Menschenhandel gilt als besonders schwerwiegendes und durch Organisation bestimmtes Delikt, das sich ferner durch komplexe, schwer zu ermittelnde Tatstrukturen auszeichnet. Vor diesem Hintergrund wird davon ausgegangen, dass die registrierte Menschenhandelskriminalität nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Verbreitung widerspiegelt. Gleichzeitig lassen sich starke Schwankungen in den jährlichen Fallzahlen von Ermittlungs- und Strafverfahren feststellen. Die Studie „Strafverfolgung von Menschenhandel“ untersucht umfassend die Determinanten der Strafverfolgung einschließlich des Verfahrensverlaufs von der Auslösung der Ermittlungen bis zur gerichtlichen Aburteilung. Daneben wird ausführlich auf Besonderheiten im Hinblick auf Tatverdächtige, Opfer und Tatbegehungsstrukturen eingegangen. Letztlich ist es Ziel des Projekts, die Voraussetzungen für eine effektive Strafverfolgung von Menschenhandel aufzuzeigen.

Vor dem Hin­ter­grund ten­den­zi­ell rück­läu­fi­ger und re­gio­nal un­ter­schied­li­cher Ver­fah­rens­zah­len we­gen Men­schen­han­dels und des­sen Zu­re­chung zur or­ga­ni­sier­ten so­wie zur Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät be­steht das Ziel des Pro­jekts in der Un­ter­su­chung des Phä­no­mens des Men­schen­han­dels, der be­son­de­ren Pro­ble­me, die sich in Er­mitt­lun­gen und Straf­ver­fah­ren we­gen Men­schen­han­dels stel­len und der hier­durch be­ding­ten Se­lek­ti­ons­pro­zes­se, die dann in dem durch po­li­zei­li­che Re­gis­trie­rung und ge­richt­li­che Ab­ur­tei­lung be­ding­ten öf­fent­li­chen Bild des Men­schen­han­dels re­sul­tie­ren. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit fin­det im Zu­sam­men­hang mit Se­lek­ti­ons­pro­zes­sen die An­nah­me des Aus­wei­chens auf an­de­re und mög­li­cher­wei­se ein­fa­cher zu hand­ha­ben­de Tat­be­stän­de (bei­spw. Ein­schleu­sen von Aus­län­dern) durch Po­li­zei und Jus­tiz.

Schwan­kun­gen in den Ver­fah­rens­zah­len im Be­reich des Men­schen­han­dels kön­nen be­dingt sein durch Ei­gen­hei­ten der po­li­zei­li­chen Er­fas­sung (v.a. durch ein Aus­wei­chen auf an­de­re Straf­tat­be­stän­de), Ei­gen­hei­ten von Kon­troll­de­lik­ten (v.a. durch De­ter­mi­nan­ten der An­zei­ge­er­stat­tung und der Ver­dachts­schöp­fung) und Be­son­der­hei­ten des spe­zi­fi­schen Straf­tat­be­stands „Men­schen­han­del“ (v.a. Be­weis­schwie­rig­kei­ten). Zur Über­prü­fung bot sich ein Mehre­be­nen­an­satz an, mit dem die ge­nann­ten Va­ria­blen­be­rei­che in ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern über Ak­ten­ana­ly­se, Be­fra­gung und In­ter­views un­ter­sucht wer­den. Ein­be­zo­gen wur­den die Bun­des­län­der Ber­lin, Ham­burg, Nord­rhein-West­fa­len, Hes­sen, Ba­den-Würt­tem­berg, Nie­der­sach­sen, Sach­sen, Bay­ern, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Bran­den­burg.

Zu­nächst er­folg­te ei­ne Ana­ly­se von Straf­ver­fah­rens­ak­ten zu Men­schen­han­dels­fäl­len. Aus­ge­wählt wur­den auch sol­che Ver­fah­ren, in de­ren Ver­lauf der Tat­vor­wurf Men­schen­han­del zu Guns­ten an­de­rer De­lik­te fal­len­ge­las­sen wur­de. Ein wei­te­res Aus­wahl­kri­te­ri­um war der Er­mitt­lungs­ver­lauf und ob das Ver­fah­ren ein­ge­stellt oder an­ge­klagt wur­de bzw. ob es zu ei­ner Ver­ur­tei­lung we­gen Men­schen­han­dels kam. Die Ak­ten­aus­wer­tung soll­te zum einen den zeit­li­chen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­lauf der Ver­fah­ren un­ter­su­chen. Fer­ner wa­ren die Art der Ver­fah­rens­aus­lö­sung und der Ein­satz be­son­de­rer Er­mitt­lungs­maß­nah­men von In­ter­es­se. An­hand ei­ner Tat­phä­no­me­no­lo­gie wur­den Ei­gen­hei­ten im Vor­ge­hen des/r zu un­ter­su­chen­den Tä­ters/Tä­ter­grup­pe ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Ver­brin­gung der Op­fer nach Deutsch­land, die Un­ter­brin­gung und Über­wa­chung der Op­fer in Deutsch­land und or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­täts­s­truk­tu­ren er­fasst. Im Hin­blick auf das zu un­ter­su­chen­de Dun­kel­feld wur­de die Be­deu­tung und Struk­tur des Rot­licht­mi­lieus für die Ab­wick­lung des Men­schen­han­dels er­ho­ben. Ei­ne ei­ge­ne Op­fer­phä­no­me­no­lo­gie hielt nä­he­re In­for­ma­tio­nen vor al­lem in Be­zug auf den so­zia­len Hin­ter­grund der Op­fer und die Um­stän­de der Kon­takt­auf­nah­me zwi­schen Tä­tern und Op­fern so­wie Ein­zel­hei­ten zu Zwangs- und Ge­walt­si­tua­tio­nen fest. An­hand ei­ner Tä­ter-Op­fer-Phä­no­me­no­lo­gie wur­den vor al­lem die Pha­se der Pro­sti­tu­ti­ons­aus­übung un­ter den Ge­sichts­punk­ten Un­ter­brin­gung der Op­fer, Ort der Pro­sti­tu­ti­ons­aus­übung und Kon­trol­le der Op­fer un­ter­sucht. In ei­nem zwei­ten Schritt er­folg­te ei­ne um­fang­rei­che schrift­li­che Be­fra­gung von un­mit­tel­bar an der Straf­ver­fol­gung be­tei­lig­ten Per­so­nen aus den Bun­des­län­dern Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg, Hes­sen, NRW, Ham­burg, Ber­lin, Sach­sen, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Nie­der­sach­sen und Bran­den­burg. Die Da­te­ner­he­bung war hier dar­auf aus­ge­rich­tet, Ein­stel­lun­gen und Per­zep­tio­nen so­wie (be­hör­den-)in­ter­nes Wis­sen der Be­frag­ten zu er­mit­teln. Es han­del­te sich hier­bei um Po­li­zis­ten aus dem Bun­des­kri­mi­nal­amt, den Lan­des­kri­mi­na­läm­tern, OK-De­zer­na­ten so­wie ört­li­chen „Rot­licht“-De­zer­na­ten, Staats­an­wäl­te und Rich­ter. Die schrift­li­che Be­fra­gung griff die der Ak­ten­un­ter­su­chung zu­grun­de lie­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen auf und ent­wi­ckel­te die­se wei­ter. Be­son­de­re Schwer­punk­te wa­ren auch hier die Pha­se der Ver­fah­rens­aus­lö­sung, der Gang der Er­mitt­lun­gen so­wie die Häu­fig­keit und die Grün­de für ein Aus­wei­chen auf al­ter­na­ti­ve Tat­be­stän­de. In ei­nem drit­ten Schritt wur­den an­hand von In­ter­views Schlüs­sel­per­so­nen im Rah­men von Men­schen­han­dels­ver­fah­ren be­fragt. Durch­ge­führt wur­den of­fe­ne, leit­fa­den­ge­stütz­te In­ter­views mit dem Ziel, aus der Ak­ten­ana­ly­se und der schrift­li­chen Be­fra­gung ge­won­ne­ne Er­kennt­nis­se zu il­lus­trie­ren und zu er­gän­zen. Ne­ben Ver­tre­tern der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Rich­tern han­del­te es sich bei den in­ter­view­ten Schlüs­sel­per­so­nen um Mit­ar­bei­ter von Fach­be­ra­tungs­stel­len, An­wäl­te so­wie Be­trei­ber bor­del­lar­ti­ger Ein­rich­tun­gen. Letz­te­re er­lau­ben die Ein­füh­rung der Tä­ter­per­spek­ti­ve.

Die re­gis­trier­ten Fall- und Ver­fah­rens­zah­len zu Men­schen­han­del sa­gen we­nig über das tat­säch­li­che Aus­maß die­ses De­likts aus. Ob­gleich in­ner­halb des Hell­fel­des der An­teil der Op­fer­an­zei­gen groß ist, muss auf­grund der struk­tu­rel­len Zwangs­si­tua­ti­on der Be­trof­fe­nen ins­ge­samt von ei­nem ho­hen Dun­kel­feld aus­ge­gan­gen wer­den. Auf­grund der In­ter­de­pen­denz von ak­ti­ver po­li­zei­li­cher In­for­ma­ti­ons­ge­win­nung, Res­sour­cen und Er­mitt­lungs­zah­len spie­geln die Sta­tis­ti­ken in be­son­de­rer Wei­se das Aus­maß der Ak­ti­vi­tä­ten der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den wi­der. Vor die­sem Hin­ter­grund sind auch Schwan­kun­gen in den Er­mitt­lungs­zah­len so­wie un­ter­schied­li­che re­gio­na­le Ver­tei­lun­gen zu se­hen. Der De­likts­be­reich Men­schen­han­del ist be­son­ders schwie­rig und auf­wän­dig zu er­mit­teln. Die sach­ge­rech­te Be­ar­bei­tung der Ver­fah­ren hängt ent­schei­dend von ei­ner kon­zen­trier­ten Sach­be­ar­bei­tung in ei­nem auf die­sen De­likts­be­reich spe­zia­li­sier­ten De­zer­nat ab. Tat­säch­lich exis­tiert der­zeit über­wie­gend ei­ne Par­al­lel­zu­stän­dig­keit meh­re­rer Fach­de­zer­na­te, von de­nen kei­nes aus­schließ­lich auf den De­likts­be­reich Men­schen­han­del spe­zia­li­siert ist. Für Men­schen­han­dels­ver­fah­ren ist ei­ne ho­he Ein­stel­lungs­quo­te kenn­zeich­nend. Gleich­zei­tig wei­chen die Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den häu­fig vom Tat­vor­wurf Men­schen­han­del auf an­de­re, leich­ter zu be­wei­sen­de Tat­vor­wür­fe aus. Grund hier­für sind in ers­ter Li­nie aus dem Tat­be­stand re­sul­tie­ren­de Be­weis­pro­ble­me. Die­se ge­hen wie­der­um auf Pro­ble­me in der Ge­win­nung von Op­fer­zeu­gen zu­rück. Die För­de­rung der Aus­sa­ge­be­reit­schaft von Men­schen­han­del­sop­fern er­for­dert zei­tin­ten­si­ve, ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­men. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es wich­tig, (po­ten­ti­el­len) Men­schen­han­del­sop­fern ei­ne Frist zur frei­wil­li­gen Aus­rei­se ein­zuräu­men, die gleich­zei­tig zur För­de­rung der Aus­sa­ge­be­reit­schaft ge­nutzt wer­den kann. Fer­ner ist ei­ne mög­lichst früh­zei­ti­ge Ein­bin­dung von Be­ra­tungs­stel­len und Rechts­bei­stän­den för­der­lich. Der­zeit pro­fi­tiert nur ein ge­rin­ger Teil der Be­trof­fe­nen von ent­spre­chen­den Un­ter­stüt­zungs­maß­nah­men. Bei den Ver­neh­mun­gen von Op­fer­zeu­gen muss ver­stärkt auf ei­ne de­tail­lier­te und tat­be­stand­s­ori­en­tier­te Ver­neh­mung ge­ach­tet wer­den. Vor­be­hal­te hin­sicht­lich der Glaub­wür­dig­keit von Op­fer­zeu­gen, die sich al­lein aus de­ren „Nä­he zum Rot­licht­mi­lieu“ er­ge­ben, soll­ten ab­ge­baut wer­den. In den un­ter­such­ten Ver­fah­ren konn­ten zum Teil ein­zel­ne, als kenn­zeich­nend für or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät an­ge­se­he­ne Merk­ma­le fest­ge­stellt wer­den. In den Be­fra­gun­gen wur­de deut­lich, dass bei der Sach­be­ar­bei­tung nicht so sehr die Be­ur­tei­lung der OK-Re­le­vanz ei­nes Ver­fah­rens im Vor­der­grund steht. Ent­schei­dend ist viel­mehr die Kom­ple­xi­tät der Ver­fah­ren, die ne­ben der schwie­ri­gen Ge­win­nung von Op­fer­zeu­gen vor­ran­gig auf den Um­fang der Ver­fah­ren, schwer zu durch­drin­gen­de, aus­län­di­sche Tä­ter­grup­pie­run­gen, die Ver­net­zung der Tä­ter un­ter­ein­an­der und die grenz­über­schrei­ten­de, ar­beits­tei­li­ge Tat­be­ge­hung zu­rück­geht.

Das Pro­jekt wur­de im Jahr 2005 ab­ge­schlos­sen. Es wur­de mit Mit­teln des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fa­mi­lie, Se­nio­ren, Frau­en und Ju­gend (BMFSFJ) und des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des In­nern (BMI) ge­för­dert.