Die Arbeit untersucht die Grundlagen, die Systematik und die Funktion der Notwehr und des Notstands im deutschen und englischen Recht. Durch eine funktionale Rechtsvergleichung werden zwei unterschiedliche Modelle für den Ausschluss der Strafbarkeit in Notwehr- und Notstandsfällen herausgearbeitet. Aus der Bewertung der Forschungsergebnisse lassen sich dann im Hinblick auf Rechtssicherheit und Einzelfallgerechtigkeit Reformimpulse für das jeweils andere Rechtssystem identifizieren.

Not­wehr und Not­stand ste­hen im Mit­tel­punkt der Vor­schrif­ten, wel­che die Straf­bar­keit ei­ner Tat im In­ter­es­se der Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit aus­nahms­wei­se aus­schlie­ßen. Für die Rechts­si­cher­heit er­ge­ben sich dar­aus je­doch er­heb­li­che Her­aus­for­de­run­gen, de­nen in Deutsch­land durch ei­ne kla­re Ka­te­go­ri­sie­rung in Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­de be­geg­net wer­den soll. Da­durch wer­den die Aus­wir­kun­gen so­wohl auf die Straf­bar­keit des Tä­ters als auch im Rah­men der Be­tei­li­gungs­leh­re von vorn­her­ein klar­ge­stellt. Im eng­li­schen Recht sind da­ge­gen Not­wehr und Not­stand als pro­zes­sua­le Ver­tei­di­gungs­ein­re­den (de­fences) nur sehr we­nig sys­te­ma­ti­siert und füh­ren zu ei­nem nicht wei­ter qua­li­fi­zier­ten Frei­spruch des An­ge­klag­ten. Ih­re Vor­aus­set­zun­gen sind ver­streut im Rich­ter­recht und zahl­rei­chen Ge­set­zen ge­re­gelt, was nicht zur Über­sicht­lich­keit der Rechts­la­ge bei­trägt. Das eng­li­sche Recht ver­schiebt die Pro­blem­lö­sung eher auf die Ver­fah­rensebe­ne (Op­por­tu­ni­täts­prin­zip, ab­so­lu­te dischar­ge).

Vor die­sem Hin­ter­grund un­ter­sucht die Dis­ser­ta­ti­on – nach ei­ner Ein­füh­rung in die Straf­aus­schlie­ßungs­grün­de – Grund­la­gen, Sys­te­ma­tik, Aus­ge­stal­tung und Wir­kung der Not­wehr und des Not­stands im deut­schen und eng­li­schen Recht. Als Me­tho­de be­dient sich die Ar­beit der funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung. Auf die­ser Grund­la­ge wird die Rechts­la­ge in Deutsch­land und Eng­land er­fasst, ver­gli­chen und be­wer­tet, um ab­schlie­ßend Re­form­vor­schlä­ge für das je­weils an­de­re Rechts­sys­tem zu ent­wi­ckeln.

Die hö­he­re Kom­ple­xi­tät der eng­li­schen Re­ge­lun­gen rührt zu­nächst dar­aus, dass die Not­wehr in ca­se law und Ge­set­zes­recht ge­re­gelt ist, wo­bei der Kreis der not­wehr­fä­hi­gen Rechts­gü­ter nicht ab­schlie­ßend de­fi­niert ist. Die ein­heit­li­che deut­sche Not­wehr­re­ge­lung um­fasst da­ge­gen die Ver­tei­di­gung sämt­li­cher In­di­vi­dual­rechts­gü­ter. Ein wei­te­rer we­sent­li­cher Un­ter­schied be­trifft die Be­grün­dung der Not­wehr. Im eng­li­schen Recht wird sie al­lein auf das In­di­vi­du­al­schutz­prin­zip zu­rück­ge­führt, wäh­rend sie in Deutsch­land dua­lis­tisch auf das In­di­vi­du­al­schutz- und das Rechts­be­wäh­rungs­prin­zip ge­grün­det wird. Dar­aus folgt der Ver­zicht des deut­schen Rechts auf ei­ne Ab­wä­gung der Rechts­gü­ter; in Eng­land hin­ge­gen hat die­se Ab­wä­gung zen­tra­le Be­deu­tung. Das Maß der im Ein­zel­fall er­laub­ten Ge­walt ist des­halb im eng­li­schen Recht deut­lich ge­rin­ger als beim „schnei­di­gen“ deut­schen Not­wehr­recht.

Im deut­schen Recht die­nen die kla­re Re­ge­lung und die trenn­schar­fe Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen recht­fer­ti­gen­dem und ent­schul­di­gen­dem Not­stand eben­falls der Rechts­si­cher­heit. In Eng­land sind da­ge­gen der all­ge­mei­ne Not­stand (ne­ces­si­ty), der Nö­ti­gungs­not­stand (duress) und der um­stands­be­ding­te Not­stand (duress of cir­cum­stan­ces) im Rich­ter­recht un­voll­kom­men ent­wi­ckelt. Der all­ge­mei­ne Not­stand wird so­gar sel­ten an­er­kannt.

Die feh­len­de Un­ter­schei­dung zwi­schen Recht­fer­ti­gungs- und Ent­schul­di­gungs­grün­den scheint sich al­so in Eng­land so­wohl auf die Rechts­si­cher­heit als auch auf die Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit ne­ga­tiv aus­zu­wir­ken. Das eng­li­sche Recht wür­de von ei­ner An­nä­he­rung an das deut­sche Sys­tem im Sin­ne ei­ner kla­ren Sys­te­ma­ti­sie­rung und ei­ner ein­heit­li­chen ge­setz­li­chen Re­ge­lung der Not­wehr und des Not­stands pro­fi­tie­ren. Da­durch könn­ten strit­ti­ge Punk­te wie der Kreis der not­wehr­fä­hi­gen und not­stands­fä­hi­gen Rechts­gü­ter ge­klärt wer­den. Bei dem Nö­ti­gungs­not­stand und dem Not­stand durch die Um­stän­de wä­re es des­wei­te­ren rat­sam, dass auf die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Tä­ters im Ein­zel­fall mehr Rück­sicht ge­nom­men wird. Für das deut­sche Recht könn­te ins­be­son­de­re ei­ne stär­ke­re Kon­kre­ti­sie­rung der Merk­ma­le der „Ge­bo­ten­heit“ bei der Not­wehr so­wie der „An­ge­mes­sen­heit“ beim Not­stand frucht­bar sein.