Beim ICC besteht, ähnlich wie in nationalen Strafrechtssystemen, ein Bedürfnis, die eigene Rechtspflege vor Behinderungen des Strafverfahrens zu schützen. Das Rom-Statut sieht daher ein Modell transnational wirksamen Strafrechts vor, um durch supranationale Straftatbestände Störungen des ICC zu begegnen. Die Arbeit stellt die Rechtstechnik dieses Strafrechts dem entsprechenden Strafrecht des ICTY, der Bundesrepublik Deutschland sowie des US-Bundesrechts gegenüber. Des Weiteren wird gezeigt, inwieweit die Strafbarkeit einzelner Behinderungen des ICC hinter jener der anderen drei Systeme zurückbleibt.

Je­des Straf­rechts­sys­tem steht vor dem Pro­blem, dass Straf­ver­fah­ren ge­stört wer­den kön­nen: Zeu­gen lü­gen oder ver­wei­gern die Aus­sa­ge, Ur­kun­den wer­den ver­nich­tet oder Zeu­gen, Rich­ter, An­klä­ger oder Ver­tei­di­ger wer­den be­droht, be­sto­chen oder ge­tö­tet. Den mo­der­nen Rechts­ord­nun­gen ist ge­mein, dass sie auch und pri­mär durch Straf­nor­men ver­su­chen, sol­che Be­hin­de­run­gen zu un­ter­bin­den. For­schungs­ge­gen­stand der Ar­beit ist das ein­schlä­gi­ge Straf­recht zum Schutz der Rechts­pfle­ge des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs (ICC) im Ver­gleich zum In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en (IC­TY) so­wie zum Recht in Deutsch­land und dem US-Bun­des­recht.

Ers­tes For­schungs­ziel ist es, die Rechts­tech­nik der Be­stra­fung von Be­hin­de­run­gen der Straf­ver­fah­ren die­ser vier Rechts­sys­te­me ge­gen­über­zu­stel­len. Zwei­tes For­schungs­ziel ist es zu prü­fen, in­wie­weit die Straf­bar­keit ein­zel­ner For­men von Be­hin­de­run­gen des ICC hin­ter den an­de­ren Sys­te­men zu­rück­bleibt. Um die­se For­schungs­zie­le zu er­rei­chen, ist zen­tra­le For­schungs­me­tho­de ein Rechts­ver­gleich. Die­ser ist funk­tio­nal aus­ge­stal­tet, da vom Sach­pro­blem „Be­hin­de­run­gen von Straf­ver­fah­ren“ aus­ge­gan­gen wird, und kon­tex­tu­ell, um die Ur­sa­chen und Wir­kun­gen der je­wei­li­gen Straf­nor­men zu ver­ste­hen.

Die Ar­beit um­fasst fünf Tei­le. Die ers­ten vier Tei­le un­ter­su­chen die vier Rechts­sys­te­me. Im fünf­ten Teil er­folgt der Ver­gleich. Die Glie­de­rung der Tei­le ist ein­heit­lich: Nach dem je­wei­li­gen Kon­text wird zu­nächst die Rechts­tech­nik der Be­stra­fung von Be­hin­de­run­gen von Straf­ver­fah­ren ana­ly­siert und an­schlie­ßend die Straf­bar­keit ein­zel­ner Be­hin­de­run­gen.

Be­züg­lich des ers­ten For­schungs­ziels wer­den fünf Aspek­te be­leuch­tet, die im Fol­gen­den ge­mein­sam mit den Er­geb­nis­sen der Un­ter­su­chung kurz dar­ge­stellt wer­den. Ers­ter Aspekt ist die Rechts­grund­la­ge, auf der Be­hin­de­run­gen von Straf­ver­fah­ren be­straft wer­den. Ent­we­der wer­den un­ab­hän­gi­ge Ge­rich­te (z.B. durch ein Ge­setz) er­mäch­tigt, Be­hin­de­run­gen zu be­stra­fen. Oder sie ha­ben ei­ne in­hä­ren­te Be­fug­nis, Be­hin­de­run­gen ih­rer Ver­fah­ren zu be­stra­fen. Beim ICC wird im Ge­gen­satz zum IC­TY der ers­te An­satz ver­folgt. Zwei­ter Aspekt ist die Schutz­rich­tung der Straf­tat­be­stän­de. In Deutsch­land und in den USA kann nicht nur auf Straf­recht zum Schut­ze der Rechts­pfle­ge zu­rück­ge­grif­fen wer­den, son­dern auch auf Straf­recht, das an­de­re Rechts­gü­ter schützt, z.B. das Le­ben von Zeu­gen und Rich­tern. Beim IC­TY und ICC gibt es die­se Mög­lich­keit nicht. Drit­ter Aspekt ist die For­mu­lie­rung der Straf­tat­be­stän­de zum Schutz der Rechts­pfle­ge. Beim ICC sind sie eng ge­fasst und be­zie­hen sich auf ein­zel­ne Be­hin­de­rungs­hand­lun­gen. Beim IC­TY, in Deutsch­land und in den USA gibt es auch weit for­mu­lier­te Tat­be­stän­de. Vier­ter Aspekt ist der Kreis der taug­li­chen Tä­ter. Kön­nen auch Ver­tre­ter von Staa­ten be­straft wer­den? Beim ICC ist das – im Ge­gen­satz zum IC­TY – grund­sätz­lich der Fall. Fünf­ter Aspekt ist die in­ter­na­tio­na­le Zu­stän­dig­keit für die Be­stra­fung von Be­hin­de­run­gen. Beim ISt­GH kön­nen – im Ge­gen­satz zum IC­TY, Deutsch­land und dem US-Bun­des­recht – auch an­de­re Rechts­sys­te­me Be­hin­de­run­gen be­stra­fen, näm­lich die Ver­trags­staa­ten.

Der ICC kann al­so nur die im Sta­tut de­fi­nier­ten Be­hin­de­run­gen von Straf­ver­fah­ren be­stra­fen und (im Ge­gen­satz zu den drei an­de­ren Rechts­sys­te­men) nicht auf weit ge­fass­te Straf­tat­be­stän­de, Straf­recht zum Schut­ze an­de­rer Rechts­gü­ter oder ei­ne in­hä­ren­te Be­fug­nis zu­rück­grei­fen. Es über­rascht da­her nicht, dass der Ver­gleich er­gab, dass die Straf­bar­keit ein­zel­ner Be­hin­de­run­gen des ICC hin­ter den an­de­ren drei Rechts­sys­te­men zu­rück­bleibt. So gibt es De­fi­zi­te bei der Straf­bar­keit der Be­hin­de­rung von Ver­tei­di­gern, der Un­ter­stüt­zung des An­ge­klag­ten sich der Straf­ver­fol­gung zu ent­zie­hen, und der Of­fen­le­gung ver­trau­li­cher In­for­ma­tio­nen über das Ver­fah­ren. Die Ar­beit wird des­we­gen auch ent­spre­chen­de Re­form­for­de­run­gen ent­wi­ckeln.