Das Forschungsprojekt untersucht die Rolle des (internationalen) Strafrechts auf dem afrikanischen Kontinent und analysiert die strafrechtlichen und quasirechtlichen Reaktionen auf neue bzw. wieder verstärkt aufkommende Formen von Makrokriminalität. Projektziel ist es, neue Modelle für den Umgang mit Massengewalt zu generieren, indem die neuesten Entwicklungen des (internationalen) Strafrechts und die Pluralität von sanktionsrechtlichen Systemen auf dem afrikanischen Kontinent einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.

In der nahen Vergangenheit kam es auf dem afrikanischen Kontinent immer wieder zu Makrokriminalität. Die Konflikte waren jeweils charakterisiert durch die vollkommen unterschiedlichen Interessen der daran beteiligten Parteien und lassen sich nicht ohne Weiteres den bestehenden Kategorien des humanitären Völkerrechts zuordnen. Vielmehr sind sie hoch dynamisch, überschreiten die Grenzen der einzelnen Staaten, und auch internationale Akteure, wie z.B. internationale Unternehmen, spielen darin eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hintergrund sind häufig der Kampf um Rohstoffe und Zonen des illegalen Markts bzw. Routen der organisierten Kriminalität.

Um die betroffenen Regionen wieder zu stabilisieren und eine soziale Ordnung zu re-etablieren, wurde auf diese Geschehnisse mit ganz unterschiedlichen (straf-)rechtlichen und quasirechtlichen Mechanismen reagiert. Mit der Errichtung des UN-International Criminal Tribunal for Rwanda, dem „afrikanischen“ Hauptfokus des Internationalen Strafgerichtshofs, und der Einsetzung eines Hybrid-Gerichts in Sierra Leone sollten Massengewalt und Makrokriminalität eingedämmt werden. In den letzten Jahren haben sich sowohl die Afrikanische Union als auch weitere regionale Organisationen mit der Etablierung von hybridisierten Sanktionsmechanismen dieser Herausforderung gestellt.

Alle diese sanktionsrechtlichen Maßnahmen nationalen, hybridisierten, regionalen oder internationalen Charakters gelangen bei der Umsetzung jedoch an ihre funktionalen Grenzen.

Ziel des Forschungsprojekts ist es daher, die Anwendbarkeit von Strafrecht auf Massengewalt in Afrika zu untersuchen. Dafür soll generell die Rolle und Anwendung von Strafrecht in afrikanischen Staaten herausgearbeitet werden, um dann die unterschiedlichen sanktionsrechtlichen Ansätze und deren Wirkungsweisen zu analysieren und daraus effektivere Modelle zur Aufarbeitung von Massengewalt zu entwickeln.

Hierfür wird sowohl auf rechtsvergleichende als auch auf kriminologische und anthropologische Methoden zurückgegriffen, um neben der Rolle und dem Grundverständnis von (Straf-)Recht auch das „law in the books“ und das „law in action“ effektiv zu erfassen. Des Weiteren werden die jeweiligen Ansätze verglichen und die Kombination unterschiedlicher Mechanismen erforscht, um potentielle pluralistische Modelle für die Zukunft zu entwickeln und die funktionalen Grenzen der Systeme zu maximieren.

Das Forschungsprojekt gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Anthropologie des afrikanischen Rechts und einer generellen Darstellung über die Nutzbarkeit von (Straf-)Rechtsvergleichung und vergleichender Kriminologie für eine effektivere Anwendung sanktionsrechtlicher Mechanismen. Im zweiten Teil geht es um das „afrikanische Strafrecht“ und seine Geschichte, Wurzeln und die rechtstatsächliche Anwendung. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Anwendung (neo-)traditioneller Konfliktbeilegungsmechanismen. Der dritte und letzte Teil setzt sich mit der Rolle des internationalen Strafrechts – im Besonderen des Völkerstrafrechts – bezüglich afrikanischer Konflikte auseinander. Die Aufmerksamkeit richtet sich darin vor allem auf den Internationalen Strafgerichtshof und die neuesten Entwicklungen auf der regionalen afrikanischen Ebene (African Union, ECOWAS etc.).