Wie soll der Staat Sicherheit durch Recht gewährleisten? Bei Bedrohungen wie dem Terrorismus setzt er auf einen Ausbau von Strafrecht, Polizeirecht und Nachrichtendienstrecht. Dieses sog. Sicherheitsrecht bildet jedoch kein in sich geschlossenes und aufeinander abgestimmtes System. Die Otto-Hahn-Gruppe „Die Architektur des Sicherheitsrechts“ erarbeitet aus rechtsvergleichender Sicht Lösungsvorschläge für eine effektive Garantie von Sicherheit im Rahmen eines freiheitlich orientierten Systems.

Die Ot­to-Hahn-Grup­pe un­ter­sucht die Ar­chi­tek­tur des mo­der­nen Si­cher­heits­rechts, ins­be­son­de­re die Gren­zen zwi­schen dem Straf­recht auf der einen und dem Po­li­zei- und Nach­rich­ten­dien­st­recht auf der an­de­ren Sei­te. Die tra­di­tio­nel­le Dis­kus­si­on um die zu­tref­fen­de Grenz­zie­hung ver­läuft ent­lang der di­cho­to­mi­schen Un­ter­schei­dung zwi­schen der re­pres­si­ven Funk­ti­on des Straf­rechts und der prä­ven­ti­ven Ge­fah­ren­ab­wehr durch das Po­li­zei- und Nach­rich­ten­dien­st­recht. Da­mit wird von ei­ner kla­ren Auf­ga­ben- und Funk­ti­ons­ver­tei­lung zwi­schen die­sen Rechts­ge­bie­ten aus­ge­gan­gen.

Ei­ne schar­fe Tren­nung zwi­schen bei­den Be­rei­chen hat je­doch noch nie be­stan­den, zu­dem wird sie in den letz­ten Jah­ren durch Über­schnei­dun­gen mehr und mehr ver­wischt. Das Straf­recht ist seit je­her stark prä­ven­tiv ge­prägt. Klas­si­sche Bei­spie­le sind die Straf­zwe­cke der Ge­ne­ral- und Spe­zi­al­prä­ven­ti­on oder die im StGB ge­re­gel­te Si­che­rungs­ver­wah­rung zum Schutz der Ge­sell­schaft vor zu­künf­ti­gen Ta­ten ei­nes Tä­ters. In neue­rer Zeit hat der prä­ven­ti­ve Aspekt an Be­deu­tung zu­ge­nom­men. Dies zeigt sich vor al­lem in den Straf­tat­be­stän­den des sog. Prä­ven­ti­onss­traf­rechts, die durch ei­ne Vor­feld­kri­mi­na­li­sie­rung Rechts­gü­ter vor­beu­gend schüt­zen sol­len. Wie die Re­kru­tie­rung von Per­so­nen in Eu­ro­pa durch den IS zeigt, kommt das Straf­recht hier al­ler­dings schnell an sei­ne Gren­zen und es stellt sich die Fra­ge nach al­ter­na­ti­ven po­li­zei- und nach­rich­ten­dienst­li­chen Mit­teln.

Hin­zu kommt, dass das Straf­ver­fah­rens­recht in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten zu­neh­mend Er­mitt­lungs­maß­nah­men vor­sieht, die ur­sprüng­lich aus­schließ­lich der Po­li­zei oder den Nach­rich­ten­diens­ten vor­be­hal­ten wa­ren. Zu­dem wur­den im Po­li­zei- und Nach­rich­ten­dien­st­recht, ins­be­son­de­re im Be­reich der Po­li­zei­en des Bun­des (BKA, Bun­des­po­li­zei, Zoll­kri­mi­nal­amt) so­wie des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz, im­mer mehr um­fas­sen­de Zu­stän­dig­kei­ten und Ein­griffs­be­fug­nis­se ge­schaf­fen, die der Ver­hin­de­rung, aber auch der Auf­klä­rung von Straf­ta­ten die­nen.

Die Auf­ga­ben und Be­fug­nis­se von Straf­recht und prä­ven­ti­vem Ge­fah­ren­ab­wehr­recht ver­schwim­men da­her im­mer mehr. Die Fol­ge ist ei­ne Mehr­fach­zu­stän­dig­keit von Straf- und Si­cher­heits­be­hör­den. Rechts­staat­li­che Gren­zen und die Rech­te der Be­trof­fe­nen sind oft­mals un­klar. Die um­fang­rei­chen Er­mitt­lungs­pan­nen im NSU-Fall et­wa zei­gen, wel­che Pro­ble­me Mehr­fach­zu­stän­dig­kei­ten und die Ein­bin­dung der Nach­rich­ten­diens­te in straf­recht­li­che Er­mitt­lun­gen schaf­fen.

Die Ar­beit dient der Iden­ti­fi­zie­rung der Mo­del­le, die den un­ter­schied­li­chen An­sät­zen zur Re­ge­lung des Si­cher­heits­rechts zu­grun­de lie­gen, de­ren Be­wer­tung und der Ent­wick­lung von Re­for­man­sät­zen. Die Mo­dell­bil­dung er­folgt durch einen funk­tio­na­len Rechts­ver­gleich mit der Ent­wick­lung im Com­mon Law (Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich und USA) und der Rechts­set­zung auf in­ter­na­tio­na­ler (ins­be­son­de­re eu­ro­päi­scher) Ebe­ne. So sol­len An­sät­ze ge­fun­den wer­den, die das Straf­recht auf sei­ne rechts­staat­li­che Be­last­bar­keit über­prü­fen, wei­ter­ent­wi­ckeln und in der recht­li­chen Ge­samt­kon­zep­ti­on ei­ner Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur ein­bin­den, die so­wohl der Ge­währ­leis­tung von Rechts­si­cher­heit durch Straf­recht als auch der Be­gren­zung ho­heit­li­cher Machtaus­übung ge­recht wer­den.