In dem Projekt werden verschiedene Rechtsordnungen des materiellen Strafrechts im Hinblick auf Übereinstimmungen und Abweichungen, unter der besonderen Berücksichtigung des spezifischen Zusammenspiels von normativer Regelung und praktischer Anwendung, erforscht. Zunächst wurden zu dem Thema des Haustyrannenmordes Fallgruppen gebildet, die daraufhin zu untersuchen waren, nach welchen Kategorien sie erfasst werden und wie sie in der Praxis das Strafverfolgungssystem durchlaufen.

In Form von Grund­la­gen­for­schung ver­sucht die Straf­rechts­ver­glei­chung neu­es Wis­sen über das aus­län­di­sche Recht so­wie Ähn­lich­kei­ten und Ab­wei­chun­gen ver­schie­de­ner Rechts­ord­nun­gen zu er­schlie­ßen. In ih­rer an­wen­dungs­ori­en­tier­ten Funk­ti­on un­ter­stützt sie de le­ge fe­ren­da die Ge­win­nung von neu­en rechts­po­li­ti­schen Lö­sun­gen und de­ren Be­wer­tung mit Hil­fe von aus­län­di­schen oder in­ter­na­tio­na­len Er­fah­run­gen.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te das Pro­jekt zum Ziel, Re­gel­mä­ßig­kei­ten (Über­ein­stim­mun­gen wie auch Ab­wei­chun­gen) her­aus­zu­fin­den, nach de­nen die zu un­ter­su­chen­den Rechts­ord­nun­gen im Be­reich des ma­te­ri­el­len Straf­rechts or­ga­ni­siert sind. Da­zu wur­de in me­tho­di­scher Hin­sicht so ver­fah­ren, dass zu ei­nem kon­kre­ten The­ma je­weils ein Satz von prak­ti­schen Fäl­len – vor­nehm­lich ori­en­tiert an der Tö­tung ei­nes „Haus­ty­ran­nen“ durch die Ehe­frau – ge­bil­det und dann für je­des Land un­ter­sucht wur­de, mit wel­chen ma­te­ri­ell­recht­li­chen Ka­te­go­ri­en die ver­schie­de­nen Fall­va­ri­an­ten er­fasst und wie sie in der Pra­xis durch das Straf­ver­fol­gungs­sys­tem trans­por­tiert wer­den. Um da­bei auch die recht­stat­säch­li­che Sei­te zu er­fas­sen, wur­den für je­des Land Ju­ris­ten aus ver­schie­de­nen Be­rufs­grup­pen (Rich­ter, Staats­an­wäl­te, Ver­tei­di­ger, Hoch­schul­leh­rer) zu der ma­te­ri­ell­recht­li­chen Lö­sung, pro­zes­sua­len Be­hand­lung und kon­kre­ten Sank­tio­nie­rung der ein­zel­nen Fäl­le be­fragt.

Das Pro­jekt wur­de im Jahr 2015 ab­ge­schlos­sen mit ei­ner um­fang­rei­chen Pu­bli­ka­ti­on von Al­bin Eser/Wal­ter Per­ron (Hrsg.), Struk­tur­ver­gleich straf­recht­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit und Sank­tio­nie­rung in Eu­ro­pa. Zu­gleich ein Bei­trag zur Theo­rie der Straf­rechts­ver­glei­chung, Dun­cker und Hum­blot, Ber­lin 2015, 1147 Sei­ten. Dar­in wer­den nach ei­ner Ein­füh­rung in die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und in die Ziel­set­zun­gen und Me­tho­de der Un­ter­su­chung die ver­schie­de­nen Lan­des­be­rich­te vor­ge­legt so­wie de­ren Er­geb­nis­se ei­ner ver­glei­chen­den Ana­ly­se un­ter­zo­gen. Ab­schlie­ßend ein­ge­rahmt in ei­ne all­ge­mei­ne­re Dar­stel­lung der Ent­wick­lung, der Zie­le und der Me­tho­den der Straf­rechts­ver­glei­chung wird da­mit zu­gleich ein Bei­trag zu de­ren grund­sätz­li­cher Theo­rie ge­lie­fert. Von den po­si­ti­ven in-und aus­län­di­schen Re­zen­sio­nen, die die­ser Struk­tur­ver­gleich be­reits ge­fun­den hat, mag vor al­lem die ja­pa­ni­sche Zu­sam­men­fas­sung und Be­spre­chung in ei­ner Se­rie von fünf Bei­trä­gen in der Rit­su­mei­kan Law Re­view (2016–2018) ge­nannt sein. Ei­ne eng­li­sche Fas­sung des ab­schlie­ßen­den Teils zur all­ge­mei­nen Theo­rie der Straf­rechts­ver­glei­chung wur­de vor­ge­legt von Al­bin Eser, Com­pa­ra­ti­ve Cri­mi­nal Law. De­ve­lop­ment – Aims – Me­thods. C.H.Beck Hart No­mos, Mün­chen/Ox­ford/Ba­den-Ba­den 2017, 206 Sei­ten.

Von den vie­len Er­kennt­nis­sen, die das Pro­jekt er­bracht hat, sei Fol­gen­des her­vor­ge­ho­ben: Ers­tens fin­den sich in ei­ni­gen Län­dern, ins­be­son­de­re Deutsch­land und Eng­land, noch ver­al­te­te Re­ge­lun­gen der Tö­tungs­de­lik­te, die in den un­ter­such­ten Fäl­len zu un­ge­rech­ten Er­geb­nis­sen füh­ren und des­halb von der Pra­xis auf viel­fäl­ti­ge Wei­se um­gan­gen wer­den, wo­bei sich je­doch der Um­gang mit als un­an­ge­mes­sen er­kann­ten ge­setz­li­chen Vor­ga­ben zwi­schen den be­trof­fe­nen Rechts­ord­nun­gen er­heb­lich un­ter­schei­det. Zwei­tens exis­tiert in vie­len Län­dern ein weit­ge­hen­der Kon­sens, wel­che Re­ak­tio­nen auf die ver­schie­de­nen Fall­va­ri­an­ten an­ge­mes­sen wä­ren und tat­säch­lich ver­hängt wür­den; in ei­ni­gen an­de­ren Län­dern scheint ein sol­cher Kon­sens da­ge­gen zu feh­len, wo­bei die Pro­gno­sen der ge­richt­li­chen Ent­schei­dung weit aus­ein­an­der ge­hen. Drit­tens stimmt die re­la­ti­ve Ein­schät­zung der Tatschwe­re der ein­zel­nen Va­ri­an­ten zu­ein­an­der in al­len Län­dern im We­sent­li­chen über­ein; die Art und Wei­se, wie die­se Er­geb­nis­se durch die An­wen­dung des je­weils gel­ten­den Rechts er­reicht wer­den (Ab­stu­fun­gen in­ner­halb der Tö­tungs­de­lik­te oder erst in der kon­kre­ten Straf­zu­mes­sung, Be­son­der­hei­ten der Straf­voll­stre­ckung etc.), un­ter­schei­det sich je­doch ganz er­heb­lich. Dies al­les zeigt, dass trotz großer Über­ein­stim­mung der Er­geb­nis­se in Eu­ro­pa sehr un­ter­schied­li­che Rechts­kul­tu­ren exis­tie­ren, die nur schwer an­ein­an­der an­ge­gli­chen wer­den kön­nen.

In je­der Ge­sell­schaft gibt es ne­ben Strei­tig­kei­ten, die durch staat­li­che Me­cha­nis­men bei­ge­legt wer­den, auch Kon­flik­te, die au­ßer­ge­richt­lich und mit nicht­staat­li­chen Me­cha­nis­men ge­löst wer­den. Nach deut­schem Recht ist die au­ßer­ge­richt­li­che Bei­le­gung von Strei­tig­kei­ten grund­sätz­lich zu­läs­sig und ge­sell­schaft­lich so­gar er­wünscht. Me­dia­ti­on als ei­ne Form der au­ßer­ge­richt­li­chen Lö­sung von Kon­flik­ten un­ter Ein­be­zie­hung al­ler am Kon­flikt be­tei­lig­ten Per­so­nen wird ins­be­son­de­re so­wohl im Be­reich des Straf­rechts beim Tä­ter-Op­fer-Aus­gleich als auch im Be­reich des Zi­vil­rechts in Fa­mi­li­en­sa­chen prak­ti­ziert und ist ge­setz­lich ge­re­gelt. Auch oh­ne spe­zi­fi­sche ge­setz­li­che Re­ge­lung ist die al­ter­na­ti­ve nicht­staat­li­che Bei­le­gung von Kon­flik­ten zu­läs­sig, so­lan­ge sie auf Frei­wil­lig­keit be­ruht und we­der ge­gen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung noch ge­gen die gu­ten Sit­ten oder die Rech­te an­de­rer ver­stößt.

Nach An­ga­ben der Deut­schen Rich­ter­aka­de­mie ist je­doch ins­be­son­de­re in den grö­ße­ren Städ­ten ei­ne Ent­wick­lung wahr­nehm­bar, wo­nach Kon­flik­te zu­neh­mend in­tern und im Ver­bor­ge­nen auf ei­ne Wei­se ge­löst wer­den, die die Grund­wer­te der Ver­fas­sung und das staat­li­che Rechts­sys­tem igno­riert und die Durch­füh­rung von Straf- oder an­de­ren Ge­richts­ver­fah­ren er­schwert. Kon­flik­te, de­ren Klä­rung nach rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen der deut­schen Jus­tiz vor­be­hal­ten sei, wür­den die­ser rechts­wid­rig ent­zo­gen und durch nicht­staat­li­che Au­to­ri­täts­per­so­nen in­ner­halb der je­wei­li­gen Ge­mein­schaft un­ter Ver­let­zung der Rech­te Ein­zel­ner bei­ge­legt. Da­zu stellt sich die Fra­ge, ob dies nur auf be­stimm­te mi­gran­tisch ge­präg­te Mi­lieus zu­trifft oder eher ei­ne struk­tu­rell-ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung ist, der auch an­de­re Be­völ­ke­rungs­grup­pen aus­ge­setzt sind.

Das Ziel des For­schungs­pro­jekts be­steht da­her dar­in, durch em­pi­ri­sche Feld­for­schung die bis­lang weit­ge­hend un­er­forsch­ten Kon­flikt­re­gu­lie­rungs­me­cha­nis­men der ver­schie­de­nen in Deutsch­land le­ben­den eth­ni­schen, kul­tu­rel­len und re­li­gi­ösen Ge­mein­schaf­ten zu un­ter­su­chen. Dar­über hin­aus soll un­ter­sucht wer­den, ob und in­wie­weit sol­che nicht-staat­li­chen Kon­flikt­re­gu­lie­rungs­me­cha­nis­men vom staat­li­chen Recht in­te­griert oder aber ab­ge­lehnt und ver­drängt wer­den soll­ten.

Me­tho­disch stellt das Ge­mein­schaftspro­jekt hier­für vor al­lem auf die Theo­rie nor­ma­ti­ver Plu­ra­li­tät und die Straf­Rechts­ver­glei­chung ab. Das For­schungs­pro­jekt un­ter­sucht – in Ko­ope­ra­ti­on mit der Ab­tei­lung Recht und Eth­no­lo­gie des Max-Planck-In­sti­tuts für eth­no­lo­gi­sche For­schung in Hal­le – so­wohl aus ei­nem ju­ris­ti­schen als auch aus ei­nem eth­no­lo­gi­schen Blick­win­kel im Rah­men von Ein­zel­pro­jek­ten un­ter­schied­li­che nicht­staat­li­che al­ter­na­ti­ve Kon­flikt­re­gu­lie­rungs­me­cha­nis­men in­ner­halb der kom­ple­xen und plu­ra­len deut­schen Ge­sell­schaft. Die Ein­zel­pro­jek­te fo­kus­sie­ren auf Kon­flikt­re­gu­lie­rungs­me­cha­nis­men in­ner­halb aus­ge­wähl­ter af­gha­ni­scher, je­si­di­scher, kur­di­scher, mhal­la­miyi­scher und rus­sisch­spra­chi­ger Ge­mein­schaf­ten in ver­schie­de­nen deut­schen Städ­ten. Da­bei wird ge­fragt, wie Mit­glie­der die­ser Ge­mein­schaf­ten mit Kon­flik­ten in­ner­halb der ei­ge­nen Ge­mein­schaft um­ge­hen, wel­che Ver­fah­ren zur Kon­flikt­re­gu­lie­rung an­ge­wandt und wel­che Au­to­ri­tä­ten ein­be­zo­gen wer­den, wel­ches Wer­te- und Rechts­ver­ständ­nis zum Aus­druck kommt und wie die an­ge­wand­ten Me­cha­nis­men der Kon­flikt­re­gu­lie­rung sich zum staat­li­chen Rechts­sys­tem in Deutsch­land ver­hal­ten und aus­wir­ken.