Die Dissertation ist Bestandteil des DFG-Projekts Recht – Norm – Kriminalisierung.

Rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­run­gen und Frem­den­feind­lich­keit stel­len auch zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts – vor al­lem an­ge­sichts ei­ner fort­wäh­ren­den in­ter­na­tio­na­len Ver­net­zung – ei­ne be­son­de­re Her­aus­for­de­rung für mo­der­ne Ge­sell­schaf­ten dar. Die vor­lie­gen­de Dis­ser­ta­ti­on wid­met sich dem bis­her weit­ge­hend ver­nach­läs­sig­ten The­ma Rechts­ex­tre­mis­mus im Kon­text des Ju­gend­straf­voll­zugs. Das zen­tra­le Ziel ist es, die Aus­wir­kun­gen von Ju­gend­haft auf Ent­wick­lungs­pro­zes­se jun­ger Män­ner zu un­ter­su­chen, die rechts­ex­tre­mis­tisch bzw. frem­den­feind­lich mo­ti­vier­te Ge­walt­ta­ten be­gan­gen ha­ben. Ein we­sent­li­cher Schwer­punkt be­zieht sich da­bei auf die Fra­ge, in­wie­fern der Straf­voll­zug rechts­ex­tre­me Ori­en­tie­rungs­mus­ter ab­schwächt, ver­fes­tigt oder in ih­ren in­halt­li­chen Aus­prä­gun­gen ver­än­dert. Hier­bei geht es ins­be­son­de­re um die spe­zi­fi­schen Ein­fluss­grö­ßen die­ser Ver­än­de­rungs­pro­zes­se, d.h. um die Fra­ge un­ter wel­chen in­di­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­schen so­wie so­zi­al-in­sti­tu­tio­nel­len Be­din­gun­gen es zu ei­ner Ver­fes­ti­gung bzw. Ab­lö­sung von rechts­ex­tre­men Ten­den­zen kommt.

Zu­al­ler­erst gilt es zu klä­ren, in­wie­weit die als „rechts­ex­tre­mis­tisch“ bzw. „frem­den­feind­lich“ eti­ket­tier­te Straf­tat tat­säch­lich aus ei­ner rechts­ex­tre­men Ideo­lo­gie her­aus be­gan­gen wur­de und in wel­cher Art und Wei­se sich vor­han­de­ne rechts­ex­tre­me Ori­en­tie­run­gen in­halt­lich äu­ßern. Kon­sti­tu­iert sich der Kern die­ser ju­gend­li­chen Welt­an­schau­ung le­dig­lich in ei­ner Ab­leh­nung und Ab­wer­tung von so­zia­len Min­der­hei­ten oder las­sen sich wei­te­re Fas­set­ten wie Na­tio­na­lis­mus oder Füh­rer- und Ge­folg­schaft­s­ideo­lo­gi­en fest­stel­len? Im Be­reich in­di­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­scher Be­din­gun­gen rich­tet sich das Au­gen­merk auf Ein­flüs­se des so­zio­demo­gra­phi­schen Hin­ter­grunds, der Per­sön­lich­keits­merk­ma­le so­wie der au­to­ri­tär­en Per­sön­lich­keits­zü­ge auf rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ori­en­tie­rungs­mus­ter und den Voll­zugs­ver­lauf. In Be­zug auf so­zi­al-in­sti­tu­tio­nel­le Ein­fluss­grö­ßen wer­den so­wohl for­mel­le (z.B. Voll­zugs­form, An­stalts­grö­ße, För­der­an­ge­bo­te) als auch in­for­mel­le Struk­tu­ren (z.B. Sub­kul­tur­bil­dung, Grup­pen­kon­flik­te, An­stalts­kli­ma) des Voll­zugs ana­ly­siert. Hier­bei geht es zu­nächst um die Be­deu­tung der kon­kre­ten Haft­si­tua­ti­on für rechts­ex­tre­me Ten­den­zen. Wel­che Rol­le spielt bei­spiels­wei­se die in­sti­tu­tio­nel­le Un­ter­brin­gung oder die eth­ni­sche Zu­sam­men­set­zung der In­sas­sen für Ein­stel­lungs­ver­än­de­run­gen und den Voll­zugs­ver­lauf? Der Ein­fluss von Grup­pen­pro­zes­sen, was zu­min­dest das Tat­han­deln an­be­trifft, gilt als ein­deu­tig ge­si­chert, aber wel­che Rol­le spie­len die­se für rechts­ex­tre­me Ori­en­tie­rungs­mus­ter im Voll­zug? Gibt es frem­den­feind­li­che Kon­flik­te im Voll­zug und in wel­cher Art und Wei­se wer­den die­se Kon­flik­te aus­ge­tra­gen? Ei­ne wei­te­re Fra­ge­stel­lung be­zieht sich auf den Um­gang der An­stalts­lei­tung und der Be­diens­te­ten mit frem­den­feind­li­chen Kon­flik­ten und rechts­ex­tre­men Straf­tä­tern. Wel­che Re­geln und Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln An­stal­ten bei­spiels­wei­se um frem­den­feind­li­ches Ver­hal­ten zu un­ter­bin­den? Eben­falls von In­ter­es­se sind die Kon­tak­te der jun­gen Ge­fan­ge­nen au­ßer­halb des Voll­zugs. So wird der Fra­ge nach­ge­gan­gen, in­wie­weit rech­te Straf­ge­fan­ge­ne noch Be­zie­hun­gen zu rechts­ex­tre­men Freun­de­scli­quen oder gar Or­ga­ni­sa­tio­nen un­ter­hal­ten.

Frem­den­feind­li­che Ori­en­tie­run­gen im Ju­gend­straf­voll­zug stel­len ein weit­ge­hend un­be­kann­tes The­men­feld dar. Da­her wer­den in der vor­lie­gen­den Stu­die ne­ben quan­ti­ta­ti­ven Me­tho­den wie z.B. stan­dar­di­sier­te Fra­ge­bö­gen zu den Un­ter­su­chungs­be­rei­chen Per­sön­lich­keit, Au­to­ri­ta­ris­mus, und Pri­so­ni­sie­rung, schwer­punkt­mä­ßig qua­li­ta­ti­ve Ver­fah­ren in Form von Leit­fa­den-In­ter­views ein­ge­setzt. Die Un­ter­su­chung ist mit zwei Mess­zeit­punk­ten (t1: Haft­an­tritt; t2: 7 – 9 Mo­na­te spä­ter im Haft­ver­lauf) längs­schnitt­lich an­ge­legt und um­fasst den Ver­gleich drei ver­schie­de­ner Stich­pro­ben­grup­pen:

(a) in­haf­tier­te frem­den­feind­li­che Ge­walt­tä­ter
(b) in­haf­tier­te Ge­walt­tä­ter oh­ne frem­den­feind­li­chen Hin­ter­grund
(c) frem­den­feind­li­che Ju­gend­li­che oh­ne Haf­ter­fah­run­gen

Die je­wei­li­gen Un­ter­su­chungs­grup­pen be­ste­hen aus­schließ­lich aus jun­gen Män­nern deut­scher Her­kunft im Al­ter von 14 bis 24 Jah­ren. Die Stich­pro­ben­grö­ße wird et­wa 15 bis 20 Per­so­nen je Grup­pe be­tra­gen.

Die Stu­die ist Be­stand­teil des von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) ge­för­der­ten Pro­jekts Hass­kri­mi­na­li­tät — Aus­wir­kun­gen von Haf­ter­fah­run­gen auf frem­den­feind­li­che ju­gend­li­che Ge­walt­tä­ter und wird bun­des­weit in Zu­sam­men­ar­beit mit Ju­gend­straf­voll­zugs­an­stal­ten und ver­schie­de­nen Ju­gend­ein­rich­tun­gen durch­ge­führt.