Die Daten der Freiburger Kohortenstudie, die nunmehr 6 Geburtskohorten aus Baden-Württemberg sowie die für diese registrierten polizeilichen und justiziell dokumentierten Straftaten erfasst, werden im Hinblick auf Inzidenz und Prävalenz von Sexualstraftaten analysiert. Dabei geht es vor allem um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Auftreten von sexueller Gewalt aus Informationen zur Legalbiographie vorhergesagt werden kann.Zur Fragestellung „gefährliche Straftäter“ kann die Freiburger Kohortenstudie, dank der von ihr erfassten Längsschnittsdaten, einzigartige Beiträge liefern. Dies gilt umso mehr, da die erfassten Daten keiner spezifischen Selektion, z.B. durch Verurteilung oder den Vollzug freiheitsentziehender Sanktionen, wie diese in den meisten Studien zur Sexualdelinquenz angetroffen werden kann, unterliegen. Die Freiburger Kohortenuntersuchung umfasst die Delinquenz im Allgemeinen, so weit sie sich jedenfalls in einer polizeilichen Registrierung niederschlägt. Inzwischen ist die Datenbasis der Studie so groß, dass auch zu solch seltenen Ereignissen wie (schwere) Sexualdelinquenz in nutzbarem Umfang Daten vorliegen und damit auf repräsentativer Basis Aussagen zu Inzidenz, Prävalenz und zum Rückfall bei Sexualstraftätern getroffen und vertiefende statistische Analysen der Daten durchgeführt werden können.

Ei­ni­ge zen­tra­le Er­geb­nis­se zur Se­xual­de­lin­quenz sind im Fol­gen­den am Bei­spiel von Ver­ge­wal­ti­gung/se­xu­el­ler Nö­ti­gung (im Fol­gen­den als Ver­ge­wal­ti­gung be­zeich­net) dar­ge­stellt.

Es zeig­te sich, dass die al­ters­ab­hän­gi­ge Häu­fig­keit des Auf­tre­tens von Ver­ge­wal­ti­gung nach ei­nem An­stieg zu Be­ginn der Pu­ber­tät mit dem Al­ter kaum mehr va­ri­iert, zu­min­dest bis zu ei­nem Al­ter von 30 Jah­ren (s. die in der Ab­bil­dung dar­ge­stell­ten Präva­len­zen). Dies ist ein auf­fäl­li­ger Be­fund, da im All­ge­mei­nen die re­gis­trier­te Häu­fig­keit de­lin­quen­ten Ver­hal­tens nach ei­nem Ma­xi­mum im Ju­gend­al­ter mit wei­ter zu­neh­men­dem Al­ter wie­der deut­lich zu­rück geht. Zu be­ach­ten ist da­bei al­ler­dings, dass es sich um ei­ne Be­trach­tung im Längs­schnitt han­delt, bei der gleich­zei­tig mit dem fort­schrei­ten­den in­di­vi­du­el­len Al­ter ein ge­sell­schaft­li­cher Wan­del ein­her­ge­hen kann. Tat­säch­lich scheint der im Fall der Ver­ge­wal­ti­gung na­he­zu kon­stan­te Al­ters­ver­lauf durch ei­ne zu­neh­men­de An­zei­ge­be­reit­schaft, vor al­lem bei De­lik­ten aus dem so­zia­len Nah­feld, mit ver­ur­sacht zu sein. Ins­be­son­de­re in den 1990er Jah­ren ist näm­lich ei­ne Zu­nah­me der Re­gis­trie­rung von se­xu­el­len Ge­walt­de­lik­ten zu ver­zeich­nen, die sich fast aus­schließ­lich auf ei­ne Zu­nah­me von De­lik­ten zu­rück­füh­ren lässt, die dem Be­reich "Häus­li­cher oder fa­mi­li­ärer Ge­walt" zu­ge­ord­net wer­den kön­nen. So­mit las­sen die vor­lie­gen­den Da­ten zur Ver­ge­wal­ti­gung sich da­hin­ge­hend in­ter­pre­tie­ren, dass ei­ne wahr­schein­li­che al­ters­be­ding­te Ab­nah­me von Ta­ten durch ei­ne zu­neh­mend grö­ße­re Be­reit­schaft kom­pen­siert wird, Vor­komm­nis­se ge­ra­de auch aus dem so­zia­len Nah­feld an­zu­zei­gen.

Ab­bil­dung: Jähr­li­che po­li­zei­li­che Präva­lenz­ra­ten und ku­mu­lier­te Ra­ten der deut­schen Män­ner, Ver­ge­wal­ti­gung/ se­xu­el­le Nö­ti­gung (Ba­den-Würt­tem­berg).

Ein großer Vor­teil der Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die ist, dass die Per­so­nen prin­zi­pi­ell von frühs­tem Al­ter an über den gan­zen Le­bens­lauf er­fasst wer­den. So­mit ist es mög­lich auch be­züg­lich se­xu­el­ler Ge­walt­de­lik­te zwi­schen Erst- und wei­te­ren Re­gis­trie­run­gen zu un­ter­schei­den. Nun zeigt sich bei Ver­ge­wal­ti­gun­gen, dass es sich bei fast al­len Re­gis­trie­run­gen um Er­st­re­gis­trie­run­gen han­delt (über 80 % s. die in der Ab­bil­dung dar­ge­stell­te Ra­te der Er­st­re­gis­trie­run­gen). Dies im­pli­ziert zum einen, dass die meis­ten we­gen ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung er­fass­ten Per­so­nen kei­ne ein­schlä­gi­ge le­gal­bio­gra­phi­sche Vor­ge­schich­te ha­ben, und zum an­de­ren, dass die Wahr­schein­lich­keit ei­nes Rück­falls nicht sehr hoch ist. So er­ge­ben sich aus den Da­ten der Frei­bur­ger Ko­hor­ten­stu­die Rück­fall­ra­ten, die in ei­nem Zeit­raum von 10 Jah­ren un­ter 20% lie­gen.
Über den Le­bens­lauf be­trach­tet, er­gibt sich, dass bis zu ei­nem Al­ter von 30 Jah­ren ca. 0,4 % der deut­schen Män­ner we­gen ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung re­gis­triert wur­den (s. die in der Ab­bil­dung dar­ge­stell­ten ku­mu­lier­ten Ra­ten), wo­bei die Grö­ße die­ser Grup­pe gleich­mä­ßig mit dem Al­ter zu­nimmt. Dies ent­spricht der oben an­ge­spro­che­nen Kon­stanz der (Erst-) Re­gis­trie­rungs­ra­ten mit dem Al­ter und un­ter­schei­det sich da­mit von dem für (er­fass­te) De­lin­quenz im All­ge­mei­nen ty­pi­schen Al­ters­ver­lauf, der durch ge­häuf­te Re­gis­trie­run­gen im Ju­gend­al­ter cha­rak­te­ri­siert wird (vgl. hier­zu die al­ters­ab­hän­gi­ge Ent­wick­lung der ku­mu­lier­ten Ra­ten für un­spe­zi­fi­sche De­lin­quenz in der Ab­bil­dung ('al­le' De­lik­te)).

Soll­te durch das eben Aus­ge­führ­te der Ein­druck ent­stan­den sein, dass es sich bei ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung meist um ein sin­gu­lä­res Er­eig­nis han­delt, so mag dies zwar im ein­schlä­gi­gen Sin­ne zu­tref­fen, aber nicht be­züg­lich de­lin­quen­ten Ver­hal­tens im All­ge­mei­nen. Meist ver­zeich­net die Le­gal­bio­gra­phie von se­xu­el­len Ge­walt­tä­tern vor oder nach der Re­gis­trie­rung we­gen ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung wei­te­re De­lik­te. So kön­nen von den deut­schen Män­nern, die bis zu ei­nem Al­ter von ein­schließ­lich 27 Jah­ren we­gen ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung re­gis­triert wur­den, ca. 16 % der Grup­pe der chro­nisch De­lin­quen­ten zu­ge­ord­net wer­den. Wei­te­re 14 % wei­sen al­ler­dings ne­ben der Re­gis­trie­rung we­gen ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung kei­ne an­de­re po­li­zei­li­che Re­gis­trie­rung auf. Die Mehr­heit der Re­gis­trier­ten (70 %) ist zwi­schen die­sen Ex­tre­men ein­zu­ord­nen.

Wei­ter konn­te ge­zeigt wer­den, dass sich die von Po­li­zei und Jus­tiz er­fass­ten le­gal­bio­gra­phi­schen Da­ten, zu­min­dest so­weit sie sich in den ent­spre­chen­den Da­ten­ban­ken nie­der­schla­gen, kei­ne sinn­vol­le Pro­gno­se von Ver­ge­wal­ti­gun­gen er­mög­li­chen. Dies gilt auch dann, wenn die le­gal­bio­gra­phi­sche Vor­ge­schich­te de­likt­ss­pe­zi­fisch dif­fe­ren­ziert be­trach­tet wird und ins­be­son­de­re ein­schlä­gi­ge De­lik­te wie auch an­de­re Ge­walt­de­lik­te ne­ben an­de­ren De­lik­ten in ei­nem mul­ti­va­ria­ten Mo­dell auf­ge­nom­men wer­den.