­li­ta­tiv aus­ge­wer­tet. Haupt­ziel der Un­ter­su­chung war es, die un­ter­schied­li­chen Le­bens­ver­läu­fe nach der Haft­ent­las­sung zu be­leuch­ten und her­aus­zu­fin­den, was zum Ab­bruch der kri­mi­nel­len Kar­rie­re führt.

Die vor­lie­gen­de Stu­die um­fasst so­mit zwei Zie­le: zum einen wird an­ge­strebt, das Ver­ständ­nis von Agen­cy als Schlüs­sel­ele­ment im De­si­stan­ce­pro­zess wei­ter­ent­wi­ckeln zu hel­fen. Zum an­de­ren wird ei­ne em­pi­risch be­grün­de­te Theo­rie­ge­ne­rie­rung an­ge­strebt, die auch von prak­ti­schem Nut­zen für die an der Wie­der­ein­glie­de­rung von Haft­ent­las­se­nen Be­tei­lig­ten sein soll. Dies bein­hal­tet ins­be­son­de­re die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen in­di­vi­du­al-psy­cho­lo­gi­schen und so­zi­al-struk­tu­rel­len Ein­fluss­fak­to­ren aus ei­ner pro­zes­sua­len Be­trach­tungs­wei­se zu be­leuch­ten.

In ei­nem ers­ten me­tho­di­schen Aus­wer­tungs­zu­gang wur­de der Fra­ge nach­ge­gan­gen, in­wie­fern sich die Pro­ban­den als hand­lungs­mäch­tig be­züg­lich ih­rer Le­bens­ge­stal­tung se­hen oder als Op­fer so­zia­ler Um­stän­de be­grei­fen. Über die­sen Aus­wer­tungs­schritt konn­te ei­ne ana­ly­ti­sche Ein­ord­nung der Nar­ra­tio­nen in un­ter­schied­li­che Pha­sen des Über­gangs vor­ge­nom­men wer­den, die da­zu diente, die man­nig­fa­chen äu­ße­ren und in­ne­ren Ein­fluss­fak­to­ren im De­si­stan­ce­pro­zess zu ord­nen und in ih­rem pro­zes­sua­len Zu­sam­men­spiel zu be­leuch­ten. In die­sem Zu­ge wur­den fünf Kern­ka­te­go­ri­en zur Ana­ly­se des De­si­stan­ce­pro­zes­ses her­aus­ge­ar­bei­tet. Ins­be­son­de­re wur­den hier­bei Wen­de­punk­te von Hand­lungs­mäch­tig­keit un­ter­sucht, die zur Un­ter­bre­chung oder zum Ab­bruch der kri­mi­nel­len Kar­rie­re füh­ren.

Im ei­nem zwei­ten Aus­wer­tungs­schritt wur­den die im ers­ten Teil der Un­ter­su­chung iden­ti­fi­zier­ten Kern­ka­te­go­ri­en zu ei­nem in­ter­ak­tio­nis­ti­schen Rah­men­mo­dell, dem so­ge­nann­ten ZA­RIA-Sche­ma, zu­sam­men­ge­fasst. Hier wur­de der Fra­ge nach­ge­gan­gen, wel­che Wirk­me­cha­nis­men im Pro­zess des Ab­bruchs oder der Fort­füh­rung de­vi­an­ter Ver­hal­tens­wei­sen zu Ta­ge tre­ten.

Er­geb­nis:

Die Ar­beit leis­tet einen Bei­trag zu der aus dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Raum stam­men­den De­si­stan­ce-For­schung und lie­fert ein em­pi­ri­sches In­ter­ak­ti­ons­mo­dell, das so­ge­nann­te ZA­RIA-Sche­ma, das ins­ge­samt fünf Kern­va­ria­blen als zen­tral im De­si­stan­ce-Pro­zess iden­ti­fi­ziert.
Das ent­wi­ckel­te Mo­dell rückt die Dy­na­mi­ken im Pro­zess des Aus­stiegs aus der kri­mi­nel­len Lauf­bahn von ehe­ma­li­gen jun­gen Ge­walt- und Se­xual­straf­tä­tern als auch im Rah­men de­ren Fort­füh­rung glei­cher­ma­ßen un­ter das Brenn­glas. Mit­hil­fe des em­pi­ri­schen Mo­dells kön­nen die un­ter­schied­li­chen und hoch in­di­vi­du­el­len We­ge nach der Haft­ent­las­sung in ih­rem dy­na­mi­schen Wech­sel­spiel von in­di­vi­du­al-psy­cho­lo­gi­schen und so­zi­al-struk­tu­rel­len Ein­fluss­fak­to­ren un­ter­sucht wer­den. Die ge­won­ne­nen Er­geb­nis­se ver­wei­sen auf ei­ne al­ters- und de­lik­tu­n­ab­hän­gi­ge An­wend­bar­keit des qua­li­ta­ti­ven Ana­ly­se­mo­dells.