Das Projekt analysiert den international an Bedeutung gewinnenden Ansatz, Gewinne aus Straftaten nicht mit einer strafrechtlichen Verurteilung einzuziehen, sondern davon unabhängig als sog. „non conviction based confiscation“. Dieser Verzicht auf „Strafrecht“ soll die hohen strafrechtlichen Beweisanforderungen vermeiden. Die Untersuchung analysiert die einschlägigen internationalen Modelle für ein solches Vorgehen, ihre Effektivität und ihre Vereinbarkeit mit menschenrechtlichen Garantien.

Der Satz „cri­me should not pay“ ent­spricht nicht nur ei­ner all­ge­mei­nen Über­zeu­gung. Dass Ver­bre­chen sich nicht loh­nen dür­fen, ist auch ein grund­le­gen­des Prin­zip der Ge­rech­tig­keit und zen­tra­les Ele­ment ei­ner er­folg­rei­chen Kri­mi­nal­po­li­tik. Letz­te­res gilt be­son­ders im Be­reich von wirt­schaft­lich kal­ku­lie­ren­den Staftä­tern, insb. im Be­re­reich der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät.

In der Pra­xis wer­den die­ser Grund­satz und die­ses Er­for­der­nis ei­ner ef­fek­ti­ven Kri­mi­nal­po­li­tik de­re­zeit nicht er­folg­reich um­ge­setzt. Die Eu­ro­päi­sche Kom­miss­si­on stell­te da­zu 2012 fest, dass die Kon­fis­zie­rung von straf­bar er­lang­tem Ver­mö­gen in Eu­ro­pa viel zu we­nig ver­wirk­licht wird. Der Grund für die­se Si­tua­ti­on ist dar­in be­grün­det, dass in den meis­ten eu­ro­päi­schen Staa­ten die Ein­zie­hung von Ver­bre­chens­ge­win­nen ei­ne straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung des Tä­ters und einen kla­ren Her­kunfts­nach­weis der ein­zu­zie­hen­den Ver­mö­gens­wer­te vor­aus­setzt, dies je­doch an den ho­hen straf­recht­li­chen Be­wei­san­for­de­run­gen (insb. dem Grund­satz „in du­bio pro reo“) schei­tert.

In vie­len Staa­ten wird des­we­gen dar­über nach­ge­dacht, die Ein­zie­hung von Straf­tat­ge­win­nen von ei­ner straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung zu „ent­kop­peln“. Ein­ze­le Staa­ten ha­ben in­so­weit auch be­reits er­folg­rei­che Ein­zie­hungs­mo­del­le ent­wi­ckelt, die an­schau­lich mit dem Be­griff der „non con­vic­ti­on ba­sed as­set for­fei­ture“ um­schrie­ben wer­den. Die­se Mo­del­le ver­zich­ten auf ei­ne straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung und z.T. auch auf einen straf­recht­li­chen Vor­wurf ge­gen den Tä­ter, for­dern dann aber für die Ein­zie­hung auch kei­nen vol­len Tat- und Her­kunfts­nach­weis im Hin­blick auf die ver­mu­te­ten il­le­ga­len Ge­win­ne. Die ent­spre­chen­den Vor­ge­hens­wei­sen wer­den da­bei teil­wei­se als zi­vil­pro­zes­sua­le Ver­fah­ren kon­stru­iert, in de­nen an­de­re Be­weis­stan­dards gel­ten als im Straf­recht. Ei­ne wei­te­re Kon­struk­ti­on ver­läuft ent­lang ei­ner prä­ven­tiv-po­li­zei­li­chen Be­grün­dung, nach der Geld in der Ver­fü­gungs­macht von ge­fähr­li­chen Per­so­nen ei­ne Ge­fahr dar­stellt und des­we­gen ent­zo­gen wer­den kann. Auf die­ser Grund­la­ge wer­den ei­nem mut­maß­li­chen Straf­tä­ter Ver­mö­gens­wer­te z.B. ent­zo­gen, wenn er schon ein­mal we­gen be­stimm­ter Straf­ta­ten ver­ur­teilt wur­de und die le­ga­le Her­kunft sei­nes Ver­mö­gens nicht nach­wei­sen kann.

In den USA wer­den ent­spre­chen­de Ver­fah­ren teil­we­sie nicht nur ge­gen Per­so­nen ge­führt, son­dern auch ge­gen be­stimm­te Sa­chen oder Gel­der, de­ren Ei­gen­tü­mer da­bei nicht be­kannt sein muss. Falls der Ei­gen­tü­mer sich nicht mel­det und nicht per­sön­lich zur Ver­tei­di­gung sei­nes Ver­mö­gens in den USA er­scheint, wird das Ver­mö­gen ein­ge­zo­gen. Die­ses Vor­ge­hen zeigt er­neut die ak­tu­el­le kri­mi­nal­po­li­ti­sche Ten­denz, das Straf­recht auf­grund sei­ner rechts­staat­li­chen Si­che­run­gen zu mei­den und auf an­de­re Rechts­dis­zi­pli­nen des ent­ste­hen­den neu­en Si­cher­heits­rechts aus­zu­wei­chen.

Das Pro­jekt ana­ly­siert des­we­gen die ent­spre­chen­den Kon­struk­tio­nen im ame­ri­ka­ni­schen, eng­li­schen, ita­lie­ni­schen und deut­schen Recht. Es un­ter­sucht wei­ter, ob und in­wie­weit die­se Vor­ge­hens­wei­sen straf­recht­li­che Ga­ran­ti­en um­ge­hen und ver­let­zen oder aus all­ge­mei­nen Ge­sichts­punk­ten des eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­schut­zes rechts­wid­rig sind. Ziel ist die Be­stim­mung des le­gi­ti­men An­wen­dungs­be­reichs der neu­en ef­fek­ti­ven Stra­te­gi­en der „non-con­vic­ti­on ba­sed as­set for­fei­ture“ un­ter Be­ach­tung des eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­schut­zes so­wie wei­te­rer na­tio­na­ler Ga­ran­ti­en. Die für das Pro­jekt er­stell­ten Be­rich­te wur­den da­zu 2012 auf ei­nem Se­mi­nar in Tromsø, Nor­we­gen, dis­ku­tiert. Sie wer­den 2015 in ei­ner Mo­no­gra­phie ver­öf­fent­licht.

Der deut­sche Ge­setz­ge­ber hat sich bei sei­ner Re­form des Ein­zie­hungs­rechts im Jahr 2016 in vor­sich­ti­ger Wei­se ein Stück in die von die­ser Stu­die fa­vo­ri­sier­te Rich­tung be­wegt.