Das strafrechtsvergleichende Projekt erforscht, inwieweit die nationalen Strafrechtsordnungen verschiedener Staaten eine Ahndung von Völkerstraftaten durch eigene staatliche Gerichte ermöglichen, welche Defizite gegenüber dem Völkerrecht bestehen und welche Reformen insofern durchgeführt wurden oder geplant sind. Es zeigt, dass die meisten untersuchten Staaten Völkermord und Kriegsverbrechen als solche ahnden können, Verbrechen gegen die Menschlichkeit dagegen nicht.

Pro­jekt­be­schrei­bung:

Durch das Rö­mi­sche Sta­tut des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs (ISt­GH/ICC) vom Ju­li 1998 se­hen bzw. sa­hen sich die Staa­ten vor ver­schie­de­ne Fra­gen ge­stellt: So zum einen, ob sie den Ver­trag ra­ti­fi­zie­ren sol­len und in­wie­weit hier­für in­ner­staat­li­che Ver­fas­sungs­än­de­run­gen er­for­der­lich sind. Zum an­de­ren gilt bzw. galt es für die Mit­glieds­staa­ten des Sta­tuts, na­tio­na­le Rechts­grund­la­gen für die vom Rö­mi­schen Sta­tut ge­for­der­te Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ge­richts­hof zu schaf­fen. Zum drit­ten stellt bzw. stell­te sich für die Staa­ten die Fra­ge, in­wie­weit sie selbst wil­lens und in der La­ge sind, völ­ker­recht­li­che Straf­ta­ten zu ver­fol­gen und zu be­stra­fen bzw. ob da­für die ei­ge­ne Straf­rechts­ord­nung ge­än­dert wer­den muss.

Das Rö­mi­sche Sta­tut als sol­ches ent­hält kei­ne di­rek­te Ver­pflich­tung der Staa­ten, na­tio­na­le Straf­ge­walt über völ­ker­recht­li­che Ver­bre­chen zu be­grün­den und aus­zuü­ben (vgl. aber Art. 70 ISt­GH-Sta­tut). Doch liegt im­mer­hin der Ge­samt­kon­zep­ti­on des Sta­tuts die Vor­stel­lung zu­grun­de, dass die Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen pri­mär Auf­ga­be der ein­zel­nen Staa­ten ist. Die­se Pri­mär­zu­stän­dig­keit ma­ni­fes­tiert sich im Prin­zip der Kom­ple­men­ta­ri­tät: Nach Art. 17 ISt­GH-Sta­tut ist ei­ne Straf­ver­fol­gung durch den ISt­GH nur dann zu­läs­sig, wenn und in­so­weit ei­ne ef­fek­ti­ve Straf­ver­fol­gung auf na­tio­na­ler Ebe­ne an recht­li­chen oder fak­ti­schen Hin­der­nis­sen schei­tert. Fol­ge des Un­ter­blei­bens ei­ner na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung ist nach dem ISt­GH-Sta­tut al­so le­dig­lich die Zu­läs­sig­keit ei­nes Straf­ver­fah­rens vor dem ISt­GH. Es liegt aber im ei­ge­nen In­ter­es­se der ein­zel­nen Staa­ten, zu ei­ner Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen zu­min­dest in glei­chem Um­fang wie der ISt­GH in der La­ge zu sein. Da­mit wird nicht nur der Idee ei­ner pri­mären Ahn­dung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen durch na­tio­na­le Ge­rich­te, son­dern auch na­tio­na­len Sou­ve­rä­ni­täts­in­ter­es­sen Rech­nung ge­tra­gen.

Al­ler­dings geht das Rö­mi­sche Sta­tut in Abs. 6 sei­ner Prä­am­bel da­von aus, dass die Staa­ten un­ab­hän­gig vom Sta­tut durch das Völ­ker(ge­wohn­heits-)recht zu ei­ner Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen ver­pflich­tet sind. Tat­säch­lich er­ge­ben sich Ver­pflich­tun­gen zu ei­ner na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen aus an­de­ren völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen wie den Gen­fer Ab­kom­men, der Völ­ker­mord­kon­ven­ti­on und der UN-Fol­ter­kon­ven­ti­on, die für die große Mehr­zahl der Staa­ten als völ­ker­recht­li­cher Ver­trag bin­dend sind. Zu­neh­mend ge­winnt auch die Auf­fas­sung völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­cher Ver­fol­gungs­pflich­ten an Bo­den.
Zu­sam­men­fas­send ist da­mit fest­zu­stel­len, dass die ein­zel­nen Staa­ten zu ei­ner na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung be­stimm­ter völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen ver­pflich­tet sind und im Üb­ri­gen ei­ne sol­che durch das Rö­mi­sche Sta­tut ge­ne­rell ge­wünscht wird und we­gen des Prin­zips der Kom­ple­men­ta­ri­tät auch im In­ter­es­se der ein­zel­nen Staa­ten ist.

In vie­len Staa­ten wird bzw. wur­de des­halb dar­über dis­ku­tiert, ob und in­wie­weit ei­ne An­pas­sung des na­tio­na­len Straf­rechts an die ma­te­ri­el­len Straf­nor­men des Rö­mi­schen Sta­tuts und des Völ­ker­ge­wohn­heits­rechts er­for­der­lich oder je­den­falls sinn­voll ist. In Deutsch­land ist bei­spiels­wei­se im Ju­ni 2002 ein ei­gen­stän­di­ges Völ­ker­straf­ge­setz­buch (VStGB) (s.u. Dow­n­loads und Links) in Kraft ge­tre­ten. Da­mit ist Deutsch­land be­fä­higt wor­den, in die Zu­stän­dig­keit des ISt­GH fal­len­de Ver­bre­chen stets auch selbst zu ver­fol­gen.

Ge­gen­stand und Ziel des Pro­jekts:

Vor dem Hin­ter­grund die­ser Ent­wick­lung war For­schungs­ge­gen­stand des rechts­ver­glei­chen­den Pro­jekts, wie und in wel­cher Wei­se die Straf­rechts­ord­nun­gen ver­schie­de­ner Staa­ten die Ahn­dung von Völ­ker­straf­ta­ten durch ei­ge­ne na­tio­na­le Ge­rich­te vor­se­hen bzw. er­mög­li­chen, wel­che De­fi­zi­te ge­gen­über dem gel­ten­den Völ­ker­recht (und dort nor­mier­ten Ver­fol­gungs­pflich­ten) im Hin­blick auf ei­ne sol­che na­tio­na­le Straf­ge­walt be­ste­hen und wel­che Re­for­men zur Er­mög­li­chung ei­ner na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen durch­ge­führt wur­den oder ge­plant sind.

Über den wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­ge­winn im Rah­men der straf­recht­li­chen Grund­la­gen­for­schung hin­aus war es Ziel des Pro­jekts, zum einen An­stö­ße und Im­pul­se für Re­for­m­über­le­gun­gen in ein­zel­nen Staa­ten zu ge­ben, in­dem ver­schie­de­ne Re­ge­lungs­me­cha­nis­men zur Ahn­dung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen rechts­ver­glei­chend auf­ge­zeigt und be­wer­tet wer­den. Zum an­de­ren konn­te dar­ge­legt wer­den, in­wie­weit ver­schie­de­ne Staa­ten nor­ma­tiv zur ei­ge­nen Straf­ver­fol­gung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen in der La­ge sind. Die­se Er­kennt­nis dürf­te im Hin­blick auf das Kom­ple­men­ta­ri­täts­prin­zip des Rö­mi­schen Sta­tuts von er­heb­li­cher prak­ti­scher Re­le­vanz sein. Nicht zu­letzt kön­nen mög­li­cher­wei­se aus Fest­stel­lun­gen zu den Rechts­auf­fas­sun­gen in ver­schie­de­nen Staa­ten, et­wa be­züg­lich des Um­fangs völ­ker­recht­li­cher Ver­pflich­tun­gen zur na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung, auch Rück­schlüs­se auf den Stand des Völ­ker­ge­wohn­heits­rechts ge­zo­gen wer­den.

Kon­zep­ti­on, Fra­ge­stel­lun­gen und me­tho­di­sches Vor­ge­hen:

Die Un­ter­su­chun­gen er­folg­ten in Form von Lan­des­be­rich­ten zu ein­zel­nen Staa­ten, die an­hand ei­ner ein­heit­li­chen und ver­bind­li­chen Pro­jekt­skiz­ze er­stellt wur­den, um so ei­ne Ver­gleich­bar­keit si­cher­zu­stel­len. Im Rah­men der Lan­des­be­rich­te wur­den im We­sent­li­chen fol­gen­de Fra­ge­stel­lun­gen un­ter­sucht:
  • In­wie­weit sind die im Rö­mi­schen Sta­tut und im gel­ten­den Völ­ker­ge­wohn­heits­recht als völ­ker­recht­li­che Ver­bre­chen pö­na­li­sier­ten Ver­hal­tens­wei­sen (Völ­ker­mord, Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit, Kriegs­ver­bre­chen) nach der Straf­rechts­ord­nung des un­ter­such­ten Lan­des straf­bar? Ist dar­über hin­aus das Ver­bre­chen der Ag­gres­si­on im na­tio­na­len Recht un­ter Stra­fe ge­stellt?
  • Wer­den die­se Straf­ta­ten durch spe­zi­el­le Straf­tat­be­stän­de des na­tio­na­len Straf­rechts er­fasst oder le­dig­lich durch die "all­ge­mei­nen" Straf­tat­be­stän­de des Straf­ge­setz­buchs oder aber durch Ver­weis auf Völ­ker­recht (Völ­ker­ge­wohn­heits­recht oder Völ­ker­ver­trags­recht wie das Rö­mi­sche Sta­tut)?
  • Wel­che im Völ­ker­recht pö­na­li­sier­ten Völ­ker­straf­ta­ten sind im na­tio­na­len Straf­recht nicht un­ter Stra­fe ge­stellt?
  • Nach wel­chen An­knüp­fungs­prin­zi­pi­en des so­ge­nann­ten "in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts" (Straf­an­wen­dungs­rechts) wie et­wa dem Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip, dem Per­so­na­li­täts­prin­zip oder dem Welt­rechts­prin­zip wird die räum­li­che und per­so­na­le Reich­wei­te der Straf­ge­walt über völ­ker­recht­li­che Ver­bre­chen be­grün­det?
  • Wel­che Be­stim­mun­gen gel­ten bei völ­ker­recht­li­chen Ver­bre­chen im Hin­blick auf all­ge­mei­ne Fra­gen der straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit (All­ge­mei­ner Teil des Straf­rechts), et­wa be­züg­lich der Recht­fer­ti­gungs­grün­de der Not­wehr oder des Han­delns auf Be­fehl, ei­nes Ver­bot­sirr­tums oder ei­ner Ver­ant­wort­lich­keit von Be­fehls­ge­bern (Hin­ter­män­nern)?
  • Gibt es be­son­de­re Re­ge­lun­gen im Hin­blick auf die Zu­läs­sig­keit ei­ner Straf­ver­fol­gung, et­wa be­züg­lich völ­ker­recht­li­cher und ver­fas­sungs­recht­li­cher Im­mu­ni­tä­ten oder Ver­jäh­rung?
  • Gel­ten bei ei­ner Straf­ver­fol­gung we­gen völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen Be­son­der­hei­ten im Hin­blick auf die Ver­fah­rens­ge­stal­tung oder die Ge­richts­zu­stän­dig­keit?
  • In­wie­weit fin­det im Be­richts­land ei­ne Straf­ver­fol­gung we­gen völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen tat­säch­lich statt?
  • Sind Re­for­men des Straf­rechts zur (bes­se­ren) Er­fas­sung völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen ge­plant?
Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zum Pro­jekt s.u. Dow­n­loads und Links (Han­dout).