Die Studie untersucht Möglichkeiten zur Übertragung der strafrechtlichen Opferschutzstandards in andere Prozessordnungen (ZPO, FamFG, ArbGG, SGG). Risiken sekundärer Viktimisierung, die ein prozessuales Schutzbedürfnis begründen, existieren auch dort. Auf der Basis der strukturellen Unterschiede der verschiedenen Prozessarten wurden relevante Regelungslücken in diesen Verfahrensordnungen identifiziert und verschiedene Bausteine für einen verbesserten Opferschutz in diesen Bereichen entwickelt.

Kon­zep­te und Re­ge­lun­gen zum Schutz von Op­fern von Straf­ta­ten sind in Deutsch­land bis­lang auf das Straf­ver­fah­ren fo­kus­siert. Dort wur­de seit den 1980er Jah­ren suk­zes­si­ve ei­ne Viel­zahl von Re­ge­lun­gen im­ple­men­tiert, die die Ge­fahr se­kun­därer Vik­ti­mi­sie­rung, die im Zu­ge der straf­recht­li­chen Auf­ar­bei­tung von Straf­ta­ten (im Er­mitt­lungs­ver­fah­ren, im Haupt­ver­fah­ren, un­ter Um­stän­den auch nach­wir­kend bis ins Sta­di­um des Straf­voll­zu­ges) auf­tre­ten kön­nen, mi­ni­mie­ren oder ganz ver­mei­den hel­fen sol­len. Im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz wur­de un­ter­sucht, ob, in wel­chem Um­fang und auf wel­che Wei­se die eta­blier­ten straf­recht­li­chen Op­fer­schutz­stan­dards auch in an­de­re ge­richt­li­che Ver­fah­rens­ord­nun­gen, na­ment­lich die ZPO, das FamFG, das ArbGG so­wie das SGG, über­tra­gen wer­den könn­ten und soll­ten.

Ba­sie­rend auf ei­ner vik­ti­mo­lo­gi­schen Be­grün­dung der Zie­le und Ele­men­te ei­nes ef­fek­ti­ven pro­zes­sua­len Op­fer­schut­zes wur­den die Schutz­be­dürf­nis­se Be­trof­fe­ner jen­seits des Straf­ver­fah­rens un­ter­sucht. In die­sem Schritt wur­den ver­schie­de­ne ty­pi­sche Ver­fah­rens­kon­stel­la­tio­nen iden­ti­fi­ziert, die in Zi­vil- und an­de­ren nicht-straf­recht­li­chen Pro­zes­sen mit ver­gleich­ba­ren Ri­si­ken se­kun­därer Vik­ti­mi­sie­rung ver­bun­den sein kön­nen. Zu un­ter­schei­den sind hier­bei si­tua­ti­ve Aspek­te und struk­tu­rel­le Fak­to­ren. Si­tua­ti­ve Aspek­te be­tref­fen das Ver­fah­ren und sei­nen Ab­lauf, die Öf­fent­lich­keit so­wie das Agie­ren des Ge­richts und der Pro­zess­be­tei­lig­ten, ins­bes. der geg­ne­ri­schen Par­tei, d.h. des (mut­maß­li­chen) Tä­ters. Zu den struk­tu­rel­len Fak­to­ren zäh­len die dem (ad­ver­sa­to­ri­schen) Zi­vil­ver­fah­ren im­ma­nen­ten Struk­tu­ren und Re­gu­la­ri­en. Für Op­fer in der Par­tei­rol­le sind dies ins­be­son­de­re die rich­ter­li­che An­ord­nung des per­sön­li­chen Er­schei­nens der Par­tei­en (Op­fer und Tä­ter), die Par­tei­ver­neh­mung, die feh­len­de Kon­trol­le über Art und In­halt des Pro­zess­stof­fes so­wie das spe­zi­fi­sche Kos­ten­ri­si­ko; für Op­fer­zeu­gen sind die Ri­si­ken den­je­ni­gen im Straf­pro­zess ver­gleich­bar.

Auf der Grund­la­ge ei­ner Be­stands­auf­nah­me der ak­tu­el­len Op­fer­schutz­stan­dards im Straf­pro­zess­recht seit In­kraft­tre­ten des drit­ten Op­fer­rechts­re­form­ge­set­zes 2015 wur­den so­dann sys­te­ma­tisch und un­ter Be­rück­sich­ti­gung der struk­tu­rel­len Un­ter­schie­de der ver­schie­de­nen Pro­zess­ar­ten op­fer­re­le­van­te Re­ge­lungs­lücken in die­sen Ver­fah­rens­ord­nun­gen iden­ti­fi­ziert. Die­se wer­den in An­leh­nung an die Sys­te­ma­tik des straf­pro­zes­sua­len Op­fer­schut­zes nach den Ka­te­go­ri­en In­for­ma­ti­ons-, Schutz- und Bei­stands­rech­te dif­fe­ren­ziert; die vier­te Ka­te­go­rie der Ak­tivrech­te war im Kon­text die­ser Ana­ly­se nicht re­le­vant, da die Op­fer in den un­ter­such­ten Ver­fah­rens­ar­ten a prio­ri stets voll­wer­ti­ge Pro­zess­par­tei sind. Kur­so­ri­sche Ex­kur­se in das ös­ter­rei­chi­sche und das schwei­ze­ri­sche Recht be­leuch­ten er­gän­zend den Sta­tus Quo des au­ßer­straf­recht­li­chen Op­fer­schut­zes in bei­den Län­dern.

Ba­sie­rend auf der Pro­ble­m­ana­ly­se wur­den ab­schlie­ßend ver­schie­de­ne Bau­stei­ne für einen ver­bes­ser­ten Op­fer­schutz in den un­ter­such­ten Ver­fah­rens­ord­nun­gen ent­wi­ckelt. Im We­sent­li­chen wer­den drei al­ter­na­ti­ve Stra­te­gi­en für ei­ne mehr oder we­ni­ger sys­tem­im­ma­nen­te Wei­ter­ent­wick­lung des Op­fer­schut­zes zur Dis­kus­si­on ge­stellt: (1.) ei­ne Funk­ti­ons­er­wei­te­rung des Ad­hä­si­ons­ver­fah­rens, um nicht­straf­recht­li­che An­schluss­strei­tig­kei­ten kon­se­quen­ter als bis­lang in das Straf­ver­fah­ren zu ver­la­gern; (2.) ei­ne mög­lichst um­fas­sen­de Frei­stel­lung von Op­fern oder je­den­falls der pri­vi­le­gier­ten Op­fer­grup­pen (vgl. § 397a StPO) von Kos­ten­ri­si­ken, ins­be­son­de­re für die an­walt­li­che Ver­tre­tung; (3.) ei­ne sinn­ge­mä­ße Über­tra­gung aus­ge­wähl­ter Schutz­vor­schrif­ten aus dem Straf­pro­zess­recht in die an­de­ren Ver­fah­rens­ord­nun­gen, um auch dort ei­ne mög­lichst op­fer­sen­si­ble Pro­zess­pra­xis zu er­mög­li­chen. Ein wei­te­res we­sent­li­ches Ele­ment der Emp­feh­lun­gen ist die Aus­deh­nung der psy­cho­so­zia­len Pro­zess­be­glei­tung auf den Zi­vil­pro­zess; die­ser Re­form­schritt könn­te auch un­ab­hän­gig von den an­de­ren in­iti­iert wer­den.

Die Er­geb­nis­se wur­den u.a. als Band K 179 der kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­rei­he pu­bli­ziert.