Diese Studie untersuchte, inwieweit zentralisierte Systeme wie die armenische Polizei in der Lage sind, eine einheitliche Polizeiintegrität in verschiedenen Behörden zu schaffen. Die Studie basiert auf Fragebogen von 959 Polizisten aus verschiedenen Polizeipräsidien. Die Ergebnisse werden behördenübergreifend verglichen.

Die Armenische Polizei ist als nationale Polizeibehörde in elf regionale Behörden und geographische Zuständigkeiten untergliedert. Aus dieser Organisationsstruktur ergeben sich Schwierigkeiten bei der Herstellung eines einheitlichen Maßstabs polizeilicher Integrität in den einzelnen Behörden. Inwieweit dies gelingen kann, sollte eine Befragung unter armenischen Polizeibeamten und -beamtinnen untersuchen.

Die Studie beruht auf der von den armenischen Polizeiwissenschaftlern Klockars und Ivković Ende der 1990er Jahre entwickelten Theorie der polizeilichen Integrität. Unter diesem Begriff wird das Ausbleiben von polizeilichem Fehlverhalten verstanden, dessen Bedingungen jedoch nicht auf individueller, sondern institutioneller bzw. organisatorischer Ebene angesiedelt werden.

Der Begriff der polizeilichen Integrität lässt sich nach der genannten Theorie in vier Dimensionen unterteilen: Zum einen hängt diese davon ab, ob und inwiefern Regelungen gegen polizeiliches Fehlverhalten normiert sind (1). In Armenien werden dem polizeilichen Handeln insbesondere durch das Polizeigesetz und die Verfassung Grenzen gesetzt. Diese Dimension gibt jedoch allein noch keinen Aufschluss darüber, ob diese Regelungen auch wirkungsvoll implementiert sind. Als zweiter Faktor dienen daher die Erkennung, Untersuchung und Disziplinierung von Regelverletzungen (2). Letztere kann sowohl mittels behördeninterner Reaktionsmechanismen (insbes. Disziplinarverfahren) als auch durch das zivil- und strafrechtliche Rechtsfolgenregime geschehen. Die dritte Dimension stellen Maßnahmen gegen den „code of silence“ dar (3), welcher durch eine hohe Loyalität unter den Polizeibeamten und -beamtinnen bedingt ist und dazu führt, dass besonders in dieser Berufsgruppe schnell über das Fehlverhalten von Kollegen und Kolleginnen hinweggesehen wird. Schließlich ist als externer Faktor das Toleranzniveau der Bevölkerung gegenüber unethischem Verhalten von Staatsbediensteten im Allgemeinen (4) von Bedeutung.

Den Befragungsteilnehmern wurden verschiedene hypothetische Szenarien polizeilichen Fehlverhaltens vorgelegt. Die Befragten sollten die Szenarien beurteilen, und zwar hinsichtlich der Frage, wie schwerwiegend das Fehlverhalten einzuschätzen ist, was als angemessene Reaktion befürwortet wird und mit welcher Disziplinarmaßnahme zu rechnen ist. Schließlich wurde die Bereitschaft, das Verhalten an Vorgesetzte zu melden, erfragt. Insgesamt nahmen 959 Personen an der Befragung teil.

Die Befragten haben sehr überwiegend keine Probleme damit, Fehlverhalten als solches zu erkennen. Die am einfachsten zu erkennenden Verstöße stellen der Diebstahl und die Verfälschung von offiziellen Berichten dar. Zudem ist eine starke Korrelation der selbst wahrgenommenen Schwere des Fehlverhaltens und der Einschätzung von Kollegen und Kolleginnen zu konstatieren, wobei die eigene Einschätzung zumeist etwas negativer ausfällt. Jedoch weicht die Wahrnehmung der erwarteten und für angemessen befundenen Sanktion stark von dieser Einschätzung ab. Selbst bei als schwerwiegend eingestuftem Fehlverhalten wird regelmäßig mit einer lediglich „leichten“ Disziplinarmaßnahme gerechnet. Nur in einem einzigen Fallbeispiel (Diebstahl) wird von einer kleinen Mehrheit eine Entlassung erwartet.

Im Vergleich zwischen den einzelnen Polizeibehörden stellt sich die Beurteilung der Schwere des Fehlverhaltens behördenübergreifend sehr ähnlich dar. Große Unterschiede zeigen sich hingegen hinsichtlich der erwarteten Disziplinarmaßnahmen, was darauf hindeutet, dass insbesondere in kleineren Einheiten innerhalb zentraler Systeme eigene (Sub-)Kulturen entstehen können.