Die Unruhen in den französischen Vorstädten, die ihren Höhepunkt im Herbst 2005 erreichten, haben auch in Deutschland großes öffentliches Interesse erfahren. Zwar blieben vergleichbare Vorfälle hierzulande bislang weitgehend aus, jedes neuerliche Auflodern gewalttätiger Konflikte im Nachbarland ebenso wie in London und Stockholm jedoch führt zu der Frage, ob derartige Krawalle auch in deutschen Städten zu befürchten seien. Wenngleich die Frage bisher nahezu einhellig verneint wurde, so führt sie doch direkt zu der Suche nach den Ursachen kollektiver Gewalt. Dabei gerät auch zunehmend das Thema Polizei und Migration ins Blickfeld. Sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland stellen Jugendliche mit Migrationshintergrund mittlerweile einen bedeutenden Bevölkerungsanteil. Neben der sozialen Benachteiligung und mangelnden Integration von Migranten zählt das Verhältnis von Polizei und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu einem potenziellen Konfliktfeld multi-ethnischer Stadt­gesell­schaf­ten. Im Rahmen eines deutsch-französischen Vergleichs zielte das Projekt darauf, das vorhandene Wissen über die Ursachen kollektiver Jugendgewalt in den Städten zu vertiefen sowie die Quellen polizeilicher Legi­ti­mi­tät und ihrer Konsequenzen für die soziale Ordnung in multiethnischen Gesellschaften zu untersuchen. Das Projekt umfasste sowohl umfangreiche qualitative Erhebungen (teilnehmende Beobachtungen, Leitfaden-Interviews) als auch eine standardisierte Schulbefragung mit mehr als 7000 befragten Jugendlichen. Aus­führ­li­che Informationen zur Schulbefragung "Lebenslagen und Risiken von Jugendlichen" sind HIER verfügbar. Die qualitativen Erhebungen wurden zwischen 2009 und 2011 durchgeführt, die Schulbefragung fand zwischen Herbst 2011 und Frühjahr 2012 statt. Die Projektergebnisse werden weiterhin - auch im deutsch-französischen Vergleich - ausgewertet und veröffentlicht. Im Mai 2014 erschien in der Reihe Forschung Aktuell ein Bericht über die zentralen Ergebnisse der Schulbefragung. Die Projektergebnisse wurden im April 2015 auf einer gemeinsam von Max-Planck-Institut und PACTE/Science Po Grenoble organisisierten internationalen Konferenz in Paris vorgestellt. Die Beiträge dieser Tagung wurden in dem Sammelband "Police-Citizen Relations Around the World. Comparing Sources and Contexts of Trust and Legitimacy" (Routledge) veröffentlicht.

Pro­jekt­be­schrei­bung:

Po­li­zei­be­am­te sind die sicht­ba­ren Re­prä­sen­tan­ten des Staa­tes und da­mit auch Adres­sa­ten po­ten­zi­el­ler Pro­tes­te, die aus Des­in­te­gra­ti­ons­er­fah­run­gen und viel­fa­chen so­zia­len Be­nach­tei­li­gun­gen Ju­gend­li­cher mit, aber auch oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund er­wach­sen kön­nen. Da­her spielt die Fra­ge, wie die Po­li­zei sich ge­gen­über Ju­gend­li­chen ver­hält, und ob sie eth­nisch oder so­zi­al dis­kri­mi­nie­rend ar­bei­tet, ei­ne zen­tra­le Rol­le bei der Su­che nach den Ur­sa­chen von ge­walt­sa­men Ju­gend­pro­tes­ten, die sich in Frank­reich, Eng­land und jüngst auch in Schwe­den stets an ei­nem kon­kre­ten Vor­fall zwi­schen Po­li­zei und Bür­gern ent­zün­det ha­ben. Die In­ter­ak­tio­nen und wech­sel­sei­ti­gen Wahr­neh­mun­gen zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen (mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund) so­wie Art und Aus­maß des Auf­tre­tens der Po­li­zei in be­nach­tei­lig­ten Stadt­tei­len sind da­her ein we­sent­li­ches Ele­ment in der Un­ter­su­chung der Ur­sa­chen kol­lek­ti­ver Ju­gend­ge­walt. Der in­ter­na­tio­na­le Ver­gleich er­mög­licht es, die Va­ri­anz der ma­kro­struk­tu­rel­len Be­din­gun­gen her­zu­stel­len, die ei­ner­seits das Ver­hal­ten Ju­gend­li­cher (so­zia­le, öko­no­mi­sche und eth­ni­sche Be­din­gun­gen) und an­de­rer­seits das Ver­hal­ten der Po­li­zei (in­sti­tu­tio­nel­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Be­din­gun­gen) de­ter­mi­nie­ren. Wenn an­ge­sichts ei­ner ver­gleich­ba­ren so­zia­len Be­nach­tei­li­gung gan­zer Be­völ­ke­rungs­grup­pen ei­ni­ge Län­der durch Ju­gend­un­ru­hen er­schüt­tert wer­den, an­de­re aber nicht, so könn­te die Qua­li­tät der Be­zie­hun­gen zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen (mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund) dies­be­züg­lich das feh­len­de Glied in der Er­klä­rung sein. Ei­ne an­de­re Er­klä­rung wä­re der in ver­schie­de­nen Län­dern un­ter­schied­lich stark aus­ge­präg­te Grad der so­zia­len Ex­klu­si­on von Mi­gran­ten. Ei­ne der im vor­lie­gen­den Pro­jekt ver­folg­ten Hy­po­the­sen geht ent­spre­chend da­von aus, dass so­zio-öko­no­mi­sche Be­nach­tei­li­gung und so­zi­al­räum­li­che Se­gre­ga­ti­on einen we­sent­li­chen Bei­trag leis­ten zur Ent­ste­hung von Kri­mi­na­li­tät, Ge­walt und Kon­flik­ten zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen mit und oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.

Die fran­zö­si­sche Po­li­zei kon­trol­liert Per­so­nen mit of­fen­sicht­li­chem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund häu­fi­ger.

Me­tho­disch sorgt ei­ne Tri­an­gu­la­ti­on aus qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Me­tho­den für einen dif­fe­ren­zier­ten Ein­blick in das kom­ple­xe Ver­hält­nis von Po­li­zei und Ju­gend­li­chen. Ei­ne stan­dar­di­sier­te Schü­ler­be­fra­gung un­ter Ju­gend­li­chen mit und oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund wird da­bei er­gänzt durch die teil­neh­men­de Be­ob­ach­tung des po­li­zei­li­chen All­tags und ei­ne Rei­he leit­fa­den­ge­stütz­ter Ex­per­ten­in­ter­views mit Be­am­ten ver­schie­de­ner Or­ga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten so­wie Grup­pen­dis­kus­sio­nen mit Ju­gend­li­chen. Das For­schungs­de­sign der Stu­die ist so an­ge­legt, dass sich die Er­geb­nis­se der deut­schen und fran­zö­si­schen Teil­stu­di­en di­rekt ver­glei­chen las­sen.

Die Er­geb­nis­se der Stu­die las­sen sich knapp so zu­sam­men­fas­sen: Be­geg­nun­gen mit Po­li­zis­ten sind ein nor­ma­ler Teil der Le­bens­welt von groß­städ­ti­schen Ju­gend­li­chen. Von über 7000 be­frag­ten Ju­gend­li­chen in Köln und Mann­heim be­rich­te­ten 43 % über einen di­rek­ten Kon­takt mit der Po­li­zei im letz­ten Jahr, knapp je­der fünf­te Ju­gend­li­che wur­de von der Po­li­zei an­ge­spro­chen oder kon­trol­liert. Un­se­re qua­li­ta­ti­ven teil­neh­men­den Be­ob­ach­tun­gen und un­se­re stan­dar­di­sier­te Be­fra­gung von Ju­gend­li­chen in Köln und Mann­heim ha­ben über­ein­stim­mend ge­zeigt, dass die eth­ni­sche Her­kunft der Ju­gend­li­chen kein po­li­zei­li­ches Se­lek­ti­ons­kri­te­ri­um war (ob­wohl Po­li­zei­be­am­te in den qua­li­ta­ti­ven In­ter­views durch­aus Ste­reo­ty­pe von „kri­mi­nel­len“ oder „ge­walt­be­rei­ten“ Mi­gran­ten äu­ßer­ten), und fremd-eth­ni­sche Ju­gend­li­che so­gar et­was sel­te­ner kon­trol­liert wur­den als ein­hei­misch-deut­sche. Die In­ter­ak­tio­nen zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen lie­fen nach un­se­ren Be­ob­ach­tun­gen und nach den An­ga­ben der be­frag­ten Ju­gend­li­chen über­wie­gend kon­flikt­frei ab und wur­den von den Ju­gend­li­chen als fair be­wer­tet. Ent­ge­gen un­se­ren Vor­an­nah­men ge­nießt die Po­li­zei auch den so­zi­al be­son­ders be­nach­tei­lig­ten Wohn­quar­tie­ren ein ähn­lich ho­hes Maß an Ver­trau­en und Le­gi­ti­mi­tät wie in den üb­ri­gen So­zi­al­räu­men. Zu­rück­zu­füh­ren ist die­ser po­si­ti­ve Be­fund auf ei­ne „bür­ger­nah“ und kom­mu­ni­ka­tiv-fle­xi­bel aus­ge­rich­te­te po­li­zei­li­che Stra­te­gie mit lo­kal tä­ti­gen und er­fah­re­nen Be­am­ten, die ei­ne Ver­trau­ens­ba­sis zu ih­rer Kli­en­tel auf­bau­en konn­ten. Ei­ne Min­der­heit von et­wa ei­nem Fünf­tel der Ju­gend­li­chen teilt die­ses po­si­ti­ve Bild von der Po­li­zei je­doch nicht. Wenn nicht in der ei­ge­nen Er­fah­rung, so fin­den sich au­ßer­dem zu­min­dest in in­di­rek­ten Be­rich­ten und „Er­zäh­lun­gen“ Ten­den­zen ei­nes ne­ga­ti­ven Po­li­zei-Images, das bei frem­deth­ni­schen Grup­pen und in so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Wohn­quar­tie­ren stär­ker aus­ge­prägt ist.

Durch par­al­le­le em­pi­ri­sche Er­he­bun­gen in bei­den Län­dern konn­ten wir An­nah­men be­stä­ti­gen, dass die fran­zö­si­sche Po­li­zei se­lek­tiv Ju­gend­li­che mit afri­ka­ni­schem Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund (Ma­ghreb und Schwarz­afri­ka) häu­fi­ger (und häu­fi­ger mehr­fach) kon­trol­liert, und dass die­se In­ter­ak­tio­nen sehr viel kon­flik­trei­cher bis hin zu phy­si­scher Ge­walt­an­wen­dung ver­lau­fen als in Deutsch­land. Dement­spre­chend sind die wech­sel­sei­ti­gen Wahr­neh­mun­gen zwi­schen Po­li­zei und Ju­gend­li­chen in bei­den un­ter­such­ten fran­zö­si­schen Städ­ten von man­geln­dem Ver­trau­en und Vor­wür­fen ge­prägt. Da­zu trägt ei­ne im Ver­gleich zu Deutsch­land re­pres­si­ve­re und hier­ar­chi­sche­re Po­li­zei­kul­tur bei. Die fran­zö­si­sche Po­li­zei tritt den Ju­gend­li­chen als un­fle­xi­ble Ord­nungs­macht ge­gen­über und schafft es jen­seits ei­nes Be­mü­hens um for­mel­le Neu­tra­li­tät nicht, ei­ne ge­mein­sa­me kom­mu­ni­ka­ti­ve Ebe­ne her­zu­stel­len.

Die viel­fäl­ti­gen em­pi­ri­schen Re­sul­ta­te aus je zwei deut­schen und fran­zö­si­schen Städ­ten kön­nen ei­ni­ge An­nah­men über das Ver­hält­nis Po­li­zei-Ju­gend­li­che wi­der­le­gen, an­de­re An­nah­men über die Ur­sa­chen ge­walt­sa­mer Ju­gend­pro­tes­te un­ter­mau­ern, und An­satz­punk­te für sinn­vol­le Po­li­zeistra­te­gi­en in mul­ti-eth­ni­schen Groß­städ­ten auf­zei­gen.

Fi­nan­zie­rung:

Das Pro­jekt wur­de von 2009 bis 2012 ge­för­dert mit Mit­teln des von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) und der Agence Na­tio­na­le de la Re­cher­che (ANR) ge­tra­ge­nen "För­der­pro­gramms in den Geis­tes- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten 2008".

Das deutsch-fran­zö­si­sche For­schungs­team:

von links nach rechts: D. Ober­witt­ler, M. Za­grodz­ki, D. Ger­st­ner, S. Ro­ché, D. Hu­nold, J. de Mail­lard, A. Schwar­zen­bach