Das Projekt spürt den Zusammenhängen zwischen Normsetzung, rechtlicher Ahndung von Normverletzung und diskursiver Ausgrenzung von Normabweichung nach. Dabei wird über eine schematische Dichotomie von Inklusion versus Exklusion hinaus die Funktion von Ausgrenzungen bei der Konstituierung kollektiver Identitäten in die Betrachtung mit einbezogen und die subjektive Reaktion auf Ausgrenzung durch Konstruktion alternativer Gegenidentitäten analysiert. Diese Prozesse werden theoretisch unter dem Aspekt von Rechtsnormen, Rechtsethik und Handlungstheorie betrachtet; praktisch anhand der Rechtsprechung im Zusammenhang mit Hassgewalt und Menschenrechten untersucht; diskursiv-literaturwissenschaftlich an den literarischen Diskursen über Verbrecher und Gefangene illustriert.

Das Pro­jekt spürt den Zu­sam­men­hän­gen zwi­schen Norm­set­zung, recht­li­cher Ahn­dung von Norm­ver­let­zung und dis­kur­si­ver Aus­gren­zung von Nor­m­ab­wei­chung nach. Da­bei wird über ei­ne sche­ma­ti­sche Di­cho­to­mie von In­klu­si­on ver­sus Ex­klu­si­on hin­aus die Funk­ti­on von Aus­gren­zun­gen bei der Kon­sti­tu­ie­rung kol­lek­ti­ver Iden­ti­tä­ten in die Be­trach­tung mit ein­be­zo­gen und die sub­jek­ti­ve Re­ak­ti­on auf Aus­gren­zung durch Kon­struk­ti­on al­ter­na­ti­ver Ge­ge­ni­den­ti­tä­ten ana­ly­siert. Die­se Pro­zes­se wer­den theo­re­tisch un­ter dem Aspekt von Rechts­nor­men, Recht­sethik und Hand­lungs­theo­rie be­trach­tet; prak­tisch an­hand der Recht­spre­chung im Zu­sam­men­hang mit Hass­ge­walt und Men­schen­rech­ten un­ter­sucht; dis­kur­siv-li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lich an den li­te­ra­ri­schen Dis­kur­sen über Ver­bre­cher und Ge­fan­ge­ne il­lus­triert.

Als Lei­t­hy­po­the­se des Pro­jekts gilt die An­nah­me, dass Kri­mi­na­li­sie­rung auch im de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat bei ge­fähr­dend emp­fun­de­nen Norm­ver­let­zun­gen ge­ra­de im Rah­men der Rechts­staat­lich­keit pro­du­ziert wird, wo­bei sol­che his­to­ri­schen Pro­zes­se ge­ra­de durch die Dis­kur­se der Aus­gren­zung, wie sie die Me­di­en und die Li­te­ra­tur be­för­dern, zü­gig vor­an­ge­trie­ben wer­den. Das Zu­sam­men­spiel von kul­tu­rell über­form­ba­ren Mo­ral­nor­men und staat­lich ge­setz­ten Rechts­nor­men, das die Qua­li­fi­zie­rung der Norm­ver­let­zung erst er­mög­licht, steht im Mit­tel­punkt des wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­ses der Mit­ar­bei­ter die­ses Pro­jekts.

Das Pro­jekt setzt sich in dis­zi­pli­nen­über­grei­fen­der Reich­wei­te aus drei ei­gen­stän­di­gen, aber in­halt­lich ver­bun­de­nen Ein­zel­pro­jek­ten zu­sam­men, die eng zu­sam­men ar­bei­ten. Es han­delt sich um ei­ne Ko­ope­ra­ti­on des Eng­li­schen Se­mi­nars und des Hus­serl-Ar­chivs der Uni­ver­si­tät Frei­burg mit dem Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht.

Das phi­lo­so­phi­sche Pro­jekt be­fasst sich mit den recht­li­chen und mo­ra­li­schen Nor­men, ins­be­son­de­re mit den Men­schen­rech­ten, die im Han­deln ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen un­ter­ein­an­der und in Zu­sam­men­hang mit der Sank­ti­ons­ge­walt des Staa­tes re­le­vant sind. Die ge­sell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit schuld­haf­tem Han­deln im au­ßer­staat­li­chen, mit­mensch­li­chen Be­reich wird durch die phi­lo­so­phi­sche Dis­kus­si­on des Be­griffs des Ver­zei­hens er­fasst.

Das li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Pro­jekt ana­ly­siert li­te­ra­ri­sche Ge­fäng­ni­sent­wür­fe im Ver­gleich mit his­to­ri­schen Zeug­nis­sen und Hin­ter­grün­den, wo­bei be­son­ders die Stra­te­gi­en der Ty­po­lo­gi­sie­rung von Kri­mi­na­li­tät und der Ort des Ge­fäng­nis­ses als sym­bo­li­scher Raum der Aus­gren­zung be­trach­tet wer­den.

Das kri­mi­no­lo­gi­sche Pro­jekt er­stellt ei­ne em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung be­züg­lich des Ver­hal­tens rechts­ori­en­tier­ter Ju­gend­li­cher und zwar vor, wäh­rend und nach ih­rer Kon­fron­ta­ti­on mit dem Straf­recht (Ver­haf­tung, Straf­pro­zess, In­haf­tie­rung) auf der Ba­sis ei­nes Ver­gleichs mit meh­re­ren Kon­troll­grup­pen von ge­walt­be­rei­ten Ju­gend­ban­den (Hoo­li­gans, Skin­heads, etc.) und ei­ner Ge­gen­über­stel­lung mit ei­ner Kon­troll­grup­pe.

Als zen­tra­le Fra­ge­stel­lung des ge­mein­sa­men Pro­jekts wird auf der einen Sei­te der Pro­zess der Kri­mi­na­li­sie­rung, al­so die Un­ter­su­chung, wie Per­so­nen­grup­pen un­ter wel­chen recht­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen und mit wel­chen Mit­teln inner­ge­sell­schaft­lich als kri­mi­nell aus­ge­grenzt wer­den. Da­bei spielt ei­ner­seits die von der Phi­lo­so­phie zu leis­ten­de Ana­ly­se von Rechts- und Mo­ral­nor­men ei­ne zen­tra­le Rol­le, die die di­cho­to­mi­schen Kon­zep­te der Nor­ma­ti­vi­tät und des Nor­ma­lis­mus auf­de­cken sol­len. An­de­rer­seits skiz­ziert die von der Kri­mi­no­lo­gie zu leis­ten­de Un­ter­su­chung der For­men der Aus­gren­zung, durch das Straf­recht im Straf­voll­zug prak­ti­ziert wer­den, die Nor­ma­lis­mus­fra­ge an­hand ei­ner Ska­la von Grup­pie­run­gen von Straf­tä­tern. Auf der an­de­ren Sei­te be­fasst sich das Ge­samt­pro­jekt mit dem Ge­fäng­nis als dem ge­sell­schaft­li­chen Ort der Aus­gren­zung. Ent­schei­dend the­ma­ti­siert wird hier auch der Pro­zess der Dy­na­mi­sie­rung der Aus­gren­zung, der in vie­len der im Pro­jekt be­han­del­ten Per­so­nen­grup­pen zu Iden­ti­fi­ka­ti­ons­pro­zes­sen und Selbst­aus­gren­zungs­me­cha­nis­men führt. So gren­zen sich in­haf­tier­te Straf­tä­ter durch sub­kul­tu­rel­le und grup­pen­dy­na­mi­sche Pro­zes­se und durch die Kon­sti­tu­ie­rung ei­ner auch mit Ha­bi­tus, Sym­bo­len und Ri­tua­len ver­stärk­ten Iden­ti­tät von der sie aus­gren­zen­den Ge­sell­schaft ab, was vom kri­mi­no­lo­gi­schen Pro­jekt nä­her un­ter­sucht wer­den wird. Zen­tral für den Pro­zess der Kri­mi­na­li­sie­rung ist dar­über hin­aus die Zu­schrei­bung von Kri­mi­na­li­tät auf Grund ei­ner Rei­he von Merk­ma­len, die Men­schen als "Ver­bre­cher" ste­reo­typ ab­stem­peln. Im li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Pro­jekt wird vor dem Hin­ter­grund bio­lo­gis­ti­scher Kri­mi­na­li­täts­theo­ri­en aus dem 19. Jahr­hun­dert ins­be­son­de­re die Tier­me­ta­pho­rik vie­ler Aus­sa­gen über "Kri­mi­nel­le" un­ter­sucht. Die­se Ten­denz zur Er­klä­rung der Ano­mie als Ani­ma­lis­mus setzt sich in der Be­schrei­bung von Ge­fäng­nis­in­sas­sen fort, die auch fil­misch eben­so um­ge­setzt wird. Der letz­te wich­ti­ge Kern­punkt des Ge­samt­pro­jekts be­trifft das Ver­hält­nis von Ge­walt und Ethik. Die Grup­pen, die im kri­mi­no­lo­gi­schen Pro­jekt un­ter­sucht wer­den, üben Ge­walt ge­gen ein­zel­ne Op­fer, die als Re­prä­sen­tan­ten ei­ner Grup­pe ge­se­hen wer­den, aus die sich aus Hass re­kru­tiert.

Ziel der ge­mein­sa­men Zu­sam­men­ar­beit ist die ge­gen­sei­ti­ge Ver­flech­tung von Norm­auf­fas­sun­gen, Recht, Ethik und dis­kur­si­ven Prak­ti­ken zu do­ku­men­tie­ren und an­hand von aus­ge­wähl­ten Fall­bei­spie­len zu er­läu­tern (die­se Fall­bei­spie­le stam­men aus der Recht­spre­chung, aus au­ßer­ge­richt­li­chen Mo­del­len zum Um­gang mit Schuld, aus Li­te­ra­tur und Film). Das Pro­jekt setzt sich dar­über hin­aus zum Ziel, durch re­gel­mä­ßi­ge Ver­an­stal­tun­gen, Ver­öf­fent­li­chun­gen und durch Ko­ope­ra­ti­on mit au­ßeru­ni­ver­si­tär­en Ein­rich­tun­gen die Öf­fent­lich­keit di­rekt an­zu­spre­chen.

Die me­tho­di­sche Über­win­dung der Tren­nung von Geis­tes- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten in der Kon­zep­ti­on des Ge­samt­pro­jekts, bei der Phi­lo­so­phie, Phi­lo­lo­gie und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten so wie im Bil­dungs­ide­al des 19. Jahr­hun­derts an­ge­legt, als Wis­sen­schaf­ten vom Men­schen wie­der zu­ein­an­der fin­den, stei­gert die Re­le­vanz des Pro­jekts.