Das Projekt erforscht Funktion und Grenzen des Strafrechts bei der Ablösung vordemokratischer politischer Systeme und der Verarbeitung von Systemunrecht des alten Sytems in Transitions- bzw. Transformationsgesellschaften. Im Ergebnis lässt sich kein "Königsweg" des strafrechtlichen Umgangs mit der Vergangenheit nach politischen Systemwechseln erkennen. Der einzelne Weg des Transitionsstrafrechts hängt von der länderspezifischen Vergangenheitspolitik in ihrem konkreten historischen Kontext ab.

Das 20. Jahr­hun­dert war ei­ne Epo­che von po­li­ti­schen Sys­te­mum­brü­chen, von Tran­si­tio­nen und Trans­for­ma­tio­nen, der Ab­lö­sung vor­de­mo­kra­ti­scher Sys­te­me durch die Her­aus­bil­dung von Zi­vil­ge­sell­schaf­ten. Die­se Ent­wick­lung setzt sich auch im neu­en Jahr­tau­send fort. Recht und Jus­tiz in den Tran­si­ti­ons bzw. Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaf­ten ste­hen da­bei vor der Auf­ga­be, ih­ren Stel­len­wert beim Um­gang mit frü­he­rem sys­tem­ty­pi­schem Un­recht zu be­stim­men (Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce). Auf Un­recht­staten des ab­ge­lös­ten oder un­ter­ge­gan­ge­nen Sys­tems kann ein­mal in Form des Straf­rechts rea­giert wer­den. An­de­re Re­ak­ti­ons­for­men sind Ent­schä­di­gung, Re­ha­bi­li­tie­rung und der Ein­satz von Wahr­heits­kom­mis­sio­nen. Dem Ver­gleich die­ser un­ter­schied­li­chen Re­ak­ti­ons­for­men wid­met sich das Pro­jekt eben­so wie der Fra­ge, ob und wel­che Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen den je­wei­li­gen po­li­ti­schen Tran­si­tio­nen und den ein­ge­schla­ge­nen na­tio­na­len We­gen der Re­ak­ti­on auf das Un­recht des ab­ge­lös­ten po­li­ti­schen Sys­tems be­ste­hen. Da­bei han­delt es sich um ei­ne glo­ba­le Pro­ble­ma­tik.

Ziel des Pro­jekts ist die Klä­rung der Rol­le des Straf­rechts bei dem Um­gang mit schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen nach dem Wech­sel po­li­ti­scher Sys­te­me. Vor die­sem Hin­ter­grund will das Pro­jekt Funk­ti­on und Gren­zen des Straf­rechts bei der Ab­lö­sung po­li­ti­scher Sys­te­me und der Ver­ar­bei­tung von Sys­te­mun­recht (Tran­si­ti­onss­traf­recht), ein­schließ­lich der da­bei in den ver­schie­de­nen Län­dern be­schrit­te­nen We­ge, un­ter­su­chen.

Die For­schungs­me­tho­de ist dem je­wei­li­gen Ver­lauf der Tran­si­ti­ons­pro­zes­se und den Re­ak­tio­nen auf sys­tem­ty­pi­sches Un­recht an­ge­passt. Dies er­for­dert Längs­schnitt­stu­di­en, die durch ein­zel­ne Lan­des­be­rich­te aus über 20 Län­dern un­ter­schied­li­cher po­li­tisch­geo­gra­phi­scher Re­gio­nen er­stellt wer­den.

Als Er­geb­nis des Pro­jekts lässt sich fest­stel­len, dass der ju­ris­ti­sche Um­gang mit der Ver­gan­gen­heit in Tran­si­tio­nen in ho­hem Ma­ße von der „Ver­gan­gen­heits­po­li­tik“ im je­wei­li­gen Land ab­hän­gig ist. Die­se wird ih­rer­seits be­ein­flusst durch ei­ne Viel­zahl von Zie­len und Fak­to­ren – wie u.a. po­li­ti­scher, his­to­ri­scher, per­so­nel­ler und öko­no­mi­scher Art –, die je­des Land als kon­kre­ten Ein­zel­fall aus­wei­sen. Es ist aber nicht im­mer ein­deu­tig zu er­ken­nen, wel­chen spe­zi­fi­schen Ein­fluss die po­li­ti­schen Zie­le und sons­ti­gen Fak­to­ren auf den kon­kre­ten Weg des straf­recht­li­chen Um­gangs mit der Ver­gan­gen­heit aus­üben. Hin­ge­gen lässt sich die Aus­sa­ge tref­fen, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit nicht in ers­ter Li­nie als ei­ne Auf­ga­be der Straf­ver­fol­gung an­ge­se­hen wird. Im Vor­der­grund ste­hen je­ne Re­ak­tio­nen der Po­li­tik, die Leh­ren aus der Ver­gan­gen­heit so­wohl durch ei­ne neue de­mo­kra­ti­sche Ge­setz­ge­bung im Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess zie­hen als auch fer­ner durch op­fer­be­zo­ge­ne Re­ak­tio­nen wie Ent­schä­di­gung und Re­ha­bi­li­tie­run­gen so­wie durch in­sti­tu­ti­ons­be­zo­ge­ne Re­ak­tio­nen wie die Schaf­fung be­stimm­ter Auf­klä­rungs­be­hör­den.

In den meis­ten der un­ter­such­ten Län­der wird auf Straf­ver­fol­gung zwar nicht gänz­lich ver­zich­tet, je­doch wird die­se nur sehr ein­ge­schränkt – in den je­wei­li­gen Län­dern quan­ti­ta­tiv sehr un­ter­schied­lich – prak­ti­ziert. Die Ein­schrän­kun­gen wer­den ei­ner­seits in tat­säch­li­cher Hin­sicht nach Per­so­nen, Tat­be­stän­den und Zeiträu­men vor­ge­nom­men, an­de­rer­seits er­fol­gen sie durch ge­ziel­te Maß­nah­men der Straf­frei­stel­lung wie Amnes­ti­en, Be­gna­di­gun­gen und die An­wen­dung von Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten. Maß­nah­men der Straf­frei­stel­lung füh­ren in ei­ni­gen Län­dern zu ei­ner um­fas­sen­den Straf­lo­sig­keit.

Vor die­sem Hin­ter­grund lässt sich kein „Kö­nigs­weg“ des straf­recht­li­chen Um­gangs mit der Ver­gan­gen­heit nach po­li­ti­schen Sys­tem­wech­seln er­ken­nen. Wel­cher Weg im Ein­zel­nen be­schrit­ten
wird, be­stimmt die „Ver­gan­gen­heits­po­li­tik“ des je­wei­li­gen Lan­des in ih­rem kon­kre­ten his­to­ri­schen Kon­text wäh­rend der Tran­si­ti­on.

Fi­nan­zie­rung

Fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wur­de das Pro­jekt durch be­trächt­li­che Ei­gen­mit­tel des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht. Hin­sicht­lich der ost­eu­ro­päi­schen Län­der er­folg­te ei­ne groß­zü­gi­ge Hil­fe durch die Volks­wa­gen-Stif­tung. Un­ter­stützt wur­de die An­fer­ti­gung der üb­ri­gen Lan­des­be­rich­te auch durch Be­reit­stel­lung von Mit­teln des Stif­ter­ver­ban­des der deut­schen Wis­sen­schaft. Die Ta­gung des Max-Planck-In­sti­tuts mit der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Ber­lin-Bran­den­burg wur­de durch die Fritz-Thys­sen-Stif­tung so­wie durch die Fried­rich-Na­u­mann-Stif­tung ge­för­dert.

Lan­des­be­richt­er­stat­ter/-in­nen und Mit­ar­bei­ter/in­nen

Ar­gen­ti­ni­en: Prof. Dr. Mar­cel Fer­ran­te, Prof. Dr. Mar­ce­lo A. Sanci­net­ti; Bra­si­li­en: Bra­si­lia­ni­sches In­sti­tut für Kri­mi­nal­wis­sen­schaf­ten un­ter Ko­or­di­na­ti­on von Prof. Dr. Ana Lu­cia Sabadell und Ol­ga Es­pi­no­za; Bul­ga­ri­en: Prof. Dr. Ni­ko­la Fil­chev, Prof. Dr. La­zar Gruev; Chi­le: Sal­va­dor Mil­la­leo Hernán­dez; Chi­na: Dr. Tho­mas Rich­ter; Deutsch­land: Dr. Hel­mut Krei­cker, Dr. Mar­tin Lud­wig, Kai Ros­sig, Ant­je Rost, Dr. Ste­fan Zim­mer­mann; Est­land: Prof. Dr. Jü­ri Saar, Prof. Dr. Jaan Soo­tak, No­ra Kars­ten; Ge­or­gi­en: Prof. Dr. Otar Gam­kre­lid­ze, Dr. Sieg­fried Lam­mich, No­ra Kars­ten; Gha­na: Dr. No­vi­si G. Vu­kor-Quars­hie; Grie­chen­land: Dr. Sté­pha­nos Emm. Ka­re­klás, Dr. Cha­ris Pa­pa­cha­ral­am­bous; Gua­te­ma­la: Jan-Mi­cha­el Si­mon; Ko­rea: Prof. Dr. By­ung-Sun Cho, Ca­ro­lin Holzapfl, Dr. Tho­mas Rich­ter; Li­tau­en: Prof. Vy­tau­tas Pies­lia­kas, Dr. Sieg­fried Lam­mich, No­ra Kars­ten; Ma­li: Dr. Ku­me­lio Kof­fi Af­fanđe; Po­len: Dr. Ewa Wei­gend, Prof. Dr. An­drzej Zoll; Por­tu­gal: Prof. Dr. Pe­ter Hü­ner­feld; Spa­ni­en: Prof. Dr. Car­los Pérez del Val­le, Prof. Dr. Mi­guel Ayu­so Tor­res; Süd­afri­ka: Dr. Cli­via von De­witz; Tsche­chi­en: Dr. Lumír Cr­ha, Prof. Dr. Jiři Pipek; Un­garn: Dr. Ju­dith Ud­va­ros; Uru­guay: Prof. Dr. Gon­za­lo D. Fer­n­an­déz; Russ­land: Dr. Lud­mi­la Obi­di­na, No­ra Kars­ten; Weiß­russ­land: Prof. Dr. Vla­di­mir Kho­mitch, Dr. Sieg­fried Lam­mich, No­ra Kars­ten.