In dem methodisch auf einen funktionalen Rechts- und Maßnahmenvergleich sowie auf qualitative Experteninterviews gestützten Forschungsprojekt wird untersucht, ob, wie und warum es in Deutschland zu Strafverfahren gegen fallbetreuende Sozialarbeiter bei Versäumnissen in fehlgeschlagenen und tödlich endenden Kinderschutzfällen gekommen ist und in England nicht. Ferner wird beantwortet, ob der eher strafrechtlich ausgerichtete Problemzugang in Deutschland die intendierten Funktionen erfüllt.

Seit Mit­te der 1990er Jah­re sind in Deutsch­land öf­fent­lich­keits­wirk­sa­me töd­lich ver­lau­fen­de Kin­der­schutz­fäl­le in Straf­ver­fah­ren ge­gen fall­be­treu­en­de So­zi­al­ar­bei­ter auf­ge­ar­bei­tet wor­den. Die­sen So­zi­al­ar­bei­tern ist vor­ge­wor­fen wor­den, den Tod der Kin­der durch Ver­säum­nis­se ver­ur­sacht zu ha­ben. Zu­letzt hat bei­spiels­wei­se im Frei­bur­ger Raum der Fall des von sei­nem Stief­va­ter töd­lich miss­han­del­ten „Ales­sio“ zu ei­nem Straf­be­fehl ge­gen den fall­zu­stän­di­gen So­zi­al­ar­bei­ter im Ju­gend­amt ge­führt. Die auf ei­ne fahr­läs­si­ge Un­ter­las­sungs­straf­bar­keit der be­schul­dig­ten So­zi­al­ar­bei­ter ge­stütz­ten Straf­ver­fah­ren ha­ben das deut­sche Kin­der­schutz­sys­tem stark auf ge­setz­li­cher und fach­li­cher Ebe­ne be­ein­flusst und das straf­recht­li­che wie ge­sell­schaft­li­che Ur­sa­chen- und Ver­ant­wor­tungs­ver­ständ­nis in die­sem Kon­text er­wei­tert.

In Eng­land/Wa­les ist es da­ge­gen bis heu­te zu kei­ner straf­recht­li­chen Auf­ar­bei­tung ei­ner Schuld der be­tei­lig­ten Kin­der­schutz­fach­kräf­te ge­kom­men, ob­wohl oder ge­ra­de weil töd­lich ver­lau­fen­de Kin­der­schutz­fäl­le me­di­al und po­li­tisch ei­ne im Ver­gleich zu Deutsch­land noch grö­ße­re Re­so­nanz er­zeugt ha­ben. So hat bei­spiels­wei­se der Lon­do­ner Fall „Ba­by P“ im Jah­re 2007/2008 zu ei­ner jah­re­lan­gen me­dia­len und po­li­ti­schen Treib­jagd auf die be­trof­fe­nen und noch im­mer nicht re­ha­bi­li­tier­ten Kin­der­schutz­fach­kräf­te ge­führt.

Das me­tho­disch auf einen funk­tio­na­len Rechts- und Maß­nah­men­ver­gleich so­wie auf qua­li­ta­ti­ve In­ter­views mit eng­li­schen Rechts- und Kin­der­schutz­ex­per­ten ge­stütz­te For­schungs­pro­jekt un­ter­sucht, ob, wie, mit wel­cher Be­grün­dung und warum es zu ei­nem oder eben kei­nem straf­recht­li­chen Um­gang bzw. ei­ner ver­stärk­ten so­zia­len Kon­trol­le von Ver­säum­nis­sen in fehl­ge­schla­ge­nen Kin­der­schutz­fäl­len in Deutsch­land und Eng­land ge­kom­men ist. Da­bei wird auf struk­tu­rel­le und funk­tio­na­le Er­klä­rungs­an­sät­ze Be­zug ge­nom­men, die bei­spiels­wei­se das Un­ter­las­sungs- und Fahr­läs­sig­keits­ver­ständ­nis und die straf­pro­zes­sua­len Struk­tu­ren bei­der Län­der, den deut­schen Man­gel an an­der­wei­ti­gen Auf­ar­bei­tungs­in­stru­men­ten und ver­wal­tungs­in­ter­nen Dis­zi­pli­nie­rungs­maß­nah­men so­wie das Ver­ständ­nis von den Straf­zwe­cken um­fas­sen.

Es wur­de fest­ge­stellt, dass die deut­sche Straf­jus­tiz mit den Straf­ver­fah­ren zum Schutz von Kin­dern rechts­po­li­ti­sche Kom­pe­tenz im Be­reich des Kin­der­schut­zes an sich ge­zo­gen hat, in­dem sie der Pro­fes­si­on der So­zi­al­ar­beit über die straf­recht­li­che Droh­wir­kung „straf-recht­li­che Schutz­stan­dards“ auf­ge­ge­ben hat, was wie­der­um von Rechts­wis­sen­schaft­lern, Rechts­po­li­tik, aber auch der Pro­fes­si­on selbst ak­zep­tiert oder so­gar be­grüßt wor­den ist.

Schließ­lich wird im Pro­jekt die Fra­ge be­ant­wor­tet, ob Straf­ver­fah­ren ge­gen staat­lich be­stell­te Kin­der­schutz­per­so­nen die in­ten­dier­ten Funk­tio­nen er­fül­len und wel­che Lö­sungs­mög­lich­kei­ten sich an­bie­ten. Da­bei kam das For­schungs­pro­jekt zu dem Er­geb­nis, dass Straf­ver­fah­ren ei­ne öf­fent­li­che und struk­tu­rier­te Auf­ar­bei­tung von Kin­der­schutz­fäl­len über­haupt er­mög­licht und vor­an­ge­trie­ben ha­ben, die straf­recht­li­che Ur­sa­chen­auf­klä­rung aber un­ter ei­ner Ver­en­gung der Ver­ant­wor­tungs­fra­ge lei­det. An­ge­sichts von angst­be­ding­ten Ver­mei­dungs­ver­hal­tens­wei­sen der Fach­kräf­te be­hin­dert dies ein Ler­nen aus Feh­lern und führt zu ei­nem un­aus­ge­wo­ge­nen Kin­der­schutz­an­satz mit stark ver­mehr­ten In­ob­hut­nah­men und de­fen­si­ver Pra­xis. Auch aus Schuld­ge­sichts­punk­ten ist die Zu­schrei­bung der Ver­ur­sa­chung ei­ner töd­li­chen Miss­hand­lung an ei­ne Kin­der­schutz­fach­kraft an­ge­sichts der Viel­zahl an Fak­to­ren und Be­tei­lig­ten in Kin­der­schutz­ver­läu­fen so­wie der Schwie­rig­keit ei­ner Vor­her­sa­ge schwe­rer Ge­walt an Kin­dern häu­fig zwei­fel­haft. Al­ler­dings bie­tet die straf­recht­li­che Auf­ar­bei­tung der Fäl­le rechts­staat­li­che Ga­ran­ti­en für die be­trof­fe­nen So­zi­al­ar­bei­ter, die sich die eng­li­schen Kol­le­gen an­ge­sichts ih­rer ex­tre­men po­li­ti­schen und me­dia­len An­fein­dun­gen wün­schen wür­den.