Der Eu­ro­päi­sche Ge­setz­ge­ber hat den Schutz der Op­fer von Straf­ta­ten in den letz­ten Jah­ren zu ei­nem Schwer­punkt sei­ner Tä­tig­keit ge­macht. Mit der Richt­li­nie 2012/29/EU über Min­dest­stan­dards für die Rech­te, die Un­ter­stüt­zung und den Schutz von Op­fern von Straf­ta­ten wur­den die Op­fer­rech­te ge­ne­rell, ins­be­son­de­re aber der Schutz von be­son­ders ge­fähr­de­ten Op­fern, et­wa von Hass­kri­mi­na­li­tät oder or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät, ge­stärkt und de­ren Zu­gang zur Jus­tiz er­wei­tert. Die Richt­li­nie wur­de durch das 3. Op­fer­rechts­re­form­ge­setz vom 21. De­zem­ber 2015 im deut­schen Recht um­ge­setzt.

Das Pro­jekt “Vic­tims and Cor­po­ra­ti­ons – Im­ple­men­ta­ti­on of Di­rec­ti­ve 2012/29/EU for vic­tims of cor­po­ra­te cri­mes and cor­po­ra­te vio­lence” wid­met sich vor die­sem Hin­ter­grund ei­ner be­son­ders be­deu­ten­den, aber kaum er­forsch­ten Grup­pe, näm­lich den Op­fern von Wirt­schaft­kri­mi­na­li­tät (Cor­po­ra­te Cri­me/Cor­po­ra­te Vio­lan­ce). Die­se Op­fer er­lei­den durch im Rah­men grund­sätz­lich le­ga­ler un­ter­neh­me­ri­scher Tä­tig­kei­ten be­gan­ge­ne Ver­feh­lun­gen kör­per­li­che (bis hin zu töd­li­chen) Schä­den – bei­spiels­wei­se durch Um­welt­ver­schmut­zung, un­si­che­re Pro­duk­te oder ei­ne man­geln­de Si­cher­heit am Ar­beits­platz.

Für die Be­trof­fe­nen sind sol­che Be­ein­träch­ti­gun­gen oft nicht so­fort er­kenn­bar, da Schä­den erst über einen lan­gen Zeit­raum ent­ste­hen kön­nen und die Ur­sa­che oft nicht klar er­sicht­lich ist. Dies er­schwert die Straf­ver­fol­gung wie auch die Rechts­durch­set­zung et­wa von Scha­den­er­satz­an­sprü­chen, ins­be­son­de­re bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten. Hin­zu kommt ein In­for­ma­ti­ons­ge­fäl­le und ei­ne ekla­tan­te Asym­me­trie zwi­schen den Mög­lich­kei­ten zur Rechts­durch­set­zung, die den Un­ter­neh­men ei­ner­seits und den Be­trof­fe­nen an­de­rer­seits ge­ge­ben sind. Dies hat zur Fol­ge, dass ei­ne ad­äqua­te, vor al­lem staat­li­che Be­rück­sich­ti­gung der Op­fer­in­ter­es­sen oft nicht ge­ge­ben ist.

Das in Deutsch­land, Ita­li­en und Bel­gi­en durch­ge­führ­te in­ter­dis­zi­pli­näre Pro­jekt von Rechts­wis­sen­schaft­lern, Kri­mi­no­lo­gen und So­zi­al­wis­sen­schaft­lern ana­ly­siert an­hand von Ver­fah­rens­ak­ten, Fall­stu­di­en und Be­fra­gun­gen von Op­fern und mit dem Op­fer­schutz be­fass­ten Stel­len die be­ste­hen­den Mög­lich­kei­ten zur Be­rück­sich­ti­gung von Op­fer­in­ter­es­sen im Straf­ver­fah­ren. Auf die­ser Ba­sis ent­wi­ckelt es kon­kre­te An­satz­punk­te und Vor­schlä­ge zur Ver­bes­se­rung der Stel­lung von Op­fern. Zu­dem sol­len durch spe­zi­el­le Leit­li­ni­en und durch die Kon­zep­ti­on von Schu­lungs­maß­nah­men für Op­fer, Op­fer­hil­fe-Or­ga­ni­sa­tio­nen, op­fer­ori­en­tier­te Jus­tiz­diens­te, Po­li­zei, Rechts­an­wäl­te und Un­ter­neh­men die Op­fer­in­ter­es­sen in der Pra­xis stär­ker ins Be­wusst­sein ge­ru­fen wer­den, um so ei­ne bes­se­re Be­rück­sich­ti­gung im jus­ti­zi­el­len Ver­fah­ren zu er­rei­chen.