Das Promotionsprojekt untersucht mithilfe von qualitativen Methoden die Lebensverläufe von erwachsenen Sexualstraftätern nach ihrer Haftentlassung. Im Fokus stehen das Erleben der Wiedereingliederung seitens der entlassenen Straftäter und ihre Strategien, die sie im Zuge dieses Prozesses entwickeln. Außerdem werden unterschiedliche stabilisierende und destabilisierende Faktoren identifiziert und Wirkdynamiken im Nachentlassungsverlauf beleuchtet.

Forschungsgegenstand und Projektziel

Das hier vorgestellte Dissertationsprojekt ist Bestandteil des von Dr. Gunda Wößner geleiteten Gesamtprojektes Sexualstraftäter in sozialtherapeutischen Anstalten des Freistaates Sachsen und greift auf den Datenkorpus dieser Langzeitstudie zurück.

Obwohl in der Kriminologie "Desistance" zu einem zentralen Forschungsgegenstand geworden ist, haben bisherige Forschungsbeiträge die tatsächlichen Lebensverläufe von Straftätern nach ihrer Entlassung insgesamt nur selten beleuchtet. Häufig stehen einzelne Aspekte, die zum Abbruch krimineller Verläufe beitragen können, im Vordergrund, deren Zusammenspiel und die Wirkungsdynamiken jedoch kommen dabei meist zu kurz. Zudem wird die Sichtweise der Betroffenen selbst nur selten in die Analysen einbezogen, obwohl gerade qualitative Daten einen guten Einblick in Lebensverläufe und damit desistance- und rückfallrelevante Faktoren gewähren könnten.

Im Fokus der Untersuchung stehen die Lebensverläufe und Wiedereingliederungsprozesse nach der Entlassung. Dabei handelt es sich um einen Themenbereich, der auf dieser Datengrundlage explorativ und somit vor allem unter der Anwendung induktiver Analysemethoden erschlossen wurde. Die so gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen einen umfassenderen Einblick in die Lebenswelt und soziale Realität haftentlassener Sexualstraftäter. So können insbesondere ihre Strategien zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft und ihre Rückkehr in ein sogenanntes „normales“ Leben nachgezeichnet werden.

Methode

Im Rahmen dieses Teilprojektes wurden 69 teilstrukturierte Interviews mit haftentlassenen Sexualstraftätern analysiert, die in der dritten Erhebunsgwelle des Gesamtprojektes geführt wurden und damit durchschnittlich 17 Monate nach der Haftentlassung der Probanden. Der Interviewleitfaden eröffnete die Befragung mit einem offenen Erzählimpuls und deckte thematisch anschließend den unmittelbaren Nachentlassungszeitraum ab, den Umgang mit der Haftstrafe sowie die soziale Situation in Freiheit (beispielsweise Wohnsituation, soziale Kontakte, Arbeitssituation).

Zu Beginn des Projektes stand die Konzeption einer geeigneten Auswertungsmethode. Sie musste zum einen das umfassende Datenmaterial handhabbar machen und dennoch dem Anspruch der induktiven Vorgehensweise genügen. Schließlich wurde die Analyse mit einem zweistufigen Auswertungsverfahren durchgeführt. Dazu wurde eine Substichprobe von n=12 Interviews feinanalysiert. Die Kodierung erfolgte basierend auf den Prinzipien der Grounded Theory nach Strauss und Corbin (1996). Zudem wurde ein Abkürzungsverfahren des integrativen Basisverfahrens nach Kruse (2015) angewendet. Auf Grundlage der so gewonnenen Erkenntnisse wurde ein induktiver Kodierleitfaden für den zweiten Auswertungsschritt erarbeitet. Angelehnt an die Methode der Querschnittauswertung nach Fuchs-Heinritz (2009) diente dieser dann einer systematischeren Bearbeitung der Gesamtstichprobe von N=69. Damit ist die Analyse der von Schmidt (2000) beschriebenen Auswertung von leitfadengestützten Interviews ähnlich.

Forschungsstand

Die Feinanalyse der Substichprobe ist bereits abgeschlossen. Der induktiv entwickelte Kodierleitfaden des zweiten Auswertungsschritts umfasste nach einer weiteren Abstraktion und unter dem späteren Einbezug theoretischer Konzepte 13 Kategorien, wie beispielsweise Schwierigkeiten, Veränderung, soziales Umfeld, Desistance-Strategien oder Internalisierung des Stigmatisierungsdiskurses. Die auf dieser Grundlage durchgeführte Querschnittsauswertung ist bereits abgeschlossen. Aktuell werden die Erkenntnisse, die aus den Einzelfällen gewonnen werden konnten, miteinander in Bezug gesetzt.

Im Verlauf der Auswertung kristallisierte sich eine Kernkategorie aus den Daten heraus, die nun im Zentrum der Arbeit steht. Es handelt sich dabei um die „Normalitäts(wieder)herstellung“ nach der Haftentlassung. Nach gegenwärtigem Stand der Analysen scheint sie die entscheidende Dynamik innerhalb des Nachentlassungsverlaufs zu sein und tritt in unterschiedlichen Facetten auf. Außerdem steht sie als Kern des Kategoriensystems in Verbindung mit allen anderen Analysekategorien und damit Themenbereichen des Lebensverlaufs der Sexualstraftäter nach ihrer Entlassung. Aktuell werden diese Bezüge detailliert herausgearbeitet und insbesondere die Ausprägungen der diversen Strategien zur Normalitätswiederherstellung verdichtet. Diese werden vor dem theoretischen Hintergrund der Desistance-Forschung sowie der kriminologischen Rückfallforschung diskutiert.