Das Projekt ‚Regionalanalysen der registrierten Kriminalität‘ untersucht die geographische Verteilung der Kriminalität im zeitlichen Quer- und Längsschnitt. Das Ziel ist eine differenzierte und theoriegeleitete Analyse und Erklärung der Kriminalitätsverteilungen auf der Ebene von Gemeinden und Kreisen auf Basis der polizeilich registrierten Kriminalität sowie amtlicher Strukturdaten. Untersucht wird, inwieweit neben sozialstrukturellen Bedingungen auch geographische Strukturen – insbesondere Grenznähe und Zentrums-Umland-Beziehungen – für die räumliche Variation der Kriminalitätsbelastung verantwortlich sind. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die Mobilität von Tätern und Opfern. Kriminologisch werden unterschiedliche Theorietraditionen – insbesondere ‚Desorganisationsansatz‘ und ‚Routine Activities-Ansatz‘ – integriert und in multiplen Regressionsmodellen getestet. Das Untersuchungsgebiet ist vorrangig Baden-Württemberg. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg und der Landespolizeidirektion Freiburg durchgeführt.

Die erste Phase des Projekts bezog sich im Besonderen auf den Raum Südbaden und wurde in dem Bericht „Die Kriminalitätslage im Regierungsbezirk Freiburg“ zusammengefasst und gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA-BW) und der Landespolizeidirektion Freiburg der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei wurden Kriminalitätsraten auf Ebene von Stadt- und Landkreisen im Zusammenhang mit sozialstrukturellen und geographischen Strukturen in Beziehung gesetzt. Auch im weiteren Verlauf wurde das Projekt mit Mitteln des LKA-BW gefördert und die Analysen auf das gesamte Land Baden-Württemberg ausgedehnt, wobei Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern von den Landkreisen getrennt beobachtet wurden und die räumliche Gliederung sowie die Analysen noch weiter verfeinert wurden. Im Rahmen dieser Kooperation wurden für das LKA-BW zwei Projektberichte (Quer- und Längsschnittanalyse) erstellt.

Eine Darstellung der zentralen Ergebnisse ist in der Reihe "Arbeitsberichte aus dem Max-Planck-Institut" erschienen (siehe Publikationen).

In dem Arbeitsbericht steht die Querschnittsanalyse der registrierten Kriminalität der Jahre 2003 bis 2007 in den baden-württembergischen Städten und Gemeinden im Mittelpunkt. Untersucht werden unterschiedliche Kriminalitätsraten, die aus den vom LKA-BW zur Verfügung gestellten PKS-Einzelfalldatensätzen, für statistische Analysen auf verschiedenen Aggregatebenen aufbereitet wurden. Neben der deskriptiven Beschreibung der Kriminalitätsverteilungen stellen multivariate Regressionsanalysen den Kern der Untersuchung dar. Hierzu wurden umfangreiche amtliche Strukturdaten (Soziodemographie, Wirtschafts- und geographische Daten) aufbereitet, die zur Erklärung der Kriminalitätsraten dienen.

Räumliche Verteilung der Häufigkeitsziffer

Abbildung 1: Räumliche Verteilung der Häufigkeitsziffer
Straftaten je 100.000 Einwohner in Baden-Württemberg
Geobasisinformationen © Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (www.bkg.bund.de) – PKS-Datenbank 2003-2007 / Aufbereitung und Berechnung: Max-Planck-Institut für ausl. und intern. Strafrecht, Freiburg

Die Regressionsanalysen auf der Ebene von Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern und den zugehörigen Restlandkreisen können zeigen, dass die regionale Verteilung der registrierten Kriminalität in Baden-Württemberg anhand der drei sozialräumlichen Strukturdimensionen (faktoranalytische Berechnung) „Urbanität/soziale Probleme vs. ländlicher Raum“, „Bürgerlicher Wohlstand vs. ‚Armut‘“, „Universitätsstädte vs. Familienorte“ sowie geografischen Determinanten zur Grenzlage und Aktivitäten der Bundespolizei weitgehend aufgeklärt werden kann. Vor allem auch unter Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen den Effekten der sozialräumlichen Strukturdimensionen kann hierbei z.B. die – von der Öffentlichkeit immer wieder mit Erstaunen wahrgenommene – hohe Kriminalitätsbelastung der Stadt Freiburg erklärt werden (vgl. Abbildungen 1 und 2).

Erwartungswerte und Residualwerte

Abbildung 2: Erwartungswerte und Residualwerte im Verhältnis zur beobachteten Häufigkeitsziffer
Straftaten insgesamt – Stadtkreise und Städte größer 80.000 Einwohner
PKS-Datenbank 2003-2007 / Aufbereitung und Berechnung: Max-Planck-Institut für ausl. und intern. Strafrecht, Freiburg

Für verschiedene Arten von Delikten, die mitunter sehr spezielle räumliche Variationen aufweisen, offenbaren die Modelle dabei unterschiedliche Wirkmechanismen. Die Analysen weisen auch stets auf die große Bedeutung der Tätermobilität für die hohe Kriminalitätsbelastung in Städten oder bestimmten Regionen hin. Die zentrale Rolle der Tätermobilität wird anhand unterschiedlicher Kennziffern zu Tatverdächtigen genauer untersucht, wobei zum einen die Tatverdächtigenbelastungsziffer am Tatort, zum anderen aber auch die Tatverdächtigenbelastungsziffer am Wohnort analysiert wird. Während Erstere das Kriminalitätsaufkommen in bestimmten Tatortgemeinden misst, bezieht sich die zweite Kennziffer auf die Tatverdächtigen innerhalb einer Wohnbevölkerung. Für die Tatverdächtigen am Tatort kann gezeigt werden, dass sowohl soziale Benachteiligungen als auch Gelegenheitsstrukturen sowie deren Wechselwirkungen für die Erklärung von Kriminalitätsraten relevant sind. Im Gegensatz hierzu sind es vor allem die sozialen Benachteiligungen und weniger die Gelegenheitsstrukturen, die für die Erklärung der Menge von Tatverdächtigen einer Wohnbevölkerung – unter Ausschluss der Tätermobilität – wichtig sind. Analog zeigt sich für die reine Tätermobilität, in Form eines Tatverdächtigensaldos, dass es die Gelegenheitsstrukturen sind, die die Mobilität von Tatverdächtigen bestimmen (vgl. Abbildungen 3 und 4).      

Ladendiebstahl - Tatverdächtigenbelatungsziffer am Tatort, am Wohnort und Tatverdächtigensaldo

Abbildung 3: Ladendiebstahl – Tatverdächtigenbelatungsziffer am Tatort, am Wohnort und Tatverdächtigensaldo
Gemeindeebene – Geobasisinformationen © Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (www.bkg.bund.de) – PKS-Datenbank 2003-2007 / Aufbereitung und Berechnung: Max-Planck-Institut für ausl. und intern. Strafrecht, Freiburg

Erklärbeiträge von gruppierten Einflussindikatoren für Gewaltkriminalität und Ladendiebstahl - Tatverdächtigenbelatungsziffer am Tatort, am Wohnort und Tatverdächtigensaldo

Abbildung 4: Erklärbeiträge von gruppierten Einflussindikatoren für Gewaltkriminalität und Ladendiebstahl – Tatverdächtigenbelatungsziffer am Tatort, am Wohnort und Tatverdächtigensaldo
PKS-Datenbank 2003-2007 / Aufbereitung und Berechnung: Max-Planck-Institut für ausl. und intern. Strafrecht, Freiburg

Eine Ausweitung der Analysen auf die gesamte Bundesrepublik Deutschland (auf der Kreisebene) ist geplant. Dadurch kann die beobachtete Varianz erhöht und die Tragweite der bisherigen empirischen Ergebnisse überprüft werden.

Gefördert mit Mitteln des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg.