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Projekt 'Schutzlücken durch Wegfall der Vorratsdatenspeicherung?' bearbeiten

Das Projekt ist als Nachfolgestudie zu der Erstuntersuchung des MPI zur Abfrage von Telekommunikationsverkehrsdaten (2005-2007) angelegt. Es knüpft an die Entscheidungen des BVerfG an, mit denen die Anwendung des § 100g StPO vorübergehend eingeschränkt und in der Hauptsacheentscheidung vom 2.3.2010 der Zugriff dann auf solche Verkehrsdaten beschränkt wurde, die auf der Grundlage von § 96 TKG gespeichert werden. Diese Vorschrift geht auf die Zeit vor Einführung der Vorratsdatenspeicherung zurück und ist weiterhin anwendbar geblieben. Im Auftrag des Bundesamtes für Justiz wurde untersucht, ob durch den Wegfall der Vorratsdatenspeicherung (§§ 113a und b TKG) Schutzlücken für Strafverfolgung und Gefahrenabwehr entstanden sind.

Die Un­ter­su­chung ba­siert auf sechs un­ter­schied­li­chen Zu­gän­gen. (1.) Ei­ne ers­te Da­ten­ba­sis bil­den zu­nächst die An­wen­dungs­zah­len bei der Ver­kehrs­da­ten­ab­fra­ge seit Er­lass der ers­ten einst­wei­li­gen An­ord­nung durch das BVerfG am 11.3.2008. Die­se Da­ten wur­den amt­lich im We­ge meh­re­re Son­de­rer­he­bun­gen durch das Bun­des­amt für Jus­tiz er­ho­ben und bil­den die Häu­fig­keit ab, mit der die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den Ver­kehrs­da­ten ab­fra­gen. (2) Die­se Da­ten wer­den so­dann ei­ner ver­glei­chen­den Ana­ly­se mit dem Da­ten­be­stand, der im Rah­men der MPI-Erst­stu­die zur Ver­kehrs­da­ten­ab­fra­ge ge­won­nen wur­de, un­ter­zo­gen. Die­ser Da­ten­be­stand ba­siert im We­sent­li­chen auf Fall­da­ten aus jus­ti­zi­el­len Ver­fah­rens­ak­ten so­wie An­ga­ben ei­ni­ger Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men. (3.) Ei­ne Un­ter­su­chung von Auf­klä­rungs­quo­ten bei wich­ti­gen De­likts­ar­ten un­ter­sucht mög­li­che Ver­än­de­run­gen über einen län­ge­ren Zeit­raum, der die Zeit vor und nach der Ein­füh­rung der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung so­wie den ein­ge­schränk­tem Zu­griff wäh­rend der Dau­er der einst­wei­li­gen Ver­fü­gun­gen des BVerfG um­fasst. (4.) In Er­gän­zung zu die­sen Ana­ly­sen, die durch­weg die ag­gre­gier­te Ebe­ne be­tref­fen, wur­de die An­wen­dungs­pra­xis auch aus der Ein­zel­fall­per­spek­ti­ve un­ter­sucht. In­ter­views mit 108 Er­mitt­lungs- und Po­li­zei­be­am­ten aus al­len Bun­des­län­dern und den Bun­des­be­hör­den, die ver­schie­de­ne Ebe­nen der Hier­ar­chie, un­ter­schied­li­che Zu­stän­dig­kei­ten und Pra­xis­be­rei­che in Straf­ver­fol­gung und Ge­fah­ren­ab­wehr re­prä­sen­tie­ren, so­wie 6 Ver­tre­tern von Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­tern zeich­nen ein de­tail­lier­tes Bild der täg­li­chen An­wen­dungs­pra­xis. (5.) ei­ne Li­te­ra­tur­ana­ly­se so­wie (6.) ei­ne ver­glei­chen­de Be­trach­tung der Si­tua­ti­on in aus­ge­wähl­ten aus­län­di­schen Rechts­ord­nun­gen er­gän­zen die Dar­stel­lung. Die Auf­merk­sam­keit gilt hier ins­be­son­de­re den Er­fah­run­gen in Län­dern, in de­nen die EU-Richt­li­nie bis­lang noch nicht um­ge­setzt bzw. die Trans­for­ma­ti­on noch nicht in Kraft ge­tre­ten ist oder wie­der aus­ge­setzt wur­de, so­wie in (au­ßer­eu­ro­päi­schen) Re­gio­nen, in de­nen bis­lang ei­ne Po­li­tik der Vor­ratsspei­che­rung nicht im­ple­men­tiert wor­den ist.

Auf der Grund­la­ge die­ser Ana­ly­sen sind vor­läu­fi­ge Aus­sa­gen zu der Ent­wick­lung der Ver­kehrs­da­ten­ab­fra­gen mög­lich. Da­nach ist die Si­tua­ti­on der­zeit durch große Un­ter­schie­de in der Pra­xis der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons-An­bie­ter bei der Spei­che­rung ab­rech­nungs­re­le­van­ter Da­ten ge­kenn­zeich­net. Nach dem Weg­fall der zu­vor gleich­mä­ßi­gen sechs­mo­na­ti­gen Spei­che­rung al­ler Da­ten (sog. Vor­rats­da­ten) hängt die kon­kre­te Spei­cher­dau­er jetzt un­ter an­de­rem von der Art des ge­wähl­ten Ta­ri­fes (Fla­tra­te, Pre­paid-Ta­rif oder Ein­zel­abrech­nung), von der Art der Ver­bin­dung (Fest­netz oder Mo­bil­funk, klas­si­sche Te­le­fo­nie oder In­ter­net) und wei­te­ren Um­stän­den (z.B. net­zin­ter­ne Ver­bin­dung oder Ro­aming) ab. Das er­schwert für die Si­cher­heits­be­hör­den den gleich­mä­ßi­gen Zu­griff und die Vor­her­seh­bar­keit, ob über­haupt Da­ten vor­han­den sind.

Gleich­wohl kön­nen sys­te­ma­ti­sche Schutz­lücken auf die­ser Da­ten­ba­sis nicht zwei­fels­frei iden­ti­fi­ziert wer­den. Dies er­klärt sich zum einen dar­aus, dass der Zeit­raum nach dem Weg­fall der Vor­rats­da­ten bis­lang nur un­zu­rei­chend ab­ge­bil­det wird. Zum an­de­ren ist zu be­ach­ten, dass Fäl­le, in de­nen Ver­kehrs­da­ten nütz­lich oder so­gar un­ver­zicht­bar sein könn­ten, ei­ne Ab­fra­ge je­doch un­ter­bleibt, weil die Er­mitt­ler an­ti­zi­pie­ren, dass Da­ten nicht oder nicht mehr ge­won­nen wer­den kön­nen, sta­tis­tisch nicht er­fasst wer­den. Auch die von der EU-Kom­mis­si­on vor­ge­leg­te Eva­lua­ti­on zu der Richt­li­nie 2006/24/EG er­scheint lücken­haft und man­gels ver­gleich­ba­rer Da­ten­grund­la­gen nicht aus­sa­ge­kräf­tig. Je­den­falls tra­gen die dort prä­sen­tier­ten Fak­ten die Be­haup­tung der Kom­mis­si­on, die Ver­kehrs­da­ten­ab­fra­ge sei in­te­gra­ler Be­stand­teil des Er­mitt­lungs­all­ta­ges in der EU, nicht. Die Ana­ly­se der Auf­klä­rungs­quo­ten bei un­ter­schied­li­chen De­lik­ten er­gibt, dass die Aus­wir­kun­gen je­den­falls auf der ag­gre­gier­ten Ebe­ne eher ge­ring blei­ben. Das ist in An­be­tracht der sta­tis­tisch ins­ge­samt ge­rin­gen Häu­fig­keit der Ab­fra­gen (ca. 16.000 in 2009) auch zu er­war­ten.

Dies schließt frei­lich nicht aus, dass Ver­kehrs­da­ten im Er­mitt­lungs­all­tag durch­aus ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len und in ver­schie­de­nen Fall­kon­stel­la­tio­nen einen ge­wich­ti­gen Bei­trag zur Auf­klä­rung leis­ten, mit­un­ter auch den Ein­satz ein­griff­sin­ten­si­ver­er Er­mitt­lungs­maß­nah­men er­set­zen kön­nen. Dies er­gibt sich aus den 108 In­ter­views, die die täg­li­che Ein­satz­pra­xis be­schrei­ben. Aus die­ser Per­spek­ti­ve er­ge­ben sich vor al­lem drei Be­fun­de: (1.) die Un­ter­schie­de bei den Spei­cher­fris­ten – und da­mit der Zu­gang zu re­tro­gra­den Ver­kehrs­da­ten – va­ri­ie­ren je nach An­bie­ter, Art der Ver­bin­dung und Ta­rif­mo­dell zwi­schen we­ni­gen Ta­gen und meh­re­ren Mo­na­ten. (2.) Hieraus zieht die Pra­xis re­gio­nal sehr un­ter­schied­li­che Kon­se­quen­zen: wäh­rend ei­ni­ge Dienst­stel­len bei ver­mu­te­ter Aus­sicht­lo­sig­keit auf Ab­fra­gen nun ganz ver­zich­ten, be­mü­hen sich an­de­re, die­se mög­lichst häu­fig und mög­lichst zü­gig zu stel­len, um ei­nem mög­li­chen Da­ten­ver­lust zu­vor­zu­kom­men. (3.) Mög­li­che Aus­fäl­le und dar­aus re­sul­tie­ren­de Schutz­lücken las­sen sich nicht pau­schal be­stimm­ten De­lik­ten oder De­likts­grup­pen zu­ord­nen; Pro­ble­me kön­nen sich aus der kon­kre­ten Er­mitt­lungs­si­tua­ti­on, dem Ein­satz­ziel, der Da­ten­art so­wie dem Zeita­blauf in Zu­sam­men­schau mit den o.g. Merk­ma­len er­ge­ben, et­wa wenn ein­ge­hen­de An­ru­fe, die wie bei dem sog. En­kel­trick oft ein wich­ti­ger Er­mitt­lungs­an­satz sein kön­nen, nicht mehr oder IP-Adres­sen be­zo­gen auf das In­ter­net nur noch kurz­zei­tig ge­spei­chert wer­den.

Der For­schungs­be­richt wur­de im Herbst 2011 vor­ge­legt und wird in Kür­ze in der Pu­bli­ka­ti­ons­rei­he "kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­be­rich­te aus dem Max-Planck-In­sti­tut" in deut­scher (Band K 160) so­wie in ei­ner et­was ge­kürz­ten Fas­sung in eng­li­scher Spra­che (Band K 161) auch in ge­druck­ter Form er­schei­nen.

In ei­ner wei­te­ren Un­ter­su­chung soll die bis­lang durch die sta­tis­ti­sche Nich­ter­fas­sung der Ne­ga­tiv­fäl­le ver­ur­sach­te In­for­ma­ti­ons­lücke ge­schlos­sen wer­den. Hier­zu sol­len die Art und tat­säch­li­che Zahl der Pro­blem­fäl­le im Straf­ver­fol­gungs­all­tag stich­pro­ben­wei­se er­fasst und auf Ge­samt­deutsch­land hoch­ge­rech­net wer­den. Zu die­sem Zweck wur­de ein Er­he­bungs­bo­gen ent­wi­ckelt, den die De­zer­nen­ten sämt­li­cher Staats­an­walt­schaf­ten in aus­ge­wähl­ten Bun­des­län­dern im We­ge ei­ner Selbs­t­er­he­bung bei al­len Ver­fah­renser­le­di­gun­gen, die in dem Er­he­bungs­zeit­raum an­fal­len, aus­fül­len soll­ten. Mit­ge­wirkt ha­ben die Län­der Ba­den-Würt­tem­berg, Bran­den­burg und Nie­der­sach­sen. Er­he­bungs­zeit­raum war ein Mo­nat, re­gio­nal gestaf­felt auf den Zeit­raum Sep­tem­ber/Ok­to­ber 2011. Die Er­geb­nis­se wer­den im Früh­jahr 2012 vor­lie­gen.