Wegen ihrer Bedeutung für organisierte Kriminalität und Korruption wird Geldwäsche in der EU heute als zentrale kriminalpolitische Herausforderung anerkannt. Die Studie analysiert, welche Defizite die behördliche und unternehmerische Prävention aufweist, und identifiziert deren Ursachen. Ausgehend davon wird untersucht, welche gesetzgeberischen Optionen auf europäischer und nationaler Ebene für ein effektives und zugleich rechtsstaatlich überzeugendes Vorgehen gegen Geldwäsche existieren.

Der ers­te For­schungs­schwer­punkt der straf­recht­li­chen Ab­tei­lung un­ter­sucht mit den funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts der­zeit vor al­lem die neu­en Ent­wick­lun­gen al­ter­na­ti­ver, über­wie­gend prä­ven­tiv aus­ge­rich­te­ter Rechts­re­gime der Ri­si­ko­ge­sell­schaft, die das klas­si­sche Straf­recht an sei­ne Gren­zen füh­ren. Un­ter­su­chungs­ge­gen­stän­de sind ins­be­son­de­re die Ent­wick­lung des Rechts zur Kon­trol­le von Ter­ro­ris­mus, or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät, Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät, In­ter­net­kri­mi­na­li­tät und Völ­ker­straf­ta­ten. Be­wer­tungs­maß­stab für die Be­ur­tei­lung der ein­zel­nen Recht­s­ent­wick­lun­gen sind die ver­fas­sungs­recht­li­chen, men­schen­recht­li­chen und straf­rechts­dog­ma­ti­schen Gren­zen so­wie das Ge­wicht die­ser Gren­zen bei der Aus­ba­lan­cie­rung von Si­cher­heit und Frei­heit.

Vor die­sem Hin­ter­grund be­fasst sich das Pro­jekt “Rethin­king Mo­ney Laun­de­ring and Fi­nan­ci­al In­ves­ti­ga­ti­ons” spe­zi­ell mit der Rol­le des Geld­wä­sche­rechts in der staat­li­chen Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur. Die Ein­ord­nung der ein­schlä­gi­gen Re­ge­lun­gen und In­sti­tu­tio­nen des Geld­wä­sche­rechts er­weist sich heu­te in mehr als ei­ner Hin­sicht als äu­ßerst schwie­rig, weil im Be­reich der Re­pres­si­on und Prä­ven­ti­on der Geld­wä­sche ei­ne Viel­zahl von staat­li­chen und pri­va­ten Ak­teu­ren in­ter­a­gie­ren. Die­se ver­fol­gen oft­mals sehr un­ter­schied­li­che und mit­un­ter so­gar kon­trä­re Zie­le. Straf­ver­fol­gung, Ge­fah­ren­ab­wehr, Auf­sichts­be­hör­den, Nach­rich­ten­diens­te und nicht zu­letzt pri­va­te Un­ter­neh­men ar­bei­ten auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eng zu­sam­men. An kla­ren Re­geln für das Zu­sam­men­wir­ken fehlt es je­doch. Staat­li­che Auf­ga­ben wer­den in wei­tem Um­fang der Pri­vat­wirt­schaft über­ant­wor­tet, wo­bei die Gren­zen des Han­delns der Pri­va­ten eben­so wie Gren­zen der staat­li­chen In­pflicht­nah­me oft un­ge­klärt blei­ben. Die­se Un­be­stimmt­heit geht re­gel­mä­ßig zu­gleich zu­las­ten der kri­mi­nal­po­li­ti­schen Ef­fek­ti­vi­tät der Re­ge­lun­gen und der Wah­rung der Bür­ger­rech­te.

Die rechts­ver­glei­chen­de Stu­die ana­ly­siert das In­ein­an­der­grei­fen von Straf­recht, Re­gu­lie­rungs­recht und Da­ten­schutz­recht so­wohl durch ei­ne rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung als auch durch ei­ne em­pi­ri­sche For­schung der be­hörd­li­chen Pra­xis. Da­bei geht es nicht nur um die Be­stim­mung der recht­li­chen Mög­lich­kei­ten und Gren­zen der be­ste­hen­den In­stru­men­te so­wie der ge­gen­wär­tig dis­ku­tier­ten Op­tio­nen. Viel­mehr wer­den auf der Grund­la­ge der em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung der Rechts­an­wen­dungs­pra­xis auch neue Lö­sungs­an­sät­ze er­mit­telt, die ge­gen­über be­ste­hen­den rechts­po­li­ti­schen Vor­schlä­gen einen bes­se­ren Aus­gleich von Ef­fek­ti­vi­tät und Grund­rechts­schutz ge­währ­leis­ten.

Im Rah­men der em­pi­ri­schen Er­he­bung er­fuhr die Stu­die um­fang­rei­che prak­ti­sche Un­ter­stüt­zung von­sei­ten meh­re­rer su­pra­na­tio­na­ler Stel­len, ins­be­son­de­re der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, Eu­ro­pol und In­ter­pol, so­wie ei­ner Rei­he na­tio­na­ler Be­hör­den in­ner­halb und au­ßer­halb der Straf­ver­fol­gung. Über die recht­li­che und em­pi­ri­sche Ana­ly­se hin­aus wirkt das Pro­jekt ak­tiv dar­auf hin, einen grenz­über­schrei­ten­den Er­fah­rungs- und Ide­en­aus­tausch zwi­schen Be­hör­den der un­ter­such­ten Staa­ten im Be­reich der Geld­wä­sche durch wis­sen­schaft­li­che Be­glei­tung ei­nes Dia­logs zwi­schen Prak­ti­kern zu för­dern. Für das Jahr 2019 sind da­für Work­shops mit Be­hör­den un­ter­schied­li­cher Staa­ten ge­plant. Die Un­ter­su­chung wird mit pri­va­ten Dritt­mit­teln un­ter­stützt.

I.  Geld­wä­sche als fak­ti­sche und recht­li­che Her­aus­for­de­rung

1.  Il­le­ga­le Fi­nanz­strö­me im Zen­trum des si­cher­heits­po­li­ti­schen Dis­kur­ses

Il­le­ga­le Fi­nanz­strö­me und ins­be­son­de­re Geld­wä­sche sind Phä­no­me­ne von her­aus­ra­gen­der po­li­ti­scher Be­deu­tung. Die Ein­fach­heit, mit der Ver­mö­gen heu­te über Gren­zen und Rechts­ord­nun­gen hin­weg trans­fe­riert wer­den kann, bie­tet eben nicht nur viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten für le­ga­len Han­del, son­dern auch für die Ver­heim­li­chung von Ver­mö­gen oder sei­ner Her­kunft. Das wah­re Aus­maß des Kri­mi­na­li­täts­be­reichs wur­de erahn­bar, als große Da­ten-Leaks und die Ar­beit in­ves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­ten (Pa­na­ma Pa­pers) die Men­ge des in so­ge­nann­ten „tax ha­vens“ ge­la­ger­ten Schwarz­gel­des of­fen­leg­ten. Doch ist nicht nur die Steu­er­flucht ein schwer­wie­gen­des Pro­blem: West­eu­ro­päi­sche und nord­ame­ri­ka­ni­sche Fi­nanz­plät­ze se­hen sich heu­te viel­fach mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert, auf ih­ren Ka­pi­tal- und Im­mo­bi­li­en­märk­ten aus­län­di­schen Despo­ten und ma­fi­ösen Netz­wer­ken die In­ves­ti­ti­on il­le­gal er­wor­be­nen Ver­mö­gens zu er­mög­li­chen und ge­gen einen da­hin­ge­hen­den Miss­brauch ih­rer Wirt­schafts­stand­orte zu we­nig zu un­ter­neh­men. Sol­che Geld­wä­sche un­ter­gräbt nicht nur mit­tel­bar die Rechts­staat­lich­keit in den Her­kunfts­län­dern des Ver­mö­gens und zer­stört den Wohl­stand der dor­ti­gen Be­völ­ke­rung, son­dern ge­fähr­det auch die Sta­bi­li­tät west­li­cher Staa­ten und ih­rer po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen In­sti­tu­tio­nen. Il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se sind zu­gleich die Le­bens­ader or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät und ein si­cher­heits­po­li­ti­sches Ri­si­ko für west­li­che De­mo­kra­ti­en. Par­al­lel da­zu ver­wan­deln sich die in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­märk­te an­ge­sichts ih­rer grenz­über­schrei­ten­den Na­tur selbst zu­neh­mend zu ei­nem In­stru­ment von Si­cher­heits­po­li­tik. Be­son­ders deut­lich wird dies dar­an, dass Na­tio­nal­staa­ten und su­pra­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen wie die UN oder die EU im­mer häu­fi­ger Fi­nanz­sank­tio­nen ge­gen die Ur­he­ber schwe­rer Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen oder si­cher­heits­po­li­ti­scher Be­dro­hun­gen ein­set­zen. In­di­vi­du­en, Un­ter­neh­men und mit­un­ter gan­ze Staa­ten wer­den vom in­ter­na­tio­na­len Ka­pi­tal­markt ab­ge­schnit­ten, um ih­ren wirt­schaft­li­chen Hand­lungs­spiel­raum ein­zu­schrän­ken und so auf ihr Ver­hal­ten ein­zu­wir­ken. Deut­lich wird dies nicht zu­letzt bei dem nun­mehr mit großer Ent­schie­den­heit ge­führ­ten Vor­ge­hen der Staa­ten ge­gen die Fi­nan­zie­rung von Ter­ro­ris­mus, doch sind Fi­nanz­sank­tio­nen kei­nes­wegs auf die­sen Be­reich be­schränkt.

Ne­ben all die­se Ent­wick­lun­gen tra­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zwei wei­te­re Phä­no­me­ne mit ab­seh­bar dra­ma­ti­schen Fol­gen: die um­fas­sen­de Di­gi­ta­li­sie­rung des Zah­lungs­ver­kehrs und die Trans­for­ma­ti­on von Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen durch die Ent­ste­hung von so­ge­nann­ten Kryp­towäh­run­gen. Staa­ten er­hal­ten in­fol­ge­des­sen ei­ner­seits ein zu­neh­mend lücken­lo­ses Bild der über tra­di­tio­nel­le Kre­dit­in­sti­tu­te ab­ge­wi­ckel­ten Ge­schäf­te, sind an­de­rer­seits aber auch da­mit kon­fron­tiert, dass im­mer mehr Trans­ak­tio­nen mit kaum nach­zu­ver­fol­gen­den nicht­staat­li­chen Zah­lungs­mit­teln ab­ge­wi­ckelt wer­den.

Oh­ne Über­trei­bung lässt sich da­her sa­gen, dass zu kei­nem Zeit­punkt der jün­ge­ren Ge­schich­te il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se der­art im Mit­tel­punkt von Si­cher­heits- und Kri­mi­nal­po­li­tik stan­den wie es ak­tu­ell der Fall ist. Dies gilt be­son­ders für die Eu­ro­päi­sche Uni­on, wo sich der ein­schlä­gi­ge Rechts­rah­men ge­gen­wär­tig tief­grei­fend ver­än­dert. Nach­dem das Geld­wä­sche­recht erst vor Kur­z­em durch die von den Mit­glied­staa­ten bis zum Som­mer 2017 um­zu­set­zen­de Richt­li­nie 2015/849 um­fas­send re­for­miert wur­de, folg­te im Mai 2018 mit der Richt­li­nie 2018/843 be­reits ei­ne wei­te­re es­sen­zi­el­le Über­ar­bei­tung des Rechts­rah­mens. Die­se ist von den Mit­glied­staa­ten bis An­fang 2020 um­zu­set­zen, wo­bei sich schon jetzt neue fun­da­men­ta­le Än­de­run­gen des
EU-Rechts ab­zeich­nen.

2.  Pri­va­ti­sie­rung der Er­mitt­lun­gen und man­geln­de Ef­fek­ti­vi­tät

In An­be­tracht der vor­ste­hend skiz­zier­ten Ent­wick­lun­gen kann es schwer­lich über­ra­schen, dass das Recht im Um­gang mit Geld­wä­sche und an­de­ren il­le­ga­len Fi­nanz­flüs­sen vor großen Her­aus­for­de­run­gen steht.

Für ei­ne nä­he­re Ana­ly­se muss zu­nächst ein Blick auf den bis­he­ri­gen Rechts­rah­men ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se ge­wor­fen wer­den. Des­sen Herz­stück ist seit den 1990er Jah­ren ein in­ter­na­tio­na­les In­stru­men­ta­ri­um ge­gen Geld­wä­sche und Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung, wel­ches im Rah­men der Fi­nan­ci­al Ac­ti­on Task For­ce (FATF) ge­schaf­fen wur­de. Bei die­ser han­delt es sich um ein in­ter­gou­ver­ne­men­ta­les Gre­mi­um am Sitz der OECD, des­sen „Emp­feh­lun­gen“ zwar streng­ge­nom­men nicht völ­ker­recht­lich ver­bind­lich sind, von den meis­ten Staa­ten aber fak­tisch den­noch so be­han­delt wer­den. Denn bei Nich­tum­set­zung der FATF-Stan­dards in na­tio­na­les Recht droht ei­nem Staat letzt­lich der voll­stän­di­ge Aus­schluss vom in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­ver­kehr und da­mit die wirt­schaft­li­che Hand­lungs­un­fä­hig­keit.

Die von der FATF er­rich­te­te Ar­chi­tek­tur zur Be­kämp­fung von Geld­wä­sche und Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung wird von zwei Pfei­lern ge­tra­gen: ers­tens der straf­recht­li­chen Ahn­dung von Geld­wä­sche und Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung so­wie der Kon­fis­zie­rung be­trof­fe­nen Ver­mö­gens, zwei­tens der prä­ven­ti­ven Über­wa­chung des Wirt­schafts­ver­kehrs, durch die il­le­ga­le Ge­schäf­te ver­hin­dert wer­den sol­len. Kenn­zeich­nend für die­se Her­an­ge­hens­wei­se ist die zen­tra­le Rol­le der mit Fi­nanz­trans­ak­tio­nen be­trau­ten Pri­vat­wirt­schaft. Die­se ist ver­pflich­tet, fort­wäh­rend ih­re Ge­schäfts­be­zie­hun­gen auf ent­spre­chen­de Ri­si­ken zu über­wa­chen, Ver­dachts­fäl­le den Be­hör­den mit­zu­tei­len und ver­däch­ti­ge Trans­ak­tio­nen nicht aus­zu­füh­ren.

In jüngs­ter Zeit sind er­heb­li­che Schwä­chen die­ser Re­ge­lun­gen zu­ta­ge ge­tre­ten. Wäh­rend Fi­nanz­dienst­leis­ter und an­de­re Ak­teu­re der Pri­vat­wirt­schaft über die teils mas­si­ven Kos­ten ih­rer Prä­ven­ti­ons­pflich­ten kla­gen, steht de­ren Ef­fek­ti­vi­tät kri­mi­nal­po­li­tisch zu­neh­mend in Zwei­fel. Es meh­ren sich die Hin­wei­se dar­auf, dass trotz um­fang­rei­cher In­ves­ti­tio­nen die Fä­hig­keit der Un­ter­neh­men zur Iden­ti­fi­zie­rung von Geld­wä­sche und Ter­ro­ris­mus­fi­nan­zie­rung letzt­lich sehr be­grenzt bleibt. Viel­fach wer­den völ­lig un­be­schol­te­ne Kun­den weit­rei­chen­den Ein­schrän­kun­gen aus­ge­setzt, häu­fig et­wa durch den Ab­bruch der Ge­schäfts­be­zie­hung in­fol­ge ei­nes irr­tüm­li­chen Geld­wä­sche­ver­dachts. In al­ler Re­gel sind die von den Pri­va­ten er­stell­ten Ver­dachts­mel­dun­gen für die Be­hör­den oh­ne Wert, da sich der Ver­dacht eben nicht be­stä­tigt.

Das be­schrie­be­ne Ef­fek­ti­vi­täts­de­fi­zit ist un­ter an­de­rem dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass sich kri­mi­nel­le Ak­teu­re der Über­wa­chung ih­rer Ge­schäf­te häu­fig un­kom­pli­ziert ent­zie­hen kön­nen. Es ge­lingt ih­nen, Kre­dit­in­sti­tu­te zu täu­schen, oder sie wei­chen auf we­ni­ger re­gu­lier­te Wirt­schafts­sek­to­ren aus. Ge­ra­de Kryp­towäh­run­gen stel­len in­so­fern ei­ne große Her­aus­for­de­rung dar, weil die­se in vie­len Staa­ten kaum re­gu­liert sind.

Auch staat­li­che Be­hör­den be­geg­nen viel­fäl­ti­gen Schwie­rig­kei­ten. Die Kom­ple­xi­tät von Fi­nan­zer­mitt­lun­gen stellt Po­li­zei und Jus­tiz schon für sich stän­dig vor große Her­aus­for­de­run­gen recht­li­cher und tat­säch­li­cher Art, et­wa auf­grund feh­len­den fach­li­chen Knowhows. Dar­über hin­aus birgt der re­gel­mä­ßig grenz­über­schrei­ten­de Cha­rak­ter il­le­ga­ler Fi­nanz­flüs­se vie­le Pro­ble­me, vor al­lem we­gen der da­durch er­mög­lich­ten An­ony­mi­tät der Han­deln­den, die be­hörd­li­che Be­mü­hun­gen auf na­tio­na­ler Ebe­ne oft schei­tern lässt. Ef­fek­ti­ve zwi­schen­staat­li­che Zu­sam­men­ar­beit ist ge­ra­de für das Vor­ge­hen ge­gen Geld­wä­sche häu­fig eben­so un­ver­zicht­bar wie de­fi­zi­tär.

3.  Pio­nier­be­reich des Rechts

Die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ver­deut­li­chen, dass sich mit der Geld­wä­sche grund­le­gen­de Fra­gen zur staat­li­chen Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur stel­len, die sich vor al­lem aus der Glo­ba­li­sie­rung von Fi­nanz­flüs­sen und der mit ih­nen ver­bun­de­nen straf­ba­ren Phä­no­me­ne so­wie aus dem Ent­ste­hen der In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft er­ge­ben. Ge­ra­de für das Vor­ge­hen ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se gilt, dass die Rechts­wis­sen­schaft nicht bei tra­di­tio­nell straf­recht­li­chen Lö­sungs­an­sät­zen ste­hen blei­ben darf, son­dern recht­li­che Nach­bar­dis­zi­pli­nen und nicht-straf­recht­li­che In­stru­men­te in den Blick neh­men muss, ins­be­son­de­re das Wirt­schafts­ver­wal­tungs- und das Da­ten­schutz­recht. Zwar kommt dem Straf­recht wei­ter­hin ei­ne zen­tra­le Rol­le zu, sei­ne Zie­le und Funk­tio­nen las­sen sich al­ler­dings oh­ne Be­rück­sich­ti­gung der auf es ein­wir­ken­den an­de­ren Dis­zi­pli­nen viel­fach nicht mehr ver­ste­hen und sinn­voll ge­stal­ten.

Der Rechts­rah­men der Geld­wä­sche ist in­so­fern ein Pio­nier­be­reich des Rechts, als er wohl mehr als je­des an­de­re Feld der Kri­mi­nal­po­li­tik die tra­dier­ten Me­cha­nis­men und Prin­zi­pi­en straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le in­fra­ge stellt. Das Straf­recht ver­wan­delt sich hier von ei­nem In­stru­ment der Sank­tio­nie­rung ver­gan­ge­nen schuld­haf­ten Ver­hal­tens in wei­ten Tei­len zu ei­nem prä­ven­ti­ven In­stru­ment, für wel­ches re­gel­mä­ßig die Ab­sich­ten der Han­deln­den und nicht die ob­jek­ti­ve Ge­stalt der Tat im Mit­tel­punkt steht. Zu­dem ist das Geld­wä­sche­recht durch ei­ne weit­rei­chen­de Pri­va­ti­sie­rung von Er­mitt­lun­gen ge­kenn­zeich­net, da die Iden­ti­fi­zie­rung und Auf­klä­rung von Ver­dachts­fäl­len weit­ge­hend der Pri­vat­wirt­schaft über­tra­gen wird.

Die­se Ver­än­de­run­gen des Straf­rechts und die Wir­kung nicht-straf­recht­li­cher Steue­rungs­in­stru­men­te ha­ben in vie­ler­lei Hin­sicht das Po­ten­zi­al zu ei­ner Ef­fek­ti­vie­rung des Vor­ge­hens ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se. Zu­gleich stel­len sich zahl­rei­che Pro­ble­me. Die stark prä­ven­ti­ve Aus­rich­tung des Rechts mag zwar zum Teil not­wen­dig sein, be­geg­net aber vor al­lem mit Blick auf eu­ro­päi­sches und na­tio­na­les Ver­fas­sungs­recht be­rech­tig­ten Be­den­ken, wie et­wa die aus den Prä­ven­ti­ons­pflich­ten der Pri­vat­wirt­schaft re­sul­tie­ren­de ex­ten­si­ve Samm­lung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten ver­an­schau­licht. Um ei­ne die Grund­rech­te wah­ren­de Aus­ge­stal­tung neu­er Lö­sungs­an­sät­ze ge­währ­leis­ten zu kön­nen, ist es er­for­der­lich, die aus den neu­en In­stru­men­ten re­sul­tie­ren­den Ge­fah­ren prä­zi­se her­aus­zu­ar­bei­ten.

Kon­flik­te zwi­schen neu­en Lö­sungs­an­sät­zen und na­tio­na­len ver­fas­sungs­recht­li­chen Tra­di­tio­nen sind nicht zu­letzt die Fol­ge der star­ken In­ter­na­tio­na­li­sie­rung der Re­ge­lun­gen ge­gen Geld­wä­sche. Prä­gend ist in­so­fern der Um­stand, dass die Vor­ga­ben der FATF und die dar­in ent­hal­te­nen Re­ge­lungs­mo­del­le in wei­tem Um­fang dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kreis ent­stam­men. Ei­ne Auf­lö­sung der sich im Be­reich der Geld­wä­sche­be­kämp­fung zei­gen­den Kon­flik­te zwi­schen in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben und na­tio­na­lem Ver­fas­sungs­recht er­for­dert da­her nicht zu­letzt Sen­si­bi­li­tät für den rechts­kul­tu­rel­len und in­sti­tu­tio­nel­len Kon­text der ein­zel­nen Rechts­ord­nun­gen. Oh­ne fun­dier­te Kennt­nis­se sol­cher Ver­schie­den­hei­ten las­sen sich ef­fek­ti­ve Mo­del­le der zwi­schen­staat­li­chen Ko­ope­ra­ti­on ge­gen Geld­wä­sche nicht ent­wi­ckeln.

II.  Die Ana­ly­se des Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tuts

1.  Ziel­set­zung: Su­pra­na­tio­na­le und na­tio­na­le Lö­sun­gen

Die straf­recht­li­che Ab­tei­lung des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht un­ter­sucht in dem mehr­jäh­ri­gen Pro­jekt „Rethin­king Mo­ney Laun­de­ring and Fi­nan­ci­al In­ves­ti­ga­ti­ons“, wie das Straf­recht und an­de­re Be­rei­che des Rechts Geld­wä­sche wirk­sam un­ter­bin­den und zu­gleich ein ho­hes Maß an Grund­rechts­schutz ge­währ­leis­ten kön­nen. Dem For­schungs­schwer­punkt des Max-Planck-In­sti­tuts ent­spre­chend rich­tet sich das Pro­jekt da­mit auf Kern­fra­gen der Ar­chi­tek­tur des su­pra­na­tio­na­len und na­tio­na­len Si­cher­heits­rechts so­wie auf ein hoch­gra­dig durch Trans­na­tio­na­li­tät und Di­gi­ta­li­sie­rung ge­präg­tes kri­mi­nal­po­li­ti­sches Phä­no­men.

Ziel der Stu­die ist die Ent­wick­lung von rechts­po­li­ti­schen Emp­feh­lun­gen so­wohl für die Eu­ro­päi­sche Uni­on, bei der die ein­schlä­gi­gen Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­ten­zen haupt­säch­lich lie­gen, als auch für die ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, ins­be­son­de­re für den deut­schen Ge­setz­ge­ber. Der meh­re­re Ebe­nen in den Blick neh­men­de An­satz spie­gelt die Tat­sa­che wi­der, dass sich in Be­zug auf den For­schungs­ge­gen­stand recht­li­che Lö­sun­gen heu­te kaum noch al­lein auf na­tio­na­ler Ebe­ne dis­ku­tie­ren las­sen.

Der Stu­die liegt die Hy­po­the­se zu­grun­de, dass die prak­ti­schen De­fi­zi­te der bis­he­ri­gen An­ti-Geld­wä­sche-In­stru­men­te ent­schei­dend auf ei­ner feh­len­den Be­stimmt­heit der mit ih­nen ver­folg­ten rechts­po­li­ti­schen Zwe­cke be­ru­hen. Durch das ver­mehr­te In­ein­an­der­grei­fen von Straf­recht und an­de­ren Rechts­re­gi­men ver­schwin­den Gren­zen zwi­schen ih­nen und viel­fach wird un­klar, wel­che Ziel­set­zun­gen und Prin­zi­pi­en in­ner­halb ei­nes Rechts­re­gi­mes gel­ten und das Han­deln der be­tei­lig­ten staat­li­chen und pri­va­ten Ak­teu­re lei­ten sol­len. Die ein­zel­nen Tei­le der Un­ter­su­chung sind da­her von dem über­ge­ord­ne­ten Er­kennt­ni­s­in­ter­es­se ge­prägt, die Funk­ti­on und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Gren­zen der ein­schlä­gi­gen Re­ge­lun­gen und In­sti­tu­tio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren. Im Mit­tel­punkt ste­hen da­bei ei­ner­seits die Fra­ge, in­wie­weit Pri­va­te über ih­re prä­ven­ti­ven Mit­wir­kungs­pflich­ten hin­aus in Er­mitt­lun­gen der Straf­ver­fol­gung ein­be­zo­gen wer­den, an­de­rer­seits, auf wel­che Wei­se Straf­ver­fol­gung und auf­sichts­recht­li­che Maß­nah­men in­ter­a­gie­ren.

2.  Me­tho­di­scher An­satz: Rechts­ver­gleich, em­pi­ri­sche Er­he­bun­gen und in­ter­na­tio­na­ler Dis­kurs

a) Aus­ge­hend von den oben dar­ge­leg­ten Grun­d­an­nah­men be­ruht die Stu­die auf ei­nem Rechts­ver­gleich der ein­schlä­gi­gen Re­ge­lun­gen der FATF und der EU so­wie fünf na­tio­na­ler Rechts­ord­nun­gen, die we­gen ih­rer be­son­de­ren Be­deu­tung für die Pra­xis der Geld­wä­sche­be­kämp­fung aus­ge­wählt wur­de, näm­lich Deutsch­land, Ita­li­en, die Schweiz, Spa­ni­en und das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich.

Der Un­ter­su­chung der un­ter­schied­li­chen Rechts­ord­nun­gen ist ei­ne ein­heit­li­che Me­ta­struk­tur un­ter­legt. Ne­ben dem Straf- und dem Ord­nungs­wid­rig­kei­ten be­zieht die Ana­ly­se auch das Recht der Wirt­schafts­re­gu­lie­rung so­wie das dies­be­züg­li­che Auf­sichts- und Da­ten­schutz­recht ein. Da­mit rea­giert die Stu­die auf den Be­fund, dass sich die wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit il­le­ga­len Fi­nanz­flüs­sen eben­so wie die Rechts­an­wen­dungs­pra­xis heu­te in der Re­gel auf einen Teil­be­reich des Rechts be­schrän­ken – ob­wohl an­ge­sichts der viel­fäl­ti­gen Kom­po­nen­ten des Geld­wä­sche­rechts nur ein breit an­ge­leg­ter An­satz Ant­wor­ten auf die Fra­ge nach den Ur­sa­chen von De­fi­zi­ten in der Rechts­durch­set­zung lie­fern kann. Das Feh­len ei­ner um­fas­sen­den Per­spek­ti­ve führt in der Pra­xis häu­fig zu Miss­ver­ständ­nis­sen zwi­schen den be­tei­lig­ten öf­fent­li­chen und pri­va­ten Ak­teu­ren und nicht sel­ten zur In­ef­fek­ti­vi­tät des staat­li­chen Vor­ge­hens ge­ra­de im Be­reich der Geld­wä­sche. Über ih­re Re­le­vanz für das prak­ti­sche Vor­ge­hen ge­gen Geld­wä­sche hin­aus lie­fert die Stu­die da­mit einen wich­ti­gen Bei­trag da­zu, den rechts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs im Be­reich des Si­cher­heits­rechts von ei­ner oft ein­di­men­sio­na­len, le­dig­lich auf ein­zel­ne Spe­zi­al­dis­zi­pli­nen des Rechts ge­rich­te­ten Per­spek­ti­ve weg­zu­füh­ren. Nur so lässt sich zu­dem ge­währ­leis­ten, dass grenz­über­schrei­ten­de Ko­ope­ra­ti­on nicht an der Viel­ge­stal­tig­keit der na­tio­na­len Re­ge­lun­gen und In­sti­tu­tio­nen im Be­reich der Geld­wä­sche schei­tert.

b) Für die breit an­ge­leg­te em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung der Pra­xis der Re­pres­si­on und Prä­ven­ti­on der Geld­wä­sche wur­den In­ter­views mit zahl­rei­chen Ver­tre­tern so­wohl na­tio­na­ler und su­pra­na­tio­na­ler Be­hör­den als auch der Pri­vat­wirt­schaft ge­führt. Die In­ter­views dienten ei­ner­seits der Über­prü­fung von Schluss­fol­ge­run­gen, wel­che aus der rechts­ver­glei­chen­den Ana­ly­se ge­zo­gen wur­den, an­de­rer­seits der Dis­kus­si­on neu­er Lö­sungs­an­sät­ze. Zur Op­ti­mie­rung des Er­kennt­nis­ge­winns wur­den sie wie­der­holt im For­mat ei­nes Round-Ta­ble-Ge­sprächs mit meh­re­ren Be­tei­lig­ten ge­führt.

3.  Er­geb­nis­se: Kla­re Zu­stän­dig­kei­ten, Pu­blic Pri­va­te Part­ner­ship und Da­ten­schutz

Die Er­kennt­nis­se der Stu­die ge­hen über Ein­zel­fra­gen des su­pra­na­tio­na­len und na­tio­na­len Geld­wä­sche­rechts hin­aus und neh­men die staat­li­che Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur als Gan­zes in den Blick. Die Emp­feh­lun­gen des Max-Planck-In­sti­tuts bein­hal­ten zum einen Lö­sungs­an­sät­ze für die Aus­ge­stal­tung des na­tio­na­len Rechts. Zum an­de­ren be­las­sen es die an­ge­stell­ten Re­for­m­über­le­gun­gen nicht bei der Re­zep­ti­on des su­pra­na­tio­na­len Rechts­rah­mens, son­dern ent­wi­ckeln auch Vor­schlä­ge für den eu­ro­päi­schen Ge­setz­ge­ber. Die recht­li­che und em­pi­ri­sche Ana­ly­se der be­ste­hen­den Re­ge­lun­gen und Prak­ti­ken ver­deut­licht die Not­wen­dig­keit, die für das Vor­ge­hen ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­strö­me teil­wei­se seit Jahr­zehn­ten vor­herr­schen­den rechts­po­li­ti­schen Prä­mis­sen und Kon­zep­te in Ein­zel­fäl­len tief­grei­fend in­fra­ge zu stel­len. Da­bei tre­ten vier zen­tra­le Pro­blem­fel­der zu­ta­ge, die zu­gleich den Schwer­punkt der Re­form­vor­schlä­ge bil­den:

a) die Stel­lung der Fi­nan­ci­al In­tel­li­gence Units (FIUs) in der staat­li­chen Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur,

b) das Zu­sam­men­wir­ken von Be­hör­den und Un­ter­neh­men,

c) das Ver­hält­nis des Geld­wä­sche­rechts zum Da­ten­schutz so­wie schließ­lich

d) der grenz­über­schrei­ten­de Aus­tausch von Da­ten.

a) Zen­tral für das Vor­ge­hen ge­gen Geld­wä­sche sind die FIUs. Da­bei han­delt es sich um spe­zia­li­sier­te na­tio­na­le Be­hör­den, die Ver­dachts­mel­dun­gen von Fi­nanz­dienst­leis­tern und an­de­ren Pri­va­ten so­wie von Auf­sichts­be­hör­den sam­meln und die Fun­diert­heit des Ver­dachts über­prü­fen. Da­zu ha­ben FIUs re­gel­mä­ßig weit­rei­chen­den Zu­gang zu Da­ten an­de­rer Be­hör­den und be­die­nen sich leis­tungs­star­ker au­to­ma­ti­sier­ter Ana­ly­se­tech­ni­ken. Sie sind zu­meist au­ßer­halb der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den an­ge­sie­delt. Be­stä­tigt sich ein kon­kre­ter Geld­wä­sche­ver­dacht, so wird der Fall re­gel­mä­ßig an die Straf­jus­tiz wei­ter­ge­lei­tet. In der Zu­sam­men­ar­beit von FIUs und Straf­ver­fol­gung er­ge­ben sich nicht nur in Deutsch­land prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten. Der Stu­die ge­lang es, die we­sent­li­chen Grün­de da­für zu iden­ti­fi­zie­ren und Lö­sungs­an­sät­ze zu ent­wer­fen. Die­se se­hen im Kern ei­ne ein­deu­ti­ge Ab­gren­zung der Auf­ga­ben­be­rei­che von FIUs und Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den vor und be­deu­ten in­so­fern zu­gleich ei­ne Prä­zi­sie­rung der staat­li­chen Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur und des Gel­tungs­be­reichs straf­pro­zes­sua­ler Ver­fah­rens­rech­te.

b) Das An­ti-Geld­wä­sche-Recht setzt ge­gen­wär­tig haupt­säch­lich auf Ver­dachts­mel­dun­gen, die von pri­va­ten Un­ter­neh­men an die FIUs über­mit­telt wer­den. Un­ter­neh­men vor al­lem der Fi­nanz­bran­che un­ter­lie­gen weit­rei­chen­den Pflich­ten, die Iden­ti­tät ih­rer Kun­den zu ve­ri­fi­zie­ren so­wie die mit ei­nem Ge­schäft ver­folg­ten wirt­schaft­li­chen Zwe­cke und letzt­end­li­chen Nutz­nie­ßer zu iden­ti­fi­zie­ren. Die­se so­ge­nann­te Cu­sto­mer Due Di­li­gence rich­tet sich nach Ri­si­ko-Ty­po­lo­gi­en, die von staat­li­cher oder pri­va­ter Sei­te ent­wi­ckelt wer­den. Dar­über hin­aus kann das Un­ter­neh­men vom Kun­den um­fang­rei­che zu­sätz­li­che In­for­ma­tio­nen ver­lan­gen, um Geld­wä­sche-Ver­dachts­mo­men­te aus­zuräu­men, an­dern­falls droht ei­ne Be­en­di­gung der Ge­schäfts­be­zie­hung und so­gar das Ein­frie­ren von Ver­mö­gens­wer­ten. Das so ent­stan­de­ne Sys­tem der pri­va­ten Ri­si­ko­be­wer­tung führt in den meis­ten Staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on zu ei­ner ho­hen Zahl von Ver­dachts­mel­dun­gen, die sich al­ler­dings bei der an­schlie­ßen­den be­hörd­li­chen Über­prü­fung in al­ler Re­gel als kri­mi­na­lis­tisch wert­los er­wei­sen.

Die Stu­die konn­te zei­gen, dass das be­ste­hen­de Ver­dachts­mel­de­we­sen viel­fach falsche An­zei­gen schafft, die da­zu füh­ren, dass Kun­den irr­tüm­li­cher­wei­se der Geld­wä­sche ver­däch­tigt wer­den und zu­gleich Kri­mi­nel­le in nicht re­gu­lier­te Be­rei­che wie Kryp­towäh­run­gen aus­wei­chen. Die Her­aus­ar­bei­tung die­ser Miss­stän­de er­laubt es der Stu­die, ei­ne ver­än­der­te Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Be­hör­den und Pri­va­ten zu kon­zi­pie­ren. Im Mit­tel­punkt ste­hen Me­cha­nis­men, die es den Un­ter­neh­men er­leich­tern, Geld­wä­sche­ri­si­ken in ih­rem Ge­schäfts­be­reich bes­ser zu er­ken­nen, und da­durch letzt­lich die Qua­li­tät der Ver­dachts­mel­dun­gen nach­hal­tig ver­bes­sern. Her­vor­zu­he­ben ist ins­be­son­de­re die Mög­lich­keit ei­ner Pu­blic Pri­va­te Part­ner­ship, in der zu­stän­di­ge Be­hör­den und Pri­vat­wirt­schaft zur Iden­ti­fi­zie­rung kon­kre­ter Geld­wä­sche­ri­si­ken ver­stärkt zu­sam­men­ar­bei­ten.

c) We­sent­lich für ei­ne Re­form des Geld­wä­sche­rechts ist zu­dem das Ver­hält­nis von An­ti-Geld­wä­sche-In­stru­men­ta­ri­um und Da­ten­schutz­recht. Für die Prä­ven­ti­on eben­so wie für die straf­recht­li­che Ahn­dung von Geld­wä­sche sind Fi­nanz­da­ten von zen­tra­ler Be­deu­tung. Dies führt zwangs­läu­fig zu er­heb­li­chen Span­nun­gen zwi­schen ei­ner ef­fek­ti­ven Kri­mi­nal­po­li­tik und dem Recht der Bür­ger auf den Schutz ih­rer per­sön­li­chen Da­ten. Ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund der jüngst in Kraft ge­tre­te­nen Re­form des EU-Da­ten­schutz­rechts kommt es zu teil­wei­se schwe­ren Ver­wer­fun­gen in­ner­halb der Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur. Die feh­len­de Ab­stim­mung bei­der Rechts­be­rei­che be­wirkt in vie­len Fäl­len, dass na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber, Be­hör­den und Pri­va­te über das Aus­maß ih­rer aus den su­pra­na­tio­na­len Vor­ga­ben re­sul­tie­ren­den Rech­te und Pflich­ten im Un­kla­ren sind. Der­ar­ti­ge Un­be­stimmt­heit geht re­gel­mä­ßig zu­gleich zu­las­ten der Ef­fek­ti­vi­tät des Vor­ge­hens ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se und zu­las­ten des Grund­rechts­schut­zes.

Von Be­deu­tung sind Span­nun­gen zwi­schen Geld­wä­sche­recht und Da­ten­schutz nicht zu­letzt für die in der EU nun­mehr ein­ge­führ­ten öf­fent­li­chen Re­gis­ter zur Of­fen­le­gung der hin­ter ei­nem Un­ter­neh­men ste­hen­den wirt­schaft­lich Be­rech­tig­ten. Mit sol­chen Re­gis­tern soll die Trans­pa­renz der Ei­gen­tü­mer­struk­tur von Un­ter­neh­men ge­währ­leis­tet und da­mit im Er­geb­nis ver­hin­dert wer­den, dass sich Kri­mi­nel­le hin­ter der An­ony­mi­tät kom­ple­xer Fir­men­struk­tu­ren ver­ber­gen. Die Stu­die zeigt vor die­sem Hin­ter­grund auf, in­wie­weit das Geld­wä­sche­recht mit vor al­lem eu­ro­pa­recht­li­chen Da­ten­schutz­stan­dards in Kon­flikt ge­rät, und ent­wi­ckelt Lö­sun­gen, um zwi­schen Trans­pa­renz und Da­ten­schutz einen bes­se­ren Aus­gleich zu fin­den und den be­trof­fe­nen Ak­teu­ren Rechts­si­cher­heit zu ver­schaf­fen.

d) Der grenz­über­schrei­ten­de Aus­tausch von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten zwi­schen Be­hör­den ist für ein ef­fek­ti­ves Vor­ge­hen ge­gen il­le­ga­le Fi­nanz­flüs­se un­ver­zicht­bar. Er­for­der­lich ist in vie­ler­lei Hin­sicht ei­ne Glo­ba­li­sie­rung von Re­gu­lie­rungs­maß­nah­men und Straf­ver­fol­gung, die der Glo­ba­li­sie­rung der Fi­nanz­märk­te ent­spricht. Dies stellt ei­ne zen­tra­le Her­aus­for­de­rung des An­ti-Geld­wä­sche-Rechts dar. Denn su­spek­te Ver­mö­gens­wer­te las­sen sich in der Re­gel leicht und schnell über Län­der­gren­zen hin­weg trans­fe­rie­ren. Die Staa­ten ha­ben dar­auf durch die Schaf­fung ei­nes Ko­ope­ra­ti­ons­re­gi­mes zwi­schen den FIUs rea­giert. Die­ses soll den grenz­über­schrei­ten­den Da­ten­aus­tausch im Ver­gleich zur klas­si­schen Rechts­hil­fe deut­lich ver­ein­fa­chen und vor al­lem be­schleu­ni­gen. Ins­be­son­de­re aus der in den Staa­ten sehr un­ter­schied­lich aus­fal­len­den in­sti­tu­tio­nel­len Aus­ge­stal­tung der na­tio­na­len FIU er­ge­ben sich er­heb­li­che Hür­den, die ei­ne Zu­sam­men­ar­beit nicht sel­ten schei­tern las­sen. Die Stu­die iden­ti­fi­ziert, wel­che Fak­to­ren der Ef­fek­ti­vi­tät des Da­ten­aus­tauschs zwi­schen FIUs ab­träg­lich sind. Dar­auf auf­bau­end zeigt sie We­ge auf, die ge­ra­de mit Blick auf die Fra­ge ei­ner mög­li­chen ge­richt­li­chen Ver­wert­bar­keit der über­mit­tel­ten Da­ten für die be­tei­lig­ten FIUs eben­so wie für die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den Klar­heit schaf­fen und da­durch ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en und folg­lich die Be­reit­schaft zur Zu­sam­men­ar­beit stär­ken.

4.  Ver­wer­tung der Er­geb­nis­se: ein pa­n­eu­ro­päi­scher Dis­kurs über Rechts­po­li­tik

Der Stu­die des Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tuts hat den An­spruch, einen bahn­bre­chen­den Bei­trag für die wei­te­re Ent­wick­lung des Geld­wä­sche­rechts zu leis­ten. Ei­ne der­art grund­le­gend an­ge­leg­te rechts­ver­glei­chen­de Stu­die der ein­schlä­gi­gen in­ter­na­tio­na­len und meh­re­rer na­tio­na­ler Rechts­re­gime liegt bis­her nicht vor. Auf ent­spre­chend großes In­ter­es­se stößt die Un­ter­su­chung so­wohl bei eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen als auch bei na­tio­na­len Be­hör­den. Ei­ne Ver­brei­tung ers­ter Er­geb­nis­se ge­lang be­reits durch die Round-Ta­ble-Dis­kus­si­ons­run­den, die im Lau­fe des Jah­res 2018 mit zahl­rei­chen na­tio­na­len Be­hör­den­ver­tre­tern in meh­re­ren eu­ro­päi­schen Staa­ten ge­führt wur­den. Ne­ben der Pu­bli­ka­ti­on der Stu­die in Buch­form so­wie ih­rer teil­wei­sen Über­set­zung ins Ita­lie­ni­sche und ins Spa­ni­sche soll zu­dem ein Work­shop mit eu­ro­päi­schen und na­tio­na­len Be­hör­den zur Ver­brei­tung der Er­geb­nis­se bei­tra­gen.

Der durch zahl­rei­che Ge­sprächs­run­den mit hoch­ran­gi­gen Ver­tre­tern eu­ro­päi­scher und na­tio­na­ler In­sti­tu­tio­nen er­mög­lich­te Ge­dan­ken­aus­tausch zwi­schen Wis­sen­schaft und Pra­xis ver­leiht den Er­geb­nis­sen der Stu­die ei­ne be­son­de­re Glaub­wür­dig­keit und recht­po­li­ti­sche An­schluss­fä­hig­keit. Die Of­fen­heit, mit der Be­hör­den und Pri­va­te dem Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut be­geg­net sind, er­wies sich in Ver­bin­dung mit dem die In­ter­views prä­gen­den grund­la­ge­n­ori­en­tier­ten Er­kennt­ni­s­in­ter­es­se nicht nur für die For­schung als äu­ßerst nütz­lich, son­dern zu­meist auch für die be­tei­lig­ten Prak­ti­ker. Das Pro­jekt ist da­mit ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel für einen en­gen Wis­sen­strans­fer zwi­schen Wis­sen­schaft und Pra­xis und zeigt, wie an­er­kannt die Grund­la­gen­for­schung un­ter Prak­ti­kern ist.

Über das Geld­wä­sche­recht hin­aus­grei­fend treibt das Pro­jekt auch die Ent­wick­lung ei­nes pa­n­eu­ro­päi­schen kri­mi­nal­po­li­ti­schen Dis­kur­ses vor­an. Ein sol­cher Dis­kurs ist an­ge­sichts der ra­schen Wei­ter­ent­wick­lung und Aus­wei­tung des eu­ro­päi­schen Straf- und Si­cher­heits­rechts heu­te drin­gend ge­bo­ten, fehlt aber bis­her weit­ge­hend. In­dem sich die Stu­die glei­cher­ma­ßen auf meh­re­re eu­ro­päi­sche Rechts­ord­nun­gen (und nicht et­wa nur Deutsch­land) be­zieht und auf ei­nem en­gen mehr­jäh­ri­gen Aus­tausch zwi­schen den be­tei­lig­ten Lan­des­be­richt­er­stat­tern be­ruht, leis­tet das Max-Planck-In­sti­tut auch in­so­fern Pio­nier­ar­beit und steht bei­spiel­haft für zu­künf­ti­ge straf- und si­cher­heits­recht­li­che For­schung zum Nut­zen ei­ner ra­tio­na­len und den Grund­rech­ten ver­pflich­te­ten eu­ro­päi­schen Kri­mi­nal­po­li­tik.

Wei­ter­füh­ren­de Li­te­ra­tur:

  • Kai Buss­mann, Geld­wä­sche­prä­ven­ti­on im Markt: Funk­tio­nen, Chan­cen und De­fi­zi­te, Sprin­ger 2018.
  • EU­RO­POL, From su­spi­ci­on to ac­ti­on – Con­ver­ting fi­nan­ci­al in­tel­li­gence in­to grea­ter ope­ra­tio­nal im­pact, 2017.
  • Fi­nan­ci­al Ac­ti­on Task For­ce, Mu­tu­al Eva­lua­ti­on of Ger­ma­ny, 3. Fol­low-Up Re­port, FATF/OECD 2014.
  • Co­lin King/Cli­ve Wal­ker/Jim­my Gu­rulé (Hrsg.), The Pal­gra­ve Hand­book of cri­mi­nal and Ter­ro­rism Fi­nan­cing Law, Band 1
  • und 2, Pal­gra­ve 2018.
  • Stu­art P. M. Mackin­to­sh, The Re­de­sign of the Glo­bal Fi­nan­ci­al Ar­chi­tec­ture: The Re­turn of State Au­t­ho­ri­ty, Rout­led­ge 2016.
  • Ga­bri­el Zuc­man, The Hid­den We­alth of Na­ti­ons: The Scour­ge of Tax Ha­vens, Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 2015.