Der Einwand der Normbefolgungsunfähigkeit aufgrund der kulturellen Prägung des Täters ist im deutschen und US-amerikanischen Recht nicht hinreichend geregelt. Die vorherrschende Einordnung de lege lata ist insbesondere wegen der Pathologisierung kultureller Minderheiten abzulehnen. Die kulturelle Verteidigung sollte vielmehr de lege ferenda als unabhängige Rechtsfigur bzw. als Entschuldigungsgrund anerkannt werden, der die Strafe ausschließen oder zumindest mildern kann.

In al­len Rechts­ord­nun­gen kön­nen Fäl­le auf­tre­ten, in de­nen ein Ein­zel­ner nicht in der La­ge ist, sein ei­ge­nes Ver­hal­ten nach recht­li­chen Maß­stä­ben zu steu­ern, weil er die ein­schlä­gi­gen recht­li­chen Maß­stä­be nicht kennt und des­we­gen die Rechts­wid­rig­keit sei­ner Hand­lung nicht ver­ste­hen kann. Die­se Art von Norm­be­fol­gungs­un­fä­hig­keit wird so­wohl vom deut­schen als auch vom US-ame­ri­ka­ni­schen Recht im Grund­satz als Ver­bot­sirr­tum (§ 17 StGB) bzw. als mi­sta­ke of law an­er­kannt. Norm­be­fol­gungs­un­fä­hig­keit kann sich je­doch auch dar­aus er­ge­ben, dass ei­ne see­li­sche Stö­rung vor­liegt (§ 20 StGB). Ein drit­ter, spe­zi­el­ler Fall der Norm­be­fol­gungs­un­fä­hig­keit be­ruht auf der kul­tu­rel­len Prä­gung des Tä­ters: Wer ei­ne ab­wei­chen­de Kon­zep­ti­on der in der Ge­sell­schaft gel­ten­den ver­recht­lich­ten Wer­te hat oder wer die­se Wer­te nicht kennt, kann un­fä­hig sein, sein Ver­hal­ten nach die­sen Maß­stä­ben zu steu­ern. Für die­se drit­te Fall­kon­stel­la­ti­on, die nach deut­schem Ver­ständ­nis dem klas­si­schen Ver­bot­sirr­tum äh­nelt, aber auch Zü­ge der Schul­d­un­fä­hig­keit we­gen see­li­scher Stö­run­gen auf­weist, ist die recht­li­che Be­hand­lung in bei­den Län­dern di­ver­gent. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Recht kann hier die sog. cul­tu­ral de­fen­se grei­fen, die aber als Ver­tei­di­gung nur dann wirkt, wenn ein Zu­sam­men­hang mit ei­ner in­sa­ni­ty plea her­ge­stellt wird.

Die Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­de bei der Be­hand­lung die­ser drei Fall­kon­stel­la­tio­nen bil­den den For­schungs­ge­gen­stand die­ses Pro­jekts. Ziel ist es, Pro­ble­me und Per­spek­ti­ven die­ser Kon­stel­la­tio­nen auf­zu­zei­gen, um dar­aus ein bes­se­res Mo­dell zur Be­hand­lung der drei Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln. Me­tho­disch be­dient sich die Ar­beit der funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung.

Die Ein­ord­nung der cul­tu­ral de­fen­se un­ter den Ver­bot­sirr­tum so­wie un­ter die Steue­rungs­un­fä­hig­keit de le­ge la­ta ist ab­zu­leh­nen. So­wohl im deut­schen als auch im US-ame­ri­ka­ni­schen Recht ist zwar im An­satz ei­ne Be­hand­lung als Un­ter­fall des Ver­bot­sirr­tums denk­bar, dies wür­de al­ler­dings ei­ne Neu­fas­sung der kom­plet­ten Ver­meid­bar­keits­prü­fung er­for­dern. Auch stellt die kul­tu­rell be­ding­te Wert­vor­stel­lung des Be­trof­fe­nen kein bio­lo­gi­sches Merk­mal dar und ist nicht per se ei­ne see­li­sche Ab­ar­tig­keit. Dem­zu­fol­ge wä­re hier ei­ne cul­tu­ral de­fen­se eher un­mög­lich. Dar­über hin­aus sind die Fol­gen ei­ner Steue­rungs­un­fä­hig­keit/in­sa­ni­ty bzw. die Maß­re­geln der Bes­se­rung und Si­che­rung me­di­zi­ni­scher Art kei­ne an­ge­mes­se­nen Maß­nah­men für Tä­ter mit kul­tu­rel­ler Ab­wei­chung, sie wä­ren ein di­rek­ter Ver­stoß ge­gen Art. 3 Nr. 1 und Art. 8 Nr. 1 des Über­ein­kom­mens über ein­ge­bo­re­ne und in Stäm­men le­ben­de Völ­ker in un­ab­hän­gi­gen Län­dern und un­ter men­schen­recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten in­ak­zep­ta­bel (z.B. Art. 2, 14, 24, 26 und 27 In­ter­na­tio­na­ler Pakt über bür­ger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te; Art. 2, 5 und 6 In­ter­na­tio­na­les Über­ein­kom­men zur Be­sei­ti­gung je­der Form von Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung). In die­sem Zu­sam­men­hang ist die Aus­sa­ge von Ali­son Dun­des Ren­teln völ­lig zu­tref­fend, dass „(D)ie Pa­tho­lo­gi­sie­rung kul­tu­rel­ler Min­der­hei­ten ein kul­tu­rel­ler Ge­no­zid (ist)“.

Die Ar­beit zeigt auch, dass die kul­tu­rel­le Ver­tei­di­gung de le­ge fe­ren­da ei­ne un­ab­hän­gi­ge Rechts­fi­gur sein soll­te bzw. ein Ent­schul­di­gungs­grund, der die voll­stän­di­ge Stra­fe aus­schlie­ßen oder zu­min­dest mil­dern kann. Die Über­prü­fungs­me­tho­de ist de­tail­lier­ter als die Ver­meid­bar­keits­prü­fung beim Norm­be­wer­tungs­irr­tum und un­ter­schei­det sich voll­stän­dig von der Prü­fung der Steue­rungs­un­fä­hig­keit.