Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Beitrag zu den langjährigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen rund um den gesellschaftlichen Einfluss massenmedialer Kriminalitätsdarstellungen durch die detaillierte Analyse eines Medienbereiches zu leisten, der bislang überwiegend von diesen Debatten ausgespart geblieben ist: Fernsehfahndungssendungen.Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich diese Art von Fernsehsendungen in der gesamten westlichen Welt verbreitet. Fernsehfahndungssendungen wie Aktenzeichen XY …ungelöst und ihre internationalen Gegenstücke (America’s Most Wanted, Crimewatch UK, Verzocht, Efterlyst, Polisii, Øyenvitne etc.) werden von dutzenden von Millionen Fernseh­zuschauern verfolgt, dennoch gab es bislang keine systematischen Versuche, die Ursprünge, den Inhalt oder die gesellschaftlichen und (kriminal)-politischen Auswirkungen dieser Sendungen zu untersuchen.

Be­für­wor­ter von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen se­hen de­ren Ent­ste­hung und ra­sche Ver­brei­tung als blo­ße Re­flek­ti­on der Ver­schlim­me­rung des Kri­mi­na­li­täts­pro­blems in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten und der dar­aus fol­gen­den Stei­ge­rung der ge­sell­schaft­li­chen Be­sorg­nis, die ih­rer­seits zu ei­nem Ver­lan­gen nach zu­sätz­li­chen Mit­teln der Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung ge­führt ha­be. So ist auch die of­fi­zi­ell re­kla­mier­te Funk­ti­on die­ser Sen­dun­gen – die­je­ni­ge, die von ih­ren Pro­du­zen­ten, der Po­li­zei und auch von man­chen Po­li­ti­kern (z.B. dem ehe­ma­li­gen Bun­desin­nen­mi­nis­ter Ot­to Schi­ly) ins Feld ge­führt wird –, dass sie dem öf­fent­li­chen In­ter­es­se dienten, in­dem sie ak­tiv zu dem Kampf ge­gen die Kri­mi­na­li­tät bei­trü­gen und die Ängs­te und Sor­gen der Men­schen min­der­ten.

Die vor­lie­gen­de Ar­beit stellt die­se Sicht­wei­se eben­so in Fra­ge wie sol­che re­duk­tio­nis­ti­schen Er­klä­run­gen, die das Phä­no­men “Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen” den ra­di­ka­len Ver­än­de­run­gen der post­mo­der­nen Me­dien­land­schaft (d.h. den Ent­wick­lun­gen der mo­der­nen Me­dien­tech­no­lo­gie, dem zu­neh­men­den Wett­be­werb und dem wirt­schaft­lich be­ding­ten Be­dürf­nis nach bil­li­gen, po­pu­lä­ren Sen­dun­gen) zu­schrei­ben, und stellt ih­nen ei­ne deut­lich kri­ti­sche­re Per­spek­ti­ve ge­gen­über. Aus­ge­hend von dem ‘Do­mi­nan­te-Ideo­lo­gie’-An­satz, so wie ihn Hall et al. be­schrei­ben, wird in der hie­si­gen Ar­beit ar­gu­men­tiert, dass Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen ei­ne Re­flek­ti­on des Auf­stiegs neo-li­be­ra­ler Grund­sät­ze in der Kri­mi­nal­po­li­tik sind, und dass sie dar­über hin­aus da­zu bei­tra­gen, die (neo-)kon­ser­va­ti­ve ‘law-and-or­der’-Ideo­lo­gie zu re­pro­du­zie­ren, wel­che die aus­ge­präg­te (und gut do­ku­men­tier­te) Ak­zent­ver­schie­bung hin zu re­pres­si­ven Kri­mi­na­li­täts­kon­troll­po­li­ti­ken in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten un­ter­füt­tert hat.

Mit dem Ziel, die­se The­se mit kon­kre­ten Fak­ten zu un­ter­mau­ern, un­ter­sucht die Ar­beit um­fas­send und de­tail­liert zwei ver­schie­de­ne Bei­spie­le sol­cher Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen: die deut­sche Sen­dung Ak­ten­zei­chen XY …un­ge­löst und ihr bri­ti­sches Ge­gen­stück Cri­me­watch UK. Ab­ge­se­hen von dem Be­stre­ben, ei­ne si­gni­fi­kan­te Lücke der vor­han­de­nen Li­te­ra­tur zu dem Ver­hält­nis von Me­di­en und Kri­mi­na­li­tät zu fül­len, soll hier­durch auch ei­ne ty­pi­sche Li­mi­tie­rung ver­mie­den wer­den, die der großen Mehr­zahl der Bei­trä­ge zu dem Ver­hält­nis von Me­di­en und Kri­mi­na­li­tät zu ei­gen ist: die man­geln­de Be­rück­sich­ti­gung des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­ses. Im Ge­gen­satz zu der üb­li­chen Pra­xis, nur einen Aspekt des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­ses – ent­we­der den Text selbst (In­halts­ana­ly­se) oder die Wir­kun­gen des Tex­tes (Re­zi­pi­en­ten­ana­ly­se) – zu un­ter­su­chen, geht die vor­lie­gen­de Ar­beit von dem Ver­ständ­nis aus, dass je­de The­se zu den ge­sell­schaft­li­chen Im­pli­ka­tio­nen von Me­di­en­dar­stel­lun­gen be­last­ba­re Fak­ten, die aus der de­tail­lier­ten Un­ter­su­chung des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­ses als Gan­zes ge­won­nen wur­den, er­for­dert; aus ei­ner Un­ter­su­chung al­so, nicht nur der kom­mu­ni­zier­ten Bot­schaft selbst (In­halt), son­dern auch der ver­schie­de­nen Pa­ra­me­ter ih­rer Pro­duk­ti­on (Agen­tur) so­wie ih­rer Kon­sum­ti­on (Pu­bli­kum).

Der ers­te Teil der vor­lie­gen­den Ar­beit re­ka­pi­tu­liert die wis­sen­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zung rund um das Ver­hält­nis von Me­di­en und Kri­mi­na­li­tät, in­dem er ei­ne kri­ti­sche Über­sicht und Eva­lua­ti­on der bei­den Haupt­an­sät­ze der Un­ter­su­chung die­ses Ver­hält­nis­ses an­bie­tet. Ka­pi­tel Eins und Zwei sind der Il­lus­tra­ti­on der grund­le­gen­den An­nah­men ei­ner­seits des ‘Ef­fekt-An­sat­zes’ und an­de­rer­seits des ‘Herr­schen­de-Ideo­lo­gie-An­sat­zes’ ge­wid­met; ei­ner Über­sicht der je­weils re­prä­sen­ta­tivs­ten For­schungs­pro­jek­te, die auf ih­nen be­ru­hen; eben­so wie der Un­ter­su­chung des wei­te­ren his­to­ri­schen, ge­sell­schaft­li­chen und er­kennt­nis­theo­re­ti­schen Kon­tex­tes ih­rer Ent­ste­hung.

Der zwei­te Teil der Ar­beit bein­hal­tet die de­tail­lier­te Be­schrei­bung der Kon­zep­ti­on und der Zie­le der em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung wie auch die Er­ar­bei­tung des theo­re­ti­schen Rah­mens in­ner­halb des­sen sich die em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung der bei­den aus­ge­wähl­ten Sen­dun­gen voll­zieht.
Ka­pi­tel Drei be­ginnt mit ei­ner all­ge­mei­nen Ein­füh­rung in ‘Rea­li­ty Fern­se­hen’ und in die Gat­tungs­ty­po­lo­gie die­ser Art von Me­di­en­pro­duk­ten und wird fort­ge­setzt mit ei­ner Be­stands­auf­nah­me wich­ti­ger Fra­ge­stel­lun­gen, die aus der jüngs­ten Ver­brei­tung von ‘rea­li­ty-cri­me’-Sen­dun­gen er­wach­sen.

Mit dem Ziel ei­ner um­fas­sen­den An­nä­he­rung an das Phä­no­men der Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen, ver­sucht Ka­pi­tel Vier dem ge­sell­schaft­li­chen und ideo­lo­gi­schen Kon­text des Auf­kom­mens und der welt­wei­ten Ver­brei­tung die­ser Sen­dun­gen nach­zu­spü­ren. Be­gin­nend mit der Un­ter­su­chung der bei­den Haupt­pro­zes­se der ge­sell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­on von der Mo­der­ne zur Spät­mo­der­ne, fährt die vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung fort mit der Ab­schät­zung des Ein­flus­ses des ge­sell­schaft­li­chen Wan­dels so­wohl auf die Kri­mi­na­li­tät als sol­che als auch auf die ge­sell­schaft­li­chen Re­ak­tio­nen auf sie. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit wird der Un­ter­su­chung des­sen ge­wid­met, was als ‘stra­fen­de Wen­de’ in staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Re­ak­tio­nen auf Kri­mi­na­li­tät de­fi­niert wird. Im Ge­gen­satz zu der ‘De­mo­kra­tie-in-Ak­ti­on’-Er­klä­rung der ‘stra­fen­den Wen­de’, wird ar­gu­men­tiert, dass es nicht die tat­säch­li­chen Kri­mi­na­li­täts­ra­ten und das tat­säch­li­che Ri­si­ko der Vik­ti­mi­sie­rung sind, son­dern viel­mehr die Ent­schei­dung po­li­ti­scher Eli­ten die Kri­mi­na­li­tät als erns­tes Pro­blem her­aus­zu­stel­len, wel­che die ge­sell­schaft­li­che Be­sorg­nis nährt, und dass die­se Be­sorg­nis ih­rer­seits ‘ein­ge­setzt’ wird, um Le­gi­ti­mi­tät für den ge­ne­rel­len Rück­griff auf au­to­ri­tär­ere Mit­tel der ge­sell­schaft­li­chen Kon­trol­le zu ge­win­nen.

Nach der Un­ter­su­chung der sich än­dern­den Rol­le der Kri­mi­na­li­tät im po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs, wie auch der sich än­dern­den vor­herr­schen­den ideo­lo­gi­schen Ein­schät­zun­gen der Kri­mi­na­li­tät, kehrt Ka­pi­tel Fünf zu der Fra­ge des Auf­kom­mens von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen auf ei­ner ‘er­neu­er­ten’ und so­li­de­ren Ba­sis zu­rück. Um die­se Fra­ge zu un­ter­su­chen wer­den Par­al­le­len ge­zo­gen zwi­schen den bei­den Er­klä­rungs­mo­del­len für die ‘stra­fen­de Wen­de’ und dem, was die hie­si­ge Un­ter­su­chung als die ‘dua­le Funk­ti­on’ von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen be­zeich­net. Auf ei­ne knap­pe Dar­stel­lung der er­kann­ten po­si­ti­ven Funk­tio­nen von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen folgt die Ent­wick­lung ei­nes zwei­ten – hier als ‘la­ten­te Funk­ti­on’ von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen be­zeich­ne­ten – Er­klä­rungs­mo­dells für das Auf­kom­men die­ser Sen­dun­gen. Da­bei wird ar­gu­men­tiert, dass Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen – zu­sam­men mit an­de­ren kri­mi­na­li­täts­be­zo­ge­nen Me­di­en-Pro­duk­ten – durch die star­ke Über­trei­bung von Um­fang und Schwe­re der Kri­mi­na­li­tät ei­ne sehr we­sent­li­che Rol­le bei der Kon­struk­ti­on ei­ner ‘per­ma­nen­ten sitt­li­chen (Kri­mi­na­li­täts-)Pa­nik’ ge­spielt ha­ben. In die­sem Sin­ne be­steht die ‘la­ten­te Funk­ti­on’ von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen in der Re­pro­duk­ti­on der (neo-)kon­ser­va­ti­ven ‘law-and-or­der’-Ideo­lo­gie, wel­che die Ak­zent­ver­schie­bung hin zu au­to­ri­täreren Mit­teln der ge­sell­schaft­li­chen Kon­trol­le und die Vor­herr­schaft der ‘tough-on-cri­me’-(Kri­mi­nal-)Po­li­ti­ken über­all in der west­li­chen Welt in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten ge­tra­gen hat. Die Auf­ga­be, Be­le­ge für die wei­ter­ge­hen­de An­nah­me zu fin­den, dass die Me­di­en im all­ge­mei­nen stets da­zu ten­dier­ten, die vor­herr­schen­den De­fi­ni­tio­nen der Kri­mi­na­li­täts­fra­ge zu re­flek­tie­ren, zu un­ter­stüt­zen und zu re­pro­du­zie­ren, wird er­folg­reich ge­löst durch die Un­ter­su­chung der wech­seln­den Mus­ter der staat­li­chen Re­ak­tio­nen auf Kri­mi­na­li­tät und ih­re Ge­gen­über­stel­lung mit den wech­seln­den Mus­tern der Me­di­en­dar­stel­lun­gen der Kri­mi­na­li­tät in Eng­land & Wa­les und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in der Pe­ri­ode seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Die Un­ter­su­chung zeigt ei­ne ex­pli­zi­te Kor­re­la­ti­on zwi­schen staat­li­chen und me­dia­len Ein­stel­lun­gen zur Kri­mi­na­li­tät: die Tat­sa­che, dass in bei­den Staa­ten die Me­di­en stets da­zu ten­dier­ten, die je­wei­li­gen staat­li­chen Ein­stel­lun­gen, In­ter­pre­ta­tio­nen und Mit­tel des Um­gangs mit Kri­mi­na­li­tät zu be­för­dern.


Der ab­schlie­ßen­de Teil der vor­lie­gen­den Un­ter­su­chung ist der em­pi­ri­schen Un­ter­su­chung der Sen­dun­gen Ak­ten­zei­chen XY und Cri­me­watch UK ge­wid­met. Ka­pi­tel Sechs bie­tet ei­ne gründ­li­che Un­ter­su­chung der wich­tigs­ten Fra­gen hin­sicht­lich der Kon­zep­ti­on, Rea­li­sa­ti­on und spä­te­ren Wei­ter­ent­wick­lung von XY und CW; die Ein­schät­zung der Na­tur der Be­zie­hung zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­teams der bei­den Pro­gram­me und der Po­li­zei; die Be­schrei­bung der Se­lek­ti­ons- und Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se der Sen­dun­gen; eben­so wie die Un­ter­su­chung des recht­li­chen und in­sti­tu­tio­nel­len Rah­mens, wel­cher der Re­gu­lie­rung und Kon­trol­le des In­halts der bei­den Sen­dun­gen zu­grun­de liegt. Die Un­ter­su­chung all die­ser Fra­gen zeigt, dass Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen ein­deu­tig von der kon­ser­va­ti­ven Sicht­wei­se auf die Kri­mi­na­li­tät (und die Kri­mi­nel­len) und von dem kri­mi­nal­po­li­ti­schen Kon­trollm­odell be­stimmt wer­den. Doch im Ge­gen­satz zu dem, was – in An­be­tracht der en­gen Zu­sam­men­ar­beit der Sen­dun­gen mit der Po­li­zei – mög­li­cher­wei­se zu er­war­ten wä­re, ist die­ses Kri­mi­na­li­täts­kon­zept nicht die blo­ße Fol­ge ei­ner ‘pri­mären De­fi­ni­ti­on’. Die Ana­ly­se von Fra­ge­stel­lun­gen rund um die Rea­li­sie­rungs­pro­zes­se der bei­den Sen­dun­gen weist viel­mehr dar­auf hin, dass In­halt und Art der Kri­mi­na­li­täts­dar­stel­lun­gen in Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen – au­ßer durch die Deu­tun­gen der Po­li­zei –, ein­deu­tig von we­nigs­tens zwei wei­te­ren Fak­to­ren be­ein­flusst wer­den: ers­tens, von den An­sich­ten, Mei­nun­gen und ideo­lo­gi­schen Vor­lie­ben der­je­ni­gen In­di­vi­du­en, die Schlüs­sel­po­si­tio­nen in den Pro­duk­ti­ons­teams der Sen­dun­gen, aber auch in der Hier­ar­chie des Sen­ders, be­klei­den; und zwei­tens, durch Über­le­gun­gen be­züg­lich der te­le­vi­su­el­len Wir­kung der prä­sen­tier­ten Fäl­le und ih­rer Fä­hig­keit, emo­tio­na­le Pu­bli­kums­re­ak­tio­nen her­vor­zu­ru­fen.

Ka­pi­tel Sie­ben führt die Un­ter­su­chung des In­halts der bei­den Sen­dun­gen mit so­wohl quan­ti­ta­ti­ven als auch qua­li­ta­ti­ven In­halts­ana­ly­sen von sech­zehn Ein­zel­sen­dun­gen (acht für XY und acht für CW), ge­sen­det in der Zeit vom 21. März bis zum 5. De­zem­ber 2003, fort. Die Ana­ly­se zeigt, dass Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen tat­säch­lich die ‘stra­fen­de Wen­de’ in den staat­li­chen Re­ak­tio­nen auf die Kri­mi­na­li­tät re­flek­tie­ren. Sie tun dies in­dem sie sich auf die ge­walt­tä­tigs­ten und sta­tis­tisch sel­tens­ten De­lik­te kon­zen­trie­ren, wäh­rend sie ein­fa­che Ei­gen­tums- und auch Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät ver­nach­läs­si­gen; in­dem sie Ste­reo­ty­pen durch die Über­re­prä­sen­tie­rung der Kri­mi­na­li­tät männ­li­cher, aus­län­di­scher (XY) und schwar­zer (CW) In­di­vi­du­en und durch die Un­ter­be­wer­tung de­ren ‘tat­säch­li­chen’ Ri­si­kos, selbst Op­fer ei­ner Straf­tat zu wer­den, per­pe­tu­ie­ren; in­dem sie das Maß der ge­walt­tä­ti­gen Be­zie­hungs­kri­mi­na­li­tät ver­harm­lo­sen und so den Ein­druck er­we­cken, Ge­walt­ver­bre­chen sei­en re­gel­mä­ßig rein zu­fäl­li­ge Er­eig­nis­se; in­dem sie die Vik­ti­mi­sie­rungs­ra­ten der ver­letz­lichs­ten Be­völ­ke­rungs­grup­pen – wie Frau­en, Kin­der und Grei­se – auf­bau­schen; in­dem sie die Ver­let­zun­gen des Op­fers (und sei­ner An­ge­hö­ri­gen) über­dra­ma­ti­sie­ren; in­dem sie die Tä­ter dä­mo­ni­sie­ren, sie als üb­le und ab­nor­ma­le In­di­vi­du­en dar­stel­len; in­dem sie auf in­di­vi­dua­lis­ti­sche Er­klä­run­gen für Kri­mi­na­li­tät zu­rück­grei­fen und so die Auf­merk­sam­keit der Zu­schau­er von den ge­sell­schaft­li­chen und struk­tu­rel­len Ur­sa­chen von Kri­mi­na­li­tät und ab­wei­chen­dem Ver­hal­ten ab­len­ken; in­dem sie die Zu­schau­er ein­la­den, mit den bra­ven, durch­schnitt­li­chen Men­schen, die tra­gi­sche Op­fer von Ver­bre­chen wur­den, zu sym­pa­thi­sie­ren, mit­zu­füh­len und sich zu iden­ti­fi­zie­ren, wäh­rend sie zur glei­chen Zeit Ge­füh­le der Wut und der Ab­scheu ge­gen­über den ge­wis­sen­lo­sen Pei­ni­gern die­ser Op­fer pro­vo­zie­ren; zu­letzt, in­dem sie das Bild der Po­li­zei als er­folg­rei­che Be­kämp­fer des Ver­bre­chens und auf­rech­te Be­schüt­zer der Öf­fent­lich­keit, aber auch die elek­tro­ni­sche Über­wa­chung, De­nun­zia­ti­on and Wach­sam­keit un­ter­stüt­zen, und so zu der Idee der Über­wa­chungs­ge­sell­schaft bei­tra­gen, ei­ner Ge­sell­schaft, in der je­der je­den be­ob­ach­tet.

Ab­schlie­ßend be­fasst sich Ka­pi­tel Acht mit der Un­ter­su­chung von Zu­schau­er­re­ak­tio­nen auf Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen. Die­ses Ka­pi­tel bein­hal­tet die Ana­ly­se der Zu­schau­er­quo­ten der bei­den Sen­dun­gen, die Ab­schät­zung der so­zio-de­mo­gra­phi­schen Cha­rak­te­ris­ti­ken ih­res Pu­bli­kums, der Ein­schät­zun­gen des Pu­bli­kums hin­sicht­lich der Rol­le, der Funk­ti­on und der Prä­sen­ta­ti­ons­mus­ter der bei­den Pro­gram­me und, nicht zu­letzt, die Ab­schät­zung des po­ten­ti­el­len oder tat­säch­li­chen Ein­flus­ses der Sen­dun­gen auf die Kri­mi­na­li­täts­furcht und die Ein­stel­lun­gen der Zu­schau­er zur Kri­mi­nal­po­li­tik. Die Er­geb­nis­se die­ses Teils der Ar­beit zei­gen, dass Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen auch da­bei hel­fen, die ‘stra­fen­de Wen­de’ in staat­li­chen Re­ak­tio­nen auf Kri­mi­na­li­tät zu re­pro­du­zie­ren, al­ler­dings nur in­ner­halb be­stimm­ter Gren­zen. Sie hel­fen da­bei, ers­tens, weil die ganz über­wie­gen­de Mehr­heit der Zu­schau­er die Dar­stel­lung der Kri­mi­na­li­tät in den Sen­dun­gen als re­prä­sen­ta­tiv für das ‘tat­säch­li­che’ Bild der Kri­mi­na­li­tät an­sieht; zwei­tens, weil die meis­ten Zu­schau­er die Sen­dun­gen als ei­ne zu­ver­läs­si­ge Quel­le der In­for­ma­ti­on über Kri­mi­na­li­tät ein­schät­zen; drit­tens, weil die Kri­mi­na­li­täts­furcht der meis­ten Zu­schau­er von die­sen Sen­dun­gen be­ein­flusst wird; vier­tens, weil die ver­zerr­te Wahr­neh­mung der meis­ten Zu­schau­er hin­sicht­lich des Aus­ma­ßes und Ni­ve­aus der Kri­mi­na­li­tät in der Ge­sell­schaft mit den Ver­zer­run­gen des in die­sen Sen­dun­gen trans­por­tier­ten Kri­mi­na­li­täts­bil­des über­ein­stimmt; und fünf­tens, weil an­ge­nom­men wer­den kann, dass die Pu­ni­ti­vi­tät der Zu­schau­er von den ‘be­vor­zug­ten Les­ar­ten’ der ‘idea­len Op­fer’ und ‘idea­len Tä­ter’ in Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen be­ein­flusst wird. Al­ler­dings ist, im Ge­gen­satz zu der im­pli­zi­ten An­nah­me des ‘Do­mi­nan­te-Ideo­lo­gie-An­sat­zes’, der Ein­fluss von Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen auf die Sicht­wei­sen der Zu­schau­er kei­nes­wegs ein­heit­lich; viel­mehr fin­den sich auch – wie in den im Rah­men der vor­lie­gen­den Ar­beit wie­der­ge­ge­be­nen Zu­schau­er(re­ak­ti­ons)-Un­ter­su­chun­gen – di­ver­se, je­doch im Ver­hält­nis re­la­tiv we­ni­ge, kri­ti­sche Zu­schau­er­re­ak­tio­nen auf die un­ter­such­ten Sen­dun­gen eben­so wie auch ver­schie­de­ne al­ter­na­ti­ve In­ter­pre­ta­tio­nen zu de­ren ‘be­vor­zug­ten Les­ar­ten’. Nicht un­ter­schätzt wer­den soll­te auch die wach­sen­de Geg­ner­schaft zu Fern­seh­fahn­dungs­sen­dun­gen, die sich in der sin­ken­den Po­pu­la­ri­tät der un­ter­such­ten Sen­dun­gen ma­ni­fes­tiert.

Die hie­si­ge Ar­beit kommt letzt­lich zu dem Er­geb­nis, dass – so lan­ge kri­ti­sche Re­zep­tio­nen ge­gen­über den von den Me­di­en ‘be­ab­sich­tig­ten’ fort­be­ste­hen, so lan­ge ‘al­ter­na­ti­ve’ und ‘ge­gen­läu­fi­ge’ zu den ‘be­vor­zug­ten Les­ar­ten’ und ‘In­ter­pre­ta­tio­nen’ vor­herr­schen – die Ver­mitt­lung der do­mi­nan­ten Ideo­lo­gie “from the clo­sed in­sti­tu­tio­nal world of the con­trol cul­ture to the fo­rum of so­cie­ty as a who­le” (Hall et al. 1978:30) ei­ne ‘un­voll­en­de­te Auf­ga­be’ blei­ben wird.


Fi­nan­zie­rung:

Die Ar­beit wur­de vom 1. Ok­to­ber 2002 bis 30. Ju­ni 2005 durch die Be­gab­ten­för­de­rung der Fried­rich-Na­u­mann-Stif­tung ge­för­dert.