Auf systematische Massengewalt wird mit unterschiedlichen rechtsförmigen Verfahren reagiert, seien sie staatlicher, nicht-staatlicher oder gemischt staatlicher-nicht-staatlicher Natur. Die Forschungsarbeit untersucht daher die Verfahren des UN-Ruanda Strafgerichtshofs, der ruandischen Strafgerichtsbarkeiten und der neo-traditionellen Gacaca Gerichtsbarkeiten im Umgang mit der ruandischen Massengewalt und klärt die Frage nach einem pluralistischen Ansatz zur Verfolgung von Völkerstraftaten.

Auf sys­te­ma­ti­sche Mas­sen­ge­walt wird mit un­ter­schied­li­chen rechts­för­mi­gen Ver­fah­ren rea­giert, sei­en sie staat­li­cher, nicht-staat­li­cher oder ge­mischt staat­lich/nicht-staat­li­cher Na­tur. Die­se  Ver­fah­ren fin­den in ge­sell­schaft­li­chen Wand­lungs­pro­zes­sen statt, wes­halb sie oft auch un­ter dem Sam­mel­be­griff "Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce" er­fasst wer­den. So auch im Fal­le des ru­an­di­schen  Völ­ker­mords, wel­cher vor­nehm­lich durch drei un­ter­schied­li­che Rechts­sys­te­me ver­folgt wird: das in­ter­na­tio­na­le, das na­tio­na­le und das (neo-)tra­di­tio­nel­le recht­li­che Sank­ti­ons­sys­tem.

Trotz ei­ner in­ter­na­tio­nal ein­ge­hen­den Be­fas­sung der Rechts­wis­sen­schaft mit den Re­ak­tio­nen des Straf­rechts auf den ru­an­di­schen Völ­ker­mord sind die For­schungs­de­si­de­ra­te zur Kom­bi­na­ti­on ein­zel­ner Ver­fah­rens­ty­pen un­ter­schied­li­cher Sys­te­me staat­li­cher, nicht-staat­li­cher und in­ter­na­tio­na­ler Na­tur zur Auf­ar­bei­tung von Mas­sen­ge­walt bis­her groß. Die­se For­schungs­lücke soll am Bei­spiel des ru­an­di­schen Völ­ker­mords mit dem Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt "Straf­recht und Ga­ca­ca" ge­schlos­sen wer­den, in dem der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem In­ter­na­tio­nal Cri­mi­nal Tri­bu­nal for Rwan­da, der na­tio­na­len ru­an­di­schen Straf­ge­richts­bar­keit und der Ga­ca­ca Ge­richts­bar­kei­ten im Um­gang mit der ru­an­di­schen Mas­sen­ge­walt un­ter­sucht wird.

Ziel der Dis­ser­ta­ti­on ist es, die Ver­fah­ren und Sank­tio­nen die­ser drei Rechts­sys­te­me ver­glei­chend zu er­for­schen, um ih­re re­la­ti­ve Funk­ti­on im Ver­hält­nis zum je­weils an­de­ren Ver­fah­ren zu ver­ste­hen. Recht­stat­säch­lich ist es da­für not­wen­dig, die rechts­po­li­ti­schen Ziel­set­zun­gen der ein­zel­nen Ver­fah­ren an ih­rer Um­set­zung zu über­prü­fen und Ziel­kon­flik­te aus­fin­dig zu ma­chen. Me­tho­disch setzt die For­schungs­ar­beit da­bei auf einen  plu­ra­lis­ti­schen An­satz, der über die bis­lang an west­li­chen Straf­rechts­maß­stä­ben ori­en­tier­te Dis­kus­si­on zur rechts­för­mi­gen Re­ak­ti­on auf Mas­sen­ge­walt hin­aus­geht. Die For­schungs­ar­beit wird Auf­schluss dar­über ge­ben, ob und wie ein plu­ra­lis­ti­scher An­satz bei der Auf­ar­bei­tung von Mas­sen­ge­walt an­ge­wandt wer­den kann. Die Ar­beit un­ter­sucht da­mit nicht nur Fra­gen des  Völ­ker­ss­traf­rechts, son­dern auch der funk­tio­na­len Gren­zen des her­kömm­li­chen Straf­rechts, da sich die drei Sys­te­me von ei­ner großen An­zahl von Tä­tern her­aus­ge­for­dert se­hen, wel­che die Ka­pa­zi­tä­ten ei­nes her­kömm­li­chen Straf­rechts­sys­tems über­for­dern. Fer­ner sind die Sys­te­me da­mit kon­fron­tiert, aus ei­nem Kol­lek­tiv der Mas­sen­ge­walt in­di­vi­du­el­le straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit ein­zel­nen Tä­tern zu­zu­ord­nen.

Um die­ser Ziel­set­zung zu ent­spre­chen, greift die Ar­beit als ana­ly­ti­sches Kon­zept auf die Plu­ra­li­tät recht­li­cher Ord­nung zu­rück, wo­bei sie me­tho­disch auf dem ge­sam­ten Me­tho­den­ka­non der Straf­rechts­ver­glei­chung ba­siert. Hier­bei wer­den vor al­lem, ne­ben ei­ner funk­tio­na­len Be­trach­tung der ein­zel­nen Re­ge­lun­gen und ih­rer prak­ti­schen Um­set­zung,  grund­le­gen­de – vor al­lem qua­li­ta­ti­ve – Aspek­te der Rechts­wirk­lich­keit mit­ein­be­zo­gen.

Die Un­ter­su­chung glie­dert sich in drei Tei­le: Ei­ne Ein­füh­rung, einen Haupt­teil und ei­ne rechts­po­li­ti­sche Schluss­fol­ge­rung. Im Haupt­teil wird auf die Ei­gen­schaft, den Gel­tungs­be­reich und die Ma­te­ria­li­sie­rung der je­wei­li­gen Rechts­sys­te­me ein­ge­gan­gen. Je­der die­ser drei Ab­schnit­te en­det mit ei­nem  straf­rechts­ver­glei­chen­den Teil. In­ner­halb des drit­ten Teils kommt es zu ei­ner rechts­po­li­ti­schen Schluss­fol­ge­rung, wel­che die Zie­le und Funk­tio­nen, die Wert­maß­stä­be und die Be­wer­tung der Mo­del­le um­fasst.

Nach den ers­ten Un­ter­su­chun­gen ist er­sicht­lich ge­wor­den, dass al­le drei Rechts­sys­te­me zwar mit den glei­chen Ziel­for­mu­lie­run­gen ar­bei­ten, je­doch ih­re An­sät­ze, Wir­kungs­wei­sen und Wir­kungs­or­te gänz­lich an­de­re sind. Die Kom­bi­na­ti­on die­ser Rechts­sys­te­me er­mög­licht je­doch ei­ne ge­naue­re und punk­tu­el­le Wir­kungs­wei­se. Es ist des­we­gen da­von aus­zu­ge­hen, dass nur durch ein plu­ra­lis­ti­sches Sys­tem der Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce den vor­ge­ge­be­nen Ziel­set­zun­gen ent­spro­chen wer­den kann.

Das Pro­jekt wird als Pro­mo­ti­ons­vor­ha­ben von Prof. Dr. Ul­rich Sie­ber an der Uni­ver­si­tät  Frei­burg be­treut.