Das Forschungsprojekt untersucht kriminologische und strafrechtliche Aspekte einvernehmlicher sexueller Handlungen zwischen erwachsenen Verwandten. Im rechtsvergleichenden Teil sind die Rechtsordnungen von 22 Ländern einbezogen, die teils in unterschiedlicher Ausgestaltung eine Inzeststrafbarkeit vorsehen, teils aber auch ohne eine solche auskommen.

Ei­ne Son­der­bei­la­ge der Wo­chen­zeit­schrift "Die Zeit" und zahl­rei­che wei­te­re Re­por­ta­gen in Zei­tun­gen, Rund­funk und Fern­se­hen be­rich­te­ten 2007 und 2008 aus­führ­lich über einen tra­gi­schen Fall von Ge­schwis­ter­lie­be: Pa­trick S. und sei­ne sie­ben Jah­re jün­ge­re, geis­tig leicht be­hin­der­te Schwes­ter Su­san K. wuch­sen seit frü­he­s­ter Ju­gend ge­trennt auf: Er kam im Al­ter von drei Jah­ren in ein Heim und dann zu ei­ner Ad­op­tiv­fa­mi­lie. Sie wur­de erst da­nach ge­bo­ren und blieb auch nach der Schei­dung der El­tern bei der Mut­ter. Bei­de lern­ten sich im Jahr 2000 ken­nen, als Su­san 16 und Pa­trick 23 Jah­re alt wa­ren. In der Fol­ge zog Pa­trick zu Mut­ter und Schwes­ter. Nach­dem die Mut­ter kurz dar­auf verstarb, ver­lieb­ten sich die wei­ter­hin zu­sam­men­le­ben­den Ge­schwis­ter und be­ka­men vier Kin­der, von de­nen zwei leicht be­hin­dert sind. Die drei äl­tes­ten Kin­der wur­den dem Paar vom Ju­gend­amt weg­ge­nom­men. Pa­trick wur­de we­gen Bei­schlafs zwi­schen Ver­wand­ten mehr­fach nach § 173 Straf­ge­setz­buch ver­ur­teilt, zu­letzt zu ei­ner Frei­heits­s­tra­fe von ins­ge­samt zwei­ein­halb Jah­ren – sei­ne frei­wil­li­ge Ste­ri­li­sa­ti­on half ihm nichts. Nach Rechts­kraft des Ur­teils griff sein Rechts­an­walt die Ver­ur­tei­lung we­gen Bei­schlafs zwi­schen Ge­schwis­tern beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an und be­an­trag­te die Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Straf­be­stim­mung über Ge­schwis­te­rin­zest (§ 173 Abs. 2 Satz 2 StGB). 

Die­ser Fall war nicht nur we­gen sei­ner mensch­li­chen Schick­sa­le und zahl­rei­cher an­de­rer Um­stän­de spek­ta­ku­lär. Er wirft vor al­lem auch bri­san­te Rechts­fra­gen auf: Wel­che Rechts­gü­ter schützt der In­zest­tat­be­stand? Re­li­gi­öse Wer­te? Mo­ral? Ta­bus? Fa­mi­lie? Volks­ge­sund­heit und/oder Ge­ne­tik? Ist der Schutz die­ser Wer­te in ei­nem sä­ku­la­ren Straf­recht le­gi­tim und kann das Straf­recht die­se Auf­ga­ben über­haupt er­fül­len? Wie sind ent­spre­chen­de Fäl­le im aus­län­di­schen Straf­recht ge­re­gelt? Wie häu­fig sind In­zest­hand­lun­gen zwi­schen Ge­schwis­tern und ist ein ent­spre­chen­der Straf­tat­be­stand über­haupt er­for­der­lich, wenn das In­zest-Ta­bu in an­de­ren Staa­ten auch oh­ne Straf­rechts­schutz gilt? All die­se Fra­gen sind des­we­gen so bri­sant, weil sie am Bei­spiel des In­zests die grund­le­gen­den Fra­gen nach den Gren­zen ei­nes ra­tio­nal be­gründ­ba­ren Straf­rechts auf­wer­fen.

Das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht ver­fügt über die Kom­pe­tenz zur Be­ant­wor­tung der­ar­ti­ger Fra­gen vor al­lem auf­grund sei­ner bei­den Schwer­punk­te auf den Ge­bie­ten der Straf­rechts­ver­glei­chung und der Kri­mi­no­lo­gie, de­ren Ver­bin­dung der In­sti­tuts­grün­der Prof. Dr. Hans-Hein­rich Je­scheck mit der Ziel­set­zung von "Straf­recht und Kri­mi­no­lo­gie un­ter ei­nem Dach" um­schrie­ben hat­te. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­auf­trag­te die bei­den In­sti­tuts­di­rek­to­ren des­we­gen mit ei­nem ge­mein­sa­men Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten. Da­bei ging es nicht um die Be­ur­tei­lung der – al­lein dem Ver­fas­sungs­ge­richt ob­lie­gen­den – Rechts­fra­ge nach der Nich­tig­keit der In­zest­straf­be­stim­mung. Auf­ga­be des Gut­ach­tens war viel­mehr die Be­ant­wor­tung ei­nes aus­führ­li­chen Fra­gen­ka­ta­logs zu den rechts­ver­glei­chen­den, kri­mi­no­lo­gi­schen, eu­ge­ni­schen und me­di­zi­ni­schen Grund­la­gen die­ser Rechts­fra­ge.

Der fol­gen­de Bei­trag stellt zu­nächst die rechts­ver­glei­chen­den und dann die kri­mi­no­lo­gi­schen Er­geb­nis­se dar, die das In­sti­tut dem Ge­richt über­mit­tel­te. Er geht dann noch kurz auf die in der Sa­che er­gan­ge­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein.

Be­ar­bei­te­rin­nen und Be­ar­bei­ter

Die fol­gen­den Per­so­nen ha­ben Lan­des­be­rich­te für den Rechts­ver­gleich er­stellt:
Aus­tra­li­enGuy Cu­mes, LL.M. | Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che
Chi­leGon­za­lo Gar­cia Pa­lo­mi­nos und Al­fon­so Fco. Pa­la­ci­os Hu­er­ta, LL.M.
Chi­naYang Zhao, LL.M.
Côte d’Ivoi­reDr. Ado­me Blai­se Kouas­si
Dä­ne­markProf. Dr. Dr. h.c. Vagn Gre­ve
Eng­land und Wa­lesDr. Su­san­ne Fors­ter, LL.M.
Frank­reichDr. Peg­gy Pfütz­ner und Dr. Claire Saas
Grie­chen­landDr. Iri­ni Ki­ria­ka­ki, LL.M.
Is­raelDr. Li­at Le­va­non | Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che
Ita­li­enDr. Kon­stan­ze Jar­vers
Ka­na­daDr. Jus­tus Bens­eler | Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che
Nie­der­lan­deProf. Dr. Die­ter Schaff­meis­ter
Po­lenDr. Ce­li­na No­wak | Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che
Ru­mä­ni­enDr. Jo­han­na Rin­cea­nu, LL.M.
Russ­landDr. Ul­ri­ke Schit­ten­helm
Schwe­denDr. Dr. h.c. mult. Ka­rin Cor­nils
SchweizProf. Dr. Mar­tin Schu­barth
Spa­ni­enDr. Te­resa Man­so Por­to, mag. iur. comp.
Tür­keiDr. Sil­via Tel­len­bach
Un­garnDr. Zsolt Szo­mo­ra
USAEmi­ly Sil­ver­man, J.D. (Ber­ke­ley Law), LL.M. | Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che