Infolge sicherheitspolitischer Herausforderungen wächst die Bedeutung nachrichtendienstlicher Ermittlungsmethoden in Strafverfahren. Das rechtsvergleichende Projekt untersucht, wie und in welchem Maße dadurch Rechte von Verdächtigten beschränkt werden, inwieweit und warum sich insofern unterschiedliche Prozessmodelle unterscheiden und wo dabei Grenzen eines rechtstaatlichen Verfahrens zu verorten sind.

Ge­gen­wär­ti­ge si­cher­heits­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen ins­be­son­de­re durch Ter­ro­ris­mus und or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät ha­ben die Be­deu­tung nach­rich­ten­dienst­li­cher Er­mitt­lungs­me­tho­den für die Prä­ven­ti­on von Straf­ta­ten in- und au­ßer­halb Eu­ro­pas wach­sen las­sen. Ei­ner­seits wird – ins­be­son­de­re in Ver­bin­dung mit der in die­sen Kri­mi­na­li­täts­be­rei­chen häu­fi­gen Kri­mi­na­li­sie­rung von Vor­be­rei­tungs­hand­lun­gen – in ein­schlä­gi­gen Straf­ver­fah­ren auf Be­weis­mit­tel zu­rück­ge­grif­fen, de­ren Ur­he­ber von den Be­hör­den aus Grün­den des Quel­len­schut­zes nicht of­fen­ge­legt wer­den kann. An­de­rer­seits ent­ste­hen nicht zu­letzt zur ef­fek­ti­ver­en Ge­währ­leis­tung des Quel­len­schut­zes jen­seits des Straf­ver­fah­rens ver­mehrt be­son­de­re ge­richt­li­che Ver­fah­ren, die ei­ne noch deut­lich weit­ge­hen­de­re Ver­wer­tung nach­rich­ten­dienst­li­cher Er­kennt­nis­se er­lau­ben, um ge­gen Ver­däch­tig­te frei­heits­be­schrän­ken­de Maß­nah­men zu ver­hän­gen.

An­ge­sichts die­ser Ent­wick­lun­gen geht das For­schungs­vor­ha­ben den Fra­gen nach, wie und in wel­chem Ma­ße durch den Be­deu­tungs­ge­winn nach­rich­ten­dienst­li­cher Er­mitt­lungs­tech­ni­ken in ge­richt­li­chen Ver­fah­ren Rech­te von Ver­däch­tig­ten be­schränkt wer­den, in­wie­weit und warum sich die ver­schie­de­nen Pro­zess­mo­del­le in­so­fern un­ter­schei­den und wo da­bei die Gren­zen ei­nes recht­staat­li­chen Ver­fah­rens zu ver­or­ten sind.

Die rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung ana­ly­siert die voll­stän­di­ge oder teil­wei­se Nichtof­fen­le­gung von be­las­ten­den Be­weis­mit­teln und de­ren Ver­wer­tung im Straf­pro­zess und funk­tio­nal ver­gleich­ba­ren su­pra­na­tio­na­len und na­tio­na­len Ver­fah­ren. Ne­ben acht na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen wer­den Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof der Eu­ro­päi­schen Uni­on und dem Ter­ro­ris­mus-Sank­ti­ons­aus­schuss des UN-Si­cher­heits­rats be­trach­tet. Im Fo­kus ste­hen die Grün­de, de­rent­we­gen Be­hör­den ei­ne Of­fen­le­gung der Iden­ti­tät von Zeu­gen ver­wei­gern kön­nen, die Art und Wei­se der ge­richt­li­chen Ver­wer­tung sol­cher Zeu­gen­aus­sa­gen als Be­weis­mit­tel zu­las­ten des Ver­däch­tig­ten und die pro­zes­sua­len Si­che­run­gen, wel­che im Rah­men der Be­weis­wür­di­gung die Zu­ver­läs­sig­keit des Zeu­gen prü­fen sol­len. Dar­über hin­aus geht es um die Iden­ti­fi­zie­rung der pro­zess­struk­tu­rel­len Ur­sa­chen, die ei­ne Nichtof­fen­le­gung be­las­ten­der Be­weis­mit­tel hin­dern oder be­güns­ti­gen, und – eng da­mit ver­bun­den – um Grün­de für die Schaf­fung nicht-straf­recht­li­cher Al­ter­na­tiv­ver­fah­ren.

Für den Aus­gleich zwi­schen der Not­wen­dig­keit des Schut­zes si­cher­heits­re­le­van­ter Ge­hei­mis­se, der Not­wen­dig­keit prä­ven­ti­ver Maß­nah­men und der Ge­währ­leis­tung von Ver­tei­di­gungs­rech­ten las­sen sich zwei Grund­mo­del­le aus­ma­chen Im Straf­ver­fah­ren do­mi­niert die Ver­wer­tung sog. mit­tel­ba­rer Be­weis­mit­tel (ins­be­son­de­re der Aus­sa­gen von Zeu­gen vom Hö­ren­sa­gen). Grund­sätz­lich er­laubt die­ses Mo­dell dem Be­schul­dig­ten, be­las­ten­des Be­weis­ma­te­ri­al eben­so wie das Ge­richt ein­zu­se­hen, ent­zie­hen da­für je­doch be­weis­wür­di­gungs­re­le­van­te Tat­sa­chen der Kennt­nis des Ge­richts. Dem­ge­gen­über ent­wi­ckelt sich ins­be­son­de­re im Rah­men der EU ein nicht-straf­recht­li­ches Ver­fah­rens­mo­dell, bei dem das Ge­richt Be­wei­se zu­las­ten des Be­trof­fe­nen ver­wer­ten kann, oh­ne ihm die­se of­fen­zu­le­gen. Dies er­mög­licht zwar grund­sätz­lich ei­ne ge­richt­li­che Kon­trol­le ver­deck­ter Be­weis­quel­len, ent­zieht je­doch be­las­ten­de Be­wei­se in teils sehr weit­rei­chen­den Um­fang der Kennt­nis des Be­trof­fe­nen. Im Er­geb­nis er­wei­sen sich da­mit zur Her­stel­lung ei­nes Aus­gleichs der vor­ge­nann­ten In­ter­es­sen die al­ter­na­ti­ven Ver­fah­rens­mo­del­le ge­gen­über dem Straf­ver­fah­ren rechts­staat­lich nicht als vor­zugs­wür­dig.