Die restriktive Migrationskontrollpolitik der EU hat die Wahrnehmung von Migranten als Sicherheitsproblem begünstigt und dazu geführt, dass in europäischen Ländern, die von Migration besonders betroffen sind, versucht wird, Sanktionssysteme zu ihrer Steuerung und Kontrolle aufzubauen, die auch strafrechtliche Elemente enthalten. Das Projekt untersucht diese Entwicklungen, wobei spezielles Augenmerk auf Fragen der Legitimation und auf die funktionalen Grenzen des Strafrechts als Instrument zum Schutz der Inneren Sicherheit gelegt wird.

Seit dem sprung­haf­ten An­stieg der Flücht­lings­zah­len wer­den Mi­gran­ten nicht mehr (nur) als be­son­ders ge­fähr­de­te Grup­pe po­ten­ti­el­ler Op­fer von Straf­ta­ten (Men­schen­han­del, Schleu­ser­kri­mi­na­li­tät, Ar­beits­aus­beu­tung) wahr­ge­nom­men, son­dern auch als po­ten­ti­el­le Ge­fahr für die in­ne­re Si­cher­heit. In­fol­ge die­ses Per­spek­ti­ven­wech­sels wird in der Recht­po­li­tik zu­neh­mend der Ein­satz straf­recht­li­cher Mit­tel zur Steue­rung von Mi­gra­ti­on ein­ge­for­dert. Doch be­schrän­ken sich da­hin­ge­hen­de For­de­run­gen nicht auf die Prä­ven­ti­on der mit mas­si­ver Mi­gra­ti­on ver­bun­de­nen po­ten­ti­el­len Ri­si­ken. Viel­mehr wer­den der il­le­ga­le Mi­grant so­wie des­sen Un­ter­stüt­zer in ver­schie­de­ner Wei­se kri­mi­na­li­siert. Von­sei­ten der Rechts­wis­sen­schaft wur­de die­se Ent­wick­lung in vie­len Staa­ten aber bis­her kaum re­flek­tiert, wo­hin­ge­gen an­dern­orts, ins­be­son­de­re in Spa­ni­en, da­zu be­reits ein um­fang­rei­cher Dis­kurs statt­fin­det.

Im vor­lie­gen­den Pro­jekt sol­len Fra­gen der Le­gi­ti­ma­ti­on der­ar­ti­ger Kri­mi­na­li­sie­rung und die dies­be­züg­li­chen funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts un­ter­sucht wer­den. Da­bei geht es ins­be­son­de­re dar­um, ob der il­le­ga­le Auf­ent­halt oder gar des­sen blo­ße Un­ter­stüt­zung straf­wür­di­ges Un­recht dar­stel­len kann, in­wie­weit ein straf­recht­li­cher An­satz über­haupt zu ei­ner funk­tio­nie­ren­den Mi­gra­ti­ons­steue­rung bei­tra­gen kann oder eher zu Kon­flik­ten mit an­de­ren Rechts­re­gi­men führt und in wel­chem Aus­maß durch nicht straf­recht­li­che In­stru­men­te straf­recht­li­che Ga­ran­ti­en un­ter­lau­fen wer­den.

Die rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung ana­ly­siert zu­nächst die Rol­le des Straf­rechts hin­sicht­lich der il­le­ga­len Ein­rei­se oder des il­le­ga­len Auf­ent­halts so­wie un­ter­stüt­zen­de bzw. vor­be­rei­ten­de Hand­lun­gen mit Blick auf Deutsch­land, Spa­ni­en, Ita­li­en und Grie­chen­land; al­so Län­der, die jüngst in be­son­de­rem Ma­ße mit Mi­gra­ti­on kon­fron­tiert sind. Be­trach­tet wer­den die Tat­be­stands-, Sank­ti­ons- und die pro­zes­sua­le Ebe­ne. Im Mit­tel­punkt steht da­bei die Ab­gren­zung zwi­schen (straf­ba­rer) Bei­hil­fe zu il­le­ga­ler Ein­rei­se und hu­ma­ni­tär­en Hand­lun­gen. In ei­nem zwei­ten Teil wird un­ter­sucht, wel­che spe­zi­el­len Sank­ti­ons­for­men und Maß­nah­men ge­gen Mi­gra­ti­on au­ßer­halb des Straf­rechts (insb. im Aus­län­der­recht) ent­wi­ckelt wur­den. Ein drit­ter Teil wid­met sich der Ana­ly­se mög­li­cher Kon­flik­te zwi­schen straf­recht­li­chen und nicht­straf­recht­li­chen Re­ge­lun­gen und zieht da­bei ne­ben ei­ner ent­spre­chen­den nor­ma­ti­ven Ana­ly­se der vor­an­ge­hend dar­ge­stell­ten Be­fun­de auch em­pi­ri­sche Er­kennt­nis­se her­an.

Die EU for­dert von ih­ren Mit­glieds­staa­ten ei­ne Sank­tio­nie­rung der Bei­hil­fe zur un­er­laub­ten Ein­rei­se (und so­gar de­ren Teil­nah­me­for­men) „mit wirk­sa­men, an­ge­mes­se­nen und ab­schre­cken­den Stra­fen“. In ei­ni­gen Län­dern wie et­wa Deutsch­land ist be­reits die il­le­ga­le Ein­rei­se bzw. der Auf­ent­halt und so­mit auch dies­be­züg­li­che Bei­hil­fe straf­bar. In an­de­ren Län­dern schuf der Ge­setz­ge­ber im StGB teils schwer­wie­gen­de De­lik­te, wel­che die Bei­hil­fe zur il­le­ga­len Ein- oder Durch­rei­se un­ter Stra­fe stel­len, so et­wa in Spa­ni­en. Die­ser Rechts­rah­men führt ins­be­son­de­re im Hin­blick auf sol­che un­ter­stüt­zen­den Hand­lun­gen durch Drit­te viel­fach zu ei­ner weit­ge­fass­ten und da­her oft un­ver­hält­nis­mä­ßi­gen An­wen­dung des Straf­rechts. Pro­ble­ma­tisch hin­sicht­lich der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Sank­tio­nen ist eben­falls die Aus­wei­sung als Al­ter­na­ti­ve zur Frei­heits­s­tra­fe, die in Spa­ni­en schon seit 1995 auch im StGB ge­re­gelt und im­mer mehr aus­ge­wei­tet wor­den ist.

Al­ler­dings wird in den un­ter­such­ten Mit­glied­staa­ten auch deut­lich, dass ein Aus­wei­chen der Mi­gra­ti­ons­kon­trol­le auf nicht­straf­recht­li­che In­stru­men­te (z.B. Ab­schie­bun­gen im Aus­lands­recht) mit teil­wei­se großen Ri­si­ken für die Wirk­sam­keit rechts­staat­li­cher Ga­ran­ti­en ver­bun­den ist und da­mit Schutz­rech­te von Flücht­lin­gen un­ter­lau­fen wer­den. Ei­ne Aus­deh­nung der nicht­straf­recht­li­chen Sank­tio­nie­rung ent­steht auch in Deutsch­land mit der jüngs­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, die im Be­reich der Ab­schie­bungs­an­ord­nung nun­mehr den an die Ge­fah­ren­pro­gno­se zu stel­len­den Maß­stab deut­lich ver­rin­gert.