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Projekt 'Normative Ordnungen in Minderheitengemeinschaften in Deutschland' bearbeiten

Das Projekt untersucht von staatlichem Recht abweichende Streitschlichtungsmechanismen in Einwanderergemeinschaften und geht der Frage nach, wie der deutsche Staat angemessen auf eine Kollision von normativen Praktiken von Migranten und staatlichem Recht reagieren kann. Dafür werden zunächst Streitschlichtungsmechanismen in afghanischen Gemeinschaften in Deutschland empirisch untersucht. Anschließend wird mittels einer vergleichenden Untersuchung der Frage nachgegangen, inwieweit rechtspolitische Erfahrungen in Kanada und Großbritannien Lösungsansätze für das deutsche Recht bereithalten.

In von Zu­wan­de­rung ge­präg­ten Staa­ten kommt es oft zur Kol­li­si­on zwi­schen dem staat­li­chen Recht und ab­wei­chen­den nor­ma­ti­ven Prak­ti­ken von Mi­gran­ten. Im Ex­trem­fall kann sich da­bei ei­ne au­ßer­ge­richt­li­che al­ter­na­ti­ve Streit­bei­le­gung in­ner­halb ei­ner Ge­mein­schaft als mit der staat­li­chen Rechts­ord­nung un­ver­ein­bar er­wei­sen und dann ei­ne die Rechts­staat­lich­keit in­fra­ge stel­len­de Par­al­lel­jus­tiz dar­stel­len. Mit­un­ter wer­den ein­zel­ne Prak­ti­ken be­stimm­ter Iden­ti­täts­ge­mein­schaf­ten zwar als Aus­druck in­di­vi­du­el­ler Selbst­be­stim­mung durch die staat­li­che Rechts­ord­nung an­er­kannt be­zie­hungs­wei­se ih­nen zu­min­dest teil­wei­se Rech­nung ge­tra­gen. Al­ler­dings ist der Staat da­zu im Be­reich des Straf­rechts und im Hin­blick auf staat­lich ver­bürg­te Grund­rech­te des Ein­zel­nen in der Re­gel nicht be­reit. Die Kol­li­si­on zwi­schen staat­li­chem Recht und ei­ner ab­wei­chen­den nor­ma­ti­ven Iden­ti­tät der Mi­gran­ten kann dann al­ler­dings zur Fol­ge ha­ben, dass Min­der­hei­ten­ge­mein­schaf­ten nicht mit staat­li­chen Be­hör­den ko­ope­rie­ren und des­halb Mit­glie­der die­ser Ge­mein­schaf­ten dem Schutz des staat­li­chen Rechts fak­tisch ent­zo­gen sind. Ge­ra­de Zu­wan­de­rungs­ge­sell­schaf­ten ste­hen da­mit vor der Her­aus­for­de­rung, Min­der­hei­ten kon­struk­tiv ein­zu­bin­den und de­ren be­son­de­ren Be­dürf­nis­sen ge­recht zu wer­den, zu­gleich aber Prak­ti­ken zu un­ter­bin­den, die mit dem staat­li­chen Recht nicht zu ver­ein­ba­ren sind.

Ziel der Un­ter­su­chung ist es, al­ter­na­ti­ve Streit­bei­le­gung und dar­aus er­wach­sen­de Kon­flik­te mit dem staat­li­chen Recht in Deutsch­land em­pi­risch zu un­ter­su­chen und auf der Grund­la­ge ei­ner rechts­ver­glei­chen­den Un­ter­su­chung an­de­rer Staa­ten po­li­ti­sche Hand­lungs­op­tio­nen auf­zu­zei­gen. Mit af­gha­ni­schen Ge­mein­schaf­ten rich­tet sich die Un­ter­su­chung da­bei auf ei­ne der ge­gen­wär­tig am schnells­ten wach­sen­den Mi­gran­ten­ge­mein­schaft Deutsch­lands. Für die Su­che nach recht­po­li­ti­schen Op­tio­nen wer­den mit Ka­na­da und Groß­bri­tan­ni­en zwei in den ver­gan­ge­nen Jahr­zen­ten durch ein ho­hes Maß an Zu­wan­de­rung ge­präg­te Rechts­ord­nun­gen un­ter­sucht, die hin­sicht­lich des Um­gangs mit ab­wei­chen­den nor­ma­ti­ven Prak­ti­ken über rei­che Er­fah­rung ver­fü­gen und de­ren wis­sen­schaft­li­cher Dis­kurs sich da­her als Quel­le für recht­po­li­ti­sche Über­le­gun­gen in Deutsch­land an­bie­tet.

Für den ers­ten, em­pi­ri­schen Teil des Pro­jekts wer­den zu­nächst die Streit­bei­le­gungs­me­cha­nis­men in­ner­halb af­gha­ni­scher Ge­mein­schaf­ten un­ter­sucht und da­bei er­fasst, in wel­chem Aus­maß die­se dem deut­schen Recht ent­ge­gen­ste­hen und wel­che Ein­stel­lung zur staat­li­chen Rechts­ord­nung sie prä­gen. Dar­über hin­aus wird auch die Ein­stel­lung re­le­van­ter staat­li­cher In­sti­tu­tio­nen zu den nor­ma­ti­ven Prak­ti­ken der Min­der­hei­ten­ge­mein­schaf­ten un­ter­sucht, um zu prü­fen, in­wie­weit staat­li­ches Han­deln selbst zu ei­ner Stär­kung oder Schwä­chung ab­wei­chen­der nor­ma­ti­ver Prak­ti­ken bei­trägt. Hier­zu stützt sich die Un­ter­su­chung vor al­lem auf se­mistruk­tu­rier­te In­ter­views und Be­ob­ach­tun­gen aus der Teil­nah­me an Streit­bei­le­gungs­me­cha­nis­men. Be­fragt wer­den da­zu vor al­lem die an sol­chen Me­cha­nis­men Be­tei­lig­ten, Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und deut­sche Jus­tiz- und Ver­wal­tungs­be­hör­den. Der zwei­te Teil der Stu­die ana­ly­siert an­schlie­ßend rechts­po­li­ti­sche Op­tio­nen. Da­bei sol­len Ant­wor­ten auf die Fra­ge ge­fun­den wer­den, wie Ge­setz­ge­ber und Be­hör­den in Deutsch­land auf al­ter­na­ti­ve Streit­bei­le­gung in Min­der­heits­ge­mein­schaf­ten rea­gie­ren soll­ten. Im Mit­tel­punkt ste­hen da­bei ins­be­son­de­re Mög­lich­kei­ten und Gren­zen ei­ner staat­li­chen Re­gu­lie­rung sol­cher Prak­ti­ken. Zu­grun­de ge­legt wird dem ei­ne ver­glei­chen­de Ana­ly­se von staat­li­chem Recht und den in den af­gha­ni­schen Ge­mein­schaf­ten vor­ge­fun­de­nen Re­geln der Streit­bei­le­gung. Da­von aus­ge­hend wird schließ­lich ge­prüft, in­wie­weit Maß­nah­men im Recht Ka­na­das und Groß­bri­tan­ni­ens so­wie die in die­sen Län­dern dis­ku­tier­ten Lö­sungs­an­sät­ze auch für Deutsch­land An­wen­dung fin­den könn­ten.